Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 13.3.1850 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 13.3.1850 (Hamburg)
(BlM XXIV,42, Bl 106-109, Brieforiginal 2 B 8° 6 S. + Adr.)

Hamburg. Mittwoch am 13. März 1850. Abends.


Meine einzige, theure Luise.

Könnte ich doch all das Liebe und Freundliche was Dir
mein Herz sagen möchte in ein einziges Wort zusam-
menpressen um Dich so ganz durch und durch zu beruhigen
und zu beglücken, wie gern thäte ich es; daß Du Dich durch
den Drang meiner brieflichen Äußerungen betrübt
gefühlt hast, ist mir leicht einsichtig. Doch war dieß natür-
lich beim Niederschreiben jener Zeilen keinesweges meine
Absicht; Du machst mir gern Freude, warum sollte ich Dir
nun nicht zeigen, daß Du eine Gelegenheit mehr noch
in Deiner Hand dazu hast, wenn Du mich mit dem Fortg[an]ge
der Her[au]sgabe oder vielmehr dem Drucke derselben in
Kenntniß hieltest. Jetzt nun ist das V vorbei, jetzt wartet
jeder wenigstens ruhig seine 8 Tage ehe er fragt: "erscheint
die Wochenschrift bald", weil er jetzt spätestens in 8 
Tagen immer befriedigt wurde. In den Tagen des Ordnens
haben mich aber die Menschen und ganz namentlich
W. Lange in seiner Ungeduld ganz wild gemacht;
ich sollte immer Auskunft geben und wußte es nicht.
Lange in seiner stürmischen Äußerlichkeit wollte
gleich allen Muth verlieren; ich sage Dir, es war fast
zum Davonlaufen. Daß Dich auch nun eine unbedeutende Klei-
nigkeit davon noch traf nun das [darf] Dich aber nicht so betrüben;
sind wir nicht lebenseinig?- Lebenseinigkeit bedingt
unerläßlich des ruhigen Ertragen[s] auch der gemeinsamen
Lebensleiden wie der gemeinsamen Lebensfreuden; dazu /
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muß sich Jeder stark glauben und stark machen der
in Lebenseinigung tritt. Lebenseinigung giebt nicht
nur geeinte und so erhöhte Lebens Freuden sondern unablässig auch solche Leiden;
wer das erste von Lebenseinigung
erwartet ist ein Thor; und wer wollte ein Thor seyn?-
Die beglückenden Frühlings- und Herbstfreuden fordern un[-]
bedingt das Ertragen der Winterleiden, des Frostes und
der Sommerleiden der Hitze. Nur hat es mit den gemein[-]
samen Leiden des geeinten Lebens eben auch wieder seine
ganz eigene erfreuende Bewandtniß; aber dadurch und <darin / darum>
daß man sie gemeinsam trägt und so in Einer, wenn
auch nicht eben angenehmen Sache, daß man zwei bis-
her getrennte Leben nun als "ein in sich einiges fühlt" - und
dieß Gefühl der Lebenseinigung mindert jedes Leiden.
Doch genug. Ein leicht erregbares Gemüth ist immer schwer vor
solchem Schmerz zu wahren und sich zu dessen Durchdringung
zu erheben. Ich wünsche es mit voller Seele für das Deine.
In Renzburg [sc.: Rendsburg] wurde natürlich Deiner so viel als Bestens
gedacht. Vieles was Dein mütterlich kindlicher Sinn an den
Kindern bewirkt wurde rühmend zurück gerufen; wie es mir
um der wirklich bescheidenen das ernsteste Streben unver[-]
rückt im Auge habenden Rosalie wirklich leid thut, so
gestehe ich doch auch, daß ein hoch erfreuendes Gefühl, Dich
mir geeint zu wissen, mich dabei erhebend durchstimmte.
Erlasse mir die Hererzählung der einzelnen Freundlichkeiten
welche man mir erwieß. Mündlich wohl davon. Fr: C[a]mm[e]rherr[in]
machte es besonders Freude mir Dein Zimmer, Auguste
ihre eben jetzt eine schöne Blüthe treibende Calla zu zeigen, -
Alle Kinder begrüßten mich, in ihre Spielstube tretend /
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mit dem Liedchen: - "Sieh ich kann ein Körbchen machen pp["]
Sie trugen kleine Papierteller in ihren Händen, auf wel[-]
chen - wie man mich [sc.: mir] fest versicherte [-] ganz selbstgewählte, wie
selbst ausgeführte Bewillkomm[n]ungsworte standen; Du wirst
sie sehen; so wie Farbenerfindungen rc.
Der Herr Cammerherr zeigte mir auf einen Spatziergang um die
ganze Stadt d.h. um die Festung, wie so sinnig Du die Kinder in
die Natur eingeführt habest. Es ging dabei lang u viel ja fast immer
am Wasser hin in einer Wasser[-] zu einer <Schlangen[-]> Allee.
Die Anwesenheit der Frau Just. R: Pauly aus Kiel war
die Bestimmung meiner jetzigen Reise nach Rendsburg; sie wünschte
mich kennen zu ler[n]en. Ihr herliches [sc.: herzliches] Töchterchen froh u
gesund, der[en] Du Dich gewiß noch erinnerst, Andrea läßt Dich
grüßen. Ebenso der kleine Ernst; auch die Kinderfrau
hat mir freundliche Grüße an Dich aufgetragen, wie Dein Blumen[-]
Pfleger d[er] He Sekretär. Wie Dich die Fr: Chrrin [sc.: Cammerherrin] liebend grüßt,
so hofft auch die Dich grüßende Frau Justizräthin Pauly von
Dir gekannt zu seyn.
So verließ ich Montags früh am 11' unter heftigem Schneege[-]
stöber 6 3/4 Rendsburg so, daß ich um 11 Uhr aber sehr angegriffen
in Hamburg ankam.
Bei Meiner Abreise von Hamburg, hatte ich dasselbst eine
neue Mitträgerin der Idee der Kindergärten zurückge-
lassen < ? > welche ich erst am 5. März Abends nach der Vorle-
sung kennen lernte, eine gewisse Frau Schmieder aus
Dresden, deren erste Bekanntschaft ich durch den beiliegenden
Brief einer Mutter machte, welcher an Friedmann gerichtet
mit [sc.: mir] von demselben mitgetheilt wurde wovon das letzte
Ergebniß ihre Reise von Dresden nach Hamburg gewesen war. Sie hat sich in den Zeilen gegeben /
[107R]
wie sie ist, Du kannst sie daraus klar erkennen. Ich lege
deßhalb diese Zeilen bei, weil sie künftiges Frühjahr
auf jetzt auch noch unbestimmte Zeit, aber doch ganz ge-
wiß nach Liebenstein kommen wird.
So sind noch Mehrere welche zwar gewiß aber hinsichtlich
der Zeit noch unbestimmt nach Liebenstein kommen wollen, so
wohl aber erst im Herbst eine Familie Toberenz mit herrl[ichen]
Töchtern von 14-20 Jahren - dann ein gewisser Dr Schmidt
aus Berlin mit Frau.- Habe ich Dir den letzteren Brief der
Frau v. M. aus Merseburg mitgetheilt, worinn sie auch
der begeisternden Theilnahme einiger pädagogischen
Nobilitäten und Autoritäten erwähnt welche uns auch in
Marienthal besuchen wollen?- Habe ich Dir oder Manfred
keine Abschrift von diesem wichtigen Briefe bisher noch nicht
mitgetheilt, so soll es demnächstens gesche[he]n. Heut ist keine Zeit.
Doch was ist in Beziehung auf meine und unsere gemeinsame[n]
Bestrebungen - wir, ich wenigstens kann sie nicht anders
als zu und für LebensEinigung erziehend bezeichnen, - was
ist nun an dieser Beziehung eigentlich die wirkliche
Sachlage der Dinge und Verhältniße.
1. Das Bedürfniß einer frühen, gerechten Beachtung und
Erziehung des Kindes bis zur Schulpflichtigkeit ist beim
Bürger- Geschäfts- und Arbeitsmann, beim eigentlichen
Volk noch wenig geweckt.- Hamburgs 1en Bürgerkinder-
garten sehe ich als das erste Saammenkorn an um die
Kindergärten dem deutschen Bürgerthum u Volksthume
zuzuführen es kann hierbei erstl. das Beispiel zweitens [e]in
unbewußter Zug und Dra[n]g endlich drittens gesteigerte Ein-
sicht zum Grunde liegen. Sicher besteht die Gründung wo alles /
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Dreyes thätig und wirksam ist - obwohl nur sehr langsam
so wird doch, bei sorgsamer Pflege und Weiterleitung des
bereits Begonnenen sich daran eine steigende Fortentwickelung
sicher anknüpfen indem ja der Nachahmungstrieb, - der Trieb nach[-]
zudenken und der Lebenstrieb nie ganz aufhören können thätig zu seyn[.]
Wäre nun auch bei den Bürgerkindergärten irgend eine egoi-
stische Triebfeder, so verliert diese ihre tödtende Kraft indem
sie das ganze Bürger- und Volksthum umfaßt.
Alle anderen Kindergärten als Unternehmen eines Einzel[-]
nes nen oder einer Mehrheit u Gemeinsamkeit sind zwar
auch vom Ganzen aus und mit um so größerer Sorgsamkeit
zu pflegen, als sie immer auf schwachen Füßen, vereinzelt und
aus dem Ganzen herausgerissen dastehen.
Von den Unternehmern dieser Kindergärten ist für das Allgem[eine]
nichts zu hoffen, denn S sie eben wollen ja zunächst durch das Allge-
meine bestehen dieß zeigen mir die Kindergärten in Dresden,
in Hamburg, in Quetz (?) in Rudolstadt, Gotha, Erfurth rc.
Eisenach, keiner dieser Kindergärten zeigt eine Wirksam[-]
keit für das Allgemeine, d.h. für den Grundgedanken, die
Idee des Ganzen.
Warum führe ich Dir meine theure u einzige Luise dieß
vor, deßhalb - dadurch uns recht klar zu werden: wir sind
mit der Begründung und Ausführung unserer
Erziehungs- und Lebensunternehmung, ganz
auf uns selbst und auf den Einklang und die
Mitwirkung des höheren menschlichen, ja Natur-
und Gottesgeistes hingewi[e]sen, der jetzt die
Welt durchhaucht; - aber eben es [sc.: als] Hauch und
kein Stoffe, kein Geld.
Einen andern als diesen geistigen Mitförderer und Begründer /
[108R]
werden wir nun wohl nicht zu erwarten haben, wenigstens
sprechen mir dieß meine jüngsten Erfahrungen in Berlin und
Hamburg aus.- Auch die Mahrenholz und selbst Diesterweg
in Dresden Marquart u Dr Herz u.s.w. - was wirken
alle diese weiter als geistige Ausstrahlung, recht um sehen
zu lernen allein nichts was pflegend, ernährend, stärkend kräfti[-]
gend auf den Kern, dem Keim, den Anfang und Ausgang
in Beziehung auf diesen heißt es immer: hilf dir selber und die
wiederkehrenden erfolglosen und leeren Bestrebungen, denen
ferner einen Hauch von Werth bei zugelegen [sc.: beizulegen], das soll man sich zum
Verbrechen machen - die Mahrenholz ist mit all ihrem Gutmeinen
doch eine Verführerin, aus ihren Bestrebungen ist noch nicht ein einz[i]ger
Kindergarten, wohl aber viel leere Worte hervorgegangen.
Dessen allen ohngeachtet nun, meine Theure, steht mein Entschluß
ganz fest: im Monat Mai, gegründet auf der Wahrheit der
Idee, gestützt auf den stillbeistimmenden Geist, den unge[-]
ahneten einigenden Geist der jetzt durchs Leben zieht und
trauend unserer äußeren Lebenseinig[un]g, hervorgegangen
aus sich bewußtgewordener innerer Gemüths- und Geistes[-]
einigung blos mit und durch uns dreie: Dir dann als meine theure
Hausfrau und Manfred gleichsam als ältester Sohn oder jüngerer Bruder oder
Sohn und ich mir die neue Unternehmung, wie
1816 die allgem: d. E. Anst. ins Leben zu rufen.
Laß Manfred in der Stille das Nöthige besorgen d.h.
befragen, doch glaube ich auch nicht daß es nöthig ist; am
Ende wird sich alles schnell u leicht machen. Nächstens
werde ich mich über Einzelnes bestimmt weiter mittheilen[.]
Die Trauung kann durch He. Pf[.] Rückert in Schweina geschehen.
Du siehst aus diesen Mittheilungen in welcher Einigung ich das Leben erfasse
Dein Friedrich /
[109]
[leer] /
[109R]
[Adressat:]
An Luisen.