Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 31.3.1850 (Bergedorf)


F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 31.3.1850 (Bergedorf)
(KN 57,9, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+Adr. Der auf 1R erwähnte beiliegende zweite Brief an Middendorff ist nicht erhalten, der letzte erhaltene ist vom 24.1.1850.)

Bergedorf bei Hamburg am heil. Osterfest 1850. (März 31[)].


Middendorff.

Der Grund warum ich mit Dir, als, nach meinem blinden Bruder, mehr-
fach dem Ältesten unseres Kreises eine stille und ungestörte Zusam-
menkunft hier in Bergedorf in dem ruhigen Osterfeste wünschte
war: endlich einmal klar und bestimmt unsere gegenseitigen Verhältnisse
und Beziehungen zu Keilhau und ganz namentlich mein mehrfaches Ver-
hältniß zu ihm ruhig und ernst zu besprechen. Aufrichtig gestehe ich,
daß ich gar nicht daran gedacht hatte, daß meine Erwartung unerfüllt
bleiben würde. Nun das Schicksal - ich kann dieß nicht anders nennen - hat
es anders gefügt, ich will mich bemühen den Umständen gemäß das
Ganze auf das Einfachste und Treueste darzustellen. Mündliche Besprechung,
ich gestehe es, wäre mir lieber gewesen.- Doch zur Sache.
Du weißt, Middendorff, daß ich persönlich Eigenthümer von Keilhau
bin. Die auf Keilhau ruhenden Schulden kümmern und verkürzen mir
mein Eigenthumsrecht nicht im Mindesten. Du weißt, Middendorff
Du, der Bruder und ich wir haben im Allgemeinen jeder an seinem
Theile durch Zusammenschießen von Geldmitteln Keilhau gegründet
und ich bin dafür Dein und des Bruders besonderer Schuldner.
Barop hat durch seine Kraft ohne jedoch pecuniären Beitrag zur
Erhaltung und Förderung des Ganzen beigetragen. Nun kannst
Du doch nicht leugnen, daß Deine, des Bruders und Barops Familie
daß Ihr alle Euer Bestehen und die Befriedigung Eurer gesammten
Bedürfnisse aus dem Ertrage der Anstalt erhaltet. Daß mir nun
mindestens nach Maaßgabe meines bedeutenden Capitalbeitrages
auch mein Antheil am Ertrage gebühre, davon wird sich hoffentlich
Dein Recht und der Übrigen rechtlicher und Rechtssinn leicht überzeugen.
Um aber Keilhau ökonomisch möglichst fest zu stellen habe ich mehrere
Jahre hindurch auf diesen Antheil am Ertrage stillschweigend keine
Ansprüche gemacht; im Gegentheil ich habe mir die größte Mühe
gegeben durch rastlose, erschöpfende Thätigkeit nach Außen hin /
[1R]
die klare und vielfache Darstellung der zeitgemäßen Erziehungs-
Idee, des geschichtlich begründeten Erziehungsgedanken und ihre end-
liche Anerkennung zu erringen. Die sprechenden Ergebnisse, die
gewissen Erfolge liegen vielfach vor; mein beiliegender zweiter
Brief an Dich enthält sie in noch schlagenderer Weise. Es ist mir darum
heilige, unverletzliche von der Vorsehung auferlegte Pflicht, alle die mir
rechtlicher Weise und von Rechts wegen zustehenden Mittel zu einigen
um die jetzt in ihrer Hochwichtigkeit von den verschiedensten Seiten her
und von den verschiedensten Entwickelungsstufen aus, immer allgemei-
ner anerkannt werdenden ErziehungsIdee, in möglichster Reinheit
Allseitig und Vollständigkeit darzustellen
; es ist mir darum ganz
unerläßliche Pflicht zu diesem Zwecke den Ertrag zu fordern, welcher
mir gleich Euch von der Anstalt in Keilhau zukommt
, ganz nament-
lich für die letzteren Jahre. Ich hoffe, Middendorff, daß Du in dieser Hin-
sicht, welcher Du mit der ganzen Anstalt ich möchte sagen empor
gewachsen bist, mein Recht vertrittst, daß Ihr mir einfach und
willig gewährt was mir Rechtens ist, denn ich darf mir zur Pflege der
mir anvertrauten ErziehungsIdee und Ihrer Darstellung zum Wohle
der aufkeimenden Menschheit, nicht das mindeste meiner Rechte ver-
geben; es wird von Euch abhängen ob ich noch einen andern als diesen
hier betreten muß, um mir dieselben zu sichern.
Hierzu kommt aber noch ein ganz für sich bestehendes Zweites:
Als ich im Sommer 1836 mehrere Geldsendungen von Berlin aus
an die Anstalt gemacht hatte; schrieb mir Barop, daß er noch von
mir 1000 Rth. wünsche um lästige Forderungen, ich glaube an Geyer
und Wohlfahrt los zu werden; ich schrieb ihn daß ich dieses Capital
und zunächst dessen Zinsen zu meinem Bestehen bedürfe, also die
einstige Rückzahlung dieses Capitals, wie zuforderst aber der ordent-
lichen Auszahlung der laufenden Zinsen. Barop antwortet mir
darauf daß beides, besonders aber das letztere geschehen solle,
sobald die Anstalt durch eine gehörige Theilnahme in dem Stande
sich befinde, diese Zinsen abzutragen.- Dein, und Euer aller /
[2]
rechtlicher und Rechtssinn, wird nun wohl einsehen, daß dieß
wohl der Anstalt in den letzteren Jahren möglich gewesen ist;
ich muß also ganz besonders auf die Bezahlung dieser mir zu
gesagten Zinsen dringen.
Genug! ich bedarf unerläßlich zur Sicherung meines Erziehungs-
unternehmens jetzt unmittelbar die
Summe von 400-500 Rth.
pr[eu]ßisch Crt. Du weißt Middendorff mit welcher Anerkennung dieses
Erziehungsunternehmen jetzt dasteht. Ich habe mir, Middendorff alle
nur ersinnliche Mühe gegeben diese Forderung an Keilhau nicht aus-
zusprechen - allein das "Schicksal" wie Du es sonst immer nennen magst
verlangt es unerbittlich -: man sagt: was thut Keilhau dem sie
Daseyn gaben, das sie gründeten, dem sie Alles opferten, das durch ihre
Idee nur fortbesteht?- Was soll ich darauf antworten? - das
Schicksal, die Vorsehung hat mir die zeitgemäße ErziehungsIdee
ihre Darlegung, Darlebung, Vertretung zur Pflicht gemacht ich muß
auch wandellos die Wege betreten, welche Schicksal und Vorseh[ung]
mir vorzeichnet um auszuführen was beide mir zur heiligen Pf[licht]
machen.
Höret, achtet und beachtet auch Ihr die Stimme der Vorsehung, des
Schicksals und erfüllt mit Freiheit, Selbstwahl und Selbstbestimmung
als auch Euch und durch Euch erkannt und anerkannt - ihre Forde-
rungen - mehr kann der Weiseste und Beste besonders jetzt nicht
thun - die Schicksale der Menschheit liegen in der Kindheit in der
wesenhaftigen Pflege der Kindheit. "Kinderglück und Völkerheil
liegen in einem Tempel." sagt J.M. Vergeßt nicht, daß Ihr Kinder
und Kindeskinder habt und das Ihr Glieder eines strebenden Volkes seyd,
dessen Güter, wenn es sie erringt, und es wird sie erringen auch die
Euern und die Eurer Kinder und Kindeskinder u.s.w. mit sind. Macht
daß Ihr für Euch und für sie auch ein Recht auf diese Güter habt.
Antworte mir bald. Lebewohl, d.h. werde bald gesund.
      D[ein] u[nd] E[uer] Fr.Fr. /

[2R]
[Anschrift:]
Wilhelm Middendorff d. V. [sc.: der Vater = sen.]
Keilhau.