Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Marie Christ in Lünen v. 9.10.1850 (Marienthal)


F. an Marie Christ in Lünen v. 9.10.1850 (Marienthal)
(BlM XX,1, Bl 10-11, Brieforiginal 1 B 8° 2 S. ohne Adressat. - Adressatschaft: In BlM-Findbuch wird die Adressatin offengelassen, in Briefliste zunächst auch, dort aber handschriftlicher Nachtrag, vermutlich von Reinhold Wächter: "Muther ?". Was auf Hildegard Muther in Coburg hindeuten könnte, ist unklar. Wingolf Lehnemann argumentiert wie folgt: Marie Christ hat nach Beendigung ihrer Kindergartentätigkeit 1850 einen Witwer mit drei Kindern geheiratet; dies macht es aus inhaltlichen Gründen sehr wahrscheinlich, daß der Brief an Christ gerichtet ist.)

[Briefkopf: Lithographie Marienthals mit Bildunterschrift "Bildungsanstalt Marienthal", die in den Text integriert wird]
Bildungsanstalt Marienthal
ohnweit Bad Liebenstein im Meiningschen d. 9en Oktbr 50.


Hochgeschätztes Fräulein.

Sie sind glückliche Braut: wie beglückt dieß auch mich. Denn Sie wissen
ja, wer wahrhaft glücklich ist beglückt in seinem Glücke und durch
dasselbe auch wahrhaft gleichsinnige Andere, und Sie weisen mir
ja in Ihren gütigen Anzeigezeilen mit einfachen aber bestimmten
Zügen die festen Grundlagen Ihres Sie erwartenden und darum
in dieser Erwartung schon jetzigen Glückes nach: einen vielfach
hochachtbaren Mann jetzt als beglückenden Verlobten und bald
als beglückten Gatten, ja selbst schon als Vater, denn das erhöht
ja auch um vieles wie mir aus Ihrem lieben, lieben Brief durch-
weg hervorleuchtet Ihr Glück, daß Sie einst und sogleich als theu-
re Gattin dreien mutterlosen Waisen liebend sorgsame, treu pfle-
gende, liebend und sinnig entwickelnde Mutter seyn können.
Sehen Sie, geschätztes Fräulein, daß ist es, warum Ihr bräutliches
Glück auch mich so innig wie hoch beglückt: - eine durch allseitige Le- /
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benseinigung fried- und freudvolle Familie zu sehen in welcher in
gleichem Geiste auch Kinder in den ersten und frühen Lebens-
jahren gleichem Familienglücke und so dem Ziele der Mensch-
heit entwickelnd entgegen erzogen werden, dieß ist schon
längst ein Wunsch und Sehnen meines Herzens, wie freue
ich mich nun, denselben durch Ihre Begründung eines neuen
Familienlebens erfüllt zu sehen. Es ist wahr, und ich darf
es nicht leugnen, daß der Wunsch, welcher sich leis in
Ihrem freundlichen Briefe hervordrängt, Sie möchten nun
doch noch mehr nicht nur mit den Grundsätzen und Bedin-
gungen der sich im Leben und in den Familien frey ma-
chenden entwickelnden Bildungsweise, mit den Mitteln u.
Wegen einer solchen Erziehungsweise bekannt seyn, auch der meinige ist. Zwar
ist es keinesweges in Abrede zu stellen, daß das weibliche
Gemüth und noch mehr der rege und wahre mütterliche Trieb
in den genannten Beziehungen sehr häufig das Rechte u. Rich-
tige unmittelbar in und durch sich findet; allein es hat dieß
doch immer den Mangel der, von den [sc.: dem] prüfenden Geist erhaltenen
Gewiß- und Sicherheit im Handeln. Doch Ihnen, hochgeschätztes
Fräulein, wird es, bei Ihrem offenen Sinn, regen Streben, fe-
sten Willen und besonders an der Hand eines, auch in diesen
Beziehungen schon erfahrungsreichen Gatten, so wie vermit-
telt durch einen vom gleichen menschenbildenden Sinne durch-
drungenen Bruder leicht werden das etwa noch fehlende
zu ersetzen und das, im unbewußten Gefühl seinen Grund Ha-
bende an den Gesetzen des klaren Geistes und den Ergebnissen
der Erfahrung zu prüfen.- Sollten Sie nun je glauben, daß
auch ich und wir als Ganzes im Bereiche dieses, Ihnen und Ihrem
Leben etwas seyn könnten, so wissen Sie, wie es mich und uns
hocherfreuen würde, sprächen Sie es mir und uns offen aus.
Darf ich bitten, so versichern Sie all Ihren lieben Angehörigen
meine herzinnige Theilnahme und empfehlen Sie mich hochachtend
Ihrem so schätzbaren Verlobten, auch erlauben Sie mir stets zu bleiben
Ihr, mit Lebenstheilnahme Ergebener FriedrichFröbel. /
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