Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 7.4./8.4.1850 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 7.4./8.4.1850 (Hamburg)
(BlM XXIV,49, Bl 123-126, Brieforiginal 2 B 8° 7½ S.)

      Hamburg, hohe Bleichen No 19. Am 7 April 50 gegen Mitternacht.


Meine theure Luise.

Nun sieh wie lieb einmal wie es mir ergeht. Du kannst Dir
das hiesige Leben gar nicht denken wie es ist, und daher grämst
Du Dich ganz ohne alle Noth, was mir aber eben um Deinet-
um meinet- und um der Sache willen so sehr leid thut. Hör also[:]
In voriger Nacht, schreibe ich, weil nothwendige Briefe zu besorgen
waren; dadurch wach ich heut morgen etwas spät auf. Wie ich mich
umsehe sitzt W. Lange mit einem Buche in der Hand schon auf dem
Soffa mir sagend, daß er schon <½> Stunde auf mich warte mich
aber nicht habe wecken wollen. Also kaum zur Noth kann ich
mich ankleiden über dieß bleibt Lange dem seit Allwina nun
weg ist die Langeweile plagt zu meinem Schrecken u. Leide bis
bald zu Mittage d.h. nach 11 Uhr; endlich zwinge ich ihn, da es mich
drä[n]gt nothwendige Briefe zu schreiben; durch die Vorbereitung da-
zu, zum Gehen. Kaum ist er fort, kommt ein erster, und bald nach-
her ein zweiter Besuch, kaum daß ich bis gegen 3 Uhr meine dring-
enden Briefe zur Post bringe.- Da läßt mich meine Hauswirthin
zu Tisch rufen, wo ich heut eingeladen, da He. Beits Geburtstag
war; so wird es gegen 5 ehe wir vom Tische aufstehen. Kaum bin
ich auf meiner Stube, so klopft es und ein sich wegen des Bürger-
kindergarten Berathender tritt ein; er ist fort und ich suche
mit Mühe meine Briefe noch zur Post zu bringen; da kommt
Friedmann und bleibt wieder bis nahe 8 Uhr; da werde ich
zu Beits zum 2en male zu größerer Festgesellschaft gerufen;
wie kann ich es abschlagen, ich muß gehen; es wird gesprochen,
musizirt, gesungen und wieder gesprochen, so ist 10 Uhr Abends
vorbei, da geht es zum Abendbrot, zwischen gegen oder nach
11 Uhr kann ich gehen; ehe ich alles zum Briefschreiben geordnet[.] /
[123R]
So ist auf eine schreckenvoll nichtige Weise der Sonntag
der schöne Sonntag für Dich und mich vorbei denn ich wollte
Dir recht viel von der neuesten Lebensentwickelung zu Dei-
ner Beruhigung schreiben; indem Du ja ganz unnatürlich
erregt [b]ist, wozu Du aber wirklich keine Ursache hast. Es ist
wahr, ich bin wahrhaft unwohl, ja krank gewesen; allein
Du weißt es meine Natur die hilft sich bald wieder wenn
sie Ruhe hat und diese habe ich ihr während des österlichen
Festbesuches in Bergedorf zu geben gesucht, und so bin
ich, Gott sey Dank so ganz wieder hergestellt, daß wenn ich
nun bald wieder in gesunde frische Land- und Bergluft kommen
werde, ich mich dann bald wieder ganz wohl, frisch und
kräftig fühlen werde, dieß zu Deiner allgemeinen Beruhi-
gung.
Nun etwas zu Deiner besondern Beruhigung; ein Brief von
dem Dir durch seine Aufsätze in der Wochenschrift bekannten
Carl Rohrbach in Berlin enthält Folgendes: - ["]Ich halte
"mit der Fr: v. Mahrenholz - welche die Sache ganz besonders
"betreibt - eine Einigung derer für Nothwendigkeit die für
"eine Sache streiten. Daher habe ich in dem Kreise meiner Be-
"kanntschaft dahin gearbeitet, die Frauen zusammen zu bringen.
"So ziemlich ist es gelungen. Wir bilden nun einen Verein
"der sich nächstens constituiren wird. Die Statuten wie ich sie
vorläufig verfaßt, liegen diesem Briefe bei. Wir fördern
"die Idee, wir bilden sie in uns und Andern weiter aus, "wir
veranstalten Sammlungen
, um zunächst Gelder zu haben. An-
"fangs, wollten dieß die Frauen nur für Berlin. Aber ich
"habe Ihnen [sc.: ihnen] gestern auseinandergesetzt: - daß zunächst Ihre
"Anstalt in Marienthal unterstützt werden müsse, wenn /
[124]
"man die Sache fördern wolle.- Die Frauen sind darauf ein-
"gegangen und so dürfen Sie einige Hoffnung haben, von
"daher (von Berlin) aus Ihr Werk gefördert zu sehen. Ich selbst
"war auch Anfangs für Berlin, weil ich auch nicht wußte,
"daß Sie in Marienthal schon Anfang und Anstalten zu Allem
"getroffen haben. Aber seither habe ich mancherlei neue An-
"schauunge[n] gewonnen und bin nun froh, daß ihre [sc.: Sie Ihre] erste
"Anstalt nicht in Berlin, sondern in einer so herrlichen Gegend ver[-]
"legen wollen. Meine Gründe für Berlin sind noch dieselben; wer-
"den aber jetzt durch andere für Mthal mit überwogen."
"Auch in Dresden hat sich durch Frau Schmieder eine solche Frauenver-
"einigung gebildet, welche durch bestimmte fortlaufende Beiträge
"baare Beiträge, das Erziehungs Unternehmen in Marienthal
"unterstützen und fördern wollen."
Ein ganz gleicher nur noch frischerer, lebensvollerer [Verein] hat sich
in Dresden durch <Ihre Idee> Frau Ottilie Schmieder gebildet.
Siehest Du - und nun fasse Vertrauen wie man von
mehreren Seiten her an unserm Mthal uns bauen
hilft, so wird sich gewiß alles gut machen.
Auch zum Cursus haben sich nun bestimmt gemeldet
Emilie Will - [Emma] Bothmann ? - Marie Zürn - Anna
Helm
. Dann noch einige unbestimmt. Nun ich denke es
werden sich doch so viel melden, daß wir ordentlich bestehen
können.-
Doch es ist jetzt lange nach Mitternacht, Du erhältst
beikommend zur Feier des 15' April mit meinen besten
Seegenswünschen für Dein Wohl und Dank für den Himmel der
Dich mir schenkte - 15 rth pr Ct in Cass: Anweisung. Ich hoffe
auch bis zum 15 zu schreiben. Aber jetzt gute, gute Nacht.
DFrd.Fr.Fr. /

[124R]
Am 8' April. Abends 10 Uhr - Siehe so geht es, gestern
schrieb ich die ganze Mitternacht, damit Brief u. Geld
heut früh 7 Uhr bestimmt an Dich abgehen soll[en]. Wie ich aber
das Papiergeld gegen Silber in Empfang nehmen will, sagt
man mir daß keines zu bekommen gewesen sey; so muß
ich denn ich mag wollen oder nicht 24 Stunden warten;
denn täglich nur einmal - 9 Uhr Vormittags geht
Packetpost zu Euch ab.-
Nun ist mir aber zu Deinem Lebensfeste dadurch eine
liebe Freude geworden, Dir die Grundbestimmungen des
Frauen[-] u Jungfrauenvereines zu Berlin zur Förderung
unserer Erziehungsbestrebungen zu senden. Fasse nun
Muth u Vertrauen Gott wird uns einen festen Grund u
Boden für das ihm geweihete Werk und Wirken schenken.
Ein Dresdner Verein im gleichen Sinne wird folgen, oder ist
vielmehr durch Frau Schmieder zuerst maaßgebend vor-
aus gegangen. Auch in Hamburg hoffe ich soll sich im gleichen
Sinne ein gesunder Mädchen[-] u Jungfrauenverein bilden
aber weder ausgehend von der Traun, noch der Wüstenfeld
noch der Fr. Joh. Goldschmidt. Vielleicht von der Ehlers.
- Daß ich Dir Nichts zu Deinem Geburtsfest sende verzeih mir
ich scheue das häßliche SteuerAmt. Ich komme ja nun bald
sende Du mir auch nichts als ein Wort -- der Beruhig[un]g Deiner.
In treuer Liebe bleibend der Deine FrFr. /

[125]
Hamburg, hohe Bleichen No 19. Am 8' April 1850.


L. L.

Du schreibst mir unterm 31n vor Monats: -
"Nachdem ich die freundlichen [sc.: freundliche] Worte Gegenstimme
"gegen die "Einführungsworte an angehende Kindergärtne-
"rinnen" gelesen gieng ich hinaus in Gottes freie Natur
"den Egoismus zu suchen; doch wohin ich schaue in der leben-
"vollen und belebenden Natur, sehe ich nur die treueste, sorg[-]
"liche Liebe: - ich seh die Buche, deren trockene Blätter noch
"immer fest am Baume halten, um die ihnen bald nachfolgen-
"den kleinen Blätter, jetzt noch als Knospe[n] gegen Sturm u.
"Regen zu schützen, ""wohl gern möchten wir auch ruhen["]
"(sagte mir ihr klagendes Rauschen:) ""doch wie würden dann
"diese Knospen frieren ihnen zu lieb bleiben wir noch"";
"doch nicht alle waren dazu nöthig, ein Theil liegt schon am
"Boden, und bald werden sich die jetzt noch hängenden auch zu
"ihnen flüchten und noch im Vergehen für die neu aus dem Kerne,
"dem Saamen sich entwickelnde junge Buche eine warme Decke
"zu bilden."-
"Würde uns das Märzblümchen, wie das duftende Veilchen
"so früh uns erfreuen können, wenn nicht der Dornstrauch,
"wie das warme weiche Moos sie geschützt u. bedeckt hätte
"?- Wohin ich also nur blicke sehe ich auch in der Natur,
"wenn auch unbewußt, aber darum nicht unverständlich
"die Wirkung und den Seegen der Liebe.- Die treue Enten-
"mutter entbehrt so lange Zeit, die freie Bewegung im
"Hofe und im Wasser um ihre Kindchen ins Leben zu rufen,
"und - wenn sie so glücklich ist endlich die Kleinen um sich
 /
[125R]
zu versammeln; denn obwohl sie gern die schönen
Körnchen selbst genießen möchte, so vertheilt sie
dieselben doch unter ihre Kinder, diese sogar zum
Zulangen ermunternd; auch sonst entbehrt sie noch Vieles
um ihre Kindlein nicht zu versäumen, und wo bleibt
der Lohn für die Mühe? - wenn in ihr der "Egoismus"
geherrscht, so wird er aber in ihr, in ihrem Thun seine
Rechnung nicht finden. Und was dieses sagt; spricht,
redet es nicht die ganze Natur?- Wo da Egois-
mus?-
Im M April 1850 [sc.: März]       L. L. /
[126]
Dieß ist eine reine Empfindung Deines Gemüthes, ein rei-
ner Erguß Deines Herzens bei der critischen Be-
leuchtung Deiner "Einführungsworte" von Frau D[.]
Lütkens
. In diesem Augenblicke ist mir nun eben die
critische Ausstellung derselben nicht mehr gegenwärtig
ich vermuthe aber aus Deiner Entgegnung erstlich daß
Du die Kindergärtnerinnen mit ihren Pflegebefohlenen
auf die Beachtung und Nachgehen der Natur hinweisest,
zweitens daß dagegen sie Dr. Lütkens in ihrer großen
Einseitigkeit ja Halbheit der Natur "Egoismus" zu
schreibt und sie nun so verkehrt schließt: - die Kinder
und der Mensch würde[n] durch die Beachtung und Nachahm[un]g
der Natur zum "Egoismus" hingeleitet. Deine Emp[-]
findung dabei und Deinen HerzensErguß finde ich nun
so natürlich, daß ich wünschte, Du hättest ihn sogleich
hinter der Frau Doris Lütkens Critik abdrucken
lassen. Ich wollte Dir dieß auch sogleich schreiben, bin
aber durch den Drang der Umstände davon abgekommen,
ist es möglich, so hole das Versäumte noch nach. Tritt
dann die Fr D[o]ris Lütkens wieder auf, so werde ich
dann für Dich eintreten; ich will den Kampf schon
durch fechten. Sie ist ja auch gegen mich und die
Redaction ins Feld getreten hinsichtl[ich] der blosen
Ueberschrift "Jesus Christus", wodurch ich Jesus jeden
andern sogenannten provan Schriftsteller und Welt[-]
weisen gleichgesetzt habe. Nun dieser Handschuh wird
schon aufgenommen werden; Nimm Du den Dir hingeworfe-
nen auch nur auf. Damit Du den Aufsatz, gleich /
[126R]
so wie er hier steht zur Druckerei senden kannst,
habe ich ihn geschrieben, wie er geschrieben ist.
Du brauchst dann den Kopf nur weg zu schneiden
und darüber zu schreiben

         Erwiderung
auf Fr. D. L. Critic meiner "Einführungsworte"*).
Wird es nöthig sein so könnte unten die Bemerkung
stehen
*) ["]Verspätet D. R."
Überlegt Euch nun die Sache. Mir ist die Erwiderung
mehrfach lieb ja erwünscht.-
D.Fr.Fr.