Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 12.4.1850 (Hamburg)


F. an Luise Levin in Bad Liebenstein v. 12.4.1850 (Hamburg)
(BlM XXIV,50, Bl 127-128, Brieforiginal 1 B 8° 3½ S. Das erste Blatt des Bogens hat eine Rahmenverzierung.)

Hamburg.         Am 12 Ap. 50.


Meine theuere Luise.

Fast fürchte ich, daß mich die Zeit über-
eilt hat und dieser Brief nicht in Liebenst[ein]
ankommt um Dich an Deinem Lebensfeste
welches zugleich ein Fest des reinsten Seelen-
lebens für mich ist, von mir aus dem treuesten
Gemüth herzinnigst zu begrüßen und Dir mei-
ne aufrichtigsten und tiefgefühlten Her-
zens Wünsche für Deinen allseitigen
Lebensfrieden auszusprechen. Frieden
des Herzens umfaßt meiner Überzeu-
gung nach alle Wünsche, die Erfüllung aller
Wünsche und Forderungen des Lebens;
denn die Erringung und Festhaltung
wahren Lebensfriedens erfordert erfor-
dert [2x] Freiheit des Geistes und Gemüthes
wie Beherrschung des Lebens. Herzens
Frieden giebt aber auch Lebensfreudig[-]
keit; darum erkennt mein, durch Dein mir /
[127R]
Geborenseyn beglücktes Gemüth zu ächter Feier
Deines Geburts- und Lebensfestes kein höheres Gebet:
als daß unser aller liebend leitender Lebensurgrund,
welchen wir menschlich den Guten, so Gott und Vater
nennen, weil wir als Menschen nichts Höheres als die-
ses beide kennen, - daß er Dir allseitigen Lebensfrie[-]
den schenken möge. Und mit diesem Gebet werde ich
mit meinem ersten Erwachen am 15en den mir fest-
lichen Tag beginnen, hoffend der liebende Vater wer-
de ihn uns erfüllen, freilich überzeugt, daß dieß
nur geschehen kann wenn wir dazu die Bedingungen
in uns tragen; denn daß uns gegeben werde hängt eben
so lediglich von uns ab, wie wir etwas, was uns gege[-]
ben werden soll annehmen müssen, wenn wir es em-
pfangen sollen. Du schreibst mir mein theures, prü-
fendes Herz ganz recht: - wir müssen noch unvollkom-
men seyn, weil uns das Leben unsere besten Wün[-]
sche so unvollkommen erfüllt. Siehe durch dieß Dein
liebend Leben theilendes Wort habe ich selbst in mei[-]
nem Leben Manches erkannt, worauf sich Dein
richtiger, wenn auch noch unklarer Lebenssinn beziehen
kann. Darum lasse uns in innigster vertrauender /
[128]
h gegenseitiger Lebenseinigung das Leben, unser Leben
zu der Vollkommenheit und Reinheit erheben die unser
Geist ahnet und die unserm Gemüth und Herzen Be-
dürfniß ist. Dieß wird weiter der Vorsatz seyn mit
welchem [ich] in mir die Feier Deines, und durch Deine Liebe
zugleich meines Lebens- mir höheren Geburtsfestes feiern
werde. Und ich bin tief in mir überzeugt, auch hierin
werden sich unsere Herzen, Geister und Vorsätze ein[-]
ander begegnen.- So Heil und Seegen diesem Tag!-
Daß ich meine Theilnahme an Deinem Geburtstage
an keine äußere Gabe knüpfe mußt Du mir schon zu
gut halten. Ich bin wirklich vom Treiben des Lebens et-
was stark gehetzt, daß ich zu keinem klaren Gedanken,
noch weniger zu dessen Ausführung kommen kann; auch
ist mir das Grenzzollamt so häßlich u.s.w. Doch wir
sehen uns ja bald.
Ein Geschenk - ich weiß daß es Dir ein solches ist, -
will ich Dir aber doch senden und das Grenzzollamt
soll es nicht erst herumhudeln, das ist die Nachricht,
daß ich mich wieder geist- gemüth- und körperlich recht
wohl und kräftig und täglich wachsend mehr fühle;
ich hoffe [sc.: hoffte] so gesund heimzukehren, als ich L[ieben]st[ei]n verließ.- /
[128R]
Damit in diesen uns festlichen Tagen die Sorge für
das häusliche Leben Dir möglichst fern bleibe
lege ich die neun bei, möge aus der Feier die[-]
ser Tage vom 15-21 Dir vielfach neues Leben
hervorgehen.
Grüße an Alle ich muß eilen damit der
Brief noch zur Post komme.
Den Brief aus Rendsburg brachte R. Reinh. [sc.: Rosalie Reinhard]
welche seit vorgestern auf einige Tage hier ist[.]
In der von Dir klar erkannten Gesinnung
Dein
FriedrichFröbel