Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Carl Rohrbach in Berlin v. 3.2.1851 (Marienthal)


F. an Carl Rohrbach in Berlin v. 3.2.1851 (Marienthal)
(KN 57,12, Brieforiginal 1 B 8° 4 S., tw. ed. Heiland/Hohendorf 1990, 201)

Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein b. Eisenach am 3en Febr 1851.
Erst jetzt ist es mir möglich, sehr geschätzter, lieber Rohrbach Ihren
gütigen, freundlichen Brief vom Ende vor Mon: mit voller Aufmerk-
samkeit zu lesen. Ich habe es mit der herzinnigsten Theilnahme; denn
ich habe den Zustand welchen Sie mir als Ihren jetzigen schildern man-
ches liebe Jahr und wiederholendlich durchlebt und muß jetzt noch oft
genug zeitweilig hindurch gehen. Es ist dieß die Wirkung unserer
vorausgeeilten Geistesentwickelung mit welcher das Handeln welches
uns die Um- und Zustände der Zeit und des Lebens erlauben in keinem
gesunden Ebenmaas und Gleichgewichte im Gegentheil mehr oder minder
gerade zu in zerstörenden Mißverhältnisse steht. Die kräftigsten und
geistvollsten Naturen und Kräfte sind seit Jahren diesem Kampfe unter[-]
legen. Eine Thatsache scheint mir gewiß, die vereinzelt stehende geistige
Kraft reibt sich in diesem Kampfe und Streben selbst auf, wenn dazu
nicht ein gesunder und gesund machender Humor kommt und ein heiterer
Witz wie dieß glaub ich bei unserm Diesterweg der Fall ist; darum
ist dieser auch nicht mit solchen geistigen Leiden heimgesucht, wie ich glaube,
er hat sich ein Publikum geschaffen, welches ihn ehrt, liebt und liest, einen
Kreis von Männern der ihn in seinem schaffenden Leben wie ein duften-
der Kranz umgiebt, und dieser Kreis unter sich vertrauender Menschen
hat sich auch, ich will nicht sagen, einen bestimmten Kreis des Wirkens
äußerlich abgesteckt, sondern sich denselben geschaffen; sehen Sie da, lieber
geschätzter Freund, die Ursache und den Grund ihres [sc.: Ihres] gesunden, frischen
Wirkens. Und sehen Sie hier, guter Rohrbach, was uns zu thun ob-
liegt.- Ihr Kreis, der Kreis, das Ziel und der Zweck Ihres, und ich darf
wohl sagen unseres Wirkens, ist nun zwar, ob er gleich von jenem
freundlich und pflegend ein anerkannt und geachtet wird, - ein anderer - allein er fordert dieselbe Grund-
lage wie jener, er ruht auf dem
gleichen Grunde: - "Schaffen eines entsprechenden Kreises des Wirkens
durch Einigung der Geister und ihrer Kräfte."
Dieß mein lieber Rohr-
bach
ist die Forderung der Zeit und geht als Forderung der Zeit aus
allen Erscheinungen derselben hervor. Sehen Sie um sich: - der Einzelne
vermag Nichts, nur die Gemeinsamkeit ist überall das Wirkende[.]
London die Weltmarkt [sc.: Weltmacht ?] vereinigt in sich die Welterzeugniß, um sich selbst
in Besitz der WeltIndustrie zu setzen.- Doch ich sprach nicht von Ver[-]
einigung, sondern von Einigung, also nicht um eines äußern Zweckes
willen und durch äußere Verabredung, sondern durch inneres /
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unmittelbares Verständniß, wofür selbst Diesterwegs Einig-
ung mit mir und der von mir vertreten werdenden Idee zum
Theil ein Beweis ist.
Andere Geister, und ich glaube wir gehören zu denselben wollen die
Menschen und die Menschen nicht ja das Menschengeschlecht nicht
blos durch die Schule und das Beschulen erheben, sondern sie
wollen überhaupt den Geist des Menschen von seinem ersten Er-
scheinen auf der Erde an frei machen, daß er sich durch Selbstbe-
stimmung selbst erziehe, wollen wir jenen Ausdruck beibehalten,
selbst beschule. So wird erst die Erscheinung und das Daseyn wah-
rer und ächt freier Menschen auf der Erde möglich. Dieß kann
aber zunächst und zuforderst nur durch den freien aber sich klar be-
wußten
Zusammentritt, durch die freie, aber sich ganz klar be-
wußte
Einigung, ohne äußeres Band und Zeichen, d.h. durch das
sich unmittelbar bewußte Zusammenwirken geschehen. Wie
klare Thautropfen in einander fließen ohne Verabredung, Licht-
und Farbenstra[h]len zusammenfallen und Feuerflammen einan[-]
der anziehen und in einer zusammen brennen. So sinnbildlich die
Erscheinung, welche ich als Forderung der neuen wahrhaft geistigen
Zeit und Entwickelung[s]stufe des Menschengeschlechtes, welche aber
eben als eine geistige Forderung, als Forderung des Geistes - durch das
Bewußtseyn hindurch gehen muß. Solche Zeitforderung spricht sich
meines Ermessens nach, in der jetzigen Zeit sowohl im männlichen
und weiblichen Gemüthe wie im weiblichen und weiblichen Geiste
aus. Und die Wahrheit des von mir im Vorstehenden Gesagten
spricht sich Ihnen vielleicht in Ihrem jetzigen Wirkungskreise
mehrfach aus, ohne daß ich nicht im Mindesten nöthig habe ins
Einzelne einzugehen.
Wie nun aber auch der weibliche Geist, das weibliche Gemüth
mit all seinen Wunderkräften und Gaben auf den männlichen Geist
und das männliche Gemüth befruchtend und wohlthuend einwirkt,
so fordert die Kraft und Stärke des männlichen Geistes und Ge-
müthes doch die Einigung mit der Kraft und Stärke des Mannes[-]
geistes die Mittheilung an des Mannes Geist vor Allem das
gemeinsamme Schaffen und Wirken mit des Mannes Geist
zu gemeinsamen Werke [sc.: zum ... Werke / zu ... Werken] der Menschheit. In diesem Streben, /
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wenn der Mensch, der Mann sein Bedürfniß der Geisteseini[-]
gung nicht erreicht, häuft er Stoff auf Stoff um sich, wodurch
aber das Übel nicht besser sondern schlimmer wird. Da das
Schwesternpaar das doppelte E. wie ich glaube so aufrichtig wohl
wollend für Sie gestimmt ist, und dieß nicht allein, sondern Sie
auch gemeinsam an einem trefflichen Werke arbeiten, so würde
ich an Ihrer Stelle mit demselben berathen, ob Sie nicht in diesem
Frühjahr am besten, oder im Sommer, aber eigentlich sobald als
möglich in der schönsten Leben erfrischenden Zeit wieder ein paar
Monate frei erhalten könnten, diese sollten Sie einmal in der schö-
nen und lieblichen hiesigen Gegend, und dann zur neuen Nahrung für
ihren Geist mit einer recht tief eindringenden Bearbeitung der gesamm-
ten entwickelnd-erziehenden Bildungsmittel Wege und Weisen
welche die KindergartenIdee zur Anbahnung ächter innerer
Geistes[-] wie äußerer Lebensfreiheit, wie allseitiger Lebens-
einigung aufstellt: da diese Wahrheiten nicht in mitzutheilen[-]
der Abstraction, sondern in selbst gemachten Erfahrungen aus
selbstgeschaffenen und anschaulich zur ruhigen Beachtung vorlie-
genden Lebensthatsachen hervorgehen allein die größtmöglichste
Allgemeinheit, Tiefe, ja Allerfassung möglich machen, so
sind sie für den Geist, und für den Geist, je mehr er denkend
erfahren, er- und umfassend ist, um so mehr erfrischend, kräfti-
gend, neu belebend, karg, - gesundend. Überlegen Sie sich
mit Ihren Freunden und Freundinnen die Sache. Mein Rath ist
so wohl gemeint als ernstlich und tief durchdacht. Vielleicht daß
es sich träfe, daß dann gerad in dieser Zeit auch noch irgend
andere strebende Männer hier lebten.-
Bei Gelegenheit des in Nordhausen am 20' v[origen] Mon[ats] mit 41 Kin-
dern neugegründeten Kindergartens hat Eduard Baltzer et-
was sehr Tüchtiges in einem eben jetzt erst - bei Ferd: Förste-
mann
in Nordhausen (am 28 vor[igen] Mon[ats]) zu erst erschienenem
Zeitblatte - Freie-Gemeinden-Halle - über die Kindergärten ge-
schrieben. Ich habe Auftrag gegeben es Ihnen zu senden, dann sagen
Sie mir offen Ihr Urtheil darüber.-
Vor einigen Wochen wurde in eine weibl[iche] Erz[iehungs-] Anstalt in dem größten
deutschen Badeorte, wie es mir scheint von einem sehr /
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tüchtigen Vorsteher eine Kindergärtnerin, aber mit
solcher Kenntniß der englischen und französischen Spra-
che gefordert, daß sie im Stande ist Ausländern in
Englischer und französischer Sprache Exp[l]icationen darüber
zu machen; da dachte ich: - im vorigen Halbjahr sind ge-
wiß solche Schülerinnen aus Ihrer d.h. der Pferfferschen
Anstalt ausgetreten, wäre dann eine solche auf weitere
6 Monate wenigstens als Schülerin in unserm Kreis einge-
treten, so hätte ich jetzt die Wünsche, wie ich glaube eines
sehr achtbaren Mannes erfüllen können, was mich sehr
erfreut haben würde. Ich habe wohl in zwei großen Städten
Schülerinnen welche in sprachlicher Erziehung wohl der Forde-
rung entsprechen mögen, allein sie sind mir nicht frisch, und
Lebensmuthig und spielgewandt genug.
- Was Sie mir über den sich neuerdings wieder regenden
Antheil an der Sache der Kindergärten in Berlin schreiben
hat mich gefreut; ob ich gleich in der ganzen Sache noch keine Keim-
und Wurzelkraft durchfühle. Diesterweg scheint mir bestimm[-]
te Rücksichten zu haben in Berlin nicht positiv für die Sache
hervor und eintreten wollen, vielleicht wie man mir sagt
eben aus Forderung der Sache.
Jetzt erhält die Sache in den kleineren und mittleren Land[-]
städtchen Grund und daß [sc.: das] glaube ich ist der beste Boden für
die Sache.
Wird in der Pferfferschen Anstalt auch Familienhaushalt gelehrt[?]
Dann würde ich mir erlauben Sie auf ein Buch aufmerksam
zu machen: - "Das Buch der Familie" Blicke und Winke zur geschick-
" ten Führung eines Familienhaushaltungsbuches als ein zu den
" Wirklichkeiten mit dem Ernste des Lebens seinen Forderungen
" und Bedürfnissen vorbereitender Erziehgegenstand, für die reife-
" re Jugend der gebildeten Stände, wie für gebildete Frauen.
Von Dr Georgens. Director einer Erziehungsanstalt für höhere
Bildung weiblicher Jugend in Baden-Baden. Mannheim. 1851.
Grüßen Sie herzlich von mir Ihr sehr geschätztes Schwestern[-]
paar. Auf die Nachricht Ihrer neugestärkten Gesundheit und
die Übersendung einer Frucht derselben freut sich gar sehr
Ihr Friedrich Fröbel.