Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 7.2.1850 (Hamburg)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 7.2.1850 (Hamburg)
(BN 651, Bl 58-59, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., zit. König 1990, 167)

     Hamburg, hohe Bleichen No. 19. Am 7 Febr 1850.


Meine theure, töchterliche Freundin,
               liebe Ida.

Wie freue ich mich Ihnen das zur Beruhigung Ihres Herzens
und Gemüthes von mir gewünschte kleine Wörtchen Nein!
in der Ihnen bekannten Beziehung ohne alle Einschränkung und
Trübung aussprechen zu können; nicht etwa um dadurch zugleich
ein Urtheil über anders Denkende und noch weniger um über diese
ein verdammendes, ja nur aburtheilendes auszusprechen, sondern nur
um von der Thatsache wie sie ist und steht Rechenschaft und Kunde zu
geben. Ja sehen Sie meine liebe Tochter und Freundin, das ist eben
die hohe Freudigkeit meines Gemüthes und Geistes, die Kraft, Fe-
stigkeit und Sicherheit meines Handelns, der Schatz meines Lebens
daß das Leben Jesu, durch Mutterliebe und Treue und weiblicher
Pathe Vorahnung und Pflege, von meinem Erscheinen auf der Erde
und der ersten Lebensweihe an (wovon mir eben gleichsam zum
Schutz meines Lebens ich möchte sagen die Urkunden geblieben sind)
daß das Leben Jesu von den ersten Tagen meines Lebens durch
mein ganzes eigenes Leben hindurch ein innig einiges gewesen
ist, auch nie getrübt worden ist ob ich gleich mit Bewußtseyn
und Energie alle Stufen der Menschenbildung durchlaufen, nicht
durchlaufen, sondern denkend durchlebt habe. Jesus und sein
Leben, Wollen, Wirken Thun war mit mir Kind, Knabe, Jüng-
ling und Mann und wird mich als Greis aus dem Leben führen.
Ja es wird mich in immer mehr strahlendem Lichte durch alle
künftigen und weiteren Lebensentwickelungsstufen hindurch
geleiten. Wie es das glückliche Kind, den frohen aber frühe den-
kenden Knaben begleitete, so wahr [sc.: war] es ganz besonders ein Gegen-
stand des Forschens und Anstrebens eben des strebenden Jüng-
lings in aller Reinheit u Wärme des Gemüthes in aller Klar-
heit des Geistes und mit aller Kraft, des Wollens u des Thuns. /
[58R]
Aber sehen Sie, liebe, liebe Ida eben weil es mein Schatz ist
deshalb spreche ich fast gar nicht in hergebrachten <Form[w]erk>
von demselben und scheue mich fast den so oft gemißbrauch
ten Namen zu nennen, um nicht einmal dem Scheine Raum
zu geben, daß ich nur solchem Wort- und Namengeklingel
huldige; davor möge mich Gott und Jesus durch sein Beispiel
selbst bewahren. Ich habe innig, so innig im Leben geliebt, daß
mein Leben dadurch seinen höchsten Schwung erhalten hat; nun
wer so liebt, wird derselbe den Namen seines von ihm gelieb-
ten Wesens viel im Munde haben? wird es ihm gleichgültig
seyn wer? ihn nennt, wie? und wo? er genannt wird?
Aber einen Schatz wie ich ihn besitze will möchte ich wenigstens
allen Menschen, möchte ihn den Menschen recht frühe, möchte
ihn dem Kinde geben, damit er mit demselben wie wir
großwerde und ein Geistesschatz werde <dwelche> in alle
Ewigkeit nie wieder verlasse - Allein so etwas das
will - gelebt - erlebt - durchlebt seyn, aber
nicht:- gelernt - erlernt - durch- oder vielmehr auswendig
seyn.
Sehen Sie, so will ich meinem Kinde seinen Jesus " zum besten
Seelenfreunde
" geben und - finden lassen; auch mir wurde
er so gegeben auch ich habe ihn so gefunden, habe mit ihm nun
bald 70 Jahr ich darf sagen in steter Einigung gelebt, habe
freudvoll, friedvoll ja in mir stets anstrebend ein
wesenwürdiges Leben zu führen, im stetem Streben nach
sittlicher Freiheit gelebt, ich glaube erkannt zu haben was
es heißt ein ächter Nachfolger, ein Jünger Jesu zu seyn
und glaube die Mittel erkannt, durch ihn gefunden zu
haben es zu werden:- es ist das Thun: die That:
Gehet hin und saget: die Blinden werden sehend u.s.w ist w.
Aber auch Jesu Jünger sind,- wie ein deutscher Sänger /
[59]
so schon [sc.: schön] sagt: - "meine Brüder" - und so begann mein Leben
mir frühe schon, und steigend im Leben immer mehr, die
Wahrheit des Ausspruches eines derselben: "unser Glauben wird zum
Schauen werden" - im immer höheren Lichte
zu zeigen. Und sollte ich mich dessen nicht innigst freuen
die Wahrheit des Geglaubten nicht nur einseitig, nein! all-
seitig in Gotteswelt der Vaterliebe und Güte zu schauen.
Das Kind schaut nun aber eben so gern als es willig glaubt,
denn es ist wie wir alle: ein sinnlichgeistiges Wesen,
sollte ich ihm nun jenes Schauen, da es anerkannt mög-
lich ist, nicht auch möglich machen?- Sollte ich nun das
Kind, ihm seinen kindlichen Glauben, wahrend, schützend
nährend und pflegend - nicht auch diesem möglichen
Schauen entgegen bilden, damit Jesu Wort auch durch den
Mund seiner Jünger gesprochen - zur Wahrheit werde?-
So soll Jesu Wort und Lehre, Wollen und Thun, der sich stets
des Menschensohn nannte eine Lebens- und Weltwahrheit
und so das Christenthum zum höheren allgemeinen Menschthum
werde. Und trägt mein und unser aller Wollen nicht dieses
Streben an der Stirn?- indem wir den Menschen zurufen:
      "Kommt, laßt uns den Kindern leben!"
Ist dieß etwas anderes als die Verallgemeinerung
der Forderung Jesu:- "Lasset die Kindlein zu uns kommen?-
So nun hoffe ich, sind Sie über mein ungefärbtes Gott- und
Jesueiniges Streben und Stehen vollkommen beruhiget, so
beruhiget wie es viele andere Jünger und Jüngerinnen Jesu
auch sind. Der Glaube aber braucht die Stütze, und das ist das
Schauen. Sehen Sie einmal schon vertrauten Sie mir, und Sie
<sprechen / sprachen> es in Ihrem lieben Briefe aus: Sie wurden nicht ge-
teuscht: auch jetzt vertrauten Sie mir und zwar mindestens
zum zweitenmale schon; dennoch wünschten Sie das Wörtchen /
[59R]
"Nein!" zu schauen. Halten wir unserem Geiste nicht
vor, vorenthalten wir demselben nicht, was zu suchen
von Gott in ihn gelegt ist, denn selbst Gott schauete
daß Alles gut war.
Darum meine ich nun:- vertrauen Sie mir abermals
ganz, wie schon einmal, aber eben wieder ganz: gleiches
Streben einet uns ja: Jesu Wort und Lehre der Lebens-
einigung, der Gotteinigung soll entlich Wahrheit, soll
Wirklichkeit, soll That werden.
Doch bedarf Ihr Herz - denn das Menschenherz ist schwach
selbst oft in seinem Glauben, deshalb aber sollen wir auch
pflegend und schonend mit ihm umgehen - bedarf aber
Ihr Herz noch anders woher Rath, so wenden Sie sich
an Middendorff er ist ein so christliches als religiöses Ge-
müth, ein Mann ohne Menschenfurcht und Menschenschmei-
cheln: fragen Sie ihn, hören Sie ihn. Ich könnte Ihnen noch
eine wie Sie durch Glauben, Vertrauen, Prüfung und Schmerz
hindurch gegangene Schwester nennen doch, Sie kennen dieselbe
ja nicht ob ich gleich meine Ihnen schon früher deren Namen
Luise Levin genannt zu haben, der Vorsteherin meiner
Bildungsanstalt in Bad Liebenstein.
Was Sie mir in äußeren Beziehungen schreiben hat Alles
seinen namhaften Werth, doch muß ich meiner Überzeugung
ganz treu bleiben: es ist ein höherer Ruf, ein Ruf zu weiterem
Wirken welcher von hier aus an Sie ergieng. Aber das muß
ich auch offen sagen:- Sie werden besonders Anfangs hier
sehr vieles vermissen, dagegen aber auch wieder Vieles
finden - wenn Sie es finden und sehen wollen was Sie dort ver-
missen - ein segensreiches Einwirken und Fortwirken in
eine Mehrheit achtbarer Bürgerfamilien, ja in ein ganzes
Hochachtbares Bürgerthum, von hier aus auf und in ganz
Deutschland wirkend. Nun entscheiden Sie wie es Ihr
Herz und Geist bedarf.      I[hr] Fr[eun]d Fr[iedrich] Fr[öbel].
     Antworten Sie recht bald.