Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 3.1./4.1.1850 (Hamburg)


F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 3.1./4.1.1850 (Hamburg)
(BN 555, Bl 7-8, Abschr./Fragment 1 B 8°4 S., ed. Heiland 1995, 128-130)

Auszug aus einem Briefe an Fr. v. M. Vom 3' Jannuar [1]850
Das Streben nach Ausführung einer gesammten
Musterbildungsanstalt erscheint Ihnen unerläßig; ich
glaube sogar an die Erziehung an die Verwirklichung
dieses Strebens. Wie aber jetzt Alles von dem klaren Ge-
danken, von der lebenvoll gestalteten Idee abhängt, so
hängt es von dem bezeichnenden Beziehungsworte ab, ob
es gelinge oder nicht; wie denn die, wenn auch immer-
hin langsame, doch immer lebenvolle allgemeine An-
erkennung u. Ausführung der "Kindergärten" von ihrem
sie sinnbildlich, sie in ihrem Wesen ganz u. entsprechend
erfassenden Worte u. Namen: Kindergärten! Ein solches
er- und umfassendes Beziehungs- u. Bezeichnungswort,
muß nun auch für die erstrebte Musteranstalt nicht
er- sondern gefunden werden, wenn ein Verein für de-
ren Ausführung rasch u. zweckerreichend sie ins Leben ru-
fen soll. Ein Personen Name ein persönliches Beziehungs-
u. Bezeichnungswort hat es meines Erachtens in der jetzi-
gen Zeit nicht, weder Göthe noch Pestalozzi-Stiftung; es ist
merkwürdig, selbst des Letzteren Name steht dem Volke
als Maße, so sehr er ein Volksmann war gegenüber
fern; der Name Schillerstiftung hätte es vielleicht (?) sei-
ner Zeit thun können, doch auch jetzt liegt diese Beziehung
durch den Lebensumschwung wieder zu fern; es muß darum
so dünkt mich Etwas dieser und seine innerste Ursache um[-]
fassend und, wenn auch begrifflich, doch wieder sinnbildlich
bezeichnendes in dem Namen liegen, welchen die neue
Musterbildungsanstalt haben soll. "Einigung" aber, so muß
ich mir sagen "Lebenseinigung", allseitige Lebenseini-
gung ist, auf welche Stufe des <einsichtigen> Bewußt-
seins es auch immer sein möge, dieß ist das allerfassende /
[7R]
Grund- und Gemeinstreben; Allgemeinstreben der jetzi-
gen Zeit, ein Muster- Erziehungs- u. Bildungsganzes
dafür dieß dünkt mich muß man Menschen u. Streben
zu einigen im Stande sein. Also ein Verein, oder noch en-
ger ein Frauenverein zur Ausführung eines Erziehungs-
Ganzen
für Lebenseinigung, welches somit alle Seiten
der Erziehung, persönliche- u. Familien Erziehung &
Bildung, Kindergärten, Schulen u. Lebensbildung in sich
faßt, ein solcher Verein, ein Aufruf zur Einigung für
eine solche Stiftung, diese dünkt mich, müßte und wür-
de allseitig im Volke als Ganzem, beim männlichen wie
bei dem weiblichen Geschlechte desselben Anklang und
Unterstützung finden, Aechte wahre Lebenseinigung
die, als solche, und individuelle Bildung, Ausbildung u. Be-
rechtigung, Anerkennung u. Gewährung der Sonderbil-
dung in sich schließt wie solches die Natur jedem Gegen-
stande gewährt, in jedem Gegenstande zeigt u. darlebt -
solche Lebenseinigung erstrebt in der jetzigen Zeit Je-
der, u. Jedes auf seiner Bildungsstufe u. für seine Le-
bensverhältnisse - eine allgemeine Erziehungs- und
Bildungsanstalt dafür, unter dem er- u. zusammen-
fassenden Namen eines
"Erziehungsganzen für Lebenseinigung"
es umfaßte die Kindergärten u. die Einigungsschulen
die Schulen zur Lebenseinigung, in ihrer Vorbildung, in
ihrer Begränzung /:die Begründungs- die Elementar-
schulen in ihrer Aus- u. Fortbildung:/ die Aus- u. Fort-
bildungsschulen, wie die Schulen zur Umfassung und
Vollendung, die Umfassungs- u. Vollendungsschulen, die
Berufs- u. Hochschulen - alle diese steigenden Glie-
derungen der Schulen zusammengefaßt unter dem
gemeinsamen Namen: /
[8]
"Einigungsschulen"
u. wieder u. weiter in sich schließend die Kindergär-
ten:
"Erziehungsganzes für Lebenseinigung"
Was meinen Sie nun liebe Fr. v. M., wenn Sie nun
indem Sie dieß gelesen haben, einen prüfenden Blick
in Ihr Innerstes werfen,- könnten und würden Sie
nach Ihrem ganz einfachen, natürlichem Gefühl, nach der
Stufe Ihrer Einsicht ein solches Streben, einen Aufruf zur
Ausführung eines solchen Werkes unterstützen, wenn ich
Sie dazu einlade?- Könnten Sie sich geneigt fühlen Ihr
Geschlecht, die Frauemwelt [sc.: Frauenwelt] zur Förderung u. Ausführung
dieses Unternehmens einzuladen?- Von einem festen
Puncte müßte es ausgehen, an einem festen Puncte
müßte es sich aufschließen, welcher die freieste un-
gehemmteste Entwicklung, wie die einer kräftigen
tausend Jahre zu lebenden Eiche - gestatte u. gewähre.
(:Die Sorge um die Subsistenz, um die Bestehungs[-] u. Aus-
bildungsmittel dürften uns in der Wahl des Ortes nicht
beengen, nicht bestimmen; in dem Willen u. der Kraft,
in dem hingebenden Sinne der Deutschen, u. vor Allem der
deutschen Frauen u. Jungfrauen ruhete das Ganze -
wenn nur erst das Rechte u. Aechte, das Wahre u. Gahre
d.h. das in sich beziehlich Vollendete gefunden sind:) Ich
will diesen Punkt zunächst nicht nennen; allein ich
trage ihn im Herzen; Diesterweg hat ihn in seinem
Kinderfreund so schön bezeichnet; Sie Selbst hochge-
schätzte Frau haben ihm ja das Höchste u. Beste; Munt [sc.: Mund],
Sprache, Stimme gegeben. In dem Schooße, welcher
das Leben empfing, muß zunächst auch das Leben zur
Erstarkung gepflegt werden, aus dem Schooße muß /
[8R]
es auch den ewigen Entwicklungsgesetzen getreu
geboren werden, u. Marienthal, welche schützende, heilige
jungfräuliche u. mütterliche Pflege faßt dieser welt-
historisch bedeutungsvolle Name nicht in sich? Umfaßt
er nicht Juden u. Christen, Judenthum u. Christenthum
in gleicher Weise?-
Also prüfen Sie, prüfen Sie verehrte Frau! Prüfen
Sie das Ganze nach jeder Weise, prüfen Sie es mit
Diesterweg gemeinsam - man hat uns - ich weis nicht
ob Sie es wissen, man hat uns drei in Liebenstein
die Dreieinigkeit genannt; nun dünkt mich, wenn
drei so rein ausgeprägte Persönlichkeiten wie wir
drei, über eine Sache einig sind, dann könnte und
müßte die Einigung gewiß in dem Rechten u. Aechten
liegen. Also ruhige, sinnige, lebenvolle, unbefan-
gene Prüfung des Ganzen.- Mit diesem Wunsche be-
grüße ich den 4ten Tag des neuen, wie man sagt
verhängnißvollen Jahres 50, 1850 denn meine Uhr
zeigt 2 Uhr. Darum mit dem neuen Morgen zu-
gleich eine ruhevolle Nacht.- So bleiben ewig in der
Welt u. Natur die Gegensätze stehend u. herrschem [sc.: herrschen];
nur der menschliche Geist, der Menschengeist als
göttlicher Geist, als Gottes Geist ist es, welcher sie
vermittelt u. ausgleicht im Leben[.]

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