Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Hofmann in Hildburghausen v. 5.3.1851 (Marienthal)


F. an Friedrich Hofmann in Hildburghausen v. 5.3.1851 (Marienthal)
(Landesbibliothek Coburg, Ms 300/2 F. Fröbel, Brieforiginal 1 B+1 Bl 8° 5 S., fotografische Abschrift BN Anh.30, Bl 243-248.)

[Kopf: Lithographie mit in den Brieftext integrierter Unterschrift "Bildungsanstalt Marienthal."]

        Am 5en März 1851.

Bildungsanstalt Marienthal.
für allseitige Lebenseinigung.



Mein geschätzter und geliebter Freund.

Du hast durch Deine so ganz unerwartete brieflich freundliche,
herzliche Einkehr bei mir mich hocherfreut, ich danke dir gleich herz[-]
lich und freundlich dafür. Was ist das Leben ohne bewußten und
gepflegten geistigen Zusammenhang?- Was ist für den Mann
mit dessen Lebensdaseyn es rasch abwärts geht, beglückender
als wenn der Gedanken dessen Darstellung er seine ganze Lebens-
kraft widmete nicht nur in seiner durchgreifenden allgemein
menschlichen wie im gleichen Maaße in seiner persönlichen
Wichtigkeit anerkannt wird, sondern in jugendlich kräftig
männlichen Gemüthern als eigner Gedanke entkeimt, und
darin fortdauernde Pflege zu frischem gesunden Wachsen,
duftigen Blühen und reifen Früchten erfreut[?] Darum habe
ich Euch Ihr jungen Freunde, und so auch Dich mein lieber
Hoffmann [sc.: Hofmann] so recht herzinnig lieb, weil ich in Euch wenn ich selbst
lang nicht mehr bin Dir treuen Pfleger der Menschheit, bis
in das besondere Volk, und in diesem bis zur besonderen Fami[-] /
[1R]
lie bis zu jedem einzelnen Gliede, ja bis zum kleinsten
Wiegen- und Wi[n]delkindchen herab erblicke. Ich sehe dieß
zunächst in der aufopfernden Pflege Eures eigenen Sonderlebens,
nach Maaßgabe wie Ihr es selbst und im Zusammenhange
des großen Lebens erkennt, ich werde es nach Maaßgabe
der Entwickelung Eures menschlichen Lebens, in der Pflege Eurer
Ei eigenen Familie künftigen Familie in der Pflege jedes
Gliedes bis zur Pflege Eurer jüngsten Himmelsgabe, der
Knospe am Lebensbaume der Menschheit, bis zu Eurem
kleinsten Kindchen herab.
Du fragst mich nach dem Grund meiner ausdauernden
Kraft, ich will Dir das Geheimniß das offenbare gern
lehren; doch besser ich will Dich zu meinen eigenen Lehrerinnen
führen; es sind - die Blumen, - die Blumen[-] und Baumknospen
- das Gänseblümchen sagte mir: - lebe im Ganzen, wie
ich und Dein Leben wird das Leben der Menschheit aus
sich strahlend darstellen, wie ich das strahlende, weiße
und farbige Licht der Sonne, ja das Licht der strahlenden
Sterne am fernen blauen Himmel in gleichen Strahlen auf der nahen grünen Erde.
Und in diesem Leben im Ganzen wie im Einzelnen soll
mich, so denke ich, jetzt es wirklich thatsächlich lebend, auch
der Tod nicht stören. Leben kann nicht vergehen, Leben muß
wirken, Leben ist gleich dem Magnet es zieht an und wird
angezogen, der Magnet ist gleich der Sonne er entwickelt;
so denke ich wird auch mein Lebenvolles Fortbestehen, ange-
zogen, bleibend an gezogen von dem auf der Erde bleibenden
Magnete, der von mir geliebten Menschheit, von Euch
Ihr Geliebten den Gliedern derselben werden; so werde ich zu[-]
rückwirken auf die Geliebten auf der Erde, wie der
in dem Compaß, der <Bonssole> eingeschlossene Magnet
zurück wirkt auf die Erde und der einst gedrückt werden[-]
den Menschheit, für die Zukunft schon das Asyl der nach natür[-]
licher, naturgemäßer Entwickelung strebenden Menschheit zeigt. /
[2]
Nirgends ist für den menschlichen Geist wie zur Entwickelung und und Darlebung
seines eigenen Wesens, wie zur Entwickelungen des Geistigen
wo es sich immer zeigt im Himmel und auf Erden in der
Menschheit und in der Natur; im Ganzen wie im Einzelnsten, im
gesammten Menschengeschlechte wie im kleinsten verlassenste[n]
Kindes eine Gränze. Aber der Mensch soll dieß in seiner
Menschenkraft nicht, auf unbewußter leidender Thätigkeit Weise
wie die Natur nein! in der Mensch als fühlendes, denkendes
vergleichendes, darum zum Verständniß bestimmtes, wie zum
Vernehmen, darum verständiges und vernünftiges Wesen,
soll dieß auf der Stufe des Bewußtseyns, der Selbst- und Frei[-]
thätigkeit.
Siehe mein geliebter, geschätzter Freund, ein solchen [sc.: solches]
geistiges Zusammenwirken von dem unbewußten instincti[-]
tiven [sc.: instinctiven] Erscheinen und Wirken im Kinde und [von] der Mutter aus
von der Sinniglichkeit durch die Sinnigkeit zur Sittlichkeit
zum Bewußtseyn hinauf, sollt Ihr strebenden Jünglinge und
jungen Männer das erstrebe ich. Ihr seht ich erstrebe das-
selbe was Euer aller Herz schwellt Eure Kraft zu Thaten
in der verschiedensten Weise erstrebt hervorruft. Das ist
die Bedeutung der Kindergärten. Aber nimm es mir dem Alten
den Greis nicht übel, ich sage es aus inniger Liebe, Ihr drescht
mit Eurer Gottes Kraft leeres Stroh anstatt stufenweise
die Menschheit in der Kindheit herauf zu pflegen. Seit 35 
Jahren arbeite ich - ein Menschenalter - was hätte erreicht
(Am 13 Nov. wurde Keilh: gegründet) werden können hätten mich
bis heute die Vereinzelung nicht im Stiche gelassen, mich, der
ich die wahre Einigung nicht die abstrakte im Begriffe,
sondern die gemüthvolle, warme, thatkräftige Einigung zum
Wohle jedes Ganzen, wie jedes Einzelnen erstrebe. Greift
Männer, Menschen, Jünglinge greift zusammen in ruhig kräftigen
aber stetigen, nicht in abprallenden Wirken, laßt uns nach
der Kindheit aus den wenigen Jahre[n] die wir noch zu sammen
leben die Menschheit gemeinsam pflegen, und Ihr sollt sehen /
[2R]
wie herrlich der Menschheitsbaum blühen und fruchten wird
wenn ich lange nicht mehr unter Euch wandle. Der Kinder[-]
garten ist der ächte Garten er ist

Natur[-] u Menschen[-] und Gottes Werk[.]
Wie der Mensch Körper- Gemüth- und Denkkraft in[n]ig
geeint ist und darum ganzer und gesunder Mensch, so ist
die Erziehung Natur[-], Menschen[-] und Gotteswerk und
Gleiches ist unser und jedes einzelnen Menschen, selbst
des kleinsten Kindesleben. Siehe hier die Grundlage man[-]
cher meiner Lebenserscheinungen. Du schreibst mir: "Tag und
Nacht lag die blutige Zeit mir am Herzen." Wenn ich Dir nun
sage: seit meinem 11' Jahre bewegen die Fesseln welche der Mensch
hat trauernd mein Gemüth und Geist, so sage ich Dir die größte
Wahrheit. Jener schon dortmals tief empfundene Menschheitsschmerz
zieht sich durch mein ganzes Leben auf eine ganz eigenthümliche
Weise durch. Dieser Schmerz weckte im Frühjahr 1805 - also vor
nun bald 46 Jahren in mir im Zusammenleben mit der Natur
auf eine mir sonst selbst unbegreifliche Weise - (:Erzieher zu
werden lag mir dort nach [sc.: noch] nicht im Sinne:) - den Gedanken:
erziehend selbstthätig und als Beruf für innere und somit auch äußer[e]
Entfesselung zu wirken und zwar erziehend, wie? wo? wußte
ich selbst nicht, es war ein merkwürdig klarer, unbewußt be-
wußter Gedanke, dem ein bewußter Erzieher auf merkwürdige
Weise wenige Wochen darauf Bewußtseyn, Wirksamkeit
und alles gab was ich zur Darlegung des unbewußt bewußten
Gedankens bedarf - wie der Magnet die Magnetnadel, im
Eisen die darin schlummernde magnetische Kraft weckt.
- Freund besuche mich mit Deiner lieben jungen Frau, dann will
ich Dir ein Leben erschließen, wie es sich in einem Menschen ich sage
nochmals als Natur[-], Menschen- und Geschickes Werk
entwickelte, damit er so entwickelnd-erziehend den Menschen
auf gleiche Weise, auf gleiche ewig unzertrennliche dreieinige
Weise zum wahren Frieden, zur ächten Freude und ewigen Freiheit
schon im jetzigen Daseyn bildend erhebt. Schillers Votiftafel /
[3]
gab auch mir Worte des Lebens: Mit des Geisteskraft ist
die Natur im ewigen Bunde, was die mir verspricht, hält
die andere gewiß. Gleich Columbus der dem alternden
Europa die jugendliche Welt: Columbia (Nicht wieder un[-]
gerechter Weise Amer[i]ka) entdeckte, so handelte es sich da-
rum der alternden Menschheit eine jugendlich[e] Welt - die
Kindheit, den Kindergarten der Kindheit, den neuen frischen
Lebensgarten zu entdecken und er ist - entdeckt. Und
so lange es Menschengiebt [sc.: Menschen giebt] wird es Kindern geben; so lange
[es] aber Menschen giebt wird es auch Gewächse und Pflanzen
geben, welche sich durch entwickelnd erziehenden Gärten
zur Vollkommenheit im großen Lebenszusammenhange ihrem
Sonderwesen getreu herauf gebildet werden. Das Leben
des Menschen, der Kinder so im Spiegel der Natur sehend
wird man diesen die gleiche genügende Erziehung wünschen
darum so lange es eine Natur - einen Gottes Garten -
giebt, so lange es Kinder giebt wird es auch auf Erde[n]
mit oder ohne Namen: - "Kindergärten" geben.
Pflegt Ihr Jünglinge, Männer, junge Männer pflegt die
Kindergärten und Ihr werdet im dankbaren Andenken
der Menschheit unsterblich wie diese, wie die Kindergärten seyn
denn ist auch der einzelne Mensch vergeßlich und undank[-]
bar, so ist die Dankbarkeit doch eine Grundeigenschaft
des Menschen - denn er ist ein denkendes Wesen; Denken gieb[t]
Gedanken, und Gedanken - erzeugen Dank, - Dank erzeugt
Dankbarkeit[.]
So gedenke ich in schönen Gedanken in Dankbarkeit
Deiner Liebe; Gedenkt auch meiner so in Kindergärten
d.h. Selbst[-], Familien[-], Volks- und Menschheitspflege -[.]
Stangenberger bringt Dir dazu Fidibuse mit brenne zünde solche b an
lasse sie aber still und bescheiden leuchten, aber brennen
und verbrennen sollen sie nicht, nicht rennen, sondern sinnig u[n]d sinnend
zum Ziele leiten.- Frl Lewin [sc.: Levin] wollte Dir selbst danken doch es
war nicht mögl. kommt nur bald zu uns dann soll es in der
That mit Zinsen geschehe[n]. Stets in Liebe u Dank Dein u Euer
FriedrichFröbel