Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 28.11./29.11.1849 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 28.11./29.11.1849 (Hamburg)
(BlM XXIV,9, Bl 28-32, Brieforiginal 2½ B 8° 9¼ S. - Ursprünglich lag bei diesem Brief noch ein auf den 1.12.[o.J.] dat. Zettel als Bl 33 bei. Dieser Zettel gehört aber aus inhaltlichen Gründen hinter Bl 71 zu dem Reinschriftfragment des Briefs an Luise Levin v. 27.11.-1.12.1848 [BlM XXIII,20, Bl 62-71].)

Adr: W. Beit, hohe Bleichen, Hamburg a. 28/XI. 49.


Meine theure, einzige Luise.

Dein letzter lieber Brief hat mich recht mit Sor-
ge und Gram erfüllt, indem ich, - da Du nichts von dem
Vielen, was Dir zu Deiner Beruhigung so nahe liegt,
erfassest - gar nicht weiß, was ich Dir zur Rückkehr
Deines Lebensfriedens und Deiner Herzens- und Ge-
müthsfreudigkeit sagen soll. Siehe ich weiß und fühle
mich mit Dir so innig einig, ich fühle mich durch Dei-
ne treue Liebe so beglückt; Du und ich wirken um so
geistes-, gemüths- und lebenseinig und so recht mit wahr[-]
haft vereinter Kraft zum Wohle der Menschen und
der Menschheit, der Gegenwart und der unter unserer
Hand aufkeimenden Menschheit, sage doch, was fehlt uns?-
Daß wir nicht in allen Formen des äußerlichen Lebens
geeint da stehen?- O! meine theure Luise, ist es nicht ein
noch höherer Beweis der Reinheit und Innigkeit unserer
Liebe, daß wir sie rein, treu und fest halten, ohne
uns im äußeren Leben so nahe zu stehen; ist es nicht ein
Beweis des Würdevollen unserer Lebenseinigung, daß
es so ist wie es ist. Ja, meine Geliebte, wenn ich es wäre
der es verzögerte zur inneren Einigung die äußere
hinzu[zu]fügen, dann hättest Du Ursache zu trauern, dem
ist aber nicht so, dazu und dafür dünkt mich habe Dir das
Leben Beweise genug gegeben; da es nun aber einmal durch /
[28R]
das Geschick nicht ist, so müssen wir beachten, wie so
oft im Leben die äußere Einigung die innere, wenn
nicht gar stört, doch trübt; Du kennst die beiden jungen
Beitschen Eheleute, was mangelt ihnen in der äußern
Erscheinung ihres Lebens?- Und nun sieh die trauernd
kranke Frau, wie sie herum schleicht: "zu nichts habe
ich Lust," sagt sie und er sagt: "jetzt wo Fröbel da
ist, mußt Du versäumen was Du nie wieder nachho-
len kannst"! und was sagt sie weiter? - "seit wir
verheirathet sind, ist die Krankheit nicht von mir
und aus dem Hause gewichen, ist der Arzt nicht von
uns gekommen." Siehe, meine Theure, wir müssen
wahrlich gerecht gegen Gott und Schicksal seyn. Wie
viele Familien könnte ich Dir zeigen, wovon mehrere
wir gemeinsam kennen, wo Gram und Sorge in der
Verborgenheit das traurige Leben webt. Darum meine
Geliebte lasse uns beide mit Freudigkeit ins Leben
treten und fürs Leben wirken, denn bald kommen ja
auch uns die schönen Christfesttage die schönsten des
Jahres und des Lebens.
Und nun meine Luise schreibe mir, was bedarfst
Du zum Christfeste?- Was soll, was kann ich hier
besorgen?- Doch ich muß ja die Zolllinie überschreiten
und so ist es wohl besser wenn wir was zu besor-
gen ist innerhalb des Zollvereines besorgen. /
[29]
Siehe was meinest Du? wenn es mir möglich
würde Sonnabend den 22n früh von hier abzu[-]
reisen, so daß ich den 23n nach Eisenach käme, dort
fänd ich Dich in unserem thüringer Hofe, wohin Du ebenfalls
schon am Sonnabend gekommen seyn könntest; Du hättest
einstweilen eingekauft was Du nöthig hieltest, und
nachdem wir am Sonntage den 23n noch das Weitere
gemeinsam besorgt hätten, reiseten wir dann Mon-
tags ganz früh nach Liebenstein zurück, wo wir
dann gemeinsam gerad am Christheilige[n] Abend
ankämen. Schreibe mir doch, wodurch ich jedem
der Unsern vielleicht auch von hier aus eine Freude
machen kann ob unserer Müllerin oder auch der Frau
Inspectorin z.B. durch eine Tasse mit dem Hafen von Ham[-]
burg rc oder auch unserm Renner.
Nun zu etwas Anderem: Hat Der Tischler Schmidt
von Salzungen
hat er 3 große Kästen 5er Gabe
abgeliefert?- Ebenso hat er nicht eine Anzahl
zu Kugel, Walze und Würfel gehörige Kästchen nebst Stäben und Bal-
ken dazu abgeliefert?- Seinem mir gegebenen
Versprechen nach müßte es geschehen seyn; wenn es ist,
so bitte dann unserm [sc.: unsern] Renner, daß er mir solche dann
möglichst bald verpackt übersende, mir aber zugleicher [sc.: zu gleicher]
Zeit per Briefpost die Rechnungen in kurzer Notiz.
Hier habe ich aber eine Frage zu thun, welche schon längst /
[29R]
nöthig gewesen wäre, ich aber leider immer vergessen
habe; bitte ja nicht zu vergessen mir solche im näch-
sten Briefe zu beantworten: - Wir beide haben
ja doch eine Mehrheit von Kästen 3er und 5er Ga-
be mit einander an jenem schönen Abend gemein-
samer Arbeit mit einander eingepackt; sage mir
nun nur, wo sind denn jene Kästen hingekommen? -
sind solche zurück geblieben?- In keinem der Kästen
finde ich sie, die Mattfeld sagt mir, sie habe auch
keine Kästen 3er Gabe erhalten, und doch erinnere
ich mich ganz klar, daß wir Alles und namentlich
auch Kästen 3er Gabe für die Mattfeld auf den klei-
nen gelben Tisch neben der Thür und dem Ofen zusammen[-]
gestellt haben; sage mir wo sind denn die Sachen
hingekommen? - sie sind ja wie verschwunden. Ist
denn etwa eine Kiste zurück geblieben?- Sieben
sind doch nur von L[ie]b[en]stein abgeschickt worden, und sieben
Colli mit dem Koffer der Mattfeld und der Kiste der
Ehlers habe ich auch nur erhalten. Bitte um Nachweisung.
- Recht lieben freundlichen Dank für Deinen kleinen Auf[-]
satz über Kindergärten; er hat mich in mehrfacher Hinsicht
recht, recht erfreut; ich glaube gewiß daß er seinen Zweck
mit dem Du ihn geschrieben hast, nicht verfehlt hat; und selbst
ich hier in Hamburg, denke davon Gebrauch zu machen.
Treibe doch Renner, daß er mir recht bald auf m: letztes antwortet. /

[30]
 Um 1 Uhr am 29' Novbr früh oder nach Mitternacht.
Gleich als ich heut Deinen lieben Brief, nein! als
ich gestern Deinen lieben Brief empfing (so muß
ich ja jetzt 1 Uhr nach Mitternacht sagen[)], legte ich mir auch
sogleich Papier nebst Zubehör zurecht um Dir denselben un-
mittelbar zu beantworten und - man denkt es sich nicht
möglich - in dem Augenblick wurde ich davon abgehalten u.
so in stetigem Fortgang bis jetzt. Der ganze Abend wurde
mir durch eine Einladung eines hiesigen Schulvorstehers
geraubt, die ich bald abzumachen und dann zu Dir meine
theure Luise zurück zu kehren hoffte um Dir aus voller
Seele den innigsten Dank für Deinen l. Brief vom 24n
zu sagen mit welchem Du mir so reine als große Freu[-]
de gemacht hast. Ja einen recht herzlichen Dank Dir
für denselben. Wie hast Du mich beglückt durch die Zeug-
nisse, daß die Menschen Deinen Werth und so unbe[-]
wußt anerkennen, daß Du meiner Liebe nicht blos
werth, nein! würdig bist. Welch ein Geschenk für Dich
und mich, meine Liebe! und für Alle und Jeden welche Dei[-]
ner Pflege anvertraut werden. Welch eine Gabe hast Du
mir und Dir gebracht, daß Du Dich wieder selbst, ohne
mein - weil wenn auch liebendes doch trauerndes Wort
in Dir, den Frieden und des Lebens Freudigkeit, die
höchste Freiheit gefunden hast, Dich über das Vergängli[-]
che zu dem Seienden und Bleibenden zu erheben.-/
[30R]
Aber auch meinen gleich warmen Dank für alle die
lieben, zum Theil kleinen Einzelnheiten wodurch mich Dein
lieber Brief und die mit ihm verbundene Sendung
erfreut: - für die Blumen und für die Sträußer,
wenn auch letztere nicht für mich; durch die schönen u
vielen Bälle und all die freundlichen Nachrichten und
Grüße aus Liebenstein! In Beziehung auf die ersteren
mußt Du mir aber ein Zweifaches zu bitten erlauben,
erstens: - wie theuer kommt die Farbenfolge von
6 Bällen; oder das Duzzend; oder die ganze Sendung
von 6 Duzzenden, Alles mit- und eingerechnet, selbst Dei-
nen Zeitaufwand[?] Zweitens sind die Bälle sämtlich
ein kleines Wenig zu hart; etwas Weniges mußt
Du sie weicher wickeln. Zunächst habe ich zwar wohl
hier von denselben genug; wenn Du jedoch Zeit und
Neigung hast, so kannst Du jetzt, wo Du in der Übung
bist deren so viele machen als Du immer Lust hast;
es ist gut wenn wir davon Vorrath haben. Aber
auch Ballkästchen nebst 2 Stäbchen z und Querbalken
zu jedem mußt Du machen lassen; also immer zu-
nächst wenigstens 2 Duzzend, am besten bei dem Tisch[-]
ler Voigt in Liebenstein
, welcher mir früher schon einige
solcher Kästchen gemacht, und ich glaube bei einer
größeren Menge das Stück ohne Stäbchen u Balken
für 12 Xr und mit Stäbchen u Balken wohl zu 15-16 Xr verspro- /
[31]
chen hat. Eine Probe der Größe der Stäbchen wie beson-
ders der Kästchen findest Du in einem der
zurück gelassenen Ballkästchen mit 6 Bällen.
Die Länge des Balkens ergiebt sich aus der Entfernung
der Löcher im Deckel; oder noch genauer aus der Größe
des innern Längsraumes oben im Deckel. Ich kann ja
aber auch, noch sicherer, hier ein Maaß beilegen, was ich
auch thun werde. Aber auch farbige Wolllitzen wie ich
solche so schön bei Müller in Schweina gefunden habe, mußt
Du zu jedem Ball eine von einer knappen oder kleinen
Elle Länge beilegen, so auch zu je 6 Bällen eine
einfache eiserne Schnürnadel, welche ich ebenfalls
in Schweina bei Müller gefunden habe. Könnte ich
noch bis vor Weihnachten eine Anzahl solcher Kästchen
bekommen, so wäre es wohl gut nun, wenn nicht, so
könnte ich selbige vielleicht mit mir nehmen.
Daß Du die kleinen Klötzchen bekommen hast freut mich
gar sehr. Nimm ja den Buchbinder aus Schweina beim
Aufleimen zu Hülfe es liegt mir ungemein viel daran
diesen Kasten sobald als möglich hier zu haben. Du
kannst gleich zum Voraus einen großen Pappkasten bei
dem Buchbinder in Schweina bestellen. Du schickst mir
dann den alten Kasten und behältst den neuern zurück
und suchst es dann möglich zu machen, recht bald in
gleicher Weise einen zweiten anzufertigen; vergiß nur
nie /
[31R]
bei allem was Du mir sendest sogleich eine Berech-
nung der baaren Auslage und des Zeitanschlages
wie dessen Werth-bestimmung beizufügen, damit ich
darnach den Verkaufspreis festsetzen kann.
Sag wie kommt es, daß Du für die Emma Bothmann Bälle
zu fertigen den Auftrag erhalten hast?- Emma wollte ja
nur von ihrer kleinen Schwester in Fulda welche anfertigen
lassen und jetzt wünscht sie, sogar welche von uns u. Dir?-
Hat Emma seit sie in Schweinfurt ist schon an Dich geschrie-
ben und wie geht es ihr?- Bitte schreibe es mir. Dieser
Brief enthält so viel Bitten an Dich, daß ich den schon ausge-
sprochenen noch die hinzufügen muß: Wenn Du diesen Brief
zu beantworten mir die Freude machst, so lege denselben
Dir zur Seite und gehe ihn bei seiner Beantwortung Punkt für
Punkt durch.
Grüße den Herrn Dr. Martini, sage demselben für seine freund[-]
liche Vorsorge Dank und melde ihm zugleich daß ich sowohl unterm
26' d. Mon. an das Ministerium Abtheilung für die Finanzen, als
unmittelbar zugleich an den Herzog geschrieben und gebeten
habe nicht nur am 1' Jan: komm: J. an einen förmlichen Mieth[-]
contract mit mir abzuschließen, als auch wo möglich mir das
ganze Schloß zu überlassen. Ich gestehe daß ich nicht zweifle man werde
mir meine Bitte gewähren. Das Ausgesprochene habe ich gethan
nun könnt Ihr thun was Euch möglich ist. Die Anstalt in Lieben-
stein muß wie eine Lilie frisch und fröhlich aus der Idee hervorwachsen. /
[32]
Am 29' Nov. Abends 5 Uhr. Dieß muß und wird gescheh[-]
en wenn Menschen so edel und rein wie z.B. Diester[-]
weg
als Mitarbeiter so dafür auf- und eintreten, wie
Du und Ihr alle in dem lieben Liebenstein Euch aus dem hier beifolgen[-]
den Aufsatze überzeugen könnet, welchen ich in diesem Au-
genblicke von Diesterweg aus Berlin erhalte. Ich beeile
mich Dir denselben sogleich zu einer Vor-Christfestfreude
[zu] überschicke[n]. Theile es zu einer solchen auch unsern lieben
theilnehmenden Freunden und namentlich dem so freundschaftl[ich]
gesinnten Dr. Martini mit. Ich gedenke in den nächsten Tagen
den Aufsatz mehrmals abdrucken zu lassen um [ihn] zur Christfest[-]
gabe an alle meine lieben theilnehmenden Freunde zu sen-
den; dann sollst Du auch deren noch erhalten.
In Beziehung auf Meiningen und Marienthal gedenke ich,
wenn sich bis dahin nichts entscheidet während der Weihnachts[-]
und Neujahrsfreizeit, selbst nach Marienthal Meiningen zu reisen.
Wir müssen nur sehen daß wir bis dahin nichts versäumen;
Marienthal muß - wie Du auch wieder aus dem Schriftchen
D[iester]w[e]gs siehest für unsere Anstalt festgehalten werden.
- Höre doch vom Herrn Dr. Martini was Haßfeld
bei dem jetzigen Ministerium [bedeutet] und ob er ein Mann ist,
an welchen man sich vertrauend privatim zur Förderung
der Sache wenden kann.- Beikommend erhältst Du
um Dich nicht in Geldverlegenheit zu wissen einstweilen
wieder Rth 10 prCt.- In Liebe, Treue u Dank.
D.Frd.Fr.Fr. d.h.
     Dir Frieden Freude u geistes Freiheit. /

[32R]
Hast Du den Brief und inliegend Rth 20 in
einer Banknote erhalten?-