Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 16.5.1850 (Marienthal)


F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 16.5.1850 (Marienthal)
(SBB, jetzt UB Kraków, Varnhagen-Sammlung, 62, Brieforiginal 1 B 8° 2 S. + Adr.)

Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein b Eisenach A. 16/V. 1850.
Ihren und Herrn Dir: Diesterwegs Wunsch habe ich sogleich Herrn
Middendorff und durch diesen seiner Tochter Allwinen mitgetheilt,
und zwar durch wörtliche Abschrift Ihrer Zeilen; ich erwarte nun
wenigstens, daß er Ihnen oder Herrn Diesterweg baldigst antworten
wird; jedoch auf Ihre beiderseitigen Wünsche gla einzugehen glaube
ich wird seiner Tochter und somit auch ihm, dem Vater, nicht möglich
seyn; denn so viel ich höre soll Allwinens Gesundheitszustand ein
sehr angegriffener und gestörter seyn, daß sie deshalb der größten
Schonung und Pflege bedarf und zu diesem Ende und Zweck eben aufs
Land und zu ihren Eltern zurück gekehrt ist. Jedoch soll meine Mei-
nung noch keinesweges eine Antwort auf die an Middendorff u. All-
winen gerichtete Frage seyn, er wird sie gewiß selbst beantworten.-
Was nun Herrn Dr Schmidts Bedürfniß betrifft, so warte ich von
Tag zu Tag aus Hamburg auf Nachricht ob dort der 2e Bürgerkinder[-]
garten zur Ausführung kommen wird; sollte daß [sc.: das] in der Kürze, und
wie bisher angenommen wurde - bis zum 1' Juny nicht geschehen, und
sollte die als Führerin an den 1' Bürgerkinder[garten] in Hamburg gerufene
Ida Seele zur rechten Zeit eintreffen, so würde dann die bisherige
Vertreterin derselben - Anna Hesse - (:eine meiner ältesten, d.h.
frühesten Kindergärtnerin[nen] /:vom Jahr 1845/46:/ und zugleich eine mei-
ner erfahrendsten <Füh>, denn sie wurde unmittelbar nach Beendi-
gung des Cursus 1846 sogleich Kindergärtnerin in Annaburg
bei Torgau:) - frei werden; diese Anna Hesse hatte ich dann auf
diesem Fall Herrn Dr Schmidt zugedacht. Herr Dr Diesterweg
kennt sie und ich habe selbst in dieser Beziehung schon mit ihm über
das Mädchen gesprochen.
Außer dieser Anna Hesse, welche sozusagen bis jetzt nur noch
halb frei ist, ist eigentlich nur noch ganz frei Tony Arnstein,
die Pflegetochter der beiden Ehlers,- Diesterweg kennt sie auch
sie ist gewandt, liebt die Kinder, wird von denselben geliebt
sie ist ruhig und somit besonnen bei ihrem Spiele, sie singt gut
und ist Gesangs fertig wie sicher; wenn es bei Herrn
Schmidt drängen sollte, so ist dieß die einzige freie wel-
che ich Herrn Schmidt, wenigstens einstweilen vorschlagen
könnte. Nach Beendigung des hiesigen jetzigen Cursus /
[1R]
glaube ich dann aus demselben eine kräftige Kindergärt-
nerin Herrn Dr Schmidt vorschlagen zu können, in der
Person der Frl. Emilie Brecht [sc.: Bercht], aus Annaburg b. Torgau,
also gleichen Geburtsort mit Anna Hesse. Nun Sie können
selbst prüfen wenn wir in nächstem [sc.: im nächsten] Monat die Freude haben
Sie wieder in unserer Nähe zu sehen.
Wie die Menschen mich zum Socialisten rc machen können
begreife ich nicht, ich bin in Hamburg kaum mit ein paar
ehrlichen Philistern umgegangen. In den Vorträgen <Weichels>
war ich ein einziges mal, an der Jahresfeier des Bestehens
der freyen Gemeinde - die Hochschule habe ich nicht betreten -
nicht einmal mit den Damen, welche selbige ins Leben gerufen,
habe ich viel zuletzt in Monaten gar nicht verkehrt, indem wir
durch einen Artikel in der Dorfzeitung der mich zum Gründer
und Vorsteher der Hochschule [machte] und von meinen Studentinnen
sprach und durch meine Erwiderung darauf gänzlich ausein[-]
ander gekommen sind, so daß ich Frau Traun (welcher [sc.: welche] so gar
schon seit längerer Zeit verreißt ist und Frau Wüstenfeld
gar nicht gesprochen habe. In Gesellschaften und Vereine bin
ich auch nicht gekommen, fast wie ein Einsiedler habe ich verein-
samt auf meinem Zimmer gelebt, wo mich kaum 4 verschiedene
Männer sämtlich Philister, Männer von ruhigem Gewerbe, so
daß ich nicht weiß woher man nur die leiseste Spur neh[-]
men will mich zum Socialisten zu machen. Sie er[-]
wähnen noch Breslau's - von Breslau weiß ich so viel
wie von Berlin, d.h. daß man dort einen Kindergar-
ten einrichten will. Thöricht wäre ich dazu Breslau
dazu nicht die Hand [zu] bieten wie ich Berlin die Hand biete.
- Freuen Sie nun aber sich theilnehmende Freundin mich
wie daß ich endlich aus dem Partheigetriebe heraus
und in Marienthal bin. Hier bin ich nun mit meiner Idee
ganz allein und pflege sie und suche meine vielfachen Ver-
pflichtungen endlich zu lösen.- Hier will ich schreiben so offen
wie ich vor mir selber bin und wenn man dann mit Gewalt
den Socialisten heraus lesen will, so werde ich schweigen wie jetzt.
Bald mehr.-
FrFr.
[2R]
Frau Geheimräthin v. Mahrenholz
geb. von Bülow
Berlin
Behrenstraße No 13.
[Poststempel Liebenstein 17.5.]