Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 21.11./22.11.1850 (Marienthal)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 21.11./22.11.1850 (Marienthal)
(BN Anh. 43, Bl LC 138 - LC 157, Abschrift 10 B 8° 40 S. Handschrift unbekannt. Der Abschreiber gibt als Vorlage das Original im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an und merkt an, daß das Original eine "Wohl später angebrachte Numerierung: 24" trägt, eventuell gemeint: 24. Brief ?.- Lt. Abschreibernotiz gegen Ende umfaßt die F.-Reinschrift zwölf Seiten.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Marienthal ohnweit BadLiebenstein bei Eisenach 21/XI 50.


Lieber Stangenberger.

Es wäre doch gar nicht recht wenn ich bei Ihnen dem ausdauernden Beobachter und, nach Umständen auch wirklichen Pfleges [sc.: Pfleger] meines erziehlichen Lebensgedankens als Briefschuldner aus dem lieben und freundlichen alten Jahre, von dem ich meine, dass es uns in gegenseitiger ächten und wirksamen Lebens- d.h. wahren Geisteseinigung wieder um einen Schritt näher gebracht hat, in das dunkle neue Jahr, dem man aber immer hoffend entgegen geht - eintreten sollte; denn es ist gar nicht zu leugnen, dass Sie /
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überhaupt, so aber besonders unter Ihren Herren Collegen zu den sehr w Wenigen gehören, welche den Gedanken zeitgemässer Menschen- und Volks[-] und ganz vor allem deutscher Erziehung nicht nur beachtend sondern, wenn auch nicht stets gleichmässig, doch immer pflegend fest gehalten und dafür gebührt Ihnen die gerechte Anerkennung, der Lohn d.i[.] die seegnenden Früchte davon kommen schon und auch Ihnen von selbst, wenn Sie nur stetig thätig in der begonnenen Weise auf den [sc.: dem] betretenen Wege fortwandeln und besonders die kleinen und unscheinbaren Begegnungen auf demselben festhalten wollen, so z.B., um nur /
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eines gleich zu erwähnen indem ich zufallig [sc.: zufällig] seitwärts in dem Ihren vor mir liegenden Brief blicke - die Offenheit und Unbefangenheit mit der wir uns gegenseitig aussprechen, dieses ist aber lieber Stangenberger in der jetzigen Zeit, wenn au ich auch nicht sagen will des Misstrauens, doch der Zurückhaltung ein sehr grosses und hochwichtiges Lebensgut, welches gar nicht sorgsam genug zu nähren und zu pflegen ist, denn dadurch werden wir immer klarer und sicherer in unserm eigenen Thun und Wollen, wie wir andere in dem ihrigen immer klarer und sicherer machen und so immer mehr zum besonderen eigenen, wie zum allgemeinen Verständ- /
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niss des Lebens und zur Erreichung wahrer allseitiger Lebenseinigung dem letzten und höchsten Ziele aller menschlichen Bestrebung beitragen.
Ich fahre; und um diess für uns beide zu beweisen, in der Beachtung Ihres jüngsten l. Briefes vom 4en d.M. fort: Sie schreiben darin mit Offenheit: - "Ich muss gestehen, mich hat noch nichts, so ganz und markig gepackt, als Ihr letzter langer Brief." u.s.w. Wissen Sie nun, worinn diess und was Sie noch hinzufügen: - "da hören alle Einwürfe, alle leeren Versprechungen auf, er verlangt nur Eins - die That." - worinn als [sc.: all] diess seinen Grund hat?-
Ich will es Ihnen nun auch /
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mit Offenheit sagen: das [sc.: dass] ich wie die gewöhnliche Rede ist: - "von der Leber wegsprach", d.h. dass ich nicht mich reden machte, sondern unbefangen - "die Wahrheit und das Leben selbst sprechen liess. Unumwunden will ich es Ihnen auch gestehen: manches Wort und manche Wendung wollte ich d.h. meine Klugheit und r Rücksichtlichkeit anders vielleicht wie man sagt: milder wahler [sc.: wählen], aber da sprach es in mir: - die Wahrheit bezeichnet die Sache auch mit dem wahren Worte, die Wahrheit soll aber auch einmal wieder an das Regiment kommen, die Lüge mindestens die Unwahrheit und allermindestens die e Scheu /
[LC 140b]
hat lange genug geherrscht und so mag auch geschrieben werden was einmal der Geist in sich als wahr erkannt und sich selbst als wahr ausgesprochen hat; und was nun einmal geschrieben steht, das soll auch bleiben und dem zugesandt werden an welchen es der Geist richtet; Sehen Sie nun lieber Stangenberger! in dieser meiner innern und so überhaupt ächten Lebenswahrheit u.s.w. hat jene Wirkung auf Sie ihren Grund - und - fallen mir davon nun nicht die Früchte in den Schooss, wie auch gewiss Ihnen wieder für Ihre Offenheit und Unbefangenheit gegen mich - Ich gehe so weiter; erlauben Sie mir es /

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auf den Grund des im Vorstehenden ausgesprochen[en.] Sie schreiben weiter: - "s Sie wissen, dass ich etwas r wilde Jungennatur habe die gern niederreisst, um neu zu bauen." Sehen Sie, lieber Stangenberger, da sind wir beide ganz gleicher Natur, und deshalb habe ich Sie und haben wir uns beide einander lieb, nur müssen Sie, damit auch das Wort die Sache richtig bezeichne, für ein paar Eigenschaften und Bestimmungen dabei, welche Sie auch wirklich und so wieder wir beide haben, auch noch die beiden kleinen, bezeichnenden Wörtchen einfügen nemlich: ..... die gern das Untaugliche niederreisst um /
[LC 141b]
neu, und besser aufzubauen; denn so wild sind Sie nicht, dass Sie das Gute niederreissen sollten, ebenso wenig sind Sie so wild, dass Sie dass [sc.: das] m Niedergerissene nicht nur blos neu. d.h. anders, sondern dass s Sie es auch besser aufbauen. Und wer möchte nicht da wieder gern zweimal in Ihrer Gesellschaft seyn einmal beim Niederreissen des Alten und Unbrauchbaren, Untauglichen; dann zweitens wieder beim Aufbauen des Neuen und Besseren, desshalb nun, lieber Stangenberg[er], finden wir uns wie es scheint ganz zufällig, aber im Ernst und ganz natürlich zusammen, wenn es zum Einreissen des /
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Alten und Unbrauchbaren und zum Aufbauen des Neuen und Besseren geht, einer zieht, ohne dass er es weiss den andern dazu herbei und heran; nur beachten wir beide Sie wie ich noch etwas ein Zweifaches, nur Sie haben es noch nicht ins Wort gebracht, ich mir aber dabei gesagt: - "reissen wir ein altes, aber noch bewohntes Haus oder Gebäude ein, so sehen wir darauf, dass die Bewohner wenigstens einstweilen anderweitig nothbedürftige Wohnung finden, und zweitens sehen wir beide darauf, dass - soweit menschliche Vorsicht reicht - Niemand, wenigstens nicht durch unsere Schuld, /
[LC 142b]
beim Einreissen des alten morschen Bauwerkes Arm und Beine oder gar den Hals breche. Sehen Sie nun, lieber Stangenberger, wie schön es nun nicht nur mit dem gemeinsamen Denken und Thun des Rechten und Guten ist, sondern auch mit dem Bezeichnen desselben durch gemeinsame Sprache u Wort[.] Sehen Sie nun, lieber Freund, wenn nun Jemand, was er denkt und thut in Sprache und ins Wort fasst, so ist es unser gemeinsamer Freund Stangenberger; < ? > ich möchte es zwar auch für mein Leben gern, allein mir will es bis jetzt immer noch nicht recht gelingen, ich muss mich immer noch besonders auf /
[LC 143]
das Machen, Zeigen und Thun zurück beziehen, was auch sein Gutes haben muss, allein mit der lebendigen Mittheilung durchs Wort ist nun mit Ihnen gar nicht auszukommen, denn Sie reden und können zwei Sprachen, nicht nur die Sprache des Denkens des Kopfes, die Wortsprache, sondern auch die Sprache des Fühlens des Herzens, die Ton-, die Gesangssprache, die ächte Sprache der Harmonie und des Einklanges; die ich zwar schätze aber nicht kenne und noch weniger kann; und so sehen Sie wieder ein, wie wir wieder einander anziehen und lieben müssen; denn das ächte Musizieren ist ja das ewige Auf- und Herausbauen /
[LC 143b]
des Neuen; daher hat aber auch der Schöpfer uns Menschen, seinen Kindern die er liebt, mit dem nie rastenden Schaffenstrieb zugleich die Gabe des Gesanges, der Musik - der ewigen Schöpferin des Neuen gegeben. Wissen Sie aber wer der Haupteinreisser ist?- Haben Sie jemals gefragt wo er zu finden ist? - wo er so recht ungehemmt schaltet und waltet?-- Es ist derselbe Schöpfer der uns die stets neu schaffende <Musicam> gab.- Und wo er zu finden ist und recht eigentlich schaltet?-?- Ringsum in der ganzen Natur, ja sogar in und mit uns selbst. Sehen Sie nun, lieber Stangenberger, gute Kinder, die wenigstens, welche es werden wollen, /
[LC 144]
sollen sich nun ihren, wie Erz tüchtigen Vater zum Muster und Vorbild setzen, - darum habe ich mir den Allerweltseinreisser, den Erzeinreisser den Schöpfer selbst zum Muster gesetzt, den zugleich und augenblicklich mit und bei dem Einreissen, wieder wieder neu und besser aufbauenden[.]- Sehen Sie, dem folgend, da kann man einmal sein Einreissgelüstchen und zugleich <Neubaumüths> <Neubaumüthchen> recht kühlen, denn bei dem fällt merkwürdigerweise Neu- und Schöner[-], Besserbauen, und Einreissen in Eins zusammen. Aber wie macht er denn nur dieses seltene Kunststück?- Sehen Sie, ein Ge- /
[LC 144b]
heimbündler ist dieser Allerweltseinreisser und Erzneubauer nicht, und desshalb hat man ihn bis jetzt weder in [sc.: im] Thurm einsperren noch sonst seiner Freiheit berauben können, denn er stel[l]t über all in der Welt bis ganz dicht vor der Menschen Augen besonders öffentlich an die Landstrassen und s.w[.] seine grossen Gebaute [sc.: Gebäude], seine Bauten, seine Bäume, woran ihn [sc.: ihm] ein Jeder seine Kunst ablernen kann; Besonders ist es, wie es recht allgemein im Herbst zu sehen wah war, nun bald wieder im kommenden Frühlinge zu sehen, denn dann fängt er wie ein ächter Baumeister so recht allgemein und so recht von Herzensgrund von Neuem zu bauen, d.h. das Alte einzureissen an. Hei! Wie liegen /
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da unter den Obstbäumen, unter den Buchen und besonders unter den Linden, bei den Pap[p]eln und Weiden namentlich wieder bei den Rosskastanien die so lange gefesselten Knospenschuppen umher; das geht an ein ganz allgemeines Einreissen - aber auch sogleich an ein allgemeines Neu-, Besser[-] und Schönerbauen. Wie wird diess aber möglich?- Der Entfaltungs- der Entwickelungstrieb wird innerhalb des Baumes selbst so stark entwickelt, dass er von innenheraus selbst das Fesselnde mit eigener Kraft wie mit eigenem Willen abwirft indem er sogleich das im inn Innern entwickelte Bessere und Schönere an /
[LC 145b]
jene die Stelle Jenes hervorschiebt erst neue Blätterknospen und aus diesen schützende Zweige, dann neue Blüthenknospen und aus diesen fruchtbringende Blüthen, endlich wieder Saamen und Früchte, welche auch wieder abgeworfen werden um in der ganzen Gattung in einer ganzen Baum[-] und Waldwelt darzustellen was - der einzelne Baum, ja an diesem die einzelne Knospe that. Sehen Sie hier l. Freund, in dem Erzeinreisser, aber auch Erzschöpfer - auch unserm Schöpfer unsere Einreisslust und Aufbau freude gegründet, denn - der Apfel fällt nicht weit vom Stamm - aber sehen Sie auch in ihm - unsern /

[LC 146]
Meister!- Sehen Sie so müssen wir einreissen und aufbauen, wir müssen wie im nächsten Frühling es jedem Baume noch so gross und noch so alt und sei er selbst die tausendjährige Eiche, wie dem kleinsten, eben erst entkeimenden Pflänzchen geschieht - in den Menschen so stark den Bildungstrieb erregen ihnen im Innern- wenigstens den Kindern so warm, ja so heiss machen, dass sie die fesselnde Knospen hülse gar nicht an sich ertragen können sondern - von ihrem eigenen Innern heraus das Bessere - Schönere und Neue darstellen. Darum wir nun diess nicht nur recht beachten sondern auch üben sollen, desshalb ist der Eichenbau[m] /
[LC 146b]
der Eichenbaum [2x] das Sinnbild unseres Volks welches eigentlich von der Natur und dem Schöpfer bestimmt ist, ein Volk sich selbst bewusster und Pflichttreuer Erzieher zu seyn; aber statt dessen sind wir ein Volk mechanischer, selbst hier und da sogar eingerosteter und doch eingebildeter Schulmeister, welche das 1 mal 1 und was wir etwa sonst noch auswendig gelernt haben auch wieder andern auswendig lernen machen oder in Beziehung auf das Selbstdenken, noch weniger aber [in] Hinsicht des Selbstthuns, ich will gar nicht vom Volke reden nicht einmal eine Familie um ein Haar breit weiter bringen denn ist der Junge /
[LC 147]
und das Mädchen aus der Schule so spannen sie sich in den Wagen des Schlendrians wie es Vater u. Mutter thut thun, Grossväter und Grossmütter thaten und Urgrossväter und Urgrossmütter gethan haben, denn die Jungens wie die Mädchen haben viel auswendig gelernt, aber inwendig ist ihnen wenig entwickelt wenig Trieb erregt, und das wenige Denken nicht zum Leben und That geworden[.]
Sie haben ganz Recht wenn Sie schreiben: - "dass [sc.: das] Ehrgefühl muss einem [sc.: einen] in seinem ganzen Wesen erfassen, denn wenn dieses ist, da giebt es nur einen Weg, den zur That." Was heisst aber Ehrgefühl?- /
[LC 147b]
Ehrgefühl ist ein 2 Theilges, eigentlich ein geeintes Wort, wie ein paar gute Ehegatten Die beiden Geeinten sind Ehre und Gefühl. Das Gefühl gilt schon etwas, es ist die erste und die letzte Äusserung unserer Seele und die Äusserung derselben, die uns durch das ganze Leben begleitet ohne Gefühl gäbe es für uns kein Leben; Fühlen ist die erste Lebensäusserung andern selbst noch unbewusst; ohne Fühlen wären wir todt - Gefühl ist also das von uns Heilig zu haltente haltende, es ist der Quell alles Erscheinenden[.] Ohne Gefühl gäbe es keinen Trieb, gäbe es keinen Reiz die Grundbedingung alles /
 
[LC 148]
Erscheinenden. Was ist Ehre, Ehr -? Ehre, Ehr ist das Gefühl des Er, der Person, der Selbstständigkeit fühlen und Persönlichkeit gehören aber für den daseyenden Menschen zusammen wie Seele und Leib, Geist und Körper. Ehrgefühl ist die Quelle alles Guten in denn dem Menschen, und denn alles Gute muss aus dem Gefühl der Persönlichkeit entspringen. Er, bezeichnet durch die ganze deutsche Sprache das Tüchtige, den Kern einer Sprache, ist eigentlich der Kern, der deutschen Sprache ist der Ausdruck der Mannheit in der deutschen Sprache - Selbst ist der Mann sagt das Sprichwort, d[.]h. Selbst- /
[LC 148b]
ständigkeit ist wie der Kern, so der Stern des Lebens; wer hätte sie nicht gern. Wer seine Selbstständigkeit sein Er bewahrt der gewinnt ein geistiges Gut, er gewinnt Ehre, ja seine Ehre wird auch wohl äusserlich anerkannt und er wird ein Herr u.s.w. u.s.w. Darum haben Sie R recht - das Ehrgefühl muss in dem Menschen geweckt gepflegt, genährt, erstärkt werden, das fühlen die Schulmeister, recht gut, allein sie nehmen das Ehrgefühl und die Ehre, das Er nur für sich in Anspruch darum unterlassen sie nie, sich ein Aire (sprich är) zu geben, anstatt ächtes Ehrgefühl in ihren Schülern zu wecken, d.h. /
[LC 149]
sich nicht alles wie in eine leere Flasche eintrichtern zu lassen sondern wie ein gesunder frischer Kern zu einem grünem grünenden, blühenden und fruchtenden Baume aus sich hervorwachsen zu machen, aber anstatt Erzieher zu seyn das heisst den Lebenswagen leiten zu können wohin es nöthig ist, spannen sie die Pferde nur hinten an, wie es schlechte Meister thun und von jeher so viele, die dem Schlendrian - dem deutschen Volksgotte ge huldigten haben gethan haben, daher denn Niemand mehr gern Meister, und am wenigsten Schulmeister heissen mag. Sie haben darum auch, lieber Freund, so lang /
[LC 149b]
ich Sie kenne sich auch ein ächtes Ehrgefühl zu begründen zu entwickeln, zu erhalten und auszubilden gesucht - (nicht Ehrgeiz, nicht eigentliche Ehrsucht) und desshalb habe ich Sie auch immer lieb gehabt - auch ich habe es mir als ich ein Guck in die Welt war (so sagen die Härzer) zu erhalten gesucht, man hat mich viel desshalb gemeistert, ich habe es aber immer festgehalten und mir nicht abmeistern lassen, denn ich sagte, das darf ich nicht, denn es gilt nicht mir, sondern dem Wesen das ich mir nicht geben dem Gefühle welches ich nicht gemacht haben es gilt den Gedanken /
[LC 150]
die ich wohl gedacht, aber nicht erdacht habe die aus der Quelle geflossen sind, welche allen Menschen fliesst und darum als ein Eigenthum der Menschheit hoch ja heilig, mindestens klar und rein zu erhalten nicht durch Selbstsucht und Scheelsucht zu trüben ist.- Und so wählt sich denn auch Ihre ächte deutsche Erziehernatur einen Gegenstand an welchen sie Sie und i Ihre Kraft sich frei schöpferisch beweisen kann; es ist die Musik - und Sie wählen jetzt besonders die Kirchen Musik; meines Erachtens nun haben Sie darin Recht, aber nur halb recht. Recht haben Sie: - die Musik als Ganzes hat /
[LC 150b]
ein Grundelement der Erziehung, sie wirkt auf das Gefühl und durch das Gefühl, lesen sie Sie was Göthe in Wilhelm Meister sagt und was in meiner Wochenschrift unter den Namen "Stimmen" steht; allein hören Sie auch was Diesterweg sagt: - "die religiöse Entwickelung - ist nicht die ganze, ist nur ein Theil der MenschenEntwickelung überhaupt und die kirchliche Entwickelung ist wieder nur eine eigenthümliche Form der religiösen Entwickelung überhaupt."- Sie
Sie sehen hieraus, dass es ein höheres Ziel der musikalischen Entwickelung giebt als die religiöse und eine noch höhere als die kirchlichreligiöse /
[LC 151]
Entwickelung der Musik; es ist diess die pädagogische Musik, d.h. die Musik aufgefasst als das sichere Entwickelungs- und Bildungsmittel des rein menschlichen Wesens im Menschen überhaupt: die Musik als ein reinmenschliches gewisses Erziehungsmittel des Menschen und vor allem zuerst des Kindes aufgefasst, diess halte ich für ein Feld wo Kränze der Unsterblichkeit zu erringen sind, welche noch niemand gewonnen hat. J. Georg Nägeli und Pfeiffer zwei namhafte Musiker und geachtete Erzieher haben zuerst dieses Feld und nicht ohne Ruhm betreten; doch hat sich so weit mir bekannt keine Fortentwickelung daraus ergeben so noch /
[LC 151b]
manche andere durch das Singen nach Ziffern u.s.w. in sehr kleinen Beziehungen; allein Pfeiffer und besonders Nägeli scheinen mir darin gefehlt zu haben dass sie mehr von dem Technischen, dem Rhytmischen und Tacktischen ausgiengen als von dem Lyrischen, von dem Harmonischen, der Melodie, der Singweise. Ich habe schon manchen jüngeren Musiker für diesen hochwichtigen Gegenstand zu gewinnen gesucht allein obgleich einige begonnen haben, so hat jedoch noch keiner die Ausdauer gehabt es durch zuführen, der Gegenstand erscheint Anfangs zu klein, ja ich möchte sagen zu fein, er entschlüpft unter der Hand; /
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allein es müsste Grosses dadurch zu erreichen seyn.
Ein Engländer hat in seiner Methode Hunderten [sc.: Hunderte] zugleich für den Gesang zu bilden, wohl auch ein richtiges Element davon erfasst aber von da aus - eben als erziehend, als entwickelnd-erziehend vom Kinde an nicht weiter durch geführt. Robert Kohl gieng so lange er Lehrer war auf den Gedanken ein und suchte durch die Mutter- und Koselieder, wie durch die Balllieder dazu einen eine Grundlage zu erhalten, seit er aber Pfarrer ist, ist ihm auch diess zu klein und fern. Ich wollte Sie wären z.B[.] in Salzungen Lehrer, dann wollten wir einmal /
[LC 152b]
die Sache versuchen. Nun weiss ich freilich nicht ob Sie dazu schon die nöthige Ruhe und scheinbare Beschränkung in sich errungen haben; es ist freilich was ich meine der gewaltigen und vollen Kirchenmusik und Orgelspiel wieder dem Schein nach rein entgegengesetzt, es ist wenn ich mich so ausdrücken darf der Kern und Keim, die Quelle des Ganzen; allein von da aus muss sich schon durch den Kindergarten und durch die Schule hindurch bis in die Jünglings Jahre eine Wirkung auf das Leben und das Volk entwickeln, welche grossartig sie werdem werden muss, denn wie wenig sind unsere Kinder in den /
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ersten 6 Jahren, wie wenig werden sie in diesen ersten 6 Jahren für Musik entwickelt.-
Überlegen Sie S sich einmal, lieber Stangenberger, recht ernstlich die Sache. Wie gesagt. Ich wünschte ich könnte Ihnen hier in der Nähe eine lohnende Wirksamkeit verschaffen dann wollten wir den Gegenstand gemeinsam bearbeiten doch vielleicht später wenn Sie sich durch Ihre grossartigen Pläne hindurch wieder zum Einfachen und Quellpunkte des Ganzen hindurch gearbeitet haben, vielleicht für die Jahre der ruhig, aber stetig und gediegen wirkenden Manneskraft. Vielleicht ist es aber auch schon eine Vor- /
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ahnung von Ihnen, dass Sie den Gedanken in Schalkau einen Kindergarten zu begründen, so ernstlich fest halten; diess böte Ihnen schon manche Gelegenheit wenigstens zunächst den Gedanken weiter auszubilden.-
Sie fragen mich was die Bildung eines Mädchens kommen [sc.: kosten] würde[.] Erstlich kann die Bildung nicht unter ½ Jahr beendigt werden[.] Die Kosten dafür betragen jetzt im Ganzen immer Reichsthaler 120 im Ganzen mit Wäsche. Der Sommerkursus kommt wohl 10 Reichsthaler weniger wegen Licht und Holz-Ersparniss. Hätten Sie nun ein dazu vorzüglich geeignetes Mädchen in Vorschlag so wäre es wohl /
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schön dasselbe ausbilden zu lassen und gern würde ich für die Ausführung des Planes thun was möglich wäre. Eine schon ausgebildete Kindergärtnerin zu nehmen hat auch viel für sich. Nun kann die Sache ernstlich genommen werden, muss man sie ernstlich überlegen.-
- Theilen Sie mir nur weiter offen mit wie die Sache steht Sogut wie die Schmalkaldner dächte ich könnten die Schalkauer auch einen Kindergarten ausführen.
Daher drängt sich gleich die Frage herein: Können Sie uns nicht in diesen Festtagen besuchen?- Wenn Sie mit uns vorlieb nehmen wollten und /
[LC 154b]
in einer Stube schlafen, wo sich meine Spiel- und Beschäftigungsmittel jetzt Quartier gemacht haben, so sollten Sie mir und uns recht willkommen seyn. Bei Ihrer Rückreise brächte ich Sie dann über Schmalkalden wieder ich glaube in <Schnablungen / Schwablungen> auf Ihre Hauptstrasse. Überlegen Sie sich die Sache, Sie sind ja ein allzeit fertiger Reisender.
- Irre ich nicht so habe ich Ihnen die Wochenschrift bis Nr 26 gesandt, hier erhalten Sie die Nrn 27-36 beide mit. Schreiben Sie mir Ihr Urtheil über die musikalischen Beilagen.-
Auch habe ich sonst wohl noch Manches Ihnen mitzutheilen /
[LC 155]
auch Lieder, doch mangelt mir jetzt die Zeit das Ganze herbei zu suchen.-
Nun leben Sie recht wohl - Nachsicht wegen des wahrhaft bogenlangen Briefes. Allein es wollte nun eben alles vom Herzen los, was ich für Sie auf oder vielmehr aus Liebe und Achtung Ihrer in dem Herzen hatte.
Jacob hat noch nicht an mich geschrieben; Allein jüngst habe ich von Lehrern recht Theilnehmende warme Briefe aus kleinen preussischen Städten erhalten - aus Tangermünde an der Elbe - aus Schönewalde in der Nähe von Torgau aus Sangerhausen - auch aus der grösserm [sc.: grössern] Stadt Nordhausen - /
[LC 155b]
die preussischen Lehrer fangen an wach nicht nur, sondern wirksam zu werden; aber die Lehrer in [sc.: im] Weimarschen, Gothaischen, Coburgschen, Altenburgschen, Reussischen Schwarzburgschen schlafen den 7 schläfer Schlaf. Nur in und um Gera regt es sich. Friede führe Sie aus dem alten und Freude ins neue Jahr ein u. lassen Sie uns in diesem zum Wohle der Menschheit Freunde bleiben[.]
Ihr Friedrich Fröbel

N.S. Eben blick ich nochmals in Ihren lieben Brief da fällt mir dann zuerst in die Augen was Sie mir als Äusserung des O. L. G. Advokaten /
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Winzer schreiben. Es ist mir diess von einem Juristen sehr interessant. Ich danke Ihnen für diese Mittheilung. Solche Stärkungs Nachrichten sind immer gut, sie erhalten den Muth.
Was Sie mir über Ihren grossartigen Plan eines allgemein verständlichen Programmes schreiben, das ist schön, suchen Sie es auszuführen[.] Fordert die Expedition und der d Drucker Ersatz für einige 100 Abdrücke nun so mache ich mich gern anheischich solchen zu tragen[.]- Besuchen Sie uns in dieser Festtags Freizeit dann können wir ausführen was Sie wünschen das ganze mündlich weiter zu besprem besprechen. /
[LC 156b]
Ja wir hätten v Vieles mündlich zu besprechen darum machen Sie es zu kommen möglich[.]- Sie lassen sich zuerst mit der Post einschreiben bis HerrenBreitungen (wenn Ihnen der Weg zu Fuss wegen der wenigen freyen Tage u.s.w[.] nicht zusagt[)]. Von Herrenbreitungen fahren Sie noch für ein paar Xr na bis nach Barichfeld 1 kleine Stunde noch bis nach Marienthal. Diesen Weg der eben wie der Tisch ist gehen Sie in 3/4 Stündchen. Darum kommen Sie.-
[*verschlungenes "D.O."*]
 F.

Am Sonntag d. 22/XI Mittags.
Darauf will und muss ich Sie doch aufmerksam machen, und /
[LC 157]
thun Sie es auch in Beziehung auf den denkenden Bürger und Landmann - dass jetzt, wie vielfach die Thatsachen schon vorliegen und die Beweise sich täglich mehren, - die Aristokratie in den verschiedensten Abstufungen, sich die Sache der Kindergärten - für ihre Kinder und ihre Familien, sich nicht nur bekannt an sondern auch anzueignen sucht; diess ist gewiss ein Beweis ihrer Nützlichkeit, ja Nothwendigkeit in der Zeit, sonst würde es gewiss nicht geschehen. Diess soll sich aber der achtbare Bürger und Landmann ad Notam nehmen und nicht wieder eine Gelegenheit vorbei gehen lassen, sich mit der Aristokratie auch gleiche /
[LC 157b]
Ausbildung des Geistes zu verschaffen; sie können dann überall von daher zurück gedrängt nur - sich anklagen. Aber so ist der Deutsche in Masse.-
All die lieben Schalkauer grüssen Sie mir auch Ihre l. Kinder wie die von Langguth, sowie ihn selbst.-