Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg in Berlin v. 9.1./10.1.1851 (Marienthal)


F. an Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg in Berlin v. 9.1./10.1.1851 (Marienthal)
(GNM Bl 97-98, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., ed. Heiland/Hohendorf 1990, 199-201; Abweichungen zur Ed. hier in eckiger Klammer mit "HH")
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Am 10en und 9en Januar 1851.
Bildungsanstalt Marienthal
für allseitige Lebenseinigung.

Du hast mein theurer Diesterweg, durch Deine gemüthvolle, geistreiche und folgenwichtige Zueignung der vierten Auflage Deines ächten Wegweisers des trefflichen Abbildes Deiner selbst und durch die Übersendung des so freundlich ausgestatteten Zueignungsexemplares, welches ich gerad am ersten Tage der zweiten Hälfte des jetzigen Jahrhundertes empfing einen Eichkern der Dankbarkeit in mein Herz gesenkt; Du weißt aber, daß sich derselbe langsam entfaltet und erst tief seinen Keim als Pfahlwurzel in die Nacht der Erde senkt ehe seine Herzblätter er entwickeln kann, so wird Du mein lieber Diesterweg den vollen Ausdruck meiner Dankbarkeit nicht jetzt gleich von mir erwarten sondern mir Zeit zu dessen klaren Gestaltung lassen; Du weißt aber auch daß sich eine Eichel heran[-] und hervorgewachsen zur selbstständigen Eiche durch Jahrhunderte, ja man sagt durch Jahrtausende hindurch zu immer größerer Mannichfaltigkeit, reicherer Fruchtbarkeit vielen lebenden und lebendigen Wesen Schutz und Nahrung gebend fortentwickelt ja selbst, man sagt äußerlich todt, hoffende und sehnende Menschen in das Land erstrebter Freiheit trägt; /
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so mögest Du denn auch meine stetig fortwirkende Dankbarkeit in den Seegnungen finden welche meine Thätigkeit, meine erziehende Wirksamkeit mit der Deinen und durch dieselbe gestärkt und geklärt in immer neuer Fortentwickelung aus sich dem [HH: den] einzelnen Menschen und jüngsten Kindern, wie durch diese der Menschheit bringt. Einen besseren Dank kenne ich nicht, und doch möchte ich Dir auch gern den besten geben.
Du mein theurer Diesterweg, schreibst freundlich: - "Ja, lieber Fröbel, wenn Du den ganzen Inhalt jenes einen Wortes Entwickelung! in die Köpfe und Herzen aller Menschen verpflanzen möchtest, dann wärest Du in der That der "große Apollo!"["] Darauf erlaube mir Dir zu erwidern: Du schließest in Anerkennung der GrundIdee Deine klärende und Ermuthigende Zueignung mit den einfachen und doch so hochwichtigen Worten: - "In pädagogischer Gemeinschaft Dein." - Würdest Du nun, lieber Diesterweg, durch diese wenigen Worte, zunächst nur in dem Fühlen und Denken der Menschen, (welchen dann nothwendig das entsprechende Handeln folgen würde,) das Ahnen der Wirkung und Früchte - "pädagogischer Gemeinschaft und Lebenseinigung" und das Sehnen nach derselben [HH: denselben], das Bedürfniß des Herzens und Geistes erziehlicher "Menschen" erziehender Lebenseinigung wecken, und Du würdest dadurch der wieder ersehnte Erretter des Menschengeschlechtes werden.- Siehe, Diesterweg, in so einfachen, selbst Anfangs nur rein persönlich gedachten allein folgerichtig durch- und in ihrer Allgemeinheit bis zu Ende gedachten, dann aber im Leben auch kräftig, stetig und mit Ausdauer, ausgeführten, zur Wirklichkeit gewordenen Gedanken liegt das Heil der Menschen und der Völker, ja der Menschheit, aber - die Menschen glauben es nicht; - könnten wir es ihnen doch - und dieß laß uns zunächst erstreben - zunächst in der kleinsten Zahl, der Zweizahl, schauen machen.- /
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Was Dir in größerer Ausdehnung für das schon vorgerücktere Alter in Deiner Pestalozzi-Stiftung und so mit schon sichtbarem Erfolge möglich wird, das scheint mir nun auch im Keime, somit im kleineren Maaßstabe in der Ausführung eines Musterkindergartens möglich zu werden eine Kindergärtnerin dazu wird jetzt bei mir ausgebildet, eine Meiningerin, und zwar aus der Residenz, überdieß aus einer Familie für welche sich der Hof interessirt alles dreies Zufälligkeiten welche mich freuen, aber besonders ein junges, gesundes, lebensfrohes auch sonst wackeres Mädchen von welchem ich Gutes erwarte. Eine Stätte des Wirkens habe ich auch - das sogenannte und ehemalige von Fischersche Haus und Garten neben der Mineralquelle, links von ihr, wenn man vom Curhause neben ihr vorbei ge nach dem Gute geht. Ende März gedenke ich die Ausführung zu beginnen. Die beiden herzoglichen Frauen und Hoheiten, die regierende Herzogin zu Meiningen und Herzogin Ida zu S. Weimar, scheinen sich so ernstlich als warm und förderlich für die Sache zu verwenden wie der ganze Hof der Sache geneigt und selbst das Ministerium ihr willfährig zu seyn. Nun ich hoffe in diesem Jahre wirst Du unser Liebenstein und Marienthal wieder auf längere Zeit besuchen, dann wollen wir sehen was Dir zur Prüfung, zu höherer Belebung und zur so gemüthvollen wie geistreichen Einführung in die große Lehrer[-] und Erzieherwelt wieder vorzuführen ist. Wie selbst- und freithätig und zugleich sinnig und schön meine Kindergärtner (auch deren habe ich jetzt einige) und Kindergärtnerinnen die Sachen [HH: Sache] in ihren verschiedenen Berufsstätten fortführen, dieß zu sehen wird Dich, wenn Du mich wieder besuchst freuen.
In 3 Tagen, am 13en dieses Monats, wird ein Kindergarten in Nordhausen von Frau Dr Storch in Mithilfe ihrer sinnigen [HH: freisinniger] und lieblichen Pflegetochter Emmi Wolfgang errichtet werden; man schreibt mir von einem größeren Plan der Nordhäuser.- /
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So wird also selbst der Winter zwei neue Kindergärten entstehen sehen.
Was denkst Du zu dem Unternehmen der Fr: v. Bernand?-
Selbst in dem östlichsten Theil von Deutschland und Preußen regt sich die Theilnahme an den Kindergärten und das Streben sie auszuführen, so schreibt man aus Elbing und Tilsit. Es ist eine Möglichkeit daß das nächste Frühjahr auch in dem ersten der beiden Orte einen Kindergarten hervorruft.- Schafft mir nur für diesen Beruf so durchgebildete als sittige, so kinderliebende, als Gesangbegabte und so heitere als gesunde kräftige Jungfrauen, damit man auch an seiner Arbeit und für dieselbe ein Ergebniß sieht.-
Erscheint Dein Jahrbuch bald?-
Mit dem 15en Mai beginnt mein Sommerbildungscursus[.] Hast Du Gelegenheit und Veranlassung so mache darauf aufmerksam, vielleicht im März[-] und Aprilhefte Deiner Jahrbücher. Kannst Du dann noch andere entsprechende Zeitschriften veranlassen daß sie es thun, so wäre es wohl ersprieslich.
Hier in Marienthal wird wacker gearbeitet.
Unter meinen jetzigen Schülerinnen habe ich auch eine welche sogleich auf ein Jahr eingetreten ist, ein einfaches aber sinniges, wackeres Mädchen.
Denke Dir - ist das nicht ein Beweis von dem Magnetismus der Kindergärten: ein Halbduzzend der kleinsten unter meinen Spielgenossen im verflossenen Sommer sind sogar im Winter oft selbst in unfreundlichen Wetter regelmäßig von dem 15 Min: entfernten Schweina zur Spielstunde gekommen. Denselben mit noch einigen anderen hat <denn / dann> auch die kinderliebende Vorsteherin Frl[.] L. Levin einen wunderschön gewachsenen Christbaum eine Weiß- oder Edeltanne geputzt, daß es eine Pracht und schöner noch ein Spiegel war, da gab es Freude, und mit "Ah! Ah! Ah." traten sie leis ins Zimmer wo die Kindergärtnerinnen sie mit dem Lied, dem schönen einfachen "o! Du heilige [HH: fröhliche] o! Du seelige Weihnachtzeit!" empfingen.+ Innig Dein
Friedrich Fröbel.

[Nachsatz, trotz anderer Stelle der Doppelsternchen inhaltlich wohl hinter "empfingen":]
+ Die Kindergärtnerinnen beschenkten sich gegenseitig mit selbstgemachten z. Th[ei]l recht niedlichen [HH: wohl mündlichen] Sachen.
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(Nachschrift auf 97R/98V)
Deiner gesamten lieben und geschätzten Familie meine besten Wünsche zum neuen Jahre u. Gruß. /
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Der [HH: An] Frau von Mahrenholz meinen herzlichsten Neujahrsgruß. Auch ihr demnächstens ein Brief.-