Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Anna "Auguste" Weber in Neidschütz v. 17.12.1850 (Marienthal)


F. an Anna "Auguste" Weber in Neidschütz v. 17.12.1850 (Marienthal)
(BlM XXVII,4,9, Brieforiginal 1 B 8° 3 S., ed. Hoffmann 1952, 223-225. Lt. Hoffmann 1952, 218 (ver)wechselt F. bewußt den Vornamen: wegen demselben Geburtstag F./Anna Weber und F.s. "Lebensfreundin Auguste" seiner Jugend.)
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

[Briefkopf: Lithographie Marienthals mit eingedrucktem Schriftzug:
"Bildungsanstalt Marienthal."]

Bildungsanstalt Marienthal
ohnweit Bad Liebenstein bei Eisenach am
17' des Christmonats 1850


Meine sehr liebe Auguste.

Das Jahr soll mir doch nicht verfließen ohne Dir schriftlich für die Freude zu danken, welcher mir Dein liebes Briefchen brachte das Du mir zur Feyer unseres gemeinsamen Geburtstages nach Hamburg geschrieben hast. Meine Freude war um so größer, als deren Ursache, nemlich Dein liebes Briefchen und besonders die Veranlassung dazu: Dein Gedenken meiner, mir ganz unerwartet kam. Und doch ist uns Erwachsenen je älter wir werden, das Andenken und Gedenken der Jüngeren um so lieber, denn welcher Mensch wollte sich nicht die Freude machen Gutes zu thun, Nützliches zu schaffen und Schönes auszuführen - das wirst Du, liebe Auguste schon selbst in Deinem Lebenskreis erfahren haben - nun bleibt aber von uns gar vieles Gute, Nützliche und Schöne, welches uns und Anderen Freude gebracht haben würde aus vielen Ursachen leider, von uns ungeschehen; wenn wir dann doch noch so glücklich sind, daß Jüngere unserer liebend gedenken, wie Du meiner /
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freundlich und treu gedacht hast, so tröstet uns für den Verlust jener doppelten Freude die Hoffnung, daß das, und jenes Gute, Nützliche und Schöne was von uns zwar erstrebt, als beglückendes Lebensziel hingestellt und gezeichnet wurde aber nicht ausgeführt werden konnte doch einst von den Jüngeren, die unserer und unseres Wollens gern gedenken, zu ihrer und der Anderen Freude noch geschehen wird. Und so gedenke ich denn auch Deiner, liebe Auguste und Deines Gedenkens meiner mit besonderer froher Hoffnung, denn wie Du gewiß jetzt schon keine Gelegenheit versäumst Anderen und Dir die Freude zu machen Dich liebend pflegend gegen Jüngere zu beweisen, so sehe ich in Dir schon im Geiste, bist Du einmal erwachsen eine liebend sorgsame Kindergärtnerin; denn um eine solche zu seyn ist es keinesweges nöthig selbst Führerin und Vorsteherin eines Kindergartens zu seyn; sondern überall im Leben wo uns kleinere Kinder entgegen treten und wo wir mit Kindern zusammen kommen können wir uns als pflegende Kindergärtner, und können sich ganz besonders Mädchen und Jungfrauen als solche Kindergärtnerinnen beweisen.- Ja, ob ich zwar nicht die Freude theilen konnte bei Eurem schönen Spielfeste, von welchem ich so Liebes und Freundliches gehört habe, gegenwärtig zu seyn; so zweifle ich doch nicht daß Du dabei schon vielseitig thätig und helfend warest.
Auch wir haben hier im verflossenen Sommer, es war Sonntags am 4en August ein Kinder- und Jugendspielfest, auf einer hohen Berghöhe, auf dem Altenstein gefeiert, von 5 Orten waren 300 Kinder mit ihren Lehrern und Kindergärtnerinnen zusammen. /
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Ich habe Dich wohl hergewünscht. Es war ein wunderschöner Sommertag; die Kinder waren mit Blumen und die Mädchen besonders mit Kränzen und Laubgewinden geschmückt. Unser Herr Herzog, die Frau Herzogin und die kleine 7jährige Prinzeß Auguste war[en] auch dabei gegenwärtig. Herr Weygand Euer Lehrer kann Dir, wenn er unser Wochenblatt liest, von den mancherlei Spielen erzählen welche dort gespielt und die Liedchen Dir sagen, welche dort gesungen wurden.
Die kleine Prinzeß Auguste hat solche Freude an den Spielen der Kinder, daß sie im verflossenen Sommer zum Öfteren ihre Mutter gebeten hat mit ihr hierher nach Marienthal zu fahren und den Spielen der Kinder zusehen zu dürfen. Ja die Mutter hat dem lieben Töchterchen, der kleinen Prinzeß sogar die Freude gemacht wöchentlich 2 mal eine Kindergärtnerin nach dem Schloß im Wagen holen zu lassen um ihr schöne Spielchen und mannichfaltige kleine Beschäftigungen zu lehren; wobei die kleine sich dann seelenfroh gefühlt, auch wirklich schon einige recht niedliche Handarbeiten gemacht hat.
Du siehest ich hätte Dir viel zu erzählen, der Grund ist, weil ich viel zu arbeiten hatte; deßhalb hast Du auch so lang auf einen Brief von mir warten müssen.- Du bist mir aber deßwegen doch nicht mehr bös?-
Grüße alle die lieben Deinen den Herrn und Frau von Planitz, wie auch deren wackere Kinder herzlich von mir. Dir wünsche ich ein beglückendes Weihnachtsfest, bei dessen Feyer hier, im frohen Kinderkreis Deiner auch gedenken wird
Dein Geburtstagsgenosse FriedrichFröbel