Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Hertlein in Hamburg v. 16.6.1850 (Marienthal)


F. an Luise Hertlein in Hamburg v. 16.6.1850 (Marienthal)
(BlM XXVII,1,2, Brieforiginal 1 B 8° 2 S. + Adresse. - Im BlM-Katalog S.71 fälschlich unter "16.11." verzeichnet.)

Marienthal bei BadLiebenstein ohnweit Eisenach 16/VI 50.


Meine liebe Luise Härtlein [sc.: Hertlein].

Es thut mir wirklich recht herzlich Leid, daß sich mein Brief-
schreiben an Sie, ganz gegen meinen Wunsch und Wollen,
(das kann ich Ihnen mit der vollsten Wahrheit aussprechen)
soweit hinaus geschoben hat. Als ich das erstemal eine
Mehrheit kleiner Briefe nach Hamburg absendete, war mir
bis zum Postabgange - und doch eilte einer der Briefe - keine
Zeit mehr übrig, weiter noch einen hinzuzufügen. Später
hat dann die Gewalt des Lebens meinen Vorsatz Ihnen
zu schreiben immer von einer Zeit zur anderen Zeit zurück-
gedrängt, dazu kam meine gänzliche Übersiedelung von
Keilhau hierher welche mir nebst meines Bruder[s] golden[er]
Hochzeitfeier 14 volle Tage wegnahm; nun hier in Marien-
thal wieder das Einkramen und häusliche Einrichten, was
nun wieder beinahe <8> Tage gekostet hat, dazu der täg-
lich regelmäßige Unterricht seit Montag den 13' Mai.
Sehen Sie, liebe Luise, so ist es ganz gegen meinen Wil-
len gekommen, daß sich mein Schreiben an Sie so sehr
verspätet hat; keinesweges aber aus einem Grunde
irgendeiner Lebenstrübung. Man hat mir bei meinem
Abgang von Hamburg gesagt, daß Sie meinten, es habe
sich irgend eine Erkältung meiner Theilnahme an Ihrem
Leben und dessen Entwickelung in meine Seele geschlichen.
Wenn in den letzteren Wochen meiner Anwesenheit in Ham-
burg meine Lebensäußerungen ganz im Allgemeinen mehr
zurückgedrängt waren und besonders Ihnen theilnahme-
loser erschien, so müssen Sie bedenken, daß dortmals eine
solche Menge von Unangenehmen und noch überdieß augen-
blicklich zu befriedigende Lebensforderung auf mir lasteten
daß es mir, ganz auf mich ohne Hülfe zurückgedrängt - nicht
möglich war mich freier und freudiger im Leben zu bewegen[.]
Doch über diesen Gegenstand nun genug. Möge das so eben
Ausgesprochene Sie in Ihrem Innern beruhigen und in Ihnen
das alte frohe Vertrauen zu mir zurück führen. /
[7R]
Wie geht es Ihnen aber jetzt eigentlich und in Wahrheit?-
von einer Seite schreibt man mir: - ["]gut"; von einer an-
dern Seite das Gegentheil; welche Seite hat Recht?-
Wie viel haben Sie Kinder in Ihrem Kinderkreise und
was für Kinder?- Alle Kindergärtnerinnen nun schrei-
ben mir: - wenn wir im Kindergarten und unter unseren
Kindern sind, dann sind wir froh, dann liegt alles Leid
des Lebens hinter uns. Mögen Sie auch die Erfahrung in und
an sich machen. Mir geht es ganz ebenso in Beziehung auf
mein Wirken: - wenn es mir nur erst möglich ist in
der Mitte meiner Bestrebung, der Pflege meiner Geistes-
kunde zu leben, dann ist mir wohl.
(Da Sie in den) Was die Personen noch und die Verhältnisse meines
jetzigen Lebens betrifft, so haben sie sich abgerechnet, daß
ich nun in Marienthal wohne und meine eigene Wirth-
schaft habe, wenig verändert. Unsere Zeiteintheilung,
ist wie in Liebenstein. Bei Tisch sind wir unserer 10. Sie-
ben Schülerinnen, Herr Renner, Luise Levin und ich.
Die Natur wird von den Schülerinnen noch mehr benutzt
als in Liebenstein indem die Benutzung leichter ist. Nach
Liebenstein wird dagegen weniger gegangen. Die Kin-
der kommen so freudig aus Liebenstein hierher wie sie nach dem
Gute kom[m]en, freilich täglich nur 1 mal am SpätNachmittag.
So wohl mit Emma Habichts Wirken in Rudolstadt
als mit dem Wirken der Frau Herold in Gotha ist man
sehr zufrieden. Auch Emma Bothmann schreibt aus Schwein-
furt ganz beglückt. Auch den beiden Zwillingsschwestern
Adele und Phillippinen geht es wohl.
Allwina Röthger, welche sich jetzt froh in ihr Verhält-
niß findet würde bis zum August noch hier bleiben, dann
wird ihre Mutter sie abholen. Frl. Luise Levin zeigt sich
fortdauernd als eine wahre Vorsteherin einer solchen Anstalt
wie sie dieselbe auch lehrend fördert.- Das ist es nun wohl
alles was ich Ihnen von hier schreiben konnte. Schreiben
auch Sie mir bald, besonders bitte ich um den Rest der Zeichenhefte
und das Falten, weil ich davon Gebrauch machen will und die
Abschriften der Vorträge. Gruß an Fr. Lütkens u die Schwestern Kalisch.
Mit unveränderlichen Gesinnungen Ihr väterl. Freund FriedrichFröbel /
[8]
[leer]
[8R]
[Adresse:]
Fräulein Luise Hertlein
Kindergärtnerin im Institut
Lütkens
Hamburg
St. Georg hinterm Strohhause No 64
frei!