Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an August Wilhelm Müller in Meiningen v. 19.3.1850 (Hamburg)


F. an August Wilhelm Müller in Meiningen v. 19.3.1850 (Hamburg)
(BN 727, Bl 12-14, Abschr. 1 B 4°+ 1 Zettel 6 S. von anderer Hand, mglw. Handschrift Luise Hertlein, textidentisches Abschriftfragment in BN 727, Bl 11, 1 Bl fol. 2 S. Adressat: Am 2.4.1850 schreibt F. an Luise Levin, er habe den Diakon Müller darum gebeten, beim Ministerium Vorsprecher zu sein, vgl. Abschrift, BN 727, Bl 14R; außerdem vergleichbare Anrede wie in den Briefen an Müller v. 13.10.1850 u. 6.10.1851. Dat.: Lt. 12R ist der Brief geschrieben bei 14tägigem Bestehen des 1. Hamburger Bürgerkindergartens; Briefliste dat. "nach 5.3.1850", daraus Briefdatum erschlossen. Zur Handschrift vgl. Brief Hertleins an F. v. 11.3.1852.)

Hochgeschätzter Herr u. Freund.
Welch eine Riesengewalt die Erscheinungen des Lebens haben
u. wie sie den Menschen in einen Strudel hinein ziehen, in
welchen [sc.: welchem] er kaum sich festzuhalten im Stande ist, das hätte
ich nie geglaubt, - habe es aber in den ersten Monaten
hier in Hamburg sattsam erfahren, u. nur mit der größ-
ten Mühe habe ich mich über denselben erhalten, u. jetzt be-
ginnt sich mehrfach das Leben zu klären.- Ich hatte den fe-
sten Vorsatz, als ich von Ihnen in Meiningen schied, Ihnen
gleich u. den [sc.: dem] hohen Staatsministerium gleich nach meiner
Ankunft in Hamburg meine Entscheidung, welche ich schon
gleich in Meiningen gefaßt hatte, von hier aus auszuspre-
chen, ich wollte mir nur noch die Freude machen, Ihnen
als einen allgemein freudigen Hoffnungsstern der
Zukunft die Eröffnung des ersten Hamburger Bür-
gerkindergartens zugleich zu melden, allein ein das Ziel
was ich bald nach meiner Rückkehr in Hamburg zu errei-
chen hoffte, sollte erst am 5t März am Tage der Eröffnung
des ersten Hamburgerkindergartens erreicht werden.
Und - wie es mit der Mehrung u. Wirkung solcher Hoffnun-
gen geht, man wird unvermerkt von einem Tage zum andern - und
von einer Woche zur andern geführt, u. endlich steht man ver-
wundert, u. endlich steht sieht man betroffen, daß man Mona-
te lang so von der Erwartung einer Hoffnung ge- /
[12R]
fesselt werden kann; glücklich genug, wenn wie in diesem
meinem jetzigen Falle die Ausdauer gekrönt wird.-
Ja wahrhaft geschätzter Herr u Freund: der erste Bür-
gerkindergarten Hamburgs, gegründet von den ruhigsten
rechtlichsten, wohlerworbenen Besitzes sich freuenden Bür-
gern, Geschäfts- u Gewerbsmännern, - zeigt den segens-
reichsten Fortgang; indem während der 4 geschäftsreichsten
Stunden des Tages Väter u. Mütter u. die älteren Glie-
der des Hauses ihrem Berufe ungestört obliegen
können, werden die Kinder auf das zweckmäßigste
im Kindergarten ihren gesammten Lebensansprü-
chen gemäß beschäftigt, u. kehren nun mit Freude
zur Freude der Aeltern sich auch nun ohne stören-
[de] Anforderung sich selbst beschäftigen könnend in das
älterliche Haus zurück, - ja den Aeltern selbst macht es
Freude nach Vollendung ihres Geschäftes sich von den
kleinen Beschäftigungen ihrer Lieben im Kindergar-
ten Rechenschaft geben zu lassen, u. so leben die Kinder
nun die Freude des Kindergartens mit ihren Aeltern
noch einmal. Der Erfolg von einem solchen Leben wirkt
magisch fort, so ist es erklärlich, daß nicht nur jetzt
schon nach 14 tägigem Bestehen, die für den ersten
Bürgerkindergarten bestimmte Anzahl vollzählig
ist, sondern, daß sich schon eine bedeutende Anzahl
zu einem zweiten Bürgerkindergarten gemeldet
haben, an dessen Eröffnung auch alles Ernstes gear- /
[13]
beitet wird. Die Summen zur Deckung der Kosten
dieser Kindergärten werden durch wöchentliche
Schillingsbeiträge, ohngefähr 3 Xr [sc.: Kreuzer] wöchentlich von jedem
Mitglied beigebracht.- Jeder Sammler von wöchentlich
5 Schillingsbeiträgen zu welchen er selbst beitra-
gen oder nicht beitragen kann, ist bei den Haupt-
versammlungen stimmfähig.- Nun wer mehr
giebt - lohn es Gott!-
Was ich Ihnen schreibe gilt von der Stadt Hamburg,
die Vorstädte bilden Communen für sich, u. ich
höre schon von einer derselben, daß sie dem Bei-
spiele der Stadt folgen, u. auch einen Bürgerkin-
dergarten ausführen werden.
Ich erlaube mir hier die Stattuten des ersten Bür-
gerkindergartens beizulegen, - eben so ein Wort Dies-
terwegs
an Aeltern, welches der Vorstand des ersten
Bürgerkindergartens in dem gelesensten der hie-
sigen Localblätter veröffentlicht hat.- (:Daß in den
hiesigen u. benachbarten Tagesblättern, vielfach Aufsät-
ze für, aber auch sehr heftige dagegen erschienen
sind, liegt in der Natur der Sache, namentlich ist
dieß bei den ultrademokratischen Blättern der
Fall, welche aber eben von auf den soliden Bürger
nicht bestimmend einwirken[.]:) Aber auch schon
nach in andern Orten hat sich der Segen die Idee des
Bürgerkindergartens u. die Realisirung u. die Ver-
wirkl[ich]ung derselben durch kleine wöchentliche allgemei-
ne Beiträge, in Weimar durch Silbergroschenbeiträge
Grund u. Boden verschafft; wo der Buchhandlung Wil- /
[13R]
helm Hoffmann der Vater sich an die Spitze eines
Vereines zur Ausführung eines Bürgerkindergar-
tens gestellt, u. wie mir vor mir liegend dem ge-
mäß einen Aufruf an Weimars Einwohner hat er-
gehen lassen. Auch von Merseburg schreibt mir Fr. v.
Ma[ren]h[oltz-Bülow]
daß man daselbst auch ebenfalls durch begonne-
nene Silbg. Sammlung die Begründung eines Bürger-
kindergartens sichern wolle.- Kindergärten welche
von Privaten oder Frauenvereinen gegründet wer-
den sollen stehen auch einige in sehr bestimmter Aus-
sicht, - so von den Frauenverein in Cassel, u. von der
Vorsteherin einer weiblichen Bildungsanstalt in
Berlin.- Auch in Berlin soll ein Bürgerkinder-
garten ausgeführt werden, so wie ich höre einer
von dem Frauenvereine in Nürnberg.
Sie sehen nun geschätzter Herr u. Freund, daß wie
die Idee der Kindergärten in den Köpfen u. Herzen der
Wohlgesinnten aber auch dem Fortschreiten der Zeit Rech-
nung tragenden Menschen, immer mehr den wahren
Grund u. Boden findet, u. daß mit der Verwirklichung
der Kindergärten nothwendig auch das Bedürfniß
der Kindergärtnerinnen steigen muß.-
Und nun können Sie bei diesem Stande der Dinge wohl
empfinden wie es mir bei diesen Zusammendrängen
der Lebensforderungen gleichsam unter den Füßen
brannte den Contrakt wegen Marienthal mit dem
Finanzministerium hohen Staatsministerium Abtheilung
für die Finanzen abzuschließen, wodurch ich aber eben
in den Strudel der Lebenseinwirkungen nicht die Zeit ge-
winnen konnte. Ich gestehe daß ich dabei zum Erstern öftern Ihre
Freundschaft <jenes> wie eines Pharus [sc.: Leuchtturm] gedacht habe. Möge dem /
[14]
gemäß nun Alles in Meiningen sich Alles noch so finden,
daß dem männlichen klaren Abschluß Nichts entge-
genstehe. Zunächst freue ich mich wenigstens bis
hierher zu vernehmen, daß mein Wunsch in Be-
ziehung auf Marienthal nicht nur in Beziehung
auf die Beiden Hickedir nicht nur keine stören-
den Ihren Entgegnungen, sondern im Gegen-
theil freundliches Entgegenkommen gefunden
haben.-
Um von meiner Seite durch Nichts einen
einem hemmend dem Abschluß entgegenzu-
t[r]eten spreche ich blos von Seiten der Haus-
wirthschaft in Liebenstein resp. Marienthal
aus, daß derselben auch ein entsprechender
Kellerraum eingeräumt werden möge
indem einer der größeren Keller mehrfach
dem Wasser ausgesetzt sein soll, wie ich
durch Hickedirs vernehme soll dieß auch
da eben die Leute mir mehrfach freund-
lich entgegen kommen leicht herzu-
stellen sein. Auch müßte nun
wohl bald an die Herstellung
einer Küche geschritten werden /
[14R]
da ich, wenn nicht durch mein verzöger-
tes Schreiben neue Hindernisse einge-
treten sind, ich ge in der ersten Hälfte
des Monat[s] Mai meinen Cursus in Mari-
enthal wozu sich bereits ohngefähr 6 Schüle-
rinnen gemeldet haben, beginnen
möchte.- Ich lege Ihnen als warmen
u. wahren Freunde das Ganze in Hand
u. Herz, es ist mir die Zeit zu kurz hier
auseinanderzusetzen, daß Sie ein
großartiges, rein menschliches in gar
keiner Weise störend in die bestehenden
Verhältnisse eingreifendes, erziehendes
Wirken unterstützen. Lassen Sie Ver-
trauen zwischen uns als Männer
herrschen, u. bahnen Sie ein solches
auch zwischen Fürst u. mir dem Bürg-
en [sc.: Bürger].- Es wird Segen für uns Alle
bringen.
Mit wahrer Freundschaft u.
Hochachtung Ihnen ergeben
[Unterschrift fehlt]