Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Hertlein in Hamburg v. 2.3.1851 (Marienthal)


F. an Luise Hertlein in Hamburg v. 2.3.1851 (Marienthal)
(BlM XXVII,1,5, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+Adresse)

[Briefkopf: Lithographie Marienthals mit Bildunterschrift "Bildungsanstalt Marienthal", die in den Text integriert wird]

Am 2n März 1851.
Bildungsanstalt Marienthal.
für allseitige Lebenseinigung



Liebes Fräulein Härtlein [sc.: Hertlein].

Wer von uns beiden eigentlich in des andern Briefschuld ist ist mir
zwar jetzt nicht zu entscheiden möglich, jedoch nehme ich an und gebe
es recht gern zu, daß ich es bin indem ich weiß daß ich seit Mo-
naten sehr nachlässig im Briefbeantworten bin, auch hat ein
Brief an Sie liebe Luise mir seit sehr langer Zeit recht am Her-
zen gelegen d.h. ich hätte Ihnen sogern Nachricht von mir gegeben,
als ich wirklich Nachricht von Ihnen ersehnt habe, und - da es mir
gar nicht möglich werden wollte Ihnen einen Brief zu schreiben, so
habe ich wirklich gewünscht, Sie möchten das Schweigen unter- und
abbrechen auch wenn ich in Ihrer Briefschuld wäre. Sie sehen da-
raus wenigstens wie ich Ihrer mit Achtung und Anerkennung
in mir stets gedacht habe.
Auch hätte ich gar zu gern über einen Punkt besonders Kunde
von Ihnen gehabt, welche Sie mir vielleicht durch Herrn Friedmann
oder auch durch unsere Amalie Mattfeld (welche ich herzlich von mir
zu grüßen bitte) hätten beantworten können: nemlich ob und
welche disponible Kindergärtnerinnen noch in Hamburg zu haben /
[9R]
von welchen Eigenschaften sie sind und welche Wünsche sie an die
Zukunft, welche Erwartungen sie von derselben haben. Wenn
Sie mich darüber recht bald in Kenntniß setzen wollten so
geschähe mir ein großer Gefalle[n]. Überhaupt geschähe mir
und besonders der Sache der Kindergärten ein großer Dienst
wenn Sie mir einige recht wackere in jeder Hinsicht geeignete
Jungfrauen für [den] nächsten Sommerbildungscursus bekannt machen
könnten, denn das Streben [nach] Kindergärten in Deutschland ent-
wickelt sich jetzt mit solcher Kraft, daß ich recht in Verlegen-
heit bin woher entsprechende Kindergärtnerinnen zu nehmen,
denn jeder Unternehmer, sey er Einzelner oder eine Gesammt-
heit fordert stets das Tüchtigste damit das Unternehmen eine
gute Grundlage erhalte.
So werde ich jetzt um zwei Kindergärtnerinnen ersucht
von welchen ich glaube daß die sich darbietenden Verhältnisse
in beiden Stellen sehr annehmbar sind einmal zu einem
Lehrer in Posen, welcher seine bisherige Spielschule von 25 Kindern
zu einen [sc.: einem] Kindergarten unter Leitung einer von mir gebilde-
ten Kindergärtnerin umbilden will.
Dann eine Kindergärtnerinn in eine wie es mir erscheint
so klar gedachte als tüchtig durchgeführte und gut begründete
weibliche Bildungsanstalt, in einem der größten Badeorte
am Rhein, welchen man mit dem Namen eines Weltbades
belegt, welche Bildungsanstalt vom Kindergarten beginnen
und mit der weiblichen Berufsreife schließen soll. Genug
was ich vom Ganzen weiß befriedigt mich ganz; da jedoch
diese Bildungsanstalt wie auch schon der Kindergarten auf die
Theilnahme von Fremden d.h. Ausländern berechnet ist, welche
zum Theil selbst im Winter da wohnen bleiben, soll die für
dieß Verhältniß gesuchte Kindergärtnerin nicht nur deutsche
französische und englische Conversation zu führen, sondern ganz we-
sentlich auch in diesen 3 Sprachen über das Wesen, die Mittel
Spiele u Weisen der Kindergartenführung Nachweisung zu
geben im Stande seyn. So viel ist gewiß daß von dort aus /
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die Kindergärten eine Verbreitung über die ganze civilisirte
Welt erhalten können. Sie können hieraus sehen wie viel mir
daran liegt hier des Suchenden Wünsche zu befriedigen zu-
mal da ich den Unternehmer mehrfach achtbar und in ihm
einen der wenigen (Menschen) Männer erkennen muß, in welchen ich
im Wesentlich[en] ganz meine Menschen- und Erziehungsansicht
wiederfinde und - dennoch habe ich Niemand[en] welche ich dem-
selben nachweisen kann. Könnten Sie es, wie dankbar wäre
ich Ihnen. Schreiben Sie mir deßhalb ja bald.
Neues hätte ich Ihnen viel mitzutheilen. Davon ist das Neueste
ein am 23: Jan. eröffneter Kindergarten von einer Mutter
und Pflegetochter in Nordhausen welcher jetzt schon nahe 50
Kinder zählt und den besten Fortgang hat.
Von den seit Septbr vorigen Jahres errichteten Kinder-
gärten in Schmalkalden - Nürnberg - Göttingen - Merse-
burg pp. werden Sie wohl schon gehört haben. Sieben neue Kinder-
gärten worin die beiden oben erwähnten eingeschlossen
sind im Beginne. Meine sechs jetzigen Schülerinnen ha-
ben alle schon wieder ihre Bestimmung; in Nürnberg w[ird]
gewiß noch einer, vielleicht zwei Kindergärten errichtet.
Doch ich muß schließen soll der Brief noch zur Post.
Frl. Levin welche mit außerordentlicher Anerkennung als
Vorsteherin wirkt, selbst von unserer Hoheit der reg. Fr[au]
Herzogin
als Spielführerin der kleinen 7 jährigen Prinzeß
Auguste sehr reich beschenkt worden ist, läßt herzlich und
vielmal grüßen.
Grüßen Sie mir die lieben Frl. Kalisch recht herzlich so
wie jeden namentlich welcher sich meiner erinnert.
Schreiben Sie bald
Ihrem stets treu ergebenen 

Fr Fröbel /

[10R]
[Adresse:]
Fräulein Luise Hertlein
Hamburg
d. Einschl[uß]
und
Güte /