Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Anhänger der Fröbelschen Pädagogik< in Hamburg v. 22.10.1850 (Marienthal)


F. an >Anhänger der Fröbelschen Pädagogik< in Hamburg v. 22.10.1850 (Marienthal)
(BN 718, Bl 1-3, Rundbrieforiginal/Fragment 1½ B 8° 6 S.)

Marienthal ohnweit Bad Liebenstein bei Eisenach am 22/X 50.


Meinen sämtlichen lieben Freunden u Freundinnen
werthen Schülern und Schülerinnen in Hamburg

*


Geschätzte Freunde und Freundinnen
liebe Schüler und Schülerinnen.

Endlich ist der Sommer mit seinen zahllosen, wie eine stetige Kette
zusammenhängenden täglichen Forderungen vorüber, welche
mich für die Beachtung meines eigenen persönlichen Lebens
und der Erfüllung seiner Pflichten fast sterben machten, wenig-
stens beinahe todt seyn ließen; doch das Bad ist nun seit einiger
Zeit gänzlich leer von seinen vielen Freunden, von denen vie-
le häufig theilnehmend oder auch wohl aus bloser Neugier in
festgesetzten wie in unbestimmten Zeiten auf längere u.kürze-
re Dauer bei mir einsprachen und meine Schülerinnen sind
bis auf drei entweder von ihrem sie schon erwartenden Wirken
oder von unerwarteten Familienforderungen abgerufen worden,
so daß ich nun, nach Besorgung des zunächst Drängenden, auch da-
ran denken kann meine Briefschuld gegen Sie sämtlich ab-
zutragen. Aber wie soll mir dieß möglich werden, wie soll
ich mich durch dieselbe hindurch arbeiten?!- Von vierzehn von
Ihnen, und von manchen sogar mehrere Briefe liegen mir zur
Beantwortung vor; wie soll ich schon dadurch durchkommen
und von den übrigen Anderen bin ich auch ihre fortdauernde
Lebenstheilnahme gewiß, daß ich denselben auch von mir Kunde
und von meinem Leben und Wirken, dessen Erfolg und Früchten
Nachricht zukommen lassen möchte wie all den Vorgenannten.
Jedoch wie dieß beginnen?- Ich glaube ich sondere das was ich
sämtlich Ihnen zu schreiben habe in zwei große Theile: ein-
mal in das was ich allen und einen Jeden von meinem Leben
und Wirken mitzutheilen habe und möchte und dann in das
was jeder Einzelne von mir zu fordern und zu erwarten hat.
Erlauben Sie mir nun das erstere in einem Briefe an Sie alle,
wie ich hier begonnen, zusammenzufassen und dann das persön-
lich Einzelne in den besonderen Briefen an jeden Einzelnen, wie
es mir nun hoffentlich möglich werden wird, zu beantworten. /
[1R]
Doch wo und wie beginnen?- Irre ich nicht sehr, so habe ich
bald nach meiner Ankunft hier an Sie, liebe Geeinte geschrieben wie ich in der Mitte des
Monat Mai meinen Bildungskur-
sus mit 9 Schülerinnen in dem freundlichen Marienthal be-
gonnen habe. Die rege Theilnahme alter und neuer Freunde
belebten bald den thätigen, frohen Kreis noch mehr, unter den
ersteren waren besonders einige Volksschullehrer aus der Nach-
barschaft. Auf unserem schönen, freien nun munteren Spiele
mit Kindern ganz geeignete Platze vor dem Hause ver-
sammelte sich bald zur bestimmten Nachmittagsstunde
eine Schaar froher Kleinen zum fröhlichen Spiele aus dem
keine 15 Minuten entfernten Pfarrdorfe, und so hatten wir
auch täglich unsere Spiel- und Übungsstunde für die Schüle-
rinnen und für einen oft sehr ansehnlichen Kinderkreis; denn
ein Lehrer aus einem anderen wohl 3/4 Stunden entfernten Dorfe
(: Lehrer Motschmann aus Steinbach:) besuchte uns auch in diesem, wie
schon im vorigen Jahre zum Öfteren mit einem großen Theile sei-
ner Schuljugend; da gab es nun große Aufmunterung im klei-
nen Wettstreit; ja selbst aus dem benachbarten, aber fast 2
Stunden entfernten Städtchen Salzungen wurden wir von den
Lehrern der Stadt mit einem großen Theil ihrer Schüler namentlich
ihrer rüstigen Turnerschaar zum Öfteren besucht; da gab es denn
nochmehr Nacheiferung.
Solches frohes Jugendleben konnte nun aber schwerlich den, zu ihrer
Gesundung viel umher wandernden Badegästen zu Liebenstein,
von wo Marienthal ohngefähr 20 Minuten entfernt seyn mag,
lang verborgen bleiben und so kam es denn, daß wir auch
zu unsern Spielstunden und während derselben sehr häufig, oft
ansehnlichen d.h. zahlreichen Besuch von theilnehmenden, wie
ich schon aussprach, auch wohl blos neugierigen, ja vielleicht gar
in sich der Sache schon feindlich gesinnten Badegästen hatten.
Jedoch gab alles dieß ein sehr erregtes, frisches, auch wirklich gei-
stig thätiges Leben, besonders auch dadurch das einzelne dieser
Besuchenden zu Zeiten auch bei einzelnen Stunden gegenwär-
tig waren; und so hatte ich, wie ich glaube, mich eines ungewöhnlich
aufmerksamen Kreises von Schülerinnen zu erfreuen.
Diese allgemeine Theilnahme wurde ganz namentlich noch
durch zwei Erscheinungen bewirkt erstlich durch die ganz be- /
[2]
sondere persönliche Aufmerksamkeit, welche die regierende Frau
Herzogin von Sachsen Meiningen mit der kleinen 6-7jährigen
Prinzeß Auguste durch einen mehrmaligen Besuch unsere[r]
Spielstunden und unserer anderweitigen Kinderpflegenden
Thätigkeit zeigte. (:die gesamte Herzogliche Familie wohnt
nemlich während des Sommers in dem nur 3/4 Stunden von
hier entfernten Landschlosse auf dem Altenstein:) Ganz be-
sonders aber durch den Wunsch daß der Vorsteherin der Anstalt
zweimal in der Woche der Wagen gesandt werden dürfe um sie
zur Spielführerin und Spielgenossen für die kleine Prinzeß
nach Altenstein zu holen. Dieß ist denn auch von Anfang Juli
bis Anfang Oktober der Fall geschehen und ist die kleine Auguste
nicht nur eine achtsame und in sich glückliche Spielgenossin,
sondern auch eine sehr liebe und kindlich dankbare gewesen, welche
namentlich auch ihre kleinen Beschäftigungen mit
Fleiß und Sorgsamkeit gemacht hat. Ob eine und welche Wirk-
ung daraus für ein Allgemeines und Ganzes und namentlich
zur Förderung der Kindergarten Angelegenheit daraus
hervorgehen wird, das wird sich hoffentlich noch im Laufe
dieser Mittheilung zeigen.
Die zweite Erscheinung welche die durchgreifende durch die
ganze Badezeit hindurch gegangene rege Theilnahme gar
mancher Badegäste bewirkte, war die Wiederkehr einer
schon im vorigen Jahre ungemein förderlich thätigen Freundin
der Sache der Kinderwelt, nemlich der Frau von Mahrenholz
als Badegast nach Liebenstein. Bald nach ihrer Ankunft im Mon.
Mai ordneten sich regelmäßige Mittwoch-Abend-Zusammen-
künfte nach der Spielstunde auf meinen Zimmern; sie wa-
ren zum Öftern sehr besucht, zum Theil auch lebendig. Jeder wer
wollte hatte wie in Hamburg Zutritt, und so kam es denn
auch daß vorher Badegäste, welche mit ihren Kindern im Bade
waren, mit denselben an den Spielen Antheil nahmen. Auch
spielten wohl einigemale kleine Prinzlichkeiten von daher mit
meinen treusinnigen Bauernkindern.
Da die Mittwochs Abende gewöhnlich Vorführungen oder
Mittheilungen ausfüllten, so wurden nun noch die Sonna-
bends Abende zu eigentlichen Besprechungen festgesetzt, denn
es waren nun auch außer den Badegästen nun auch andere /
[2R]
Freunde Lehrer, Erzieher und Erzieherinnen angekommen um
sich, während eines mehrtägigen, wöchentlichen, mehrwöchent-
lichen oder gar monatlichen und längeren Aufenthalte,
zum Theil selbst in meiner Wohnung, mit meiner Kinder-
führungs- und entwickelnd-erziehenden Bildungsweise
bekannt zu machen.
Ich will die wesentlichsten deren ich mich noch erinnere
hier zusammenstellen ob sie gleich zum Theil zu sehr ver-
schiedenen Zeiten hier waren und manche erst später angekom-
men, so auch erst spät abgereist sind so Herr Middendorff
aus Keilhau welcher erst am 12. Septbr ankam und erst
am 18en d. Mon. wieder abgereist ist.
Aus Merseburg erinnere ich mich des Lehrers der Mathem.
Lüben und des Lehrers Nagel;- aus Nordhausen war der
Lehrer Pösche längere Zeit hier;- aus Berlin die Vorsteherin
einer weiblichen Bildungsanstalt Fräulein Elise Pfeiffer
nebst Schwester;- aus Göttingen Herr Dr Benfey; aus
Dresden Frau Ottilie Schmieder nebst ihrer Tochter Angelika[.]
Aus Gotha Herr Dr Ludwig Storch;- aus Coburg Herr Gym-
nasiallehrer Muther
; aus Jena Herr Sostmann Lehrer
in der Stoyschen Anstalt daselbst und Vorsteher des pädagogi-
schen Seminars;- aus Schweinfurt Frl. Emma Bothmann
Kindergärtnerin daselbst;- aus Leipzig der Herr Dr Kühne
Herausgeber der "Europa";- aus Osterode am Harz Frau
Röttger; und aus Eisenach Herr Hauptmann Herm. v. Arnswald
und aus Keilhau der schon obengenannte Herr Middendorff[.]
Durchreise und im Vorbeigehen auf Stunden und noch we-
niger einsprechende Lehrer hatte man gegen das Ende
des Sommers 30 im Hause gezählt; oft kamen sie selbst
noch Abends spät von Liebenstein aus zu mir, weil sie dort
erst meine Wohnung erfahren hatten. Ich erwähne dieß
blos, weil doch jeder dieser jungen Männer wenigstens be-
grüßt seyn und irgend ein Wort hören wollte, welches ihn da-
ran erinnerte wo er gewesen war; welches aber alles na-
türlich meine Kraft sehr in Anspruch nahm und mir die Zeit
zersplitterte. Ob und welche Wirkung aber im Allgemei-
nen und für das Allgemeine und Ganze aus dieser Hingabe
hervorgehe, das muß die Zeit lehren. Einzelnes und Naheliegen-
des /
[3]
des wird sich wohl noch im Laufe dieser Mittheilungen nachreichen
lassen.- Unter den Freunden aus Liebenstein war eine Pariserin und eine
Havanneserin, welche regen Antheil an der Sache nahmen.
Mehrere von den oben Genannten wünschten natürlich geringere
oder größere Vorführungen und Einführung in das System
wie man nun einmal das Ganze nennt.
Durch diese hier angedeutete Theilnahme nun besonders auch
von der Herzoglichen Familie aus angeregt, so kam von
Neuem der schon im vorigen Jahre von den oben gedachten
Lehrern gepflegte Gedanke hervor doch in diesem Jahre ein
Kinder- und Jugendspielfest zu geben. Die rege und thätige
Theilnahme der Herzoglichen Familie machte es mir leicht
oben auf dem Altenstein ohnweit des Herzoglichen Schlosses jedoch
auf der höchsten Bergesebene einen der schönsten Plätze welche
es sich denken läßt, mit einem 3/4 Panorama und einer An-
sicht über das bebaute und Frucht- wie Dörferreiche Werra-
thal bis zum Beginn des Rhöngebirges über die vorliegenden
sogenannten Werraberge hinweg.
Der 4. August war zur Ausführung des Festes bestimmt.
Ich übergehe ganz dessen Beschreibung da solche demnächstens aus-
führlich in der Wochenschrift erscheinen wird. Ich sage nur daß
uns die Natur dazu einen wunderschönen Sommertag und
Abend schenkte, daß Herr Motschmann von Steinbach mit ohnge-
fähr 100 Kindern, daß die Lehrer aus Salzungen mit ohngefähr
140 Kindern, und wir vielleicht mit 60 Kindern Antheil nahmen
so daß das spielende und spielführende Gesammtpersonal etwa
325 seyn mag und der den Spielen Zuschauenden vielleicht
ein paar Tausend. Die gesammte Herzogliche Familie erfreu-
te das Ganze vom Anfange bis zum Ende mit ihrer Gegenwart
Ja die ganze Spielgenossenschaft groß und klein in der Zwi-
schenpause mit Erfrischung. Dieß genug hier über das Fest,
welches durch die frohe, unschuldige Heiterkeit selbst kleiner Kinder
vielen Theilnehme[r]n oder vielmehr Zuschauenden Freudenthränen
entlockte, Thränen der Rührung; so wie wir von ganz unbekannten
und ganz einfachen Landleuten selbst aus dem Weimarschen und
Hessischen, welche zufällig da waren, manches freundliche seegnende
Wort und manchen deutschen Händedruck des Dankes [erhielten].-
Kurz vor diesem Spielfeste schon war ich von den Hessischen Lehrern
des Kreises Schmalkalten zu einer Lehrerversammlung eingeladen /
[3R]
gewesen. Ich hatte sie dagegen wieder zu unserm Spielfest ge-
laden. Ich erwähne dieß hier vorläufig nur wegen des späteren
Erfolges und zugleich um zu zeigen wie wichtig solche Versamm-
lungen und Feste zur Verbreitung eines anerkannt Guten sind.
Es konnte nicht fehlen daß dieß Kinder- und Jugendspiel-
fest, welches durch seine frohe Theilnahme und Befriedigung
aller und so vieler Anwesenden auch mehrfach in verschiedenen
Localblättern und auch in weiter gelesenen Tagesblättern be-
sprochen wurde auch in den nächsten Kreisen die Kindergär-
ten und ihre Ausführung zu einem Gegenstand wirklich
ernster Berathung machte, und so war es denn zunächst
namentlich in Bad Liebenstein selbst. Die Ausführung eines
wirklichen Kindergartens daselbst zugleich mit den Gewäh-
rungen einer Bewahranstalt für die arbeitende Klasse
war nun eine Sache der ernstesten Bemühungen mehrerer
der Badegäste namentlich der obengenannten Frau von Mahren-
holz
, welche die regierende Frau Herzogin von Meiningen und
eine mit Familie im Bade zu Liebenstein anwesende Fr.
Prinzeß von Lendheim [oder: Landheim] mit in das Interesse zog,- eine
Verloosung von freundlichen Gaben theils der ebengenannten
theils vieler anderen Badegäste veranstaltet, welche eine
Baareinnahme von 77 1/3 Rth. pr Ct betrug. Diese wurden
nun zunächst zur Ausführung eines Kindergartens in Bad
Liebenstein und zwar mit zur Ausführubildung einer Kinder-
gärtnerin für denselben bestimmt, wozu ich wünschte
daß ein Meinigsches Landeskind genommen wurde<;> wo-
zu sich denn auch bald eine Meiningerin selbst fand.- Ba[l]d
kehrte auch Ihre Hoheit die Frau Herzogin Ida zu Sachsen [Text bricht ab]