Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 24.1.1850 (Hamburg)


F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 24.1.1850 (Hamburg)
(KN 57,8, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Hamburg, hohe Bleichen No 19. Am 24' Jenner 50.


Middendorff.
Ich habe Deinen jüngsten Brief in welchem Du mich zum 3en
male aufforderst doch und wo möglich umgehend den Lange-
thalschen Brief und Antrag zu beantworten gestern A-
bend erhalten und da ich mich wegen überhäufter Geschäften
erst gegen 6 Uhr Morgens niedergelegt habe und nach 8 Uhr
schon wieder aufgestanden bin um mich auf meinen nach 9
Uhr begonnen[en] Cursus vorzubereiten, so habe ich Zeit genug
gehabt Deine Forderung oder vielmehr den Gegenstand der-
selben wiederkehrend zu durchdenken, doch auch diese Zeit
bräuchte es nicht einmal um Dir eine bestimmte Antwort
auf Deine Frage zu geben denn ich bin mir schon seit Jahren
seit dieser Gegenstand schwebt über denselben ganz klar
und Dein wohlgemeinter Brief welcher sich bemühet mir die Sache
recht klar darzulegen, wofür ich Dir aufrichtig danke, hat in
meiner längst gefaßten nicht das Leiseste geändert; genug!
ich hatte gewünscht und erwartet, daß Du und wer bei der
Sache betheiligt ist oder sich betheiligt meint, nach dem uralten
sich vielfach so bestätigenden als bewährenden Sprich- oder
vielmehr Erfahrungsworte: - "Keine Antwort ist auch
eine Antwort!" - mein Nichtantworten oder vielmehr mein
Schweigen als meine ganz bestimmte Antwort und den klarsten
Ausdruck meiner festen Überzeugung und bestimmten Willens
und Wollens nehmen würdet.
In der neuern Zeit sind mehrmals Luthers Reimworte: -
"Ein Jeder lerne seine Lection, so wird es wohl im Hause stohn!"
auf unsere gesammten Lebenszustände deren Träger, Hervorrufer
und Bearbeiter angewandt in öffentlichen Blättern erwähnt /
[1R]
ja zur ernsten Nachachtung für Jeden in allen Lebensbezieh-
ungen angepriesen worden. Meine Lebenslection zu lernen
aber zu lernen habe ich mir von meinen ersten bewußten verglei-
chenden Denken an Mühe gegeben, dazu liegen mir die Thatsachen
klar vor: ich habe sie erfüllt, dann wieder einseitig und so
fehlerhaft erfüllt und ausgeführt, dann abermals vom Ge-
müth aus erfaßt und dargelebt, doch wieder einseitig geübt,
bis ich solche nun klar erkannt und nicht nur gelernt habe, son-
dern auch geübt und in Klarheit des Bewußtseyns lebe; seit
ich dieß thue entwickelt sich mein Leben, wie vor Jedermans
Augen vorliegt, stetig steigernd, erweiternd, gestaltend
in sich vermehrender Anerkennung, und diese meine Lebens-
lection heißt: Schweigen. Ein Wort nur mehr darüber zu
sagen ist nachtheilig und schon ist es das so eben ausgesprochene.
- Mein Bruder und ich sind ein paar eigene Brüder - mein Bru-
der ist blind und ich habe ihn schon zum Öftern deßhalb glück[-]
lich geprießen und ich thue es noch; - ich bin bei Sprache und
Hörfähigkeit stumm, meine zu lebende Lection heißt wie
ich schon sagte Schweigen.- Es geschieht viel Wunderbares
in der Welt; allein eben dieß Wunderbare sagt mir das [sc.: , daß]
ich richtig und recht sehe und höre; so gewinnt z.B. die deutsche
Gassenweisheit - ("die Weisheit auf der Gasse" eine
bekannte treffliche deutsche Sprichwörter-Sammlung)
ich möchte sie lieber die Erfahrungsweisheit nennen
immer mehr bedeutung und Wichtigkeit im und für das
Leben und diese sagt wieder: "Gott behüte mich für mei-
nen Freunden mit meinen Feinden will ich schon fertig
werden!"- Dieß klingt wunderbar und doch ists wahr,
ist mehrfach bis auf die jüngste Zeit hier in Hamburg wahr
warum? und wie so? - warum? - löse es auf.- /
[2]
Ich hatte den thatsächlichen Beweis für das so eben Ausgespro-
chene für Dich aus einer in Sachsen erscheinenden Zeitung,
ich glaube aus der Frauenzeitung der Otto in Meißen
herausgeschnitten, finde es aber leider nicht, genug, Fran-
kenberg
läßt aus Dresden von einem seiner Freunde in die
Welt hinaus schreiben: Frankenberg sey der erste Begründer
der Kindergärten in Dresden und es klingt beinahe so, als
hatte er den Namen Kindergarten für Sachsen und Dresden
selbst erst gefunden; sollte nun Frankenberg nicht bis über
die Ohren erröthen wenn er so etwas liest; sollte er nicht eilen
der Wahrheit zur Steuer [sc.: zusteuern] - damit es endlich wahr werde: die
Wahrheit wird mich freimachen - sollte er nicht eilen die
Sachlage klar mitzutheilen, so schlürft er diese Erbärmlichkeit
wie Honigseim ein - und nun sein Brief an mich natürlich
von der noch mit Honig bedeckten Zunge wie süß; das soll nun
Streben nach Geistes- nach Lebenseinigung seyn! und wer
weiß was noch alles! nein! noch eine Menge was geschrieben
steht.- Doch ich weiß, was ich weiß, und mein Wissen soll mir
Niemand rauben; denn es ist ja Eines mit meinem ganzen
Wesen und dieß habe ich mir nicht gegeben, und darum Schweigen!
Der Brief Langethals folgt zurück wie Du wünschest. Du
schreibst mir im vorigen Briefe das Ferdinand Euer ihm nach
Willisau geschriebenen Briefe wieder durch[ge]blättert habe;
auch ich habe hier, wenn auch nur in Gedanken, die Briefe
wieder, wie früher zugleich mit Dir, so auch jetzt gelesen
welche Langethal in einer hochwichtigen Lebensentwicke-
lungs Zeit nach Blankenburg schrieb, Du wirst Dich derselben er-
innern: - was dabei in meiner Seele wiederhallt will ich nicht
niederschreiben! - aber ich, ich habe es in derselben nicht hervorgerufen! /
[2R]
- Aber auch über das mir mitgetheilte Abwiegen von
Vortheil und Nachtheil habe ich und darf ich kein Wört[c]hen
sagen, denn immer tönet es in meinem Innern schweig,
schweig! schweig! - sie haben Augen, haben Ohren, haben
u.s.w. u.s.w. haben Gedächtniß haben - ein Gewissen; ja ein Gewissen!
- Den Bruder kannst Du wieder aus reinsten Herzen
mit Liebe und Dankbarkeit, ja Dankbarkeit grüßen; was
er gesagt hat wird er zu rechtfertigen wissen, ein Jeder
sieht natürlich das Leben - denn wir leben ja eben in einer sinn-
lich-geistigen Welt von einer andern Seite an; Dir aber Mid-
dendorff muß ich weil Du es mit der Sache - mit den Menschen
und mit mir auch gut meinest sagen, daß Du mit alle dem
was Du mir mittheilst, d.h. mit Deiner Beachtung desselben
rein auf den Holzweg bist: - immer nur nach Außen nach
Andern, Freunden siehest Du - und so alle, alle kein tief
gegründetes Urtheil aus dem innersten Wesen des
Leben; - was soll aber aus solcher Oberflächlichkeit hervor
gehen? - Schein! - Schein! - Schein! - Dadurch ist aber die
Menschheit, sage die ganze Menschheit schon mannigmal an
den Rand des Verderbens gekommen und die Völker viele.
Was kümmern aber den Einzelnen, Eigensüchtigen Mensch-
heit, Völker, nun diese mögen sich selbst helfen - Gott
behüte aber die Menschheit vor allem jetzt vor dem ver[-]
nichtenden vergiftenden Schein vor allem und zunächst
unser deutsches Volk und Vaterland u.s.w. u.s.w.
Darum die Kindlein - an der Mutterbrust und - die
Kindheit an - der Hand - ihrer Erzieher! -
Lebt wohl.
FriedrichFröbel.-