Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 10.11./11.11./12.11.1849 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 10.11./11.11./12.11.1849 (Hamburg)
(BlM XXIV,4, Bl 9-13, Brieforiginal 2½ B 8° 10 S. - Die Blätter sind falsch paginiert; richtige Schreib- und Lesefolge: Bl 9-10,12-13,11 - Auf den Blattvorderseiten links oben jeweils Prägung "FF" o.ä., die "umschrieben" wird.)

Hamburg, hohe Bleichen No 19 bei W. Beit. Am 10/XI 49


Meine theure Luise.

Zuförderst grüßen Dich Friede und Freude in den bei-
den stummen Zeichen zur Seite als die Wünsche meines Her-
zens für wie mich Liebe und Leben in Deinem gütigen und
freundlichen Briefe begrüßte welchen ich heut früh am Morgen
empfing und denke Dir, jetzt in der letzten Stunde des Tages erst
Zeit hatte, ihn ganz zu lesen; denn nur die Randbemerkungen
durchflog ich schnell um mich zu überzeugen, daß Du wohl
seyest, weil ich wirklich schon anfing deßhalb etwas besorgt
zu seyn, we indem ich auch schon seit Tagen einen Brief von
Dir, wie Du von mir erwartet hatte. Du siehst und fühlst
in dieser gegenseitigen sehnenden Erwartung, daß wir uns bei[-]
de gegenseitig theuer sind, und ich freue mich dessen. Daß
ich aber Deinen schon heut früh empfangenen Brief eigentlich jetzt
erst gelesen habe, hat folgenden Grund: Sonnabends Vormit[-]
tag bin ich von meinem eigentlichen Cursus frei, da wollte
ich denn die Zeit recht auskaufen, und hatte meine treue u.
fleißige Geheimschreiberin L. H. [sc.: Luise Hertlein] zu mir beschieden um im
Interesse unseres Zeitblattes an welchem jetzt wacker gear-
beitet wird - (:sage dieß Manfred:) - thätig zu seyn; da
half es nichts ich durfte zunächst nicht an das Lesen des Brie-
fes denken; denn umsonst durfte ich Luisen nicht von St[.]
Georg herein gesprengt haben. Aber um 11 Uhr rief mich
mit Macht meine Vorbereitung zum 2en allgemeinen /
[9R]
und öffentlichen Vortrag von 1½-3 Uhr; denn mancher[-]
lei Wünsche waren mir deßhalb ausgesprochen worden,
und noch hatte ich, was ich sagen mußte noch nicht in Be-
ziehung auf die dargelegten Wünsche durchgedacht.- Doch
der Erfolg auch dieses 2en Vortrages war gleich dem
des ersten günstig, ja fast noch günstiger, denn freudig glänzende
Augen suchten dankend meinen Blick und begleiteten
mich aus dem Saal und mehrseitig hörte ich daß man
sich freudig befriedigt äußerte und so eben hörte ich weiter
daß eine Dame an deren Theilnahme an der Sache man sehr
gezweifelt hatte laut jetzt nun ihre Zustimmung zu der-
selben ausgesprochen hat.
Nach dem Vortrag wurde ich gleich von Frau Goldschmidt
in Beschlag genommen um mit ihr zu Mittag zu speisen
und dann Abends in ein Trio- und QuardettConcert
zugehen, welches, im Verein mit noch anderen Musikern,
Ihr [sc.: ihr] Sohn Otto gab. Herrlich war der Genuß, welchen
die Musik gab. Hier sah ich auch die Jenny Lind, welche
ich vorgestern in der Aufführung der Schöpfung von
Heyden [sc.: Haydn] als Gabriel und Eva singen hörte. Nach
dem Concert nöthigten mich alle Glieder des Goldschm[idtschen]
Hauses noch zum Abend- oder Nachtbrot mit ihnen
nach Hause zu gehen, was ich nicht abschlagen durfte;
und so sahen mich erst in der letzten Tages Stunde
die Wände meines Zimmer wieder. Hier hast Du /
[10]
nun das Bild eines jetzt häufig in Hamburg verlebten
Tages, allein der erste ohne des 4stündigen Cur-
sus. Doch auch diese verfließen schnell wie in
Liebenstein und bisher erhöhte auch stets jeder folgende
Tag die Zufriedenheit meiner 20 Schülerinnen u. Schüler
und heut nach dem Concert wurde mir ein liebes Mädchen
vorgestellt, welches sehr bedauerte nicht an dem Bildungscursus
Antheil nehmen zu können. Man kann aber auch wirk-
lich sagen, daß die jungen Mädchen ganz glücklich in all
den Stunden sind; es geht aber auch alles wie am Schnürch[en].
Herr Beit ist ein recht guter GesangsLehrer. Wie Mari-
us Bentsen
an dem ganzen Bildungscursus Antheil nimmt,
so auch an dem Spiele und so machen sich dann auch die Spiel-
übungen von cca [sc.: ca] 20 Erwachsenen recht gut.
Indem ich Dir l. L. so von meinem Thun Rechenschaft gebe
blicken mich in einem reichen Strauße brennende und milde
rothe Verbenen, die lieblichsten Rosen, wie Engelsköpfchen
zwischen bescheidenen Reseden kräftig farbigen Penses
(denk an mich) und kräftigem, glänzenden Grün - freund[-]
lich an, gleichsam in ihren jungfräulich mädchenhaften
Augen bestätigend, was ich von ihren Menschenschwe-
stern aussprach. Es ist dieß der zweite so schöne
als duftige Blumenstrauß, welchen ich der sinnigen
Lebenspflege der Frau Traun verdanke. Duftend und
leuchtend fand ich ihn auf meinem Zimmer, als ich vorhin dahin /
[10R]
zurück kehrte.- Gestern Abend noch spät sandte mir
die sorgliche Frau Dr Salomon noch spät am Abend
ein Körbchen der feinsten Birnen; Du siehest meine
th. L. daß mir alles erst besonders lieb ist, wenn ich es
im Mitwissen mit Dir genieße; alles möchte ich ja mit Dir
theilen; alles mit Dir persönlich genießen; d.h. auch meine
geistigen Freuden, so erfreute ich mich heut in meinem Zu[-]
hörerkreise einer so sinnigen Aufmerksamkeit, daß
ich den ganzen ansehnlichen Kreis gleich einer einzigen theilnehmenden
Person mir gegen über empfand.- Auch unsere L. 
H. befindet sich hier sehr wohl; es geschieht ihr von
vielen Seiten viel Freundliches. Unsere bescheidene
einfache Emilie Stieler ist hier ganz glücklich; Und meine
Hauswirthsleute bis zum Stubenmädchen herab sind
sorglich achtsam daß mir nichts mangle und [es] scheinen
- was mir natürlich sehr lieb ist, alle im Hause so zu-
frieden mit mir, als ich mit ihnen.-
- Doch für heut muß ich Dir und durch Dich allen gute
Nacht sagen, denn schon ist es Nachmitternacht.- Sage
mir nichts darüber, anders geht es nicht, wenn ich
die Freude haben soll mit Dir ein Stündchen ruhig zu
plaudern.- In Berlin ist bei dem Göthe-Comité der
Kindergarten als Göthe Grundlage einer weibl[ichen] Bil-
dungsanstalt und diese - als Göthestiftung ganz durchge-
fallen; die Hebung des deutschen Volksgesanges durch ein jährliches gro-
ßes deutsches Gesangsfest, soll durchgegangen seyn.-/

[12]
Sonntags am 11 Novbr 49. Gegen Mitternacht.
Meine liebe, theure Luise; Ob es gleich bald Mitter[-]
nacht ist und ich eben jetzt erst mit Emilien Stieler
von unserer Amalie Mattfeld komme, so muß ich dennoch
auch noch zu Dir kommen und noch ¼ Stündchen mit Dir plaudern,
um Dir zu sagen wie ich den heutigen Tag verlebte. Gegen 7 Uhr
(weil ich später als gewöhnlich Schlafen gegangen war) begann
mein innerer Arbeitstag. Es ist höchst merkwürdig wie sich
Alles in mir vervollständigt klärt und ordnet und so wahrhaft schöne harmonisch
geschlossene Gestalt gewinnt. Damit wächst aber auch in mir
die Sehnsucht und das Streben nun auch Alles, das Ganze so
schön in seiner Mannigfaltigkeit, seinen Theilen und Gliedern
im Äußern und in Gemeinschaft mit Dir darzuleben. In dem
Maaße sich also in mir Alles zur und in Vollendung ge-
staltet, um so lieber wird mir unser Liebenstein u.
so mehr sehne ich mich nach demselben zurück, ja ich freue
mich schon jetzt der Heimkehr zu demselben im künfti[-]
gen Frühjahr. Du siehst es ja jetzt schon hier: über der
Erinnerung an Liebenstein vergesse ich meinen Vorsatz
Dir von meinem hiesigen Leben zu erzählen.- Nach 9 
Uhr kam unsere Luise Härtlein [sc.: Hertlein]. Frau Goldschmidt hat-
te mir den Wunsch ausgesprochen ihr meine Gedanken
über einen zu verjüngenden Frauenverein auszusprechen.
Um der Kürze willen sprach ich sie Luisen in die Feder;
doch Du wirst es natürlich finden, daß sich mir alles, was
was sich mir in Beziehung auf Menschenbildung nähert, /
[12R]
sogleich zu einem großen Ganzen zusammen eint,
so auch dieser Auftrag und der Zweck welcher ihm zum
Grunde liegt. Ich sah und erkannte in den in mehrfa-
chen Vereinen von Neuem und wieder vereinten
Frauenvereinen als Träger und Mittel zur endlichen
allgemeinen Verbreitung der Kindergärten und durch
diese ächter deutschen Jugend[-] u Volkserziehung und
solchen Unterrichtes. Und so beschäftigte mich und uns
die Lösung der mir gegebenen Aufgabe vonmeinem [sc.: von meinem]
Standpunkte aus, bis gegen und nach 4 Uhr. Und nun
wurde gegen 5 Uhr mit Emilien und Luisen ein beschlos-
sener Besuch bei Amalien M. [sc.: Mattfeld] ausgeführt. Nach eini-
ger Zeit trat Wichard Lange (:Du erinnerst Dich ja des
von ihm geschriebenen Aufsatzes Fr. Fr. und die Ge-
schichte der Pädagogik:) - ans Zimmer bei Amalien
und wünschte mich zu sprechen und denke Dir was mir
Allwine in wirklicher Naivität aussprach: - "Wir
sind verlobt!" - Also Allwina und Wichard Lange als
Verlobte als Brautpaar, Du kannst Dir denken, wie
sehr ich überrascht war. Allwina hatte mich zwar
schon von dem bestehenden Verhältnisse unterrichtet
und W. Lange mich vorgestern ebenso wie Allwina
naiv gefragt: - was sagen sie [sc.: Sie] dazu, ich liebe Allwinen;
allein diese Extrapostreise in den Brautstand kam
mir doch etwas unerwartet; wie ein[e] von Allwinen
auf meine Frage: - Hast Du Deiner Eltern Einwilligung? - [gegebene Antwort] sagte /
[13]
so scheint das Verhältniß schon bei Middendorffs,
des Vaters Anwesenheit hier besprochen wor[-]
den zu seyn; ja ich vermuthe in diesem Augen[-]
blick, daß Middendorffs, des Vaters Reise hierher
schon dadurch veranlaßt worden zu seyn [sc.: sei]. Ja es scheint
sich mir nun alles zu klären: - nach Middendorffs
des Vaters Rückkehr nach Keilhau scheint Marius
wie ich glaube wenigstens zuerst mit Bestimmtheit
von dem Verhältnisse zwischen Lange und Al[l]winen
unterrichtet worden zu seyn, daher seine ganz verän[-]
derte Stellung zu Liebenstein und mir, das Nicht-
kommen nach Liebenstein wie er mir doch zum 8n Otbr
versprochen und das schnelle Verloben mit Henriet[-]
ten Breymann
. Nach dem [sc.: Nachdem] wir gegenseitig einige Tage
hier angekommen waren sagte Marius blos zu mir:
- "was sag[s]t Du zu meinem Verhältniße mit H.?" -
Die vielleicht wunderbare innere Verkettung gar
nicht ahnend spra erwiederte [sc.: erwiderte] ich: - "Solche Verhältnisse
und Bestimmungen hat der Mensch nur mit sich selbst ab-
zumachen."- Marius war in den letzteren Tagen zum Öfte[-]
ren bei der Lütkens, ich glaube ehegestern war es wo
er mir sagte: - "ich muß zur Lütkens" - was mir
auffiel. Marius erscheint mir jetzt ganz merk-
würdig still und einsilbig, wie unbestimmt thätig
oder vielmehr unthätig, auch Friedmann sprach es
diesen Abend aus indem er sagte: ["]Dem Marius muß [sc.: scheint] etwas /
[13R]
auf dem Herz zu drücken." Merkwürdig ist nach
einer anderen Seite wie Friedmann durch unser
Liebenstein auch hier wieder so vielfach eingeführt
wird, so war er auch diesen Nachmittag und Abend
bei Amalien Mattfeld, wo er wie ich höre schon
zum Öftern eingesprochen ist.- Morgen zieht er in
Gemeinsamkeit mit Marius zu einem Lehrer ins Haus.
Auch Emma [sc.: Emma Bothmann] wird sich über die Auflösung des Ganzen
wundern wenn Du es ihr schreibst.
Gegen alles mein Erwarten scheint auch Allwinens
Verlobung - (:in welcher Form eine solche aber Statt zu
finden, davon weiß ich nichts:) - hier die Runde zu
machen; denn denke Dir, als ich vorhin nach Hause
komme finde ich ein Billet von der Dr Detmer be-
ginnend mit einer Beglückwünschung zu Al[l]winens
Verlobung und endigend mit einer Einladung zu mor-
gen Abend zu - "Allwinens u Lange's Verlobungs-
feyer".- Wird Allwina Hamburgerin werden und
Lange bei Detmer Lehrer bleiben oder, wie wird
sich das Ganze weiter entwickeln?- Höchst merkwür[-]
dig ist, daß ich - in der Seele nicht das Mindeste von diesem
Verhältniß ahnend, nur durch Langes bekannte Auf[-]
sätze und durch das allgemein günstige Urtheil hier über
ihn getrieben oder vielmehr veranlaßt - ihn [sc.: ihm] die Redac-
tion
unseres Zeitblattes angetragen haben [sc.: habe], was er, wie
es sich nun leicht erklärt, auch bald annahm.- Schlafe wohl, wohl! /

[11]
Montag am 12. Damit Du meine treue Seele, doch
endlich den Dir gebührenden Dank für Deinen lieben
freundlichen Brief erhältst benütze ich die noch
kurze Zeit vor Beginn des Abend Vortrages von 7½-9
um endlich diese Zeilen an Dich abzusenden.- Gestern Abend
war ich, wie ich Dir schrieb mit Allwinen und Lange als
junges Brautpaar bei Detmers zusammen; beide sind
voller Glück, möge es von Dauer seyn. In Hamburg nimmt
man im Kreise meiner und unserer Bekannten großen An[-]
theil an dieser kleinen Begebenheit u wie ein Lauffeuer ist
merkwürdig die Kunde davon im Kreise so herum gelaufen
daß, wo ich nur erschien mir auch die Glückwünschungen zu
demselben entgegen kamen. Anfangs war mir diese Überstür[-]
zung so nannte ich es wirklich unheimlich, jetzt bin ich mehr
zufrieden, da ich höre daß von Seiten der Eltern auch das Ja
eingetroffen. Ich selbst habe eigentlich Allwinen seit Ihrer [sc.: ihrer]
Verlobung noch gar nicht gesprochen, denn in Gesellschaft über
Persönliches zu sprechen ist nicht gestattet.- Auch Marius
hat wie ich höre Briefe von H. B. [sc.: Henriette Breymann] bekommen und seit der
Zeit ist er auch wieder mehr der Alte. Ich glaube auch daß
durch Allwinens Verlobung ihm ein Stein vom Herzen ge[-]
fallen ist.- Hier ist vielseitig stiller Krieg u Kampf, al[-]
lein ich hoffe daß ein schöner heilbringender Friede daraus
hervorgehen wird. Die entgegengesetzten Punkte sind die
Traun u die Goldschmidt; ich stehe in der Mitte. Hoffe aber
vom Kampfe selbst mich frei zu halten.- /
[11R]
Schreiben will ich Dir nun noch, daß ich gestern
ein paar freundliche Zeilen von der Jenny Lind,
und heut im Namen des Erbgroßherzoges und mit
Gruß von diesem, von dessen Adjutanten {dem Grafen oder Herrn[}]
von Beust erhalten habe.
Unserm Manfred antworte ich morgen, jetzt
läßt mir der Vortrag keine Zeit dazu. Heut Abend
nach dem Vortrag bin ich bei der Wüstenfeld; Frey-
tags Abends bei der Traun. Morgen Abend hoffe
ich im Concert die Jenny Lind wieder zu hören und dann
in 8 Tagen noch einmal.
Theile aus dem Briefe mit was unsern Freunden
lieb ist; hätte ich noch eine Kindergärtnerin oder
Spielführerin frey so hätte ich ihr Ende künftiger
Woche eine Stelle in England verschaffen können[.]
Grüße alle Groß u Klein; nah und fern d.h.
in Liebenstein - Steinbach - Salzungen - und Osterode[.]
In Liebe Dreue [sc.: Treue] u Dank

D. Friede und Freude