Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Frankenberg in Dresden v. 18.1.1851 (Marienthal)


F. an Luise Frankenberg in Dresden v. 18.1.1851 (Marienthal)
(BlM XXI,2, Bl 25-26, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., tw. ed. Pösche 1887, 184-186. – Die Edition Pösches ist deutlich verfälschend durch falsche Lesarten, unangemerkte Auslassungen, zum Teil ganze Absätze, und paraphrasierende Zusammenziehungen von Sätzen.)

Marienthal bei Bad Liebenstein ohnweit Eisenach am 18/1 51.


Liebe Luise.

Nach langer, langer Frist sollen Sie wieder einen Brief
von mir erhalten, ich freue mich ordentlich darauf Ihnen den-
selben zu schreiben; es war eine recht lange unheimliche Zeit, wel[-]
che mich gleichsam von dem mir so lieb gewordenen Dresden und
noch mehr, von den mir, durch die mir von ihnen erwiesene Liebe,
so werth und theuer gewordenen Freunden in Dresden schied.
Der Grund davon war eigentlich, wenn ich es sinnbildlich bezeich-
nen darf, ein mit den Dresdner Maiauftritten, wenn auch von
Niemanden [sc.: Niemandem] gesehen, dennoch über mir zusammengebrochenen [sc.: zusammengebrochenes]
schönen [sc.: schönes] und wie es schien sicherem [sc.: sicheres] Hoffnungsgebäude, welches mich
gleichsam unter seinen Trümmern lebendig begrub. Seit jener
Zeit arbeite ich gleich einem verschütteten Bergmann um mich aus
der Tiefe und Nacht wieder an das Licht des Tages und gleichsam zu
den Lebenden und den Freunden unter denselben empor zu arbeiten
aber dennoch wenn ich schon glaubte "Tag"! rufen zu können, sank
ich von neuem in die Tief[e] hinab, fast tiefer als zuvor; es war
eine recht traurige unheimliche Zeit. Ich kann den wie mit Spin-
nenge[we]be umflorten, nein umsponnenen Zustand des Geistes, Ge[-]
müthes und Lebens gar Niemand[em] und nicht schildern; es war eine
wirklich schleichende wahrhaft krebsartige Krankheit meines Gemü[-]
thes und Geistes wie meines ganzen Lebens, von welcher ich be-
fangen war ohne daß ich es Leider wußte. Erst mit dem Be-
ginne des neuen Jahres fängt es an in mir und um mich zu tagen blei[-]
bend zu tagen, und vielleicht habe ich mich, wenn zum zweiten Male
seit 49 der Mai erscheint wieder ganz ins Land der Lebendigen
oder vielmehr überhaupt des Lebens empor gearbeitet. Bei jedem
Worte, welches ich weiter schreibe, athme ich tiefer auf freier wird
mir Brust und Geist; es wird mir zu Muth, ich fühle mich wie einer
der einen Berg ersteigt um sich, einathmend die frische Berges[-]
luft - einer freien Aus- und Umsicht, ja Einsicht in die fruchtba-
ren Thalgründe zu erfreuen, welcher gewahrt daß er diesem schönen
Ziele bald nahe ist. Bald gedenke ich nun so wieder mit freiem
Geiste und Gemüthe bei meinem [sc.: meinen] mir so sehr lieben Dresdner
Freunden einzukehren, sagen Sie dieß namentlich unserm lieben /
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Strauch, und den beiden von mir so hochgeschätzten Lecerfs[.]
An Marquart wurde ich schon mit Beginn dieses Jahres zu schrei-
ben veranlaßt und an Ihren lieben Bruder gedenke ich hier noch
ein Briefchen bei zu legen. Sprechen Sie Strauch und Lecerfs
so können Sie beiden zum Vorboten meiner baldigen persön-
lich[e]n brieflichen Einkehr das Vorstehende mittheilen.
Nun zur Beantwortung Ihres lieben Briefes vom 14' d. M.
Sie finden nun im Vorstehenden eine Andeutung der Ursache, wa[-]
rum drei Briefe von Ihnen, so wie mehrere anderer Freunde seit länger
als Jahr und Tag, ja länger noch von mir unbe-
antwortet blieben; in einer anderen Form als oben ausgesprochen:
- Die Zügel des Lebens waren mir wie aus der Hand gefallen, ich
konnte sie nicht wieder erfassen, wie Nichts was auf das Leben
Bezug hatte, es war ein Zustand ähnlich dem, welcher vom Starr[-]
krampf befallen ist und doch sahe und fühlte nur ich diesen Zustan[d];
andere empfanden nur die Wirkung, so besonders die lieben und
doch von mir geschätzten Freunde in Dresden. Dennoch gedachte ich
Aller - wie auch Ihrer mit allem Wohlwollen und ich freue mich,
daß Sie das Bewußtseyn desselben in Ihrem Vertrauen zu mir
nicht wankend gemacht hat; ich danke Ihnen dafür, möchte <L> Nie[-]
mand durch mein Scheinleben sein Vertrauen zu mir so wenig
wie Sie verloren haben.
Stets habe ich den aufrichtigsten Antheil an Ihrem Geschicke genommen
und ich freue mich gar sehr auch Sie wieder in Ihrem lieben Briefe so
muthvoll sprechen zu hören, daß Sie selbst einen Kindergarten
zu begründen gedenken. Ich kann Ihnen zur Festhaltung dieses Ge[-]
dankens nur Glück wünschen; gedenken Sie dabei an Auguste
Michaelis
in Erfurt, es ist wahr sie hatte im Anfange mit Schwie[-]
rigkeiten zu kämpfen allein; jetzt ist sie ganz glücklich; gedenken
Sie an Frau Bernhardine Herold, ich glaube sie hat jetzt zwischen
50-60 Kinder und wirkt, für mich, bei einigen Mängeln z.B.
dem eines guten Gesanges, mit einer magischen Befriedigung
der Eltern und Kinder.-
Wenn Sie mir nur zugleich geschrieben hätten nach welchen Orten
hin Sie sich in Ihren Gedanken zur Begründung eines Kinder-
gartens zu wenden gedenken. Ich wollte es ließe sich der
alte Gedanke ausführen, daß Sie Kindergärtnerin in Blan- /
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kenburg, meinem Blankenburg würden. Fragen Sie deßhalb
doch bei Herrn Middendorff an. Dort sind Sie bekannt, fänden,
irre ich nicht, wenigstens für den Anfang, gewiß freundliche und unentgeldliche
Hülfe in der Frau Mag: Richter und der Mahlerin ihrer Schwester.
Ich würde diesen Plan nach Möglichkeit zu unterstützen suchen:
Sie hätten Keilhau nicht weit, wo Sie doch vielseitig eine helfen-
de Zuflucht finden könnten; wenn auch vielleicht die Einnahme nur
gering, so sind dort doch auch der Ausgaben weniger. Sie wären
auch dort für manche Krikelei sicher, zumal wenn Sie sich Keilhau
zum Schutz zu erhalten suchten.
Ihrem Wunsche gemäß erhalten Sie beykommend ein Zeugniß,
schreiben Sie mir, ob und worinn es Ihnen nicht genügt. Ein Zeug-
niß wenn es was wirken soll, muß sich auf Thatsachen beziehen,
man muß dieß dem Zeugniß durch[-] und anfühlen. Nun gestehe
ich gern daß mir Manches in Beziehung auf Art, Zeit, Dauer und
Ort unseres Zusammenwirkens entfallen ist. Was Sie wünschten
daß ich die Zunahme der Zöglinge während Ihrer Vorsteherschaft be-
merken sollte, diese bestimmte Angabe des Erfolgs Ihrer Thätig-
keit kam mir nicht zu, und so durfte ich solche nicht erwähnen.
Wäre ich in Dresden wohnend, wenigstens nicht seit 7/4 Jahren
gänzlich von Dresden abwesend, so wäre es etwas ganz Anderes.
Daß die Thatsache, daß während Ihrer 3jährigen Führung des
Kindergartens derselbe zahlreicher besucht ward als vorher -
eben als Thatsache in Ihr Zeugniß aufgenommen werde, darauf
hätten Sie, Ihre Freunde und namentlich Ihr Bruder drängen sollen.
Um die Sache ja noch auszugleichen habe ich in meinem Zeugnisse, was
ich konnte, mein und unser Vertrauen zu Ihnen hervorgehoben, mö-
gen die, deren Vorsprache Sie suchen, darauf einiges Gewicht legen.
Daß Pastor Riedel, das Comite und wie Sie schreiben namentlich
Frl. Marschner ungerecht gegen Sie bewiesen haben, thut mir be-
sonders für letztere sehr leid, da ich sie für rechtlich gehalten habe.
- Wer ist denn jetzt an Ihrer Stelle im Frauenschatz?- Nennt sich
die Pflegeanstalt der Kleinen noch "Kindergarten["] oder wie sonst?-
Hat denn die jetzt wirkende Person einen Begriff von Kinder-
gartenpflege und wo hat sie denselben erhalten?- Was ist denn
aus der Georgine Fuchs geworde[n]?- ich glaubte immer diese
würde einst Führerin des Kindergartens werden.- /
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Die Nachricht von der anhaltenden Krankheit Ihres l. Bruders
thut mir gar sehr leid. Grüßen Sie denselben recht freundlich
von mir und bitten Sie ihn, ja sich recht zu schonen zumal da er
einen so jugendlich kräftigen Vertreter in den [sc.: dem] rüstigen, ge-
sunden und lebensfrohen Herrn Ritz hat; wie schwach auch sein
Eingreifen sey, so sey es immer das Eingreifen eines Mannes
und das fühle man bei jeder Anstalt gar bald durch, also sein
Leben solle er schonen.
Zu den Bauliedern gehört noch eine Einleitung, die ich leider
bisher gar nicht zu Papier bringen konnte, so können solche nicht
verkauft werden. Ist es mir möglich so schreibe ich noch mit
diesem Briefe auch für Lecerf und sende zunächst wenigstens
das Geld für den Notenstecher.
Wegen Ihrer Sendung wird Ihnen Luise Levin schreiben welche
seit der Umsiedelung Renners nach Meiningen, für hier und
Blankenburg diese Angelegenheit besorgt.
Sie sehen ich habe Ihre Hoffnung, erfüllt. Gestern empfing [ich],
da ich von der Postexpedition entfernt wohne, Ihren Brief
und heute freue ich mich selbst, ihn schon beantwortet zu sehen.
Schreiben auch Sie mir nun bald von Ihren Plänen und
Aussichten Wohin? und Wie?-
Was macht Pastor Kohl? Kann der nichts für Sie thun?
Daß Elise Fröbel mit einem Lehrer an der Keilhauer An-
stalt mit Herrn Schaffner am 3 Weihnachtsfest Hochzeit gehabt hat werden Sie wohl
wissen; vielleicht auch schon, daß am
10 dieses Monats, mein alter Bruder in Kei[lh]au nachdem er noch diese Freude erlebt hat, in
Frieden aus dieser Welt geschieden ist.
Mit Grüßen an Ihre Frau Schwägerin und Sie von
         Ihrem
stets treugesinnten Freunde
         FriedrichFröbel.

Wie steht es denn mit der
Buchbinder Lehmannschen Ab-
rechnung? - ist denn das Geld
von Hamburg in Dresden
eingegangen?- Ich höre von
beiden Orten nichts darüber.
Eben lese ich Ihre alten Brief[e] (vom 3 Sptbr d. J.[)] und mit tie[-]
fer Trauer erfüllt es mich, daß ich Ihnen durch mein so langes Schwei[-]
gen so großen Schmerz gebracht habe. Wie steht es mit Ihrem englisch Sprechen? /
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(Nachschrift auf dem Rand)
Lesen Sie dieß meine liebe, gute Luise mit großer Aufmerksamkeit, sonst können Sie mein langes Schweigen nicht verstehen.