Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 23.2.1850 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 23.2.1850 (Hamburg)
(BlM XXIV,36, Bl 93-95, Brieforiginal 2 B 8° 6 S.)

Hamburg. hohe Bleichen No 19. Am 23' Febr 1850.
Gestern, als ich Deinen lieben Brief, meine theure Luise,
erhielt, wollte ich Dir denselben noch spät Nachts beantworten,
denn zum Abend war ich bei Amaliens Schwager u. Schwester
zum Candidat Ernst geladen, dem ich es schon längst zugesagt
und immer wieder abgesagt, also nun Wort halten mußte;
doch ich hoffte ja heut - wie es auch eingetroffen - die Wochen[-]
schrift zu erhalten und Dir somit heut deren Empfang anzei[-]
gen zu können. Und heut?- Vormittags hatte ich für mich
nothwendig zur geistigen Fortbildung zu arbeiten; - dann
kam wiederkehrend störender Besuch; endlich von 1½-3 Uhr
Vortrag; dann Mittag; dann Zeitungsangriffe, besonders
auf Lange, Erscheinen einer Sachdarstellung v. J. E. (:von
Frau Johanna Ehlers wie ich mit Bestimmtheit höre:)[.] Mit
nächster ManuscriptSendung erhaltet Ihr sie.- Versendung
einiger Exemplare derselben nach Berlin, so kam 6 Uhr
herbei und He. Friedmann trat ein, bald darauf Bendsen
die Amalie M. [Mattfeld] - Henriette Luise Härtlein, Candid. Ernst.
Zuletzt Frau Trauns Bruder He. A. Meyer um eine Ab-
handlung von Herrn Friedmann über die Zeitbestrebungen
von demselben verlesen zu hören. So ist mir der heutige
Tag verflossen ohne eigentlich etwas Wesentliches gethan
zu haben, denn jetzt ist es bald wieder Mitternacht, so
geht es alle Tage; ich bin recht froh wenn ich wieder zu ruh[-]
iger Arbeit komme, d.h. zu Dir und Euch. Nun zu Deinem
l. Br. Mit Freude folge ich in demselben Deinen Naturbetrach[-]
tungen und den Trost und Muth welchen Du Dir aus densel-
ben ziehst. Mit Dir hoffe ich daß der Seegen des Himmels
auch unserm Streben, wie dem der Natur nicht fehlen wird. /
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So sehr ich also auch mit Dir den Seegen des Himmels für
unser alles hingebendes Wirken [er]hoffe, so freut es mich
doch auch und beruhigt mich, daß Du mir schreibst auch auf
das Gegentheil seyest Du gefaßt. O, meine gute, treue
Luise, auch dieß kannst Du mit hoher Freudigkeit, denn
dem, welchem sich die Thore zu äußerem Glück verschließen
dem öffnen sich, wenn er nur in seinem Innern heimisch ist
in seinem Gemüth, Geist und Bewußtseyns die Thüren des
Friedens, ja selbst die der höheren Freude und ächten innern
Freiheit. Ja, meine theure Luise, wenn wir hier in Einigung
heimisch sind, so sind wir reich, überreich. Es ist wahr, es
klingt sonderbar und ist eben nicht sogleich begreiflich und
noch weniger zusagend: daß äußere Armuth inneren
Reichthum bedinge; allein so viel ist doch gewiß, daß wenn
man die erste recht auf und besonders in ihrer Rückwirkung
auf Geist und Gemüth und deren Erschließung erfaßt, daß
sie dann eine tiefe unerschöpfliche Quelle geistiger, hoher
lebenvoller Freuden erschließt: die Beachtung der wirklich
göttlichen Kraft, Reinheit, Zufriedenheit u.s.w. des mensch[-]
lichen Gemüthes, des menschlichen Geistes. Wenn meine
geliebte Luise, in dieser Hinsicht unsere Seelen unsere
Geister, unser Gemüth sich gegenseitig ganz durchdringen,
dann haben wir gewonnen. Glaube mir, l. L. daß diese
innigste Seelen- Geistes- und Gemüthseinigung und ein
damit ganz übereinstimmendes äußeres Leben die sorg[-]
samste Bestrebung meines Lebens ist. Denn was ich lehre
und sage, das will ich auch im Leben so weit es noch mög[-]
lich ist, zeigen und thun.- Sieh ob Du, wie Du Gemüth
hingebend bist, so auch, Dich anrankend, geistesstark werden kannst, /
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damit Sicherheit, Gleichmuth und Festigkeit ins Leben komme.
Nur dadurch erringen wir den Sieg über das äußere Leben.
Sag, steht nicht dabei auch unser Manfred uns wacker zur
Seite?- Nun zu Marienthal.
Wie Du Dich recht ernstlich aufgefordert von außen aufge[-]
fordert siehst für Marienthal zu sorgen, so drängt es
mich in gleicher Weise von Innen dazu. Ich hatte aber in
der letzten Zeit durch das hineingezogenwerden in das Unter[-]
nehmen der Hochschule und durch die daraus hervorgegangene
hiesige Frauenspaltung, so vieles Unangenehmes hier
durchzumachen, daß ich auf das Tiefste dadurch in meinem
Innersten gestört worden bin. Durch eine Art Gewaltschritt
habe ich mir wieder Freiheit und Ruhe gewonnen und nun
will ich auch mit größtem Ernste der Sache leben. - Du
schreibst mir nun zunächst vom Kaufen von Möbeln und dem
dazu nöthigen Gelde.- Überlege nun mit der Fr: Inspectorin
- macht Euch einen Überschlag - was die ganze Einrichtung
kostet zunächst also wie viel Ihr zum Ankauf der
wie Du mir schreibst von zwei Familien verkauft wer[-]
denden noch, und besonders für uns noch tauglichen Mö-
beln brauchst. Ob es aber gerathen ist alle Bettstellen
zu kaufen, das weiß ich nicht, wegen der Einquartirung
welche sie wohl unvermeidlich mitbringen und das ist
ja häßlich. Dem sey nun wie ihm sey, die Geldsache bleibt
sich gleich und ich werde sie in den allernächsten Tagen
mit Freunden hier in Berathung ziehn.- Wann wäre das
Geld an die beiden Familien für die von Ihnen gekauften Mö-
beln zu zahlen?- Nochmals berathe mit Fr: Inspect: u. wenn
d. He. Dr. einen guten Rath hat, auch mit diesem das Ganze und schrei- /
[94R]
[be] mir bald davon das Ergebniß.
Wegen den Keller werde ich das Nöthige besorgen.
Ist [es] möglich schreibe ich morgen früh nach Meiningen.
Auch die Anzeige will ich besorgen. Jetzt da hier
so ernstlich für die Bürgerkindergärten gearbeitet
wird - (der erste wird den 5[.] oder 6. März errichtet
werden Ida S. ist als Kinderg: an demselben angestellt;
da sie aber erst am 1 Juny eintritt, so wird Anna
Hesse
bis dahin ihre Stelle vertreten. Bis zum 1n Juny
hofft man aber spätestens den zweiten Kindergarten
für das Bürgerthum zu eröffnen und Anna Hesse ist
vorläufig für diesen zweiten als K. Gärtnerin bestimmt)
- Jetzt, wo, wie ich oben erwähnte ein ausgezeichneter
Aufsatz
von einer J. E. - "Ein Wort"
"an Hamburgs Mütter, über Kdrgärten und
     "Herrn Friedrich Fröbel,
"von einer Mutter."
erschienen ist, jetzt da Ihr und auch Andere mit meinem
Aufsatze in der W. Sch. [sc.: Wochenschrift] zufrieden seyd; jetzt da ich diese
drei und noch mehr Thatsachen für mich habe, so z.B. auch
den §.2. der Statuten des ersten H[a]mb[ur]g[e]r B[ür]g[e]rkindergartens,
jetzt kann ich jene Anzeige des nächsten Bildungscursus mit
großer Freudigkeit und hoffentlich Einfachheit ausführen
seit Wochen liegt der Anfang dazu in meinem Pulte.
Nun das Leben und Verständniß hat sich in sich und
außer sich abgerundet und so sind diese Wochen mehr
Gewinn als Verlust.
Hör! theure Seele, eben fällt mir etwas ein, ich trage
es schon lange in mir, habe es zurück gedrängt; doch jetzt /
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kommt mir der Gedanke wieder wie in die Seele geschneit
und so will ich ihn Dir wenigstens aussprechen. Ernst
Luther
, welcher in der letzteren Zeit mehrfach großes Inte-
resse für mein und unser Wirken gezeigt hat, Ernst L.
(:Du weißt er wohnt auf der sogen: schönen Aussicht bei
Salzungen:) hat mir vor längerer Zeit einmal gesagt,
daß er von seiner Frau eine bedeutende Summe geerbt
habe, ich weiß auch, er möchte gern etwas Tüchtiges mit
seinem Gelde ausführen; wie wäre es wenn Renner sich ein[-]
mal von dem Sachverhalt zu unterrichten suchte, vielleicht
daß man von ihm ein 500 rth zur Gründung des Unterneh-
mens erhielt. Entweder Renner allein, oder Ihr beide solltet
einmal bei ihm einkehren ihn von mir grüßen und hören
wie er sich zu unsern Unternehmen stellt.
Dein freundliches Willkommen von den beiden Hicke[-]
thier hat auch mir Freude gemacht, grüße S selbige wenn
Du sie gelegentlich wieder sehen solltest; ich halte gern
gute Hausfreundschaft. Je weiter ich Deinen Lieben Brief,
indem ich diesen schreibe, zugleich lese finde ich ja immer
mehr des Freundlichen. Siehe darum, theure Luise, fasse Muth
Eins hilft zum Andern, können wir uns nicht von einem Punkte
aus helfen so helfen wir uns von mehreren, immer ist es der
Geist unseres Wirkens, welcher uns helfen, die Idee des Ganzen
welche unser Leben auch äußerlich festigen wird.
Nun mit dem nächsten M[a]n[u]script denke ich auch die An-
zeige zu senden. Wegen Keilhau denke ich auch nach Keilhau
zu schreiben. Sag einmal: - da Emilie so freundlich an Dich
geschrieben hat: - reisest Du wohl dorthin um mit Hilfe
des Tischler[s] Löhn die Sachen einzupacken. 4 Bettstellen z.B.
bekämest Du von dort.- Einen Kleiderschrank /
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welchen Emilie noch in Gebrauch hat. Dann das <Plättuche / Schlaftuche>
das Übrige weist Du.
- Möge Dir Gott Deinen Wunsch erfüllen: daß Du Dich über
das Trübe des Augenblickes erheben könnest und [sc.: um] im Sturme
die Vorboten des Frühlings zu schauen.
Die Frau Inspectorin und den Herrn Dr. grüßend
sage Ihnen: - wenn alles so in Erfüllung ginge wie die
Menschen es mir so aussprächen, so würde uns Marien[-]
thal nicht nur gar manchen einzelnen Gast, sondern
sogar mehrere Familien und zwar einige recht liebe,
nach Liebenstein bringen, wenn auch vielleicht erst
gegen das Ende der Saison[.]
Ich sende Dir diesen Brief heut damit Du mir Nach[richt gibst.]
Recht nothwendig brauche ich Ballkästen; ich habe
zwar noch 5 Farbenfolgen Deiner Bälle allein ohne
Kästen; allein es hat auch nichts zu sagen wenn Du
mir mehrere Kästen sogleich mit Bällen gefüllt
sendest; nur möchte ich dann zu 5 Farbenfolgen Kästen
und dann noch Stäbe und Balken zu 3 Kästen, ich habe mir
solche einstweilen von He. Beit geliehen.-
Hat denn der Drechsler in Salzungen die Durchschnitte
von Kegel [*Zeichnung*] nebst Kästchen abgeliefert? - wenn
es [so] ist so möchte ich 3-4 solcher Kästen mit der Sendu[n]g
der übrigen Sachen gern hier haben.
Dieser Brief geht Sonntags den 24 Febr Morgens 9 Uhr
hier ab.- Eure Briefe u Packete bekomme ich immer
am 4' Tage.- Vom Postzeichen gerechnet: also vom
Gute aus am 5n Tage. - Herrn Volmers Brief hat mich
sehr gefreut, es ist ein edler Mensch. Lade ihn einmal nach L. ein.
Grüße All- und Malwinen so wie die Übrigen rc

D.Fr.Fr.