Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Ida Seele in Darmstadt v. 15.2.1850 (Hamburg)


F. an Ida Seele in Darmstadt v. 15.2.1850 (Hamburg)
(BN 651, Bl 60-61, Brieforiginal/Fragment 1 B 8° 4 S. Der Bogen ist beschädigt Bl 60 Mitte und unterer Rand, Bl 61V rechts unten = 61R links unten.)

Hamburg hohe Bleiche No 19. Am 15en Fbr 50


Geschätzte, liebe Ida.

Nun werden Sie ja meinen jüngsten etwas verspä-
teten Brief auch erhalten haben, welcher Sie hoffent-
lich über mich ebenso beruhiget haben wird, wie der
von Herrn Middendorff.- Übrigens braucht und
soll Ihnen das Schreiben Ihres freundlichen und wahr-
haft vertrauenden Briefes gar nicht im Mindesten
Leid thun; denn wir haben uns durch denselben nun
gegenseitig bis auf unsern innersten Kern kennen
lernen [sc.: gelernt] und dieß ist zu gemeinsamen Wirkens von
solcher Wichtigkeit; wie das unsere das erziehende ist,
ganz besonders ersprieslich. Sie sehen nun, wie <ich von>
dem Bestreben, wie von dem Wesen Jesu und seinem
Lehren tief und ganz durchdrungen bin und das Heil
der Menschen jetzt und künftig darin begründet sehe.
Demohngeachtet aber kann ich keinen Werth auf das
recht bezeichnend sogenannte Auswendig- und Anlernen
seiner Lehren legen. Gedächtnißkram-lernen
den mag ich nicht; kein Wortgeklingel aber tiefes Ein[-]
dringen und Erfassen der Sache nach Maaßgabe des
Fassungsvermögens der Pfleg- und Zöglinge, das
will ich; die Lehren, ja das Leben, Streben und Wollen
Jesu soll wie in unsern Geist und Gemüth so gleich[-]
sam in unser Fleisch und Blut, d.h. in unser eigenes
<selbstischen> Streben und Wollen <übergehen>. Von ächter
kindlicher Frömmigkeit, wie Ihr <Brief> solche zeigt, /
[60R]
davor beuge ich mich selbst als Mann, aber
den die Religion zur Schau tragenden, sie in
äußerlichen Worten, Redensarten und Gebräu-
chen findenden Pietismus, den hasse ich, wie das
Auswendig- und Angelernte Christenthum, aber
das von Gott selbst ursprünglich in den Menschen
gelegte, aus ihm zu entwickelnde, aus ihm entwick-
kelnde, ja in der ganzen Natur, wie in dem Leben und
Schicksalen der Menschen sich findende Christenthum
- weshalb Jesus sagt: - ["]den Kindern ist das Himmelreich"
und - "werdet wie die Kinder!" dieß Christenthum ist
das meine, dasheißt das ganz persönliche gotteinige
und gotteinigende Streben und Leben Jesu selbst
. Ich will
daß das Leben und die <Forderungen> Jesu nicht nur eine
Wahrheit werden <sondern daß> sein Leben, Wollen und
Wirken Wahrheit sey, <daß> will ich in der Natur wie
im eigenen Selbst und Leben, wie in der Geschichte lesend
d.h. zu lesen machen. Auch will ich, daß das Erkannte
nicht in der Luft unbestimmt herum fliege, sondern sich
<anzweckdienliches>, entsprechendes Wort, Ausspruch
Lied, Vers, Gebet knüpfe, aber stets einen entwick-
kelten Grund und Boden im Innern des Kindes finden.
N! [sc.: Nota!] Was für gewisse Schichten und verwahrlosete Zu[-]
stände des Lebens nöthig seyn muß und kann, das ist
aber keinesweges für den zum Denken, Verstehen
und <Vernehmen> bestimmten Menschen überhaupt gut.-
Um es nun ganz kurz und ganz bestimmt zu sagen: -
ich pflichte ebensowenig einer innern Mission wie und
Wichern wie einer freien Gemeinde und einem Ronge /
[61]
bei. Sie mögen es beide gut, redlich und offen meinen,
und meinen es wohl so, ihr Streben mag auch wohl, weil
es nun einmal sich geltend gemacht hat, für gewisse
Lebensverhältnisse nothwendig seyn, dagegen habe ich
alles nichts - weßhalb ich weder das eine noch das andere
bekämpfe, ich aber - ich habe mit dem Leben als Ganzes
ich habe es mit dem Menschen an sich mit seinem Wesen,
seiner Bestimmung, und den Mitteln und Weisen es zu
thun wodurch er sie erreiche - dazu giebt mir nun aber
auch, wie alles oben schon Genannte, so auch die Bibel
- welches für mich die innere Entwickelungsgeschichte
der Menschheit enthält - klare Kunde.
Mein Gott- und Jesu- überhaupt allgemein lebens- einiges
Leben gründet sich in mir - in der Gesammtheit meines Lebens
in der Menschheit und in dem gesammten MenschheitsLeben
so mit auch in Jesu Wollen und Streben und Wesen, in
der Bibel, wie in der Natur und zwar in mir selbst
wieder in doppelter Weise, in meinem Ahnen, Trieb, Ge-
fühl - wie in - meinem Denken, Vernehmen, Wissen.
Wenn ich von der Gotteinigung, der Lebenseinigung
an sich, solche und so viele Stützen, Quellen, <Gr[ünde]> [*abgerissen*]
und so weiter geben kann, warum soll ich <mi[ch]> [*abgerissen*]
mit einer einzigen - überdieß angelernte<[n begnügen]> [*abgerissen*]
Meine, mir wirklich theure liebe Ida, Sie <[wissen]> [*abgerissen*]
gar nicht welch ein Schatz in unsern Kindergärten <usw. war[tet]> [*abgerissen*], welch ein klar flie[ßender] [*abgerissen*]
Quell den-
selben durchzieht und bewässert. Es ist <[die]> [*abgerissen*]
ächte Gott- und Lebenseinigung, und ächter <[Seeligkeit]> [*abgerissen*]
in Frieden, Freude und ächte Freiheit zu wel[cher] [*abgerissen*]
- Jesus <hinweist.> - Trauen Sie nur, Sie <kö[nnes es.]> [*abgerissen*] /
[61R]
Nun zur Sache des ersten Hamburger Bürgerkindergarten[s.]
Am Dienstag den 12en dieses M. dem Vorstande übergehen [sc.: übergeben][.]
Es ist Ihnen der Eintritt bis zum 1en Juni frei gege-
ben und vielleicht mit diesem Briefe erhalten Sie
die schließliche Entscheidung des Vorstandes - der
Kindergarten wird jedoch durch eine möglichst in Ihrem
Geist wirkende Kindergärtnerin im nächsten Monat
März eröffnet werden. Die Zahl der Kinder ist höch-
stens auf 40 von 2½-6 Jahr zum Eintritt festgesetzt.
Im Kindergarten sind sie von 9-2 Uhr. Eine Gehülfin
wird Ihnen auch da zur Seite stehen. Sie sehen Ihre hiesige
Wirksamkeit wird Sie nicht ermüden wie die in Darmstadt -
Sie haben hier Zeit auch sich zu laben. Überhaupt sucht man
hier Sie schon so zu stellen daß Sie vielseitig nicht nur zu-
frieden seyn, sondern sich wohlbefinden werden. Ists
möglich und wollen und können Sie sich ein Wenig beschrän-
ken so kann man Ihnen vielleicht in einer schönen Familie freie
Station d.h. Wohnung und Kost verschaffen was freilich
für Hamburg großen Werth hätte - dann könnten Sie
jährlich wohl ein paar Hundert Thaler mindesten[s] 150.
für spätere Jahre zurücke legen - Eine Person eine
[*abgerissen*] <[Dame]>- ein[e] der Inspectorin[nen] ist es höchstens welche durch ihre
[*abgerissen*] <[Gründlich]keit>, durch ihr Gouverniren-Wollen rc Ihnen etwas <lästig>
[*abgerissen*] [vorkommen] könnte, doch ist sie auch wieder so sorgsam und
[*abgerissen*] [voller Theiln]ahme für Sie, daß sich dieß wohl ausgleicht[.]
[*abgerissen*] <[Vor allem bedarf]> sie festen Willen, der ihrem Meinen entgegen tritt.
[*abgerissen*] [Jedenf]alls besuchen Sie mich auf Ihrer Herreise in Lieben-
[*abgerissen*] [stein.] <[Doch]> machen Sie nur, daß man Sie bald ziehen läßt.-
[*abgerissen*] [Ich wo]llte Sie könnten 4 Wochen bei uns bleiben. Ihr
[*abgerissen*] <[Ruf geh]et> fast durch Liebenstein. In treuer Freundschaft
Ihr Friedrich Fröbel