Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl Rohrbach in Berlin v. 6.4./7.4.1850 (Hamburg)


F. an Carl Rohrbach in Berlin v. 6.4./7.4.1850 (Hamburg)
(KN 57,10; Brieforiginal 2 B 8° 7 S.)

Hamburg, Hohe Bleichen, No 19. Am 6 April 50. Sonnabends gegen 11 Uhr Nachts


Geschätzter, lieber Freund.

Gern hätte ich Ihren, heut Mittag erhaltenen l. Brief sogleich
beantwortet, daß noch heut Abend mein Brief an Sie ab[ge]gangen
wäre, allein ich hatte bald nach Empfang, wieder einen zweistün[-]
digen Vortrag eines kleinen neuen Cursus über den Geist und die
Führung der "Vermittelungsschulen" zwischen Kindergarten und der
eigentlichen Schule zu halten, auch noch Einiges dazu vorzubereiten,
so daß es mir unmöglich wurde meinen Wunsch zu erfüllen. Nun
will ich um so ungestörter in stiller Mitternachtsstunde Ihren l. B. beantw.
Daß Sie Ronge nicht gesprochen haben thut mir um Ronges, Ihret-[,]
der Sache und meinetwegen Leid. Ronge ist tüchtig und es hatte
Ihre gegenseitige Bekanntschaft mehrfach neue Anknüpfungen ge-
geben und diese können - als gleichsam zufällig vom Leben her-
bei geführt, nicht genug gepflegt werden. Das sogenannt Zufällige
sehe ich jetzt im Leben, gleich dem sogen: Augenblick eine bedeutende
Wirksamkeit im Leben haben und beide können nicht genug be- [sc.: ge-] und
beachtet werden. Wollen Sie selbst l. Rohrbach einmal darauf merken.
Daß die Wochenschrift einige Unterstützung in Berlin findet ist mir
lieb, denn ohne steigende Theilnahme würde ihr bestehen schwer
werden, und sie würde dann nicht aus der Unvollkomm[en]heit sich zur
Vollkommenheit empor arbeiten können.
Daß Lange Ihre Anzeige nach Liebenstein vergessen [hat,] darf man
ihm jetzt als Verlobten nicht übelnehmen, ein anderer Stein d. Liebe
liegt ihm im Sinne.
Was Ihre und der Fr. v. M. Anordnung wegen der Anzeigen
meines Bildungscursus in Marienthal betrifft, so hat diese
wie ganz besonders die Gründe zu derselben ganz meine Bei-
stimmung. Sein Sie doch so gut mir, aus dem Ex. welches die Exped.
der Zeitungen Ihnen zusenden muß, die Anzeige auszuschneiden
und im nächsten Brief, vielleicht durch Herrn Diesterweg, welcher
ja alle Tage hier erwartet wird, zu überschicken.
Wie ich vermuthe, so müssen Sie auch einige Nrm der WSch. /
[1R]
doppelt haben; da Ihnen diese Nummern nun nichts nützen, mir aber
hier ein Ex. defect machen, so bitte ich mir solche, wenn anders
meine Vermuthung gegründet seyn sollte, ebenfalls durch He.
Diesterweg zurück.
Die von der so gütig theilnehmenden u förderlichen Fr. v. M. ge-
machte Bestellung ist mir unmöglich bis zur Ankunft zum 8en
in Berlin abzusenden, ich bin zu überlastet von Geschäften;
meine bisherige Hülfe, Frl. Luise Hertlein hat mich schon seit
Wochen im Stiche gelassen und seit vor Ostern ist sie in ihre neue
Stelle als Kindergärtnerin an Allwinen M. Stelle bei Frau
Doris Lütkens eingetreten, so daß ich mich kaum durch die laufen-
den Geschäfte hindurch arbeiten kann; doch will ich sehen, morgen
die Sendung an Sie zu verpacken und Montags den 8. p[e]r Eisenbahn
(wenn es angeht:) oder p[e]r Eisenbah[n]post abzusenden.
Ein Sonntagsblatt besitze ich leider hier selbst nicht mehr und muß
mir solche selbst noch schleunigst vom Lager kommen lassen, wenn
anders noch welche da sind. Auch damit daß Fr. v. M. Sie mit
einem Auszug aus demselben beauftragt hat, bin ich ganz zu[-]
frieden nur darf dieser Auszug schlechterdings nirgends anders
als in unserer Verlagsbuchhandlung in Lbstein erscheinen.
Ihnen so schnell als möglich ein Exemplar zu besorgen wird
mir Aufgabe seyn.
Was die Niederlage von Mutter[-] & Koseliedern betrifft
so werde ich sogleich an meine Verlagsbuchhandlung (M. Renner)
deßhalb das Nöthige schreiben. Da Herr Renner einige Jahre
lang als Geschäftsführer bei Wohlgemuth <conditionirte>, so
weiß ich nicht, wie er mit der <Woltemarschen Hbg. Anst.[alt]>
steht: Es soll mich recht freuen, wenn Sie recht bald eine Mehr[-]
heit von M. & K. Liedern unterbrächten, denn ich muß arbeiten
(daher mein neu begonnener kleiner Cursus) und suchen [sc.: suche] mir Fonds
zu meinem neuen Unternehmen in Marienthal zu verschaffen;
so bald ich diese haben [sc.: habe] sollen schnell und pünktlich alle literarischen,
artistischen und industriellen Wünsche hinsichtlich auf Spiel[-]
und Beschäftigungsmittel, wie Schriften, den Freunden und Be- /
[2]
förderern meine[r] Erziehungsunternehmung erfüllt werden. Wenn
ich nur erst wieder meine Kraft in Liebenstein, resp. Mthal.
geeint habe, dann soll Alles frisch und froh hervorwachsen.-
Sie schreiben mir: "Ich halte eine "Einigung" derer für nothwendig
die für eine Sache streiten." pp. Warum behalten Sie den Ausdruck
"Einigung" nun nicht bei indem Sie weiter schreiben: "Wir bilden
nun einen "Verein" der sich nächstens constituiren wird" usw.
Ich liebe weder die Vereine, wie ich das Verlieben und Verloben nicht
liebe: ein Verein trägt mir als solcher, schon die Bedingung der Auf-
lösung der Trennung in sich: Einigung deutscher Frauen u. Jungfrauen; oder
"Fraueneinigung" überhaupt, oder im ganz Allgemeinen "Einigung"
für u.s.w. Dieß sind Klänge die meinem Gemüthe ebenso wohl-
thun und meinem Geiste ebenso zusagen wie: "Gotteinigung"
anstatt: Religion; eine "Einigung" ist das Auffinden des ursprünglich
Einen
; "Einigung" kann sich nur in "Gliederung" aber nie in "Trennung"
auflösen.
Frauen- und Jungfrauen-, wie überhaupt Geistes- und Geister-
wie Gemüths- und Gemüther "Einigung" für zeitgemäße und
wesenwürdige Kindheitpflege zu wecken, hervorzurufen, das
ist mir schon lange Aufgabe; allein der in Hamburg auf der einen
Seite herrschende Egoismus rc auf der andern Seite die <menschliche>
Schwäche ließen mich hier zu keinem Ergebniß kommen. Ich freue
mich wenn und daß Sie l. Rohrbach glücklicher sind; aber ver-
gessen Sie nicht: ein Verein will erst Einigung herbeiführen
machen verständigen bewirken daher Verpflichtungen; die "Einigung" dagegen
setzt das Verständniß, die geistige, gegenseitige warme Einigung [voraus;]
sie will dieselbe nur auch äußerlich zur Anschauung und so sich ge-
genseitig zum Bewußtseyn bringen. Sehen Sie m. geschätz[-]
ter, lieber Freund; nach meinem Gefühl und Streben muß noth-
wendig jede neue Sache einen neuen Namen haben; und
keinen alten Lappen auf ein neues Kleid: - nun prüfen und fühlen
Sie nur einmal selbst und lassen Sie es allen Gliedern Ihrer
Fraueneinigung fühlen und prüfen, hat es damit nicht eine ganz
andere Bedeutung, wohl nicht darinn ein ganz anderer Geist, /
[2R]
ich möchte sagen schlägt nicht darin ein ganz anderes Herz
als in einem Frauenverein für eine BewahrAnstalt, oder
Dienstbotenverein, u.s.w. Diesem "Geiste" muß man nun eben
auch durch Wort und Name wie durch die That "Gerechtigkeit" wie[-]
derfahren lassen: es ist - der Geist der "Einigung", der ursprüng[-]
lichen "Lebens-, Menschheits-, Kindheits- Gotteseinigung["].
Geben Sie auch einmal acht l. Rohrbach, wenn Sie Jemanden
der noch nicht recht nur so halb und halb und somit mit Recht
als ein Vereinsmitglied aufnehmen, so werden Sie an der Eini-
gung immer etwas zu leimen haben damit sie fest halte.-
Eben habe ich Ihre Statuten (warum nicht als deutsche deutsch
"Grundbestimmungen"?) gelesen. Da sagen Sie gleich 2.3. Jedes
Vereinsmitglied "verpflichtet" sich. "Es legt mir die Verpflich-
tung auf! - wenn ich nur dieser Verpflichtung baar und ledig
wäre!["] wie hart und drückend lautet dieß. Wie leicht dageg[en]
die Glieder des Ganzen einigen sich das und das zu thun pp pp.
Haben Sie nun die Güte lieber, rüstiger Förderer der Sache
der Kindheit u, somit der Menschheit, Ihre Grundbestimmungen
mit meinen Mittheilungen über "Einigung" und "Verein" recht
bald an Frau Ottilie Schmieder in Dresden, Moritzstraße No 10
abschriftlich mitzutheilen und dieselbe zu bitten, daß S sie Ihnen
dagegen als Gegengabe dasjenige abschriftlich zusenden möchte
was ich ihr jüngst über die Stellung und Aufgabe des weiblichen
Geschlechtes in der Zeit und in der Menschheit geschrieben habe,
Eines wird dann das Andere erklären ergänzen.
- Daß Sie Sich und Ihre achtbare Fraueneinigung für Marien-
thal
entschieden haben, dadurch haben Sie sämtlich in der Fortentwik[-]
kelung des Ganzen einen Fortschritt gethan, welcher gar nicht in
seinen Folgen jetzt auszudenken ist. Meine Mittheilungen an
Frau Ottilie Schmieder werden Ihnen darüber einige Andeutungen
geben. Wenn dieselbe Ihnen nun selbige in Abschrift sendet, so
machen Sie sich erst selbst mit denselben vertraut und sehen Sie
ob Gleiches als Wahrheit Ihnen aus Ihrem Geist u. Gemüth ent-
gegen tritt, wo nicht legen Sie es bei Seite, die Sache ist abgemacht. /
[3]
Finden Sie aber in der Auffassung und Darstellung Wahrheit,
so theilen Sie dasselbe ebenso zur Prüfung einer oder einigen
aber ganz vor Allem "gemüthvollen" Frauen mit vielleicht?
(ich weiß es nicht) Fr: Toberentz rc so gehen Sie nach und nach
weiter und theilen Sie mir mit was Ihre Berliner Frauen da-
rüber sagen; wie gesagt: ich kenne selbige gar nicht; ist Ihr Gemüth
ist auch nur ein[e] leise Stimme in Ihnen dagegen, so legen Sie die An-
sicht ja still bei Seite, damit wir nicht ein falsches Ferment in das
von Ihnen so schon Angebahnte bringen.-
Was Sie mir über <Lisco> schreiben freut mich, besonders daß er
eine gesunde u. heitere Natur ist. Freude Freude ist die Feder
in der (Kinder Lebensuhr) in der großen Weltenuhr. Grüßen Sie
denselben freundlich von mir. Mit dessen Vater muß ich vor langen
langen Jahren bei Plamann oder sonst wo zum öftern zusammengekommen
seyn. Ebenso bin ich vor vielen Jahren in irgend einer Angelegenheit
einmal von dem Vater seiner Frau, dem Dr Neander gütig aufge[-]
nommen worden.
Ihre Thätigkeit hinsichtlich der Vorträge ist höchst lobenswerth[.]
Ich wünsche denselben der [sc.: den] besten Erfolg. Wenn Sie Ihre Vor-
träge auf- oder nachdem solche gehalten niederschreiben, oder
von einem Freunde oder Freundin nachschreiben lassen, so
ließen sich welche davon vielleicht für die WSchrift benutzen.-
- So eben lese ich daß Ihre Statuten schon gedruckt sind, also meine
Bemerkungen zu spät kommen; nun das hat auch nichts zu sagen.
Wie viel Sie mir Ex schicken sollen? Wie viel sie [sc.: Sie] wollen, 50-
100 u.s.w. hab ich viel, versende und verbrauche ich viel.
Was den Fr. v. M-schen Aufruf betrifft, so hoffe ich, die Ver-
lagsbuchh[an]dl[un]g wird mir welche mit der Wochenschrift senden.
- Die Nachricht von Dr Z. hat uns erschüttert, denn wir lasen in
den Ze[i]t[un]gen: er sey nach Prag zu gefänglicher Haft abgeführt.
- Sie schreiben weiter: "Haben Sie, wenn Allw. M. nicht kann
eine andere tüchtige K. G. für uns?"- Sie haben mir ja noch
gar nicht so ernstlich u. bestimmt von der Ausführung Ihres doch
wohl Frl. E. Pfeiffers K. G. gesprochen. Ist es derselben mit /
[3R]
[der] Ausführung eines K. G. ernst, so müssen Sie mir schreiben
wenn Sie denselben zu eröffnen gedenken; denn die K. G.
sind jetzt ganz ungemein gesucht. Allw. M. wird nicht mehr
außer ihrem elterlichen Hause als Kindergärtnerin eintreten,
weil sie zugleich sehr ihre etwas schwankende Gesundheit pflegen
muß; jedoch wäre es möglich daß ich Ihnen zum 1 Jun eine
tüchtige K. G. zuweisen könnte, wollen Sie aber erst im Spät-
herbst, mir denn desto lieber, dann ist die Wahl um so größer.
Ich muß aber der Frl. Pfeiffer bestimmte Gedanken wissen.
Die Einleitung in die Mutter[-] u Koselieder bitte ich ja nicht ohne
meine ganz bestimmte Einwilligung drucken zu lassen; indem
dieß ein Gegenstand ist welcher mich selbst schon lang beschäftigt,
jedoch freue ich mich Ihre Arbeit zu sehen.
Ihren dritten Beitrag hat He. W. Lange noch, er hat mir
denselben gestern zu senden versprochen; allein ich habe ihn
noch nicht erhalten. Wohl wird derselbe wie ja schon der
1 u 2e mit Dank und Anerkennung in die Wochenschrift
aufgenommen. Wer über die kleine Schrift klagt hat sehr un[-]
recht, denn das ist eine bekannte Sache, wenn es einmal noth[-]
wendig ist, das [sc.: daß] ein Aufsatz in eine Nr ganz aufgenommen
werden soll, wo der Raum sonst durch die schon hergebrachten
Artikel eingenommen ist, so bleibt nichts anders übrig als
kleinerer Druck, und [es] findet dieß in allen derartigen Zeitschriften
statt, daß aber Ihr Aufsatz nicht getrennt werden konnte,
liegt entweder in demselben oder ist Bestimmung der Redaction
- die Verlagsbuchhandlung wählt selbst ungern kleineren
Druck, weil für jede Spalte kleineren Druck, gleich die Setzer[-]
kästen größer, also der Gewinn am Blatte kleiner ist.
Daß auch V. v. Ense sich für die Sache interessirt freut mich
was er aber wegen Umwandlung des Titels schreibt geht kann vor
Ende des ersten Jahres nicht in Ausführung gebracht werden; der
Titel ist auch so viel besprochen worden, daß keinesweges von
mir sondern von reiner unpersönlicher Theilnahme der Berathenden
aus jener Titel als der einfachste festgestellt wurde. Heut schon /
[4]
habe ich wieder den Gegenstand zur Berathung gebracht bei
Menschen die durch Erfahrung in Redactionswesen eine Stimme
haben das Ergebniß sprach ich vorhin aus, doch werde ich
die Sache weiter zur Besprechung bringen.
Was die populärere Sprache betrifft, so läßt sich der
Gegenstand, weil noch so wenig Anschauung und Kenntniß von
der Sache im Publicum ist, schwer populär behandeln; denn
populäre Sprache, setzt Anschauung u Kenntniß des Gegenstandes
voraus u.s.w. Doch soll es uns und mir recht lieb seyn
wenn recht viele populäre Abhandlungen über die Sache
eingehen. Übrigens ist es merkwürdig, daß schon von den ver-
schiedensten Seiten Zufriedenheit namentlich über die philosophi[-]
renden Aufsätze eingegangen sind; von meinem will ich nicht
reden, denn meiner Darstellung liegen eben Anschauungsweisen
zum Grunde, die sich nicht so leicht mittheilen lassen und ver[-]
zichte ich darum für mich gern auf populäre Darstellung.
Das Ganze ist überhaupt vielmehr Sache der Anschauung des
Er- und Mitlebens als der Wortdarstellung. Wer aber die
Sache A angeschaut, mit- und erlebt hat, dem ist sie deutlich.
Sobald es mehr Kindergärten giebt und diese nicht wie
noch jetzt, eine Raritait sind, dann wird auch das Ver-
ständniß des darüber zu sagenden wachsen.
Grüße an Alle. Mein Tintefaß ist so leer, daß ich
Ihnen kaum noch Lebewohl sagen kann
I.Frd.FrFr.

Sonntag am 7 April Mittags. So eben hat mir W. Lange Ihren 3en
Beitrag gebracht und er geht sogleich an die Verlagsbuchhandlung ab.
Dagegen habe ich an Lange Ihren Brief gegeben und er sagte mir, er
würde Ihnen heut Nachmittags ausführlich schreiben[.]
- Wegen einer Kindergärtnerin und Erzieherin für Fr: v. Knebelsdorf
habe ich an Frl. Hermine Diesterweg geschrieben und derselben ein liebes junges
Mädchen, früher schon Lehrerin an einer Privatschule,- Frl. Kriek vorge[-]
schlagen; wollen Sie gelegentl. deshalb bei Frl. H. D. anfragen!- DO [sc.: Der Obige]