Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Marie Fensohn in Hamburg v. 13.2.1851 (Marienthal)


F. an Marie Fensohn in Hamburg v. 13.2.1851 (Marienthal)
(Brieforiginal priv. Adelheid Caspar, Berlin 1 B 8° 4 S.; Facsimile (Foto) SBB, Depositum 17 (F. Fröbel), Mp. H., ed. Hoffmann 1952, 225-228 auf Grundlage einer Abschrift in BlM, vgl. ebd. 246 zu Nr.95. Die z.T. erheblichen Abweichungen der Ed. zum Original erklären sich vermutlich zum Großteil dadurch, daß sich Hoffmann nicht auf die Reinschrift, sondern auf eine Abschrift stützte, vgl. auch das Typoskript von der BlM-Abschrift in BN Anh. 21.)

[Briefkopf: Lithographie mit Bildunterschrift "Bildungsanstalt Marienthal."]

Am 13en Februar 1851.


Meine liebe Marie.

Zuerst sage ich Dir und Deinen lieben Bruder freundlichen
Dank für die Übersendung Eurer schönen und fleißigen Ar[-]
beiten; sie haben mir besonders deßhalb große Freude gemacht,
weil sie mir Zeugniß geben, daß Ihr bei Euern Arbeiten
denkt und daß Ihr das, was Ihr bei der einen Thätigkeit lernt,
bei einer andern wieder anzuwenden sucht, wie z.B. die Zeichen-
formen auf die Flechtarbeiten. Die eine Eurer Flechtarbeiten
hat auch hier nicht nur sogleich Nachbildung, sondern sogar Fort-
bildung erhalten; es wurden nemlich hier aus allen Gliedern vier[-]
seitig drehende Formen geeinet [Hoffm.: gebildet] und diese dann wieder zu schönen
Flechtfiguren verbunden und zwar zu Musterblättern für die klei-
ne 7jährige Prinzeß Auguste zu Meiningen, welche sich jetzt auch
gern mit derlei kleinen Arbeiten beschäftiget. Seht, lieben Kin-
der, so wirkt Fleiß und Thätigkeit schon in früher Jugend geübt,
fördernd und entwickelnd weiter: so erfreut sich z.B. der neuen /
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Erfindung welche Ihr in Hamburg gemacht habt in weiter
Entfernung von Euch sich die genannte kleine Prinzeß in
Meiningen; darum soll auch schon das Kind in der Darstel-
lung des Guten und Schönen immer vorwärts schreiten. <Daß>
nun [dies] als brave Kinder auch Euer Wunsch sey, das beweiset
Ihr mir nun nicht nur durch Euere fortgeschrittenen Arbeiten
sondern auch durch den von Dir, liebe Marie mir schriftlich
ausgesprochenen Wunsch wieder neues Arbeits- und Beschäfti-
gungs-Material zu erhalten. Da ich mir nun nicht sagen kann,
daß Ihr Alles was ich an Material zurück gelassen habe, die
verschiedenen Legespiele in vier- und dreieckigen Plättchen
ein- und zweifarbig oder in schwarzen Ringen verschiedener
Größe und Theilung, dann das Schnüren mit ein- und mehr-
farbigem Papiere, weiter das Ausstechen auch der größeren
Ausstechhefte und besonders das Malen derselben, endlich
das Malen in seinen verschiedenen aufeinander folgenden
Reihefolgen auch schon durchgemacht habt, zu welchem allen Euch
ja Fräulein Emilie Stieler so einfache als leichte Anweisung
geben kann; so glaube ich, liebe Marie, Deinen mir ausge-
sprochenen Wunsch so verstehen zu müssen: - daß Du gern
von dem schon besitzenden Materiale Spiel- und Beschäf-
tigungsmitteln einen neuen, fortschreitenden und er-
weiterten Gebrauch machen möchtest und zu diesem von
mir eine [sc.: einige] Fingerzeige haben möchtest. Diesen Deinen so
erfreulichen als lobenswerthen Wunsch meine liebe brave
Marie, könnte ich Dir nun sehr leicht erfüllen, wärest Du
hier, denn wir haben nach allen Seiten hin in dieser Hin-
sicht durch die gesetzmäßige Verknüpfung des Einzelnen und
Einfachen zu größeren und zusammengesetzten Ganzen
im verflossenen und im neuen Jahre sehr schöne Fortschrit-
te und Erfindungen gemacht; allein dieselben lassen sich nach
der Ferne hin schwierig mittheilen. Aber auch in benachbarten
Kindergärten so z.B. in Gotha und Salzungen, wo man die /
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Beschäftigungen auch mit größeren, schon die Schule besuchen[-]
den Kindern betreibt, sind neue Erfindungen oder wenn Du
lieber sagen willst Fortschritte im Flechten gemacht worden,
nemlich Buchstaben und Wörter oder Namen einzuflechten.
Ich lege Dir hier ein paar Blätter bei welche mir von den
dasigen Kindern auf mein Ersuchen für Euch geflochten wor-
den sind. Die Buchstaben sind so verschieden ausgefallen,
weil jedes der Kinder selbige für sich allein, und auf seine
Weise darzustellen versucht hat. Ihr werdet nun mit Hülfe
Eures lieben Vaters, wenn Ihr Ähnliches darstellen wollt die be-
sten der Buchstaben aussuchen auch die andern darnach herzustellen
suchen.
Dann lege ich für Euch noch eine Zuckertüte, wie ich es nenne, bei,
oder ein doppelflächiges, an zwei Seiten zusammenhängendes
Geflecht; die dadurch entstehende Form rechtfertigt den Namen,
es ist von einem, so eben aus dem Kindergarten in Gotha ausge-
tretenem kleinen Mädchen. Deine klaren Augen Marie und
Deine geschickten Finger werden gewiß das Geflecht heraus brin[-]
gen, sonst nimm Deine freundliche Emilie Stieler zur Gehülfin.
Hier ist ebenfalls die Arbeit blos nach diesem Muster nachge-
macht worden.
Du, liebe Marie, bist besonders gewandt im künstlichen [H: künstlerischen] Ver-
schränken. Dieß ist nun im vorigen Herbste ganz besonders
hier geübt worden, und zwar so daß die durch das Verschrän-
ken entstehenden Formen nicht allein Schönheitsformen seyn,
sondern daß sie auch so zusammen hängen müßten, daß man von
jedem Vereinigungspunkte aus, nachdem man jeden der
Stäbe mit dem Finger überfahren jedoch nur einmal, zum
Ausgang zurückkehrte. Es ist daß [sc.: das, H: dies] hier bis zu 20 und mehr Stä-
ben ausgeführt worden. Bis zu acht Stäben weißt Du ist
es ganz leicht. Für 9 Stäbe, lege ich hier eine Form bei; es
giebt jedoch deren noch mehrere, besonders auch für die höhere
Stäbchenzahl. Die Formen lassen sich leicht zeichnen und es /
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wird mich recht freuen wenn Du mir gelegentlich einige
solche Zeichnungen übersenden willst; sie können ganz klein
und auf eine solche Seite wenigstens zwei, vielleicht selbst
drei und demnach auf ein solches Blatt 4 bis 6 [H: bis zu 6] gezeichnet
werden.
Überhaupt würde es mich freuen wenn Ihr lieben Kinder[-]
gartengenossen, die Ihr es gewesen seid, und die es noch
sind, mir zu einer großen Verlosung, welche nächsten Sommer
hier zum Besten unseres Liebensteiner Kindergartens aus-
geführt werden soll, einige von Euren gelungensten Arbei[-]
ten mit Beifügung Eures Alters und Eures Namens ein[-]
senden wolltet, um solche den Gewinnen beizufügen; so
könnte dann Euer kindlicher Fleiß und Eure sorgsame Ar-
beit auch für andere Kinder, deren Eltern die Sachen ge-
wönnen wieder Freude bringend seyn. Dein lieber
Vater, meine Marie, wird Dir dieß erklären.
Mit Dank sende ich Dir, da es jetzt leicht möglich ist, Dein
so wacker gearbeitetes Zeichenheft zurück. Hebe es Dir ja
sorgsam auf, so oft Du es dann später, sey es auch in großen
Zwischenräumen betrachtest, wird es Dir stets Freude und
Nutzen bringen.
Willst Du im Erfindungszeichnen große Fortschritte
machen, so mußt Du sehr das Stäbchenlegen üben. In
diesem Winter ist dieß bei uns auch, besonders als gemein[-]
sames Spiel und mit vertheilten Stäbchen, bis zu einer
großen Vollkommenheit ausgeführt worden.
Nun lebe recht wohl, mein liebes Kind, Du siehst aus die[-]
sem Briefe, welcher eigentlich all Deine[n] größeren
Kindergartengenossen mit angehört, wie gern ich noch
mit Euch lebe und mich mit Euch unterhalte. Werdet
Ihr meiner gedenken, wie ich Eurer, so werden wir alle
dadurch Freude haben.- Grüße Deine lieben Eltern, Deine
Geschwistern [sc.: Geschwister], Deine Spielgenossen von Deinem Euch liebenden
Friedrich Fröbel.-