Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 19.5.1850 (Marienthal)


F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in Berlin v. 19.5.1850 (Marienthal)
(SBB, jetzt UB Kraków, Varnhagen-Sammlung, 62, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein bei Eisenach. Am 19'/V 50.
Sie werden sich wundern, meine liebe Frau von Mahrenholz, schon wieder
einen Brief von mir zu erhalten, der Grund davon sind ein paar Worte
in Ihrer jüngsten lieben Zuschrift vom 10en Mai, Sie schreiben darinn:
-"Von Merseburg aus denke ich, wird bald die versprochene Schülerin bei
Ihnen eintreffen." Dem ist aber wenigstens zunächst nicht so, ich weiß auch
überhaupt nicht, ob es noch geschehen wird. Nach einer früheren Bestimmung
gedachtes junges Mädchen auf meiner Heimreise von Hamburg aus
in Merseburg mitzunehmen stieg ich in Merseburg aus dem Dampfwagen
um daselbst zu übernachten und andern Morgen früh in Gesellschaft der
neuen Schülerinn weiter zu reisen. Der Herr Geheimrath Weiß aber,
welchem ich meine Ankunft sogleich anzeigte und der mich bald darauf in
meinem Gasthofe nebst dem He. Prof. Wink, dem Mathem: Gandtner [sc.: Gantner] u.
einem dritten besuchte erklärte mir, daß sich der ganze Plan aus einer
dreifachen Rücksicht und Ursache abgeändert habe und das junge Mäd-
chen schon zu ihrer nächsten Ausbildung nach Dresden zu Frankenbergs
abgegangen sey; als die drei Bestimmungsgründe nannte mir ders:
erstl. - daß durch die, ich glaube von Ihnen angeregten wöchentlichen
Silbergr: Beiträge nicht genug Geld zusammengekommen sey um
damit die Kosten eines sechsmonatlichen Cursus bei mir zu decken,
und Zuschuß von Seiten der Familie zu machen, worauf ich besonders in Bezieh[-]
ung auf den kinderlosen Herrn Prof. v. Weiß in Berlin deutete, hätten sie sich
aus bezeichneten Gründen nicht veranlaßt gefühlt. Das zusammengebrachte
Geld sey aber gerad hinlänglich genug um die Kosten eines dreimonatlichen
practischen Cursus in der Frankenbergschen Anstalt zu decken. Als
zweiten Grund nannte man mir die nothwendige und darum mög[-]
lichst schnelle Ausführung eines Kindergartens in Merseburg, ehe
der Eifer dafür daselbst erkalte; die Eröffnung eines Kindergar-
tens auf 6 Monate hinauszuschieben, das sey hier zu lang. Drittens
endlich habe man dem Mädchen in Dresden, wo sie es auf Ihrer [*letztes Wort zu streichen*] seiner Reise, ich
glaube aus Schlesien, über Berlin nach Merseburg, bei Frankenbergs
eingekehrt sey und wo es ihr auch, was natürlich ist, gar sehr ge-
fallen habe, gesagt:- es sey besser sich vorher praktisch auszu-
bilden. Gegen alles dieß ließ sich ja nun auch von meiner
Seite gar nichts einwenden und so war die Sache abgemacht.- Als ich eben des andern Tages, wo
ich durch einen eigenen Zufall bei Weißens zu Mittag war, und
weggehen wollte, erinnerte man sich eines Briefes, welchen das /
[1R]
das Mädchen von ihrem Oheim, dem Director und Prof. Weiß aus B.
für mich mitgebracht habe. Ich steckte ihn uneröffnet zu mir und
erst nach Tagen, da das Ganze in mir völlig abgebrochen war, fand
ich mich veranlaßt den Brief zu lesen. Er lautet wörtlich:
"Hochgeschätztester Freund."
"Ein neues Band einer alten, stets befreundeten u. geachteten Verbindung
knüpft sich an diesen Brief. Es ist eine der uns am nächsten stehenden jüngeren
Personen weiblichen Geschlechts, es ist die Nichte (Schwestertochter) meiner Frau, ja
ist sogar meine Pathe, die Ihnen diesen Brief überbringt und die in keiner andern
Absicht zu Ihnen kommt, als Ihren Unterricht zu genießen in der Behandlung der
Kinder um sich unter Ihnen vertraut zu machen und einzuüben in den Geist der
Methode die Ihre Kindergärten auszeichnen. Mein älterer Bruder (g.R.R.
in Merseburg) wird sie Ihnen wahrscheinlich schon schriftlich angekündigt u. bei
Ihnen eingeführt haben, und es würde keine Zeilen von mir bedürfen, um
Anna Helm Ihrer gütigen und wohlwollenden Aufnahme zu empfehlen; ja
die Sache würde es bei Ihnen thun, ohne alle schriftliche Empfehlung der Person,
sey es durch meinen Bruder oder durch mich; aber daß sich an die Würdigung der Sache
als solche auch die Erinnerung an die Personen knüpfen möge und so zwischen
uns, Berlin sowohl als Keilhau, durch eine so große Reihe von Jahren hindurch
in unser beiderseitiges Leben eingegraben hat, das drängt denn auch mit
freudiger Nothwendigkeit zu schriftlicher Aussprache bei solcher Gelegenheit.
Und so möge Ihnen denn meine Anna Helm nicht allein nur willkommen,
sondern auch eine liebe und werthe Schülerin werden. Mögen Sie eine geleh-
rige Schülerin an ihr finden! mag die Zukunft weiter entwickeln was in
diesem Saamenkorn liegt, das jetzt Ihrer Belebung und Pflege überge-
ben wird! Mag die Gegenwart Ihnen dabei auch mich und unsere
gemeinschaftliche Vergangenheit immer von neuem wieder vor Augen bringen"[.]
"Ein nunmehr 70jähriger Mann wie ich sieht seine Laufbahn billig als ziem-
lich geschlossen an. Sie sind einem gleichen Altersabschnitte zwar nun auch
schon nahe genug; indeß ich sehe aus Ihrer regen und sich weit ausbreiten-
den Thätigkeit der wie Sie sich noch immer im Verfolgen Ihrer pädagogischen
Ziele, und rüstige Kraft dazu in Sich fühlen; ich sehe das mit Freuden, und
wünsche Ihnen recht glückliche Erfolge gerade in den späteren Jahren
Ihrer Wirksamkeit steigend zu erleben. Das vielfach verbreitete
erwachte Interesse für die Verbreitung Ihrer Kindergärten, das
große Lob daß [sc.: das] den Erfolgen Ihrer Methode von so vielen geachteten
Männern und Frauen gezollt wird, läßt mich nicht zweifeln,
daß es nicht ein bloser guter Wunsch, sondern eine auf Thatsachen /
[2]
wohl gegründete Erwartung ist, die ich hiermit für das weitere und
immer größere Gedeihen Ihrer Wirksamkeit ausspreche.-
Anna Helm da sie eben auf mehrere Tage in Berlin gewesen ist, mag
Ihnen selbst erzählen, wie sie uns den Jahren, der Gesundheit, der Lebens-
weise nach gefunden hat, und wird Ihnen selbst über Manches mündliche
Auskunft geben können, was Ihr altes Interesse für Berlin, und ins-
besondere auch die hiesigen Sammlungen in sich schließt. Die Versteine-
rungslehre hat jetzt hier ihren besonderen Vertreter an dem Schwager
der Anna Helm dem Herrn Professor Brogrich (?), der eine jüngere Schwe-
ster der Anna, also gleichfalls eine meiner Nichten, geheirathet hat,
und sehr glücklich mit ihr lebt."
"Ich schließe mit den herzlichsten Grüßen auch im Namen mei-
ner Frau als Ihr treu ergebener Freund Weiß. Brl. 20/IV 50."
Warum ich Ihnen, theure Freundin, diesen Brief so ausführlich und
bis zum letzten Buchstaben mittheile?- Sehen Sie, wie mich dieser
Brief jetzt beim Abschreiben wieder tief und im Innersten gerührt
hat, so hat er mich in dem Tiefsten meines ganzen Wesens ergriffen
als ich ihn zum erstenmale las und wieder las. Welch' eine Tiefe
und Wärme des Gemüthes und Herzens!- Welch' eine Ruhe, Klar-
heit und Besonnenheit des Geistes!.- Welch' eine Gediegenheit des
Charakters!- Welch eine Lebens- und Freundes Treue und Achtung!-
Welch' ein stets und stetig rein bewahrtes Band der Herzens-,
Geistes- und Lebens Einigung!- Und diesem edlen, mir erscheint
er als ein vollendeter Seelen-, Geistes- und Lebensbund, hätte
durch das ihn wieder erweckende, junge, frische und geachtete Leben
des, wie es scheint, auch in sich strebsamen, jugendlichen Mädchens
auch wieder neu belebt, zum Treiben neuer Blüthen und frischer
Früchte neu belebt werden sollen;- daß dieß alles durch eini-
ge kleinliche äußere Rücksichten, daß durch dieselben ein gewiß
seltenes weiteres Freundschaftsleben in seiner völligen
Entwickelung und Ausbildung, nicht nur gestört, sondern vernichtet
werden sollte, dieß that mir wehe, und jetzt tret [sc.: tritt] mir das
Nichteintreten des Mädchens - was ich ja schon oft genug im Leben
erfahren - als ein Verlust für das Leben entgegen. Und nochmals:
Warum ich Ihnen dieß schreibe?- Damit an die Stelle der ge-
nommenen, mir zerstörten natürlichen Lebensvermittelung und Lebenspflege zwischen
Weiß und mir nun durch Sie l. Frau v. M. eine künstliche/
[2R]
eintrete. Da Sie des Dir: und Prof. Weiß älteren Bruder in M.
kennen, da Sie mit demselben selbst wohl über Anna Helm
verkehrt haben, da selbst das mineralogische Museum und
ein sich belohnendes Interesse an demselben wohl leicht einen
Anknüpfungspunkt mit dem Prof. Weiß bietet, so wäre es
mir sehr lieb wenn Sie denselben nicht blos kennen zu lernen,
sondern mit demselben sogar über diese Sache zu sprechen suchten;
nicht sowohl etwa um die Sache jetzt abzuändern, wovon ich
selbst nicht einsehe wie es möglich seyn sollte ohne in die Dresdner
und noch mehr ohne in die Merseburger Verhältnisse und An-
ordnung störend einzugreifen, was ich keinesweges wünsche
sondern mir im Gegentheil sehr unlieb seyn würde.- Ich wünsche
blos, daß das, durch den herzlichen Brief des Prof. Weiß - (in dem
ich, ob er gleich nur mehr 2 Jahre älter als ich seyn wird, doch gern
meinen Lehrer und Meister dankbar erkenne und achtend ehre) -
wieder neugeknüpfte Lebensband - ja ein wahrer Geistes[-]
bund, durch Ihr freundliches persönliches Dazwischen treten zwi-
schen ihn und mir wieder, vielleicht gar zu Blüthen und Früchten entwickelt werden [könnte]. Wären noch die früheren besonders Uni[-]
versitätsverhältnisse, so würden Sie in dem Prof: einen aus[-]
dauernden und hingebenden Beförderer Ihrer Bestrebungen
hinsichtlich Marienthals finden. Weiß hat dieß mir 2mal
in meinem Leben und einmal auf eine großartige Weise be-
wiesen.
Genug! ich wollte nur Lebenspflege nicht verabsäumen
wo sie mir als Pflicht entgegen tritt.-
Von Hinke aus Greifswalde habe ich einen gleich theilnehmenden Brief
erhalten. Er ist zwar anderer Art, doch ist es vielleicht dennoch wichtig Ihnen
denselben vor Ihrer Abreise aus Berlin noch mitzutheilen.
Die gemachten Bestellungen habe ich sämtlich an Renner übergeben
und er hat sich sogleich gesetzt dieselben auszuführen.- Der Fr[au] Inspector
Müller
ist Ihr Billet mit Wunsch übergeben. Ihr altes Zimmer war schon
für Sie [sc.: sie ?] hergestellt.- Übermorgen werde ich auf einige Tage zur goldenen
Hochzeit meines blinden Bruders nach Keilhau gehen.- Vorgestern ist die 7e meiner
Schülerin[nen] eingetreten; einige erwarte ich noch.- Wie sieht es mit Herminen
aus hält sie, halten die Eltern ihren Entschluß fest?-
Herrn Schuldirector Lüben habe ich in Merseburg gar nicht zu Gesicht
bekommen; er muß wohl abwesend gewesen seyn. Winks lahme Tochter
wollte auch kommen aber ich habe nichts weiter gehört; werden Sie auf Ihrer
Herreise in Merseburg einsprechen. Bringen Sie vielleicht Hermine u. Diesterweg mit? das freundliche Marienthal grüßt sie [sc.: Sie] freundlich
FrFr /
[]
(Umschlag)
Frau Geheimräthin von Mahrenholz,
geborene von Bülow,
d.Z. [sc.: derzeit]
Berlin
Behrenstraße No 13.
frei.
[Poststempel: Liebenstein, 20.5.]