Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 10.3.1851 (Marienthal)


F. an Johannes Stangenberger in Schalkau v. 10.3.1851 (Marienthal)
(BN Anh. 43, Bl LC 171 - LC 176, Abschrift 3 B 8° 12 S., Handschrift unbekannt. - Der Abschreiber gibt als Vorlage das Original im Besitz eines Redakteurs Richard Lorenz, Coburg, an und gibt an, daß das Original eine wohl später angebrachte grüne Numerierung trägt: <20>. Das Original hat drei Seiten umfaßt, eine vierte Seite ist leer und trägt eine Notiz Stangenbergers: "Eingabe v. 21. April 1851.")
(Verhältnis Originalzeile : Transkriptionszeile nicht 1 : 1)

Marienthal am 10en März 1851.


Sehr geschätzter, lieber Herr Stangenberger.

Ihr freundlicher Brief aus Römhild hat auch in meinen Kreis allgemeine Freude gebracht und so säume ich denn auch nicht Ihnen dafür unser aller ebenso freundlichen Dank dafür auszusprechen und zugleich Ihren lieben Brief selbst zu beantworten; denn, wenn es mit Ihrem Entschlusse ein Ernst ist sich für diesen Sommer ½ Jahr von Ihren amtlichen Geschäften dispensiren zu lassen um in Marienthal dem Studium der frühesten Entwickelung des Menschen und Kindes deren Gesetzen und Mittel zu heben, so ist um das Nöthige deshalb /
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einzuleiten keine Zeit zu verlieren denn in zwei Monaten, ohngefähr den 15en oder 16 Mei [sc.: Mai] beginnt schon wieder der Vortrag des neuen Bildungscursus und nach meinen wiederkehrenden Erfahrungen ist es gar nicht nachzuholen d wenn man nicht gleich bei den ersten Vorträgen gegenwärtig war und so überhaupt die Einleitungen und Anfänge, also die Begründung mehrfacher Mitteilungen und fortlaufender Entwickelungen versäumt hat. Es ist diess ein gar nicht nachzuholender Verlust für die Theilnehmenden, wie für die Sache, weil die kalte historische Relation desselben dessen was bisher mitgetheilt worden, gar nicht die Wärme und so die /
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Wirkung des stetigen Zusammenhanges des wirklich Vorgetragenen ersetzt.
Ich säume darum nicht Ihren l. Brief sogleich zu beantworten, damit Sie wenigstens durch mich nicht behindert werden zur richtigen Zeit die nöthigen Schritte zu thun, welche die Ausführung Ihres Entschlusses besonders in amtlicher Beziehung nöthig macht.
Von meiner und unserer Seite können Sie jeder Förderungen der Ausführung Ihres Entschlusses in der von Ihnen gewünschten Weise gewiss seyn. Also zuforderst die feste Zusicherung des Mittagstisches; jedoch ist Ihnen die Benutzung des Frühstücks und Abendtisches in gleicher Weise bestimmt zugesichert, /
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wenn und wann Sie nach Maassgabe Ihrer Zeiteintheilung davon Gebrauch machen wollen. Ihnen eine Wohnung in meinen Räumen anzubieten machen, wie Sie wissen die Gesammtverhältnisse nicht möglich, jedoch werden wir uns Mühe geben, Ihnen, so bald Sie uns dazu den bestimmten Wunsch von Ihrer Seite aussprechen eine möglichst anständige und doch billige Wohnung in Schweina zu besorgen, wo Sie bedeutend näheren und bequemeren Weg nach Marienthal haben, als von Liebenstein, b auch viel billiger wohnen. Ob Sie es für gerathen halten, während der Zeit Ihrer [sc.: Ihres] hiesigen Aufenthaltes auf fremden oder eigenen Betten zu schlafen, /
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wird von den verschiedenen Miethpreisen in beiden Fällen abhängen; und mag darum einstweilen dahin gestellt bleiben.
Was nun die Zeitbenutzung während Ihres hiesigen Aufenthaltes, und den eigentlich ersten und Hauptzweck desselben betriff[t], so ist derselbe immer Ihr gründlich prüfendes, allseitiges Eindringen in das Wesen und die Förderung früher entwickelnder Erziehung, deren Mittel und Weisen zur gründlichen und genügenden Durchbildung für Familie, Schule u. H das gesammte Leben.
Von diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus und nach dessen genügender Berücksich- /
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tigung theilt sich der Zweck Ihres Hierseyns, wie es mich dünkt wieder in zwei Theile, einmal die Beachtung und Zuwendung des hier Empfangenen für die und in den Volksschulen und die Durchführung desselben durch die gesammte Schulzeit in, sich stets steigernder Ausbildung dann ganz besonders die Beachtung und Pflege der Musik namentlich des Gesanges als eines der wesentlichsten Bildungsmittel des Menschen und Kindes. Hier schliessen sich all Ihre musikalischen Bestrebungen an und erhalten ihr wahr r Fundament zur stetigen Aus- und Fortbildung; dort all Ihr[e] Bestrebungen in Beziehung auf die Verbesserung des Volks- /
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schulwesens; an beide zugleich aber Ihre Bestrebungen für Volksbildung und erhalten auch hier wieder diese wie Ihre SchulverbesserungsBestrebungen ihr wahres sich fortbildendes Fundament.
Zur Bearbeitung von all diesem müssen Sie zunächst die nöthige Zeit und Musse erhalten und behalten, damit der Zweck Ihres Hierseyn[s] ganz erreicht werden, denn dabei ist die Idee und deren entsprechende Verbreitung wie ich, ihr Vertreter höchlich interessirt.
An die Förderung und Erreichung Ihres Zweckes schliesst sich aber auch ganz natürlich und lebenvoll die Förderung unserer Bild[un]gs anstalt durch /
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Ertheilu Musik- und Gesangpflege, aber durch Ertheilung von Musi Gesangs Unterricht und Gesang-Übung. Und bin ich mit 2 regelmässig täglich und so stetig fortgegebenen Stunden vollkommen zufrieden. Den Natur- und Lebensgesang können wir dann auf den Spaziergängen üben, und müssen wir uns ganz besonders bemühen uns durchweg als ein recht compactes Erziehungs- Bildungs- und vor allem, als ein ächtes Lebenseiniges Ganzes darzustellen, die wir uns in uns selbst genug sind. Dadurch müssen wir wirken wie der grosse unsichtbar verborgene Erdmagnet, welcher die Magnetnadeln aller auf den dem Welt- /
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ocean Schiffenden an sich zieht und so - höchstmerkwürdiger Weise jeden in den Hafen seiner Wünsche bringt.
Lassen Sie uns versuchen ein Gemüth- und Geistvolles wie friediges freudiges und zwangloses Lebensganzes darzustellen, dass die Wirkung davon durch die, unser Leben beachtenden Badegäste, zum Seegen Vieler hinaus in die Welt wandere. Ich denke mir so unser Leben nicht nur schön, sondern auch Früchte bringend, und das dass es diess werde dünkt mich hängt nur von uns ab.
Eines Spiel- und Kinderfestes innerhalb dieser Zeit, worim worin der Gesang recht ausgebildet erscheint, wozu Sie /
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hier den Gedanken hingeworfen haben, noch gar nicht gedacht.
Steht nun Ihr Entschluss nach all diesem noch fest, so versäumen Sie nicht zur rechten Zeit die deshalb nöthigen Schritte zu thun.
Ihren Plan wegen Hr. Dr. P. [Peter] und des Hildburghauser Abiturienten Examen werden wir ebenfalls nach Möglichkeit unterstützen; auch Herrn Motschmann werde ich dafür festzuhalten suchen.
Von dem Bogen welchen Sie vermissen hat sich bis jetzt noch nichts gezeigt, wie ich mich erinnere haben Sie die Bogen selbst zusammengebrochen und in Ihren Hut gelegt; sobald sich derselbe findet sende ich ihn.- /
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In diesem Augenblick bringt mir nun Frz. [sc.: Frl.] Lisette Kirchner nicht blos einen sondern sogar 2 zurück gebliebene Bogen, sie lagen unter den Noten; und ich freue mich solche beilegen zu können.
Der Entschluss, Brief und Gruss Ihrer lieben Schwester und die Hoffnung dass sich ersterer ausführen lassen werde hat hier viel Freude gebracht, besonders auch bei Frz. [sc.: Frl.] Luise Lewin [sc.: Levin]. Dieselbe lässt sie Sie bitten Ihrer l. Schwester gelegentlich herzlichen Gegengruss zu schreiben und ihr hier einen recht freundlichen Willkommen zuzusiche[r]n. Mich freut besonders was Sie mir über ihre m Musik- und Gesangsbildung schreiben. /
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Das Briefchen hat mich noch weiter mit guten Erwartungen erfüllt. Auch ich bitte dieselbe von mir wie Ihre ganze achtbare Familie von uns allen zu grüssen. Eben empfange ich Vollmacht auch Sie von allen Ihren Schülerin[n]en hier dankend zu grüssen.
In Liebe, Treue und Dank

Ihr
Friedrich Fröbel.