Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 18.11./19.11.1849 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 18.11./19.11.1849 (Hamburg)
(BlM XXIV,6, Bl 20-23, Brieforiginal 2 B 8° 8 S. - Links oben auf den Blattvorderseiten jeweils gezeichnetes oder geprägtes "FF".)

Hamburg. Adresse W. Beit hohe Bleichen N° 19.
            Am 18 Novbr 1849.


Meine geliebte, theure Luise.

Ich hatte mir vorgesetzt Dir am lieben ruhigen Sonntag
recht viel aus dem innersten Grunde meines Herzens mit-
zutheilen und nun ist leider der schöne Tag bald vorüber
ohne daß es geschehen ist und - was mir besonders Leid
thut, der stille Abend, welchen ich zu freundlich liebevollem
Gespräche mit Dir meine liebe Luise bestimmt hatte; denn
zur Ausgleichung ernstlicher Spannungen und Mißverständ-
nisse zwischen Frauen des Frauen-Vereines hatte ich mit Beginn des Abends einen Besuch zu
machen, von
welchem ich hoff[t]e daß er bald abgethan seyn würde, zu
meinem Leidwesen aber hat er mir den ganzen A-
bend geraubt. Aber zu Bett kann ich dennoch nicht gehen
ohne Dir frischen Lebens einen recht herzinnigen guten
Abend zu sagen und Dir meinem Herz ein Bild des Le-
bens meiner letzten 3 Tage zu geben, denn Du sollst mein
hiesiges Leben wo möglich ganz kennen, wenn Du auch
einige Tage später davon Kunde bekommst.- Verflos-
senen Donnerstag Abend habe ich Jenny Lind zum 2en
male in einem Concert, welches sie zum Besten einer
12jährigen Künstlerinn Nannette Falk aus Altona
hier gab, in ihrer ganzen Genialität gehört, und ich
habe keine Ahnung von dem gehabt was Genialität /
[20R]
durch den menschlichen Ton auszusprechen im Stande ist.
Ich habe keine Worte um Dir das Alles was Jenny Lind
in ihrem Gesange ausprägte nur Andeutungsweise
wieder zu geben vor allem die Milde und Fülle, die
Klarheit, Kraft, Beherrschung und Gewandtheit des Tones.
Nächsten Donnerstag Abends wo sie zum 3en male in
einem Concert welches Otto Goldschmidt giebt, [auftritt, werde ich] durch die
Güte der Frau Goldschmidt sie zu hören die Freude ha-
ben, dann wird ihr Gesang Dich zu mir führen und so
in Einigung mit Dir werde ich mich doppelt des herr[-]
lichen Gesanges erfreuen. Freitags früh war ich
bei der Frl. v. Semenoff; Frau v. M. [sc.: Marenholtz] hat mich dieser
hochgebildeten Dame empfohlen wie Du weißt. Das
Verhältniß unserer Kinderführungsweise mit der
religiösen Bildung des Menschen, war der Haupt[-]
gegenstand unseres Gespräches; was ich ihr da-
rüber darlegte schien ihr zu genügen. Freudigen u.
glänzenden Auges reichte sie mir die Hand, welche
ein sanfter warmer Druck mir besonders fühlbar
machte.- Abends war ich mit Luisen Härtlein
bei Frau Traun wo auch Frau Wüstenfeld war.
Die Hochschule und ein deutscher Frauenverein
dafür waren die Hauptgegenstände der Gespräche[.]
Meine Mittheilungen dafür schienen sich ihrer
Zufriedenheit zu erfreuen und - als ich nach Hause /
[21]
kam fand ich zu meiner Freude einen gro-
ßen, schönen Fächerschrank, größer als
Dein Wirthschaftsschrank, welchen ich mir
längst zum Auspacken meiner Sachen gewünscht
hatte, denn noch immer standen sie in Kisten ver-
schlossen in meinem Schlafzimmer. Auf dem Tische
bildete Wein in einer Mehrheit von Flaschen und Tel-
ler mit Wein in trefflichen Trauben einen schönen
Kranz und - mein erster Gedanke war, daß ich
alles zu Dir wünschte. Das Ganze hatte seinen Grund
in freundlicher Aufmerksamkeit der Frau Traun.
Um mir dieselbe [Freude] so weit es möglich zu erhöhen, zu
verdoppeln spreche ich Dir dieselbe aus.
Sonnabends gestern Nachmittags von 1½-3 hatte ich Vor-
trag, derselbe soll abermals gar sehr gefallen
haben, wie mir im Augenblick dessen Beendigung
und noch diesem [sc.: nach diesem / noch diesen] Abend gesagt wurde. Ich weiß,
daß dieß auch Deiner liebenden Theilnahme [sich] erfreut
deßhalb spreche ich es Dir aus.
Um 5 [sc.: 3] Uhr fuhren Allwina, Ihr Bräutigam,
Luise Härtlein und ich nach Bergedorf, wohin ich
Deine Grüße brachte. Alles ist dort gesund.-
Nachdem wir dort - denke Dir - ganz denselben Spa-
ziergang wie in den verflossenen Weihnachtstagen
gemacht, und so Deiner viel gedacht und einen frohen /
[21R]
Tag in der einfachen Familie verlebt hatten kehrten
wir gegen 4 Uhr hierher und bald darauf in
meine Wohnung zurück, und der beiden Ver-
lobten künftiges Leben wurde vielseitig bespro-
chen; noch ist Alles ganz unbestimmt. Was meinst
Du so recht aus dem tiefsten Grunde Deines, das
Leben so wahr aufnehmenden Herzens und ruhig
prüfenden Verstandes - wie sich wohl ihr Leben am
seegens- und fruchtreichsten für das Ganze entwik-
keln und gestalten könne?-- Ich möchte gar sehr u.
dieß recht bald Deine ruhige Ansicht hören; bitte
also erfülle mir meinen Wunsch.
Als das Brautpaar fort, gieng ich zu Fr: Gold-
schmidt
mit welcher ich in der obenangedeuteten Ange-
legenheit zu sprechen hatte. Und - heimgekehrt, war
das Erste wiederkehrend Deinen lieben, lieben Brief
zu lesen; aber weißt Du, daß er ohngeachtet des so
vielen Freundlichen, welches er enthält, doch auch etwas
ausspricht was ich gar nicht gelten lassen kann?-
Du sagst: - "Aber reden sollte ich nicht mehr von meiner
"Liebe, das ist Dir unangenehm seit Du nicht mehr hier
"bist, das mochtest Du schon in Eisenach nicht mehr" - Aber
sage mir meine geliebte Luise, wie kommst Du nur
dazu dieß auszusprechen? - Wo? und wie? - habe ich
Dir dazu Veranlassung gegeben?- Wenn dieß wahr /
[22]
wäre, was Dein Brief sagt, würde ich in so
vollem Ausdrucke reiner seelenvollen Liebe
zu Dir sprechen wie ich thue?- Auf Ver-
anlassung Deines jüngsten Briefes, lese ich nun den
Schluß Deines vorigen vom 6en d. M. nochmals, wo
Du schreibst: - "Du mußt mir jetzt die Sprache des
Herzens verzeihen, es wird bald ruhig werden, ja
kalt, wie Du es so wünschest
." - Meine geliebte
theure Luise, wo habe ich dieß gewünscht?- wie könn-
te ich es wünschen?- Rede ich eine andere Sprache als
die eines liebend treuen Herzens zu Dir? - würde
ich dieß thun wenn ich nicht ersehnte, daß Du blei-
bend in derselben Sprache zu mir sprechen möchtest?-
Gute, theure Luise quäle Dich doch nicht selbst; könntest
Du doch lesen was in den jüngsten Tagen alles in mei-
ner Seele in Beziehung auf Dich vorgegangen ist,
sich darin kund gab, Du würdest darin finden wie mein
ganzes Leben sich innig einig mit dem Deinen fühlt u weiß,
und daß Dein Glück Ziel und Aufgabe meines Lebens ist,
als ein Gliedganzes desselben. (:So weit gestern als mein
Licht aus Nahrungsmangel verlöschte[.]:)

Montags am 19en. Heut hatte ich eine recht unange[-]
nehme Begegnung: es war 1 Uhr, die Stunden waren
vorüber an welchen Fr: Traun Theil genommen
hatte und ich war noch im eifrigsten Gespräche /
[22R]
über das Handspiel Längweis Kreuz weis be-
griffen als unerwartet meine Hand von einer frem-
den berührt wurde; wie vom Blitz getroffen blick[-]
te ich aus dem mich dicht umgebenden Kreise mei[-]
ner Schülerinnen auf und wer stand vor mir?-
Amalie K. [sc.: Krüger] war es lächelnd freundlichen Blickes;
dieser Blick und die ganze Erscheinung wirkte au-
genblicklich so unangenehm auf mich, daß ich schnell
aus dem Kreise trat, das Zimmer verlies [sc.: verließ] sagend
daß mich ein Besuch rief.- Was der Zuhörerkreis zu
dieser meiner Handlung gesagt hat, weiß ich bis jetzt
noch nicht; allein was es auch sey, der Eindruck auf
mich war so tief unangenehm erregend, daß Emp-
finden und Handeln eines war. Amalie dauert
mich wegen dieses Empfanges, allein sie hat sich den-
selben ihrer kecken Unbesonnenheit und wirklichen
Dreistigkeit selbst zuzuschreiben; denn sie wußte
wie wir zusammen standen. Doch genug, die Neme-
sis hat sie für ihr Handeln hart bestraft, denn
ich hatte mir vorgesetzt, wäre sie, wie ich nur er-
warten konnte, ruhig zu mir gekommen, Alles ins
Meer der Vergessenheit zu senken; doch Nemesis, die
Göttin strenger Gerechtigkeit, wollte sie ihrer ver-
dienten Strafe nicht entziehen. Nun höre ich weint u.
klagt sie.- /
[23]
Wie ich mich nach Liebenstein zu Dir u Euch
sehne glaubst Du kaum. Weihnachten denke
ich noch bestimmt zu kommen; vielleicht
bringe ich, wenn es Dir nicht unangenehm ist Allwi-
nens Bräutigam
mit: - Siehe ich denke an die Ausfüh-
rung unseres schönen Planes mit allem Ernst, und da
ist es gut, wenn man sich kennen lernt. Schreibe
mir ja, wie auch Du in Beziehung auf denselben denkst.
Ich denke es soll möglich werden, daß einmal wieder
Friede und Freude durch Freiheit geeint unter einigen
Menschen, in einem ächten Erzieherkreise auf Erden
heimisch sey. In diesem Gedanken und Worten kannst
Du lesen mit welcher Liebe, Treue und Vertrauen Dich
mein Herz umfaßt.
Noch bin ich Dir auch für Deine schönen Bälle meinen
Dank schuldig; Du hast mir mit denselben, wie durch
Übersenden des wollenen Leibchens Freude gemacht.
Die kleinen Klötzchen oder Bausteine zu den Muster-
kästen der 4en Gabe kannst Du oder Manfred da bestellen
wo ihr glaubt, daß ihr solche am schnellsten bekommt.
Der Salzunger Tischlermeister Schmidt hat freilich noch
Bestellung für mich, Kästchen nebst Stäbchen und Bal-
ken
zur 2en Spielgabe und 3-6 Kästen 5e Gabe
großes Format. Du kannst Dich durch Herrn Mäurer
oder Manfred erkundigen lassen, wann sie fertig sind.-/
[23R]
Wäre diese Arbeit bald zum Abliefern fertig, so
könntest Du ihn fragen ob er die 1500 oder noch
lieber 2000 der kleinen Bausteine machen könnte.
Ist es diesem nicht möglich, so müßtest Du bei dem
Liebensteiner Tischler Mstr [sc.: Meister] Voigt anfragen, und
wären solche bei keinem Tischler in Liebensteins Nähe
zu erhalten, so müßtet ihr Du oder Manfred in
meinem Namen bei Löhn in Blankenburg bestel-
len und dieß ist vielleicht das Gerathenste.
Auch meine Freude über Deinen schönen kleinen
Kindergarten darf ich nicht zurücke halten, und
meinen Dank Dir für Deine sorgsame Thätigkeit.
Meine Liebe dankt auch Deiner in der Ferne stets dan-
kend dafür.
Angeschlossen empfängst Du zu Deinen nächsten Be-
dürfnissen eine Banknote von Zwanzig Rth prCt.
schreibe mir ja zur rechten Zeit, daß Du nicht in Ver[-]
legenheit kommest, und da ich dieß Geld nicht auf
der Adresse bemerke [sc.: vermerke], so bitte ich um baldige An-
zeige des Einganges desselben bei Dir.-
Was Du mir wegen Diaconus Müller schreibst thut
mir leid. Nun wenn er schwankt müssen wir fest
stehen. Laß durch Manfred die Blätter mustern, und wählt
das Beste. Doch in der Kürze bekommen wir unser eigenes
Blatt.- Grüße alle, alle Groß u Klein v. D.Fr.Fr.