Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Stieler in Rudolstadt vom 3.10.1849 (Bad Liebenstein)


F. an Emilie Stieler in Rudolstadt vom 3.10.1849 (Bad Liebenstein)
(StFSWH, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Bad Liebenstein am 3en Oktbr 1849.


Liebe Emilie.

So unerwartet wie zu mir, wird wohl auch Herr Beit
aus Hamburg zu Ihnen treten und wie er Ihnen, wie ich
höre, schon schriftlich sein Anliegen ausgesprochen hat, so und
wird er es nach Ihnen mündlich wiederholen wird, so hat er
es auch mir sogleich nach seinem Eintritte hier vorgetra-
gen, nemlich: daß Sie sich bereit finden lassen möchten
sich sogleich verbindlich zu machen auf die Dauer eines
ganzen Jahres die Führung seines Kindergartens
zu übernehmen. Herr Beit hat nun, nachdem er mir
die Gründe zu diesem Wunsche dargelegt hat, gebeten
ich möchte ihm nun auch meine Ansicht über die Sache aus[-]
sprechen. So weit wie mir die Sache so wohl durch frühe[-]
re mannigfache theils durch die jetzigen Mitteilungen
des Herrn Beit vorliegt, so kann ich nicht nur den Wunsch
desselben gerecht und billig sondern ich muß ihn sogar
der Sache ganz angemessen finden, weshalb ich denn auch
gar keinen Anstand genommen habe ihm dieß auszu-
sprechen. Derselbe hat mich ersucht auch Ihnen diese mei[-]
ne Ansicht zur prüfenden Beachtung mitzutheile[n] und
ich finde keinen Grund sein Ersuchen nicht zu erfüllen; denn
ich muß es zuerst für [Sie,] liebe Emilie, dann für Herrn Beit
so wie ganz besonders auch für die Sache selbst gut finden wenn
Sie dem Wunsche d[es] Herrn Beit nachkommen; für Sie:
denn Sie kommen dadurch zu einem Ganzen Ihrer Erfah-
rungen, ohne welches dieselben immer Stückwerk bleiben[.]
Ihre eigene Bildung aber schreitet nicht fort wenn Sie mit
jedem Halbjahr und zwar gleich im Beginn Ihres Wir- /
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kens immer etwas neues anfangen; Sie kommen
aber auch bei Ihren Kleinen zu keinem Ergebniße,
was wieder nicht die Begeisterung pflegend ist, wel-
che[r] man bei der Sache bedarf.
Natürlich kommt aber auch so der Beitsche Kinder-
garten nicht vorwärts, wovon er natürlich als Unter-
nehmer des Ganzen das Gegentheil erstreben muß.
Drittens ist aber auch ein solcher immer wiederkehren-
der Wechsel für die Sache selbst höchst na[ch]theilig, weil die
Beachtenden und Prüfenden in den verschiedenen An-
stalten immer nur das Eine, Erste und nie eine Fortent-
wickelung des Ganzen und in den Führerinnen der
Anstalten immer nur die Lehrlings- und Schülerstufe
aber nie die Gesellen- und was man allgemein ersehnt
die Meisterstufe sieht.
Daß man nun, ehe man von der Gesellen- zur Mei-
sterstufe gelangt viel und mancherlei Ungemach durch[-]
zugehen hat, das weiß ein Jeder welcher diesen Weg
zurück legte, wer sich aber davor fürchtet, der
wird aber auch nie die Meisterstufe erreichen. Aber
auch für Sie, warum wollten Sie nicht, wenn Sie das
Unangenehme des Winters in Hamburg durchlebt
haben, nicht auch das Angenehme des Frühlings und
Sommers in Hamburg genießen wollen. Also, wie
Sie die Sache immer überlegen, so scheint es mir immer,
daß Sie durch eine erste Verbindung auf ein Jahr
nur gewinnen. Nach dem ersten Jahre mag Ihr Aus-
tritt immer halbjährlich, mit Vierteljahres Aufkündi[-]gung seyn. Machen Sie es nun wie Sie wollen; da /
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ich selbst während des Winters bei Beit wohnen
und dort meinen Cursus halten werde, so wird
der Winter schnell genug Ihnen verfließen
und der Sommer dünkt mich wird dann wohl
auszudauern seyn. Ich bin also für die erste
Verbindlichkeit auf ein Jahr; doch handeln Sie nach Ih-
rem eigenen besten Ermessen.
Wie werden Sie es mit dem Tragen des Reisegel-
des machen?- Wird sich Herr Beit nicht dazu ver[-]
stehen?-
Nun aber auch ein Wort in Beziehung auf uns:
Sagen [Sie] l[iebe] Emilie ist es Ihnen oder Ihrer Fr: Mutter
gar nicht möglich mir wenigstens einen Theil der
berechneten Summen zu bezahlen?- Ich glaubte
es würde Ihrer Fr. Mutter wenigstens möglich seyn
die 12 rth pr Ct abzutragen, welche dieselbe, wie Sie
mir sagten, schon mit auf der <Fehlreise> nach Wei-
mar für mich mitgenommen hatte. Da ich jetzt große
Summen zu bezahlen habe, so würde mir ein großer
Gefalle seyn, wenn ich selbige erhalten könnte.-
Nach H. Beits Abreise schreiben Sie mir wohl
bald, welche Verabredung Sie mit Herrn Beit
oder welchen schriftlichen Vertrag Sie gemacht
haben.
Ist Emma Habicht schon bei Ihnen?-
Gott sey Dank sind wir alle wohl. Viele Grüße
von allen. Auch Henriett[e] Br[eymann] befindet sich in Mühl-
hausen ganz wohl.
Einen Theil der Pläne, welche für die Zukunft /
[2R]
vorliegen sagt Ihnen das beiliegende kleine
Schriftchen von Dr Diesterweg aus Berlin.
Theilen Sie dasselbe Hauthals, Gascards
u.s.w. vielleicht auch den fürstlichen Frauen
mit und sehen Sie ob Sie in Rudolstadt welche
für die Göthe-Stiftung theilnehmend und so auch
förderlich für die Sache der Kindergärten im
Allgemeinen stimmen können.
Grüßen Sie die genannten achtbaren Frauen
auch Fr: Pfarrerin u Ottilien Bähring wenn selbige
noch in Rudolstadt sind.
Leben Sie recht wohl und schreiben Sie mir
recht bald.
I.Frd. Fr. Fr.