Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Dr. R. Barthelmeß in Nürnberg v. 10.2.1851 (Marienthal)


F. an Dr. R. Barthelmeß in Nürnberg v. 10.2.1851 (Marienthal)
(BN 707a, Bl 63, Bl 64-66, 2 Briefentwürfe. Der erste flüchtige und undatierte Entwurf [Bl 63] 1 Bl 8° umfaßt 1 S., der zweite datierte Entwurf/Reinschrift [Bl 64-66 mit Korrekturen auf 64] 1 B + 1 Bl 8° umfaßt 5¼ S. Der Adressat, Vorstand der Freien Gemeinde und dessen Kindergarten in Nürnberg, wird hier namentlich nicht erwähnt, läßt sich aber aus Briefen Henriette Bothmanns und Johanna Hebarts erschließen, die in diesem Kindergarten tätig waren. Vgl. König 1990,254f u. 280ff, sowie BN 371)

a) 1. Entwurf

Wohlgeborner Herr
Hochgeehrter HErr Dr.

Sie Sind so gütig in Ihrem Briefe an
Frl Joh. Hebart vom 2n d. Mon.
meiner freundlich zu gedenken ganz
besonders aber sich ganz besonders warm
und theilnehmend über das Wesen und die
Entwicklung Bestehen und die Fortentwickelung
der Kdg [sc.: Kindergärten] besonders
über ihr Bestehen in Nürnberg auszusprechen[.]
Sie werden es natürlich finden, wenn und daß
in meine Verknüpfung mit denselben zu meiner großen
Freude erreicht , und daß dieß Gefühl der Freude
wie jedes Gefühl der Freude zugl. dieß der
Dankbarkeit u <Einigung> erzeugt. Und so hoffe
ich werden Sie es auch nicht unstatthaft finden
wenn ich mich in mir bestimmt fühle finde Ihnen diese
Gefühle auszusprechen[.] – Es ist wahr es macht
befriedigt im hohen Grad wenn d[urc]h mein Streben
für die erste u früheste Kindheit[-] u Menschener[-]
ziehung sich das weibl Gemüth u Geschlecht, die
Frauen Welt nicht allein angezogen, sondern sogar fest[-]
gehalten wird; allein
allein [2x] es verhält sich wie der schöne <-> blüthenreiche Frühling
zur [sc.: zum] schönen wirklich
fruchtreichen Herbst, wenn des Mannes
Denken dem neu erkannten Wahren beistim[mt;]
nun betrifft dieß (überdieß) aber einen
Gegenstand der dem männl Beobachten u Denken
bisher in hohem Grade fern, um
so mehr ist jede gediegene Männliche Würdigung
hoch zu schätzen u erfreuend [bricht ab]

b) 2. Entwurf

Marienthal, ohnweit Bad Liebenstein im Meiningschen 10/II 51.


Hochgeehrtester Herr Doctor.

Sie sind so gütig in Ihrem Briefe an Frl: Hebart meiner
freundlich zu gedenken, ganz besonders aber sich theilnehmend
und warm über das Wesen und die Entwickelung der Kindergär-
ten, namentlich über ihr Bestehen und ihre Ausbreitung in Nürn-
berg auszusprechen. Sie werden es daher gewiß natürlich finden,
wenn mir dieß in meiner innern Verknüpfung mit denselben
da die Kindergärten mit meinem innigsten Leben verwachsen sind
zu großer, inniger Freude gereicht , und daß dieß Gefühl, wie
jedes Gefühl der Freude, das der Dankbarkeit und der geisti-
gen Einigung erzeugt hervorruft. Und so hoffe ich Sie es werden wird es [Sie] auch nicht
als unstatthaft finden abschrecken, wenn ich diese Gefühle so offen ausspreche, als
stark ich solche in mir trage.
Es ist wahr, es befriedigt schon in einem hohen Grade, wenn wenn das weibl Gemüth u Geschlecht, d[urc]h
ein ernstes und gründliches Streben besonders und zunächst die
erste und frühe Kinder[-] u Menschenerziehung der Willkühr
und dem Zufall zu enthebenreißen und an deren Stelle klar erkannte
Gesetze und sicher zum Ziele führende Mittel zu reichen, wenn da die Frauenwelt sich
nicht allein angezogen, sondern sogar festgehalten fühlt, weil die
erste und frühe Kinder- und Menschenerziehung – wenigstens wie die Sache noch
bis jetzt steht – fast ausschließlich der weiblichen Pflege anheim gegeben ist; allein
es verhält sich damit am Ende doch diese Theilnahme zu der welche aus den Ergebnissen des Männl[ichen] Denkens hervorgeht wie mit der [sc.: dem] blüthenreichen Frühling zum frucht-
reichen Herbste, wenn des Mannes klares Denken, die Ergeb-
nisse desselben, dem neu erkannten Wahren beistimmt; be-
trifft dieß nun besonders, und dieß besonders dann wenn es wie dieß hier der Fall ist, einen Gegenstand betrifft, welcher dem männlichen Beobachten und Denken
bisher in seiner Allgemeinheit im hohem Grade fern war, um
so mehr ist jede gediegene männliche Beachtung und Würdigung
besonders hoch zu schätzen u erfreuend. Ja, offen gestan-
den, es ist in dem vorliegenden Fall ermuthigend, erhebend, /
[64R]
zur Ausdauer kräftigend und stählend, daß in dem Maaße,
als es möglich ist das Wesen und die Grundsätze, auf welchen
die Ausführung der Kindergärten, oder vielmehr die ange-
strebte entwickelnd-erziehende Menschenbildung beruht, -beson-
ders in ihren Erfolgen darzuleben und darzulegen, auch
gleicher Weise in denkendsten und lebenserfahrendsten
Männer fast aus allen Gebieten der menschlichen Berufe
und Wirksamkeit sich der Beachtung, Prüfung und ich darf
sagen dem Schutz und der Pflege des Gegenstandes und zwar
wie mit Kraft, so mit Treue und Kraft hinwenden. So
fällt mir hier eine Äußerung des Bürgermeisters der
Stadt Lünen in Westphalen ein, welche von demselben
im vorigen Jahre geschahe, als eine Personal-Veränderung
in dem, seit einigen Jahren unter seiner Mitsorge be-
stehenden Kindergarten vorgieng: ”wenigstens so lange
”er in der Stadt Lünen Bürgermeister sey, solle in Lünen
”der Kindergarten nicht wieder ein- und untergehen.” So
muß es auch kommen, wenn es mit der Erziehung des ent-
keimenden Geschlechtes, der Völker und der Menschheit wirk-
lich besser werden soll. Wenn auch jetzt noch langsam, dennoch
steigend mehrt sich die Zahl solcher beachtend-pflegenden
Männer, und ich könnte Ihnen daran in Hamburg, Berlin,
Dresden, Leipzig, Merseburg, Nordhausen, Gotha, Greifs-
walde, Breslau, Baden Baden u.s.w. u.s.w. nahmhaft machen;
doch für Nürnberg kannte und wußte ich mir bisher keinen
zu nennen, kannte ich keinen; wie hoch erfreut es mich dieß
nun, Hochgeehrtester Herr Doktor thun zu können, in Ihrer
Person thun zu dürfen.
Wenn ich vorhin sagte, daß Männer aller Lebensberufe den
Kindergärten und entwickelnd erziehenden Menschenbildung
ihre schützende und pflegende Geisteskraft zu wenden, so
ist dieß wirklich in einem hohen Grade der Fall: Der eben
erwähnte Bürgermeister ist ein einfacher Geschäftsmann
welchem die Erfahrungen des gewöhnlichen Lebens zur Seite
gehen und die sich ihm daraus entwickelten Lebensgesetze; /
[65]
nach der entgegengesetzten Seite hin wenden sich aber auch Män-
ner des reinen Denkens der Prüfung, wie der Anerkennung der Sache
durch die Ergebnisse der reinen Denkgesetze zu.
Besonders aber erfreut sich der Gegenstand ganz besonders der
prüfenden, wie anerkennenden Beachtung und Pflege aller
derer, welchen das Studium der Natur, namentlich das Er-
fassen und Durchdringen der Naturgesetze zu ihrem Lebens-
berufe gehört; diese dringen aber auch wieder am gründlichsten
in das Wesen der Kindergärten, wie in die in ihnen geübt
werdenden Kinderbeschäftigungsmittel und Weisen, als auch
in die innere Begränzung derselben. Aber auch von den erziehen-
den Lehrern dreier Classen: den Volkslehrern, den Lehrern
und Führern eigentlicher Erziehungsanstalten, wie selbst von
einigen Lehrern und zwar namhaften, an gelehrten Schulen wird
die in den Kindergärten und durch deren Mittel und Weisen
angebahnte Kinderführungs- und Entwickelungsweise, wie
den nothwendigen Gesetzen der Erziehung, so denen des Unterrichts
entsprechend erkannt.
Ich gestehe offen, daß mir diese vielseitige, ja allseitige, in
ihren letzten Ergebnissen übereinstimmende Prüfung selbst
überraschend entgegentritt, und unerwartet, als ich zum
Dank für Ihre schützende und beachtende Pflege des Gegenstan-
des ich Ihnen Einiges von der und über die Stufe seiner
Entwickelung mittheilen wollte. Es geht daraus eine Über-
einstimmung des Denkens, der Beachtung und Erfahrung, der
Ergebnisse der Denk-, Natur-, Lebens- u.s.w. Gesetze hervor
wovon die Folge nur eine selbstthätige und selbstständige
menschenwürdige Entwickelung und Darlebung des Menschen-
wesens in und für allseitige Lebenseinigung seyn kann.
Aus diesen wenigen Andeutungen wird es Ihnen jedoch
gewiß schon einsichtig seyn, wie wichtig mir Ihre prüfende
Beachtung der Sache der Kindergärten nach mehreren Seiten
hin seyn muß.
Wäre es nur um dieser vielseitigen Beziehungen willen
möglich, sey es auch wirklich nur einen vollen halben Tag, /
[65R]
Sie hier zu sehen, um Sie mündlich und persönlich, zugleich
durch sachliche Vorführungen, Darlegungen, Anschauungen
und Nachweisungen in das innerste Wesen dieser Kin[-]
derführungsweise einzuführen; dann würden Ihnen
die Ausdrücke: - ”entwickelnd erziehende Menschenbildung”;
”Erziehung zur allseitigen Lebenseinigung” wie ein schön
geordneter Garten der gesündesten verschiedenartigsten
Gewächse der vereinigsten Entwickelungs- und Ausbil-
dungsstufen erscheinen.
Was bisher über den Gegenstand und durch Druck und Zeich[-]
nung mitgetheilt werden konnte ist wenig gegen den inne-
ren Reichthum, gegen dessen innere Fülle. Wie wir in der
Naturbeobachtung zuletzt auf wenige Grundbedingungen
zurück kommen aus und nach welchen sich das Weltall
in seinem Reichthum und seiner Fülle in seiner Allgenug-
samkeit
, an der Hand der Nothwendigkeit und Freiheit,
vermittelt durch das Gesetz in Friede und Freude entwik-
kelt, so entwickelt sich hier das Menschenwesen in einem
Reichthum einer Fülle in einer Allgenugsamkeit, welche
die tiefsten Forderungen des menschlichen Geistes befri-
digt. – Der Mensch, welchem Darstellung reiner, vollendeter
Menschheit, ächtes Menschseyn für sich und für Andere Le-
bensaufgabe ist findet hier Alles was dazu als Bedingung
gefordert wird.
Es wird Ihnen hochgeehrtester Herr Doctor, vielleicht un[-]
statthaft erscheinen dieß von mir aussprechen zu hören; doch
vergessen Sie dabei nicht, daß hier ein Mann von nahe 70
Jahren spricht, welchem der betreffende Gegenstand zur Befrie-
digung seines Gemüthes und Geistes von der frühesten Zeit seines
Bewußtseyns in Beziehung auf sein Leben Gegenstand der prü-
fenden Beachtung ist; aber seit nun bald 40 Jahren in Beziehung
auf die Fremderziehung, die Erziehung der Menschen, der Deutschen
der Jugend, der Kinder, der Beachtung der Kindheit. Was darin
für die jetzige Stufe der Menschheit Entwickelung liegt werden Sie ahnen.
Es darum gerechtfertiget finden, wenn ich mich nicht scheue, es offen /
[66]
auszusprechen. Was kann es der Menschheit, was kann
es mir nützen 60jährige und mehrjährige Lebenswahr-
heiten mit ins Grab zu nehmen mein Leben würde
nicht nur verloren seyn für Andere und welcher Mensch
wünscht das, doch mehr noch: ich würde ungerecht und
undankbar gegen ein eigenthümliches Schicksal seyn
welches mich schon vor nahe 70 Jahren ein Kindergarten[-]
leben natürlich unbewußt und ungeahnet leben ließ,
welches mir aber durch meine spätere Lebens- und Schicksals-
führung mir nach und nach mir wieder anfangs unbewußt
endlich ins Bewußtseyn trat, als sich daraus mein Leben
als ein in sich vollendeter Lebensbaum entwickelte.
Sehen Sie mein hochgeschätzter Herr Doctor, so ist auch
alles das, was sich bis jetzt von dem Wesen der Kindergärten
im Publikum Geltung verschafft hat nur erst der Kern
das Saamenkorn zu dem Lebensbaume, welcher sich zum
Wohle der Menschheit daraus entwickeln kann, entwickeln
soll. – Wo neues, junges, frisches Leben zur Entfaltung
zum Keimen sich regt, da ist das hier Angedeutete tief zu
beachten. Möchten immer mehr und mehr und immer in-
niger Geister, Männer sich einigen den hier angeregten
Gegenstand einer recht ernsten Prüfung zu unterwerfen.
Möchte besonders Nürnberg wieder, wie schon vor Jahrhun-
derten, den Preis der Förderung deutscher Bildung sich erringen.
Das wäre schön wenn so das alte Nürnberg wieder aufwachte
als eine Stadt der Kunst, wie früher der Zeichnenden und
plastischen, so nun – der Menschenerziehungskunst; zu[-]
mal da diese, wie angedeutet auf eben so sichern, klaren, festen
ewigen, zu schönen vollendeten Gestalten führenden Gesetzen wie
jene ruht denn das Wesender entwickelnd erziehenden, der Kinder[-]
garten- d.h. der ächten Familienerziehung, (:denn die Familie ist der
erste ursprüngliche und natürliche Kindergarten :) ist ja eben die
Bildung: die Entwickelung und Ausbildung des Kindes- und Menschen-
Wesens seinen innern eigenen Gesetzen getreu in Selbstthätigkeit u.
Selbstständigkeit – in Zusammenhang mit der Natur und dem Leben /
[66R]
in Übereinstimmung mit deren Gesetzen – und in Einklang
und Einigung mit dem Urgrund und Urquell aller Wesen
und Dinge – Gott! – somit also in Selbst-, Natur- und
Gotteinigung d.i. in allseitiger Lebenseinigung in Be-
wußtseyn nach Ziel und Zweck, Weg, Mittel und Weisen.