Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl Rohrbach in Berlin v. 29.12.1850 (Marienthal)


F. an Carl Rohrbach in Berlin v. 29.12.1850 (Marienthal)
(Brieforiginal priv. Prof. Dr. Hans-Rudolf Wiedemann, Kiel, 1 B 8° 4 S., ed. Wiedemann 1984, 102-108)

[Kopf: Lithographie Marienthal]
Am 29n December 1850.
Bildungsanstalt Marienthal
für allseitige Lebenseinigung.


Mein lieber Herr Rohrbach.

Obgleich nur noch wenige Tage im alten Jahre sind, so soll mir
dasselbe doch nicht ganz verschwinden ohne Ihnen meinen wärm-
sten und recht aufrichtigen Dank für Ihre so förderliche als be-
sonders auch ausdauernde Theilnahme zu sagen, welche Sie mei-
nen Bestrebungen in dem nun bald verflossenen Jahre geschenkt
haben. Messen Sie das in mir deshalb lebende Gefühl der Dankbar[-]
keit und den Dank welchen Ihnen mein denkender Geist in mir schon
so oft gesagt hat und noch sagt ja nicht nach dem Wortausdruck mit
welchem sich derselbe Ihnen ausspricht; es würde dann mir und
Ihnen gleich Unrecht geschehen; denn offen will ich es Ihnen gestehen,
ich halte es von mir für Eitelkeit, oder besser für Anmaßung,
also immer für Unrecht die Anerkennung, Unterstützung und
Förderung welche von Andern der Idee wird mir als deren er-
sten Träger und Vertreter aneignen zu wollen, und dieß
dünkt mich, gewinnt den nachtheiligen Schein mindestens, wenn
ich zu oft und zu laut mit jenem persönlichen Danke hervor[-]
trete; dadurch verfalle ich aber wohl leicht nach einer anderen /
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Seite hin dem Scheine des Undankbaren, welcher ich aber
in mir gewiß nicht bin, im Gegentheil ich gedenke
zwar Wort- und Ausdruckslos aber recht oft und von
Herzensgrund dankbar all der förderlichen Theilnahme, welche der
Zeitidee wird, deren Träger und Vertreter ich dadurch bin
daß sie mir zugleich LebensIdee, ja Lebensgedanke ge-
worden ist. Um nun aber nicht auch bei Ihnen in diesen un-
günstigen Schein zu gerathen, so gestatten Sie mir, mit dem
Scheiden des nun bald verflossenen Jahres, Ihnen auch meinen
recht herzlichen Dank für die Förderung der Idee, unserer
gemeinsamen Idee zu sagen, welche Sie durch Ihre Theil[-]
nahme an unserer Wochenschrift so thatsächlich bewiesen
haben.
Es ist wahr, ich habe Ihnen glaub ich noch niemals meine be-
stimmte Beistimmung zu dem Inhalte, der Durchfüh[-]
rung und der consequenten Folge besonders Ihrer
Beiträge zur Menschenbildung ausgesprochen, al-
lein es hat mir geschienen, es wäre Ihnen möglich dieselbe
unter- und zwischen den Linien zu lesen, besonders auch
durch die Schnelligkeit mit welche[r] solche in der Wochen-
schrift aufgenommen worden sind. Fahren Sie so fort
die Ihnen noch vorliegenden Gegenstände in derselben
Weise und mit derselben Folgerichtigkeit durch- und
vorzuführen und Sie werden gewiß wesentlich zur
Erkenntniß und Anwendung der, von der eingetretenen
Neuzeit geforderten, auf Natur- und Lebensbeachtung
gegründeten entwickelnd-erziehenden Belehrung
und Menschenbildung beitragen.-
Auch Ihre sogen: Stimmen habe ich mit vieler Befrie[-]
digung gelesen, ich hoffe manche gute und erfolgreiche
Anregung von denselben. In den neuesten habe ich mir
erlaubt zwei persönliche Beziehungen wegzulassen[.]
Ich habe noch immer gefunden, daß dieß unnöthig aufregt
zu Mißverständnissen ohne Ende führt und so der Sache schadet /
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ohne ihr wirklich zu nützen.
Ich wünschte nur, daß Ihnen das neue Jahr erlaubte
einmal eine längere Zeit hier zu leben um Sie einzuführen
in den höchstmerkwürdigen und stetigen Übergang von
den Gliederübungs-, Spiel- und Beschäftigungsmitteln
und Weisen durch die Anschauung und Auffassung hindurch
zur rein geistigen Belehrung, klaren wissenschaftlichen Einsicht
und wieder zur schönen lebenvollen Gestaltung zur schönen
Gestalung und Darstellung im Leben zurück. Wie
sehr eine solche einige und einigende Sachbehandlung und
Auffassung zur einigen und einigenden Behandlung und Er[-]
fassung des Lebens als eines Ganzen und zur sinnbildlichen
Belehrung und Mittheilbarkeit darüber, und wieder zur
Darstellung des Leben als eines Ganzen und jedes Einzellebens
als eines Gliedganzen des GesammtLebens beiträgt,
das muß man erfahren haben, um sich eine genügende
Vorstellung davon machen zu können. Durch Ihre geist- und
lebensvolle Auffassung der Sachen, der Dinge würde Ihnen
dadurch ein Materiale gegeben werden das große ge-
sammte Lebensganze in seiner Einheit und Mannichfaltigkeit
sinnbildlich überschauen zu machen, was für die richtige
Darstellung des eigenen Lebens ebenso wichtig ist, wie
für das Verständniß des Ganzlebens oder Lebensganzen.
Überlegen Sie sich einmal den Vorschlag: ob Sie nicht im
künftigen Sommer, da Sie im verflossenen die Welt gesehen
haben, nun auch einmal wieder dem stillen Natur- und Elemen-
tarleben leben wollen.
Unser Wichard Lange wird Hamburger Bürger, Unterneh-
mer und Director einer höheren Knaben Realschule, wie er
es nennt welche er, wie er schreibt künftige Ostern eröffnen
wird. Er meldet zugleich, daß seine Geschäfte ihm dann nicht
mehr erlauben die Redaction unserer Wochenschrift über-
nehmen zu können. Ich hoffe nun nicht, daß dieß Ihrer Theil-
nahme an unserer Wochenschrift irgend Abbruch thun /
[2R]
wird. Im Gegentheil bin ich in mir von Ihrer
sorgsamen Pflege und Ausbildung, wie Darlegung
der Idee überzeugt, daß Sie, wenn es Ihnen möglich ist,
nun ein noch fleißigerer Mitarbeiter an unserm
Blatte werden werden. Ich hoffe wir werden uns
mit der Verlagshandlung wegen des Honorars
Ihrer Beiträge beim Jahresschluß verständigen.
Leben Sie nun im alten Jahre recht wohl, darf
ich bitten, so begrüßen Sie mich recht bald durch freund-
liche Einkehr im neuen Jahre. Lassen Sie uns, beson[-]
ders uns beide gegenseitig und gemeinsam, wenn
es Ihnen anders auch Bedürfniß ist und zusagt, die Er-
ziehungs- Lehr- und Bildungsforderung der Zeit, d.h.
der jetzigen Entwicklungsstufe der Menschheit, der
Völker, unseres Volkes und des deutschen als solchen
objectiv und gegenständlich recht klar machen, damit
wir wo möglich dem Bedürfnisse derselben entspre-
chend entgegen kommen und so die Menschheit mit Bewußt-
seyn zu ihrem Ziele führen.
Sagen Sie den beiden hochachtbaren Schwestern mei-
nen recht theilnehmenden Neujahrsgruß und Glückwunsch.
Ich habe immer gehof[f]t von unserer lieben Frl. E. Pfeiffer
etwas von dem Stande der Kindergarten Angelegenheit
zu hören, doch vergebens. Das Politische läßt wohl in
Berlin gar nichts Pädagogisches aufkommen; obgleich die
wahre Politik, wie uns ich möchte sagen zu unserer Schande
die alten heidnischen Völker lehren - in der richtigen Erfas-
sung der Pädagogik wurzelt, und - wie es mir scheint
jetzt wieder eine der Zeitforderung ist, daß dieß anerkannt
werde.- Auch von Diesterweg höre ich nichts, ebensowenig
von Frau von Mahrenholz. Ist sie schon in Berlin? und
seit wie lange?- Nun auch Ihnen einen recht zufrie-
denen Austritt aus dem alten und ebenso freudigen Ein-
tritt in das neue Jahr, und bleiben Sie in demselben gewogen
Ihrem Freunde Friedrich Fröbel.