Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 11.5.1850 (Marienthal)


F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 11.5.1850 (Marienthal)
(SBB, jetzt UB Kraków, Varnhagen-Sammlung, 62, Brieforiginal 1 B 8° 3½ S.)

Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein bei Eisenach, am 11/V 50.


Hochgeschätzte, liebe Freundin.

Endlich ist es mir, nach einem wirklichen Lebenskampf wieder möglich
geworden für mein Leben und Wirken abermals einen festen Halt
und einen sichern Ausgangspunkt zu finden; heut Vormittag nem
lich
an einem wunderschönen Morgen bin ich nemlich in Marienthal
unter freudigem Willkommen seiner Bewohner: Frl. Luisen Levin
und drei künftigen Schülerinnen,- eingewandert. Diese Nachricht
wird Sie th. Fr. vielleicht unangenehm berühren, weil sie die
Hoffnung abschneidet in der nächsten Zeit mich persönlich in Berlin
zu sehen; auch mir kostete es einen Kampf derselben und ihrer Er-
füllung wenigstens für jetzt zu entsagen; allein Hamburg hielt mich
bis auf die letzten Tage so umklammert, daß ich der Ausführung
des mir mehrfach gemachten schönen Planes entsagen mußte; indem
ich für den 13en Mai den Anfang meines Curses angekündigt hatte,
ich auch wußte, daß einige meiner künftigen Schülerinnen pünktlich ein[-]
treffen würden, wie es nun auch wirklich der Fall ist. Andere, anders[-]
gesinnte scheinen dagegen vor ihrem Eintreffen hier, erst die Nachricht
abwarten zu wollen, daß ich persönlich heimisch und heimathlich
hier in Marienthal eingezogen bin. Von welchem Standpunkte ich da[-]
her meine Rückreise nach Marienthal resp. Liebenstein betrach-
ten möchte, so durfte ich sie nicht aufschieben. Daher hoffe ich von
Ihrer unermüdlichen Güte Nachsicht für mein Handeln nach dem Un[-]
vermeidlichen und lassen Sie mich lieber nach den Früchten Ihres rast-
losen Wirkens für die Sache der Kindheit in meinem Sinne zurück-
kehren. Allein zuvor lassen Sie mich Ihnen und allen den mit
Ihnen und durch Sie für die materielle und pecuniäre Unter-
stützung meines kindheitpflegenden Lebenszweckes, Geeinten sowohl
im Allgemeinen, wie ganz im Besondern für die Übersendung der
Rth. 70-prßCrt danken; dieselben werden zur Förderung unseres
hiesigen Werkes eine sichere, zugleich durch die Feststellung unseres
Credites, bleibend fortwirkende Grundlage seyn. Dieß ist jedoch kein-
nesweges die einzige Wirkung davon: zur Nachfeier des 21' v[origen]
Mon[ats] im engern Kreise meiner Schüler und Schülerinnen, an
welcher jedoch nahe 40 Personen und darunter ganz namentlich
unser freudig und thätig das Werk fördernde Diesterweg /
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Antheil nahm, führte derselbe auch Ihren, wie Männer sagen,
aus geistreicher Feder geflossene Aufruf in den Kreis ein, so
wie die sich daran anschließenden Vereinsbestimmungen; das
Ergebniß war, daß sogleich aus den Versammelten ich glaube
20 Personen durch Unterschrift zu demselben Zweck zusammentraten;
Es wurde sogleich aus den Unterzeichneten ein Comité gewählt
vorläufig bestehend aus Herrn Heinrich Hoffmann, Gründer und
Vorsteher eines Kindergartens, Herrn Cand: Ernst, ebenso und
eines Bürgers, dann aus Frau Ehlers, Frl. Mattfeld und eines
Frl. Hesche. Schön ist es dabei, daß Herr Hoffmann und Frau Ehlers
nicht weit von einander wohnen, so, daß sie sich leicht mitthei-
len können; auch haben Sie [sc.: sie] sich beide schon durch ihre Wirksamkeit
für die Sache einen Namen erworben. Herr Friedmann, welcher
sich, in seiner alten gleichen Ruhe, jetzt ganz zur thätigsten Förde-
rung der Kindheitpflege im Geiste der Kindergärten hingewandt
hat und dieselbe, eben in seiner Zurückgezogenheit und ich möchte
sagen in seinem Stehen außer der Sache - mit seltner Kraft för-
dert, derselbe wird dem Vereine seinen Zweck nicht aus dem
Auge verlieren lassen; so hat derselbe auch bei Gelegenheit ei-
nes späteren freundlichen und geselligen Zusammenseins, ei-
nen Verein zur persönlichen Fortbildung im Geiste der Idee, und
dieser selbst unter den Schülern und Schülerinnen gegründet:
Es kommen daher mehrere derselben, die sich besonders verstehen,
mit wahrem aufrichtigen Theil an der Sache der Familie und der
Kindergärten, wie überhaupt an der Fortbildung der Menschheit
nehmen, allwöchentlich Freitags Nachmittags von 5-7 Uhr bei Herrn
Heinrich Hoffmann zusammen, um sich in dem angegebenen
Geiste und zu d[em] bezeichneten Zwecke zu unterhalten. Sie hatten den
Vorsatz zunächst Schillers ästhetische Erziehung d[es] MenschenGe-
schlechtes zur Grundlage ihrer Besprechungen zu machen, was
ich nur billigen kann.
Sie sehen hieraus th. Frd., wie Ihre so lebenvolle Thätigkeit,
eben weil [sie] aus dem Geiste geboren ist, lebenweckend fortwirkt,
wir müssen nun nur das Wesen und die Gesetze dieses Geistes
erfassen und freithätig ihnen getreu handeln.
Was ich Ihnen aber besonders warmen Herzens danke ist die
Einigung der Männer Merseburgs: Weiß, Winck [sc.: Wink], Gantner rc, rc.
Ich habe mit diesen Männern bei meiner Durchreise durch M[e]rs[e]b[u]rg /
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einige recht geistreiche Abendstunden verlebt. Ich freue mich gar sehr
der Bekanntschaft und ich glaube Einigung mit diesen Männern, wie
ich denn auch die schönsten Früchte davon mit Bestimmtheit hoffe.
Sonst war aber meine Reise nach M[e]rs[e]b[u]rg eine ihren Zweck ver-
fehlte: dieser war nemlich Anna Helm, die Nichte des geh. R. R. 
Weiß
- /:und auch die des Directors und Prof. Weiß in Berlin:/
abzuholen und als meine jetzige Schülerin nach Marienthal zu führen.
Dieses nun hat sich zerschlagen, wie Weiß in M[e]rs[e]b[u]rg sagt aus dem er[-]
sten und Hauptgrunde: weil nicht Geld genug zur Deckung der
Bildungskosten in Marienthal zusammengekommen sey, und zwei[-]
tens weil man ihm von Dresden, (Frankenbergs) aus gerathen habe,
erst einen praktischen Cursus zu machen. Was nun das erste be-
trifft so sagte ich in meiner Einfachheit: - "da ja auch der Herr Dir.
u. Pr: Weiß in Berlin der Anna Oheim sey, so würde sich dieser ge-
wiß dazu verstanden haben das Fehlende zu ersetzen"; He. geh. R. R.
aber meinte; ja wenn die Sache Familiensache und Unterneh-
men sey, aber es wäre ja Gemeinde Sache und soweit gienge ihr
Patriotismus, so gut er auch sey, doch nicht. Ich meine aber, die
dadurch errungene Bildung wäre doch im ganzen Familienkreis
geblieben und wer weiß, welch eine Fortwirkung für dieselben
daraus hervorgegangen wäre indem ja derselbe nicht unbedeutend ist.
Sie sehen daraus: unsere deutsche Engherzigkeit ist mit den Edelsten
unter uns wie die eigene Haut verwachsen; die Früchte davon
liegen hier klar am Tage: - die schlummernden Anlagen des Einzel-
nen werden nicht zum Wohl und Heile des Ganzen ausgebildet
wenn der persönliche Nutzen nicht zuerst ins Auge springt; was soll
da aus dem Ganzen werden?-
Was nun das zweite betrifft, die vorausgehende Übung so ist
das wohl wahr und unsere ganze Kinderführungen und Entwickelungs[-]
weise beruht ja auf dieser Überzeugung; allein es kommt sehr viel
auf den Geist an mit welchem man bei dieser praktischen Vorbil-
dung die Erfahrung macht, damit man nicht erst mißgehe um
nachher den rechten Weg einzuschlagen; auch darauf ruht ja
unsere Kindheitentwicklung. Doch in dem vorliegenden Fall
kann nun, wenn man es so nennen will, die theoretische Bildung
erst im künftigen Jahre eintreten; denn in die 2' Hälfte des hiesigen
Cursus einzutreten giebt immer Stückelei. Genug mir thut es leid
daß das Mädchen nicht eintritt und zwar um des Direktor[s] u Pr. Weiß /
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willen, welcher in dieser Beziehung einen so warmherzigen, leben-
und vertrauensvollen Brief an mich geschrieben hat um dadurch
seine Anna, besonders auch, außer seiner Nichte besonders auch
als seine Pathe bei mir einzuführen. Ich würde Ihnen heut
diesen herrlichen Brief abschriftlich beilegen, wenn ich Zeit hätte,
doch folgt er gewiß in aller Kürze, denn ich habe mit Ihrer Theil-
nahme so noch etwas Lebensrichtiges zu besprechen, wozu mir
heut die Zeit mangelt*). Überhaupt geht nun meine Sorge dahin all <Ihre>
früheren und jüngsten Wünsche zu erfüllen.
Also für heut ein herzliches Lebwohl

Friedrich Fröbel

*Ich möchte gar gern daß Sie den He. Dir Pr. Weiß (einen 70
jährigen Greis[)] kennen lernten, was vielleicht möglich [wäre,] wenn Sie
ihn ersuchten, durch Rohrbach ersuchen ließen Ihnen das unter seiner
Aufsicht stehende Museum zu zeigen, und Rohrbach bei dieser Gel[egenheit]
den Dir[ektor], Sie in Ihrer Lebenseinigung mit der Idee zeigte -
[stilisiertes Kürzel / "Zeichnung": df]