Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 9.6.1850 (Marienthal


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 9.6.1850 (Marienthal)
(Autograph nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 242-243. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Original].)

Marienthal bei Bad Liebenstein, am 9. Juni 1850.


Mein theurer Freund!

Sagen Sie, wie kommt es, daß ich nach mehrfach wiederkehrender brieflicher Einkehr von meiner Seite bei Ihnen noch mit keiner Erwiederung von Ihnen erfreut worden bin?- Sind Sie unzufrieden mit mir?- Sie können es sein und können es nicht sein; Sie können es sein, weil ich Weihnachten 1848 nicht mein Wort gehalten habe und anstatt nach N. [sc.: Annaburg] nach Hamburg gereist bin. Allein Sie können und dürfen mir deßhalb auch nicht zürnen; denn der Erfolg hat gezeigt, daß dort der leise und kleine Keim einer großartigen Entwickelung zu pflegen war. Ich gestehe offen, daß ich dort hoffte, es würde mir möglich werden, im kurzen darauf mein Versprechen zu erfüllen; doch riß mich das Leben wirklich mit unwiderstehlicher Gewalt von der Erfüllung einer Forderung zur anderen, und hierin können Sie und dürfen Sie mir nun nicht zürnen; denn wer kann gegen die Allgewalt des Lebens und Schicksals, welcher ich aber in meinem Streben und durch dasselbe so sehr unterworfen bin. Also bitte: Haben Sie mir bisher gezürnt und sind Sie wirklich unzufrieden mit mir gewesen, so thun Sie es nicht ferner; es würde dies für mich, wie für mein ganzes Leben einen bedeutenden Verlust mit sich führen; denn ich sehe wirklich nicht, von woher mir sobald wieder ein so geistreicher, liebend eingehender, förderlicher Freund meiner und meinen Bestrebungen werden sollte. Ich wünsche daher wirklich gar sehr, daß mir die Freude würde, uns bald einmal wieder persönlich zu sehen und zu sprechen; denn vielseitig und weithin hat sich Alles aus- und fortgebildet, seit wir uns zum letzteren Male sahen und sprachen, und über Alles möchte ich mich Ihnen wieder mittheilen und im klaren Spiegel Ihres Geistes Alles geklärt schauen. Doch von mir und meiner Seite aus sehe ich nicht ab, wenn dies möglich werden soll, so hat mich das Leben in seiner Entwickelung gefesselt; allein Bad Liebenstein, der Ort, welcher so vielen Lebenserfrischung reicht, ist ja Marienthal so nahe und gewiß, Sie, Ihr Geist und Körper, werden gewiß bei Ihrer so treuen Berufserfüllung der allseitigen Lebenserfrischung bedürfen; auch haben Sie ja, irre ich nicht, während des Sommers mehrwöchentliche Ferien, und es ist so leicht und mit wirklich verhältnißmäßig geringen Kosten auf den Eisenbahnen die Reise von N. [Annaburg] nach Liebenstein zu machen; denn nur das kurze Stück von Eisenach hierher muß per Post oder eigener Fuhre zurückgelegt werden. Und Eisenach, wie Liebenstein und die ganze hiesige Gegend, wie besonders der nächste Thüringerwald reicht ja soviel, daß es in all' diesen Beziehungen sich wohl der Mühe lohnt, hierher eine Erholungsreise zu thun; wie wäre es nun, wenn Sie solche in diesem Sommer ausführten? Sie würden gewiß zugleich auch manch liebe Bekanntschaft machen und erneuen, z.B. Diesterweg u.s.w. sehen. Überlegen Sie es; Freude werden Sie mir machen und gewiß manchen neuen Gedanken und neue Lebensanregung würde ich unserm Zusammensein verdanken; und - Gedanken zu Thaten geworden, sind es doch, welche die Schicksale der Menschen bestimmen.
Zunächst freue ich mich wenigstens, daß ich wieder eine liebe, recht eingehende und für das, was sie empfängt, kindlich dankbare Schülerin aus N. [Annaburg] habe: Frl. Emilie B. [Bercht], wodurch also das innere geistige Band gepflegt, wie das äußere wieder hergestellt wird. Außerdem wohnen bei mir in Marienthal bis jetzt sieben Schülerinnen, mehrere erwarte ich jedoch noch, wie auch noch theilnehmende Freunde und Freundinnen, welche zugleich das nahe gelegene Bad Liebenstein zur Gesundheitspflege besuchen.- Hamburg und Dresden /
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haben die Idee der Kindergärten weit verbreitet; mit Bestimmtheit höre ich, daß Pädagogen in Schweden und geborne Norweger sich in dem Maaß durch das, was sie in Dresden gesehen haben, für die Verbreitung der Kindergärten in beiden Reichen interessiren, daß sie die Absicht haben, mir von dort im nächsten Jahre Schülerinnen zu senden. Auch in Dänemark wird die Sache besprochen.-- Doch jetzt muß ich schließen; also auf baldige schriftliche oder persönliche Einkehr. Mit unveränderter Liebe
Ihr
Friedrich Fröbel.