Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an R. Barthelmeß in Nürnberg v. 14.3.1851 (Marienthal)


F. an R. Barthelmeß in Nürnberg v. 14.3.1851 (Marienthal)
(BN 371, Bl 1-2, dat. Briefentwurf 1 B 8° 4 S. Die Zuordnungen der Einfügungen und die Einfügungszeichen in diesem Text sind sehr problematisch. - Der Brief beantwortet ein Schreiben von Barthelmeß v. 7.3.1851 [BN 371, Bl 3-4]. Auf diesem Eingangsbrief findet sich eine Notiz Fröbels, lt. der er den Brief am 17.3.-23.3.1851 beantwortet hat. Die Reinschrift dieses Entwurfs wurde also neun Tage später abgeschlossen.)

Marienthal, nach Bad Liebenstein im Meiningschen am 14 / III 51.


Werth- und Hochgeschätzter Freund

Ihre gütige briefliche Einkehr bei mir, als Rückwirkung meiner Zu-
schrift an Sie, hat mich innig, hat mich hocherfreut: eine solche ruhige
und stille, und doch so ernste als förderliche Beachtung des in Frage
stehenden Gegenstandes für ächte Begründung und planmäßig aus-
dauernde Fortbildung und Fortentwickelung, habe ich demselben längst'
gewünscht und zu erstreben gesucht. Rauschende, ja selbst exaltirte
Begeisterung, wenn man leicht wieder schwindender, entstehend, vergehender
Er- und Anregung diesen Namen geben darf, hat der Gedanke der Kinder-
gärten und die Darlegung der ihnen zum Grunde liegenden Lebensgesetze, der so ein-
fachen als allgemeinen Lebens-, Welt-, Natur-, Geistes- und Denkgesetze,
und besonders ihrer Anwendung im Kinderlebe[n] oft genug schon erfahren; allein die ausdauernde Kraft, der wandello-
se Wille für ächte, tiefe Begründung und wirkliche thatsachliche Ausführung u[n]d namentl[ich] für stetig folgerichtige
Fortentwickelungbildung und Darstellung, hat demselben bisher stets gefehlt;
daher ist es dann auch wirklich noch nirgends zur Hervorförderung
und Entwickelung all der herrlichen Blüthen und Früchte gekommen,
welche der Gedanke der entwickelnd, erziehenden Menschenbildung
für ächte und wahre Lebenserneuung und Gesundung, welche die
Idee der Kindergärten,
erzeugend, als Verwirklichung eines friedig, und freudig schaffenden Lebens, als durch freie edle und hohe der vernünftig<en Pflege> gebende Menschen- und Lebgestalten in
sich trägt. Möge nun, durch Ihre so würdevolle, als denkende und ent-
sprechende Auffassung des Ganzen, der Gegenstand in Nürnbergs
Mauern, wo seit Jahrhunderten so vieles Menschheil- und ganz
besonders für Menschheitbildung Wichtiges mit schaffend deutschen,
Geiste gepflegt wurde, und ganz besonders durch den, von Ihnen und
Ihrer Gemeinde gefaßten zweckgemäßen Plan, die Kindergarten-
idee den zu ihrer allseitigen und reichen Entfaltung den nöthigen angemessenen
Wurzelboden finden, welchen sie nun schon seit Jahren mühevoll sucht
[Einfügung vom linken Seitenrand, wohl an diese Stelle:]
wäre dieß in Nürnbergs Mauern zu erreichen, so würde diese Stadt nicht nur <namentlich / rechtlich> sondern dem Geiste u strebendem Leben auch der Herzpunkt v. Deutschl[and] bleiben
Erla Aus der Mitte Ihrer Gemeinde beauftragt fordern Sie mich
nun auf in Beziehung auf den mir von Ihnen dargelegten Plan mei-
nen Rath und Ansicht auszusprechen sagen und Ihnen die, mir g[e]g[e]b[enen]falls etwa nothwen-
dig erscheinenden Mittheilungen zu machen.
Zuforderst erlauben Sie mir nun Ihnen auszusprechen, daß ich Ihren /
[1R]
"Gesammtentschluß und Plan: "daß die Kinder, welche jetzt schulpflich-
"tig werden nicht mehr in die alten, den Grundsätzen einer ver-
"nünftigen Erziehung widersprechenden Schulen kommen sollen" ganz
der Sache angemessen, ja vortrefflich finden, und ich ersuche gar sehr,
nicht nur <wegen> des <Erfolgs> u. Festhaltens sondern besonders
über die klare Ausführung dieses Entschlusses und Planes zu wachen,
denn nur dadurch können Ihre Sie in Beziehung auf      als
freie Gemeinde, einzig zu dem darin in Ihrem Streben, liegenden hohen, menschheit-
würdigen Ziele gelangen.
[Einfügung vom oberen Seitenrand, wohl an diese Stelle:]
       Zerstückelten und Geleimte, Gemachte auch von <Außensprengende> das unsern Schulen
Dieß meine ich nun auch mit der Klärung der Kindergarten Idee und des sich in ihr und d[urc]h sie
entfaltenden Lebens unserer <Erziehungs> Kinder, sie kann nicht erreicht werden durch <Klagen>, wenn wir
das Alte Abgelebte wieder in das jüng sich Entfaltende Leben desselben wieder einwirken lassen
Sie haben vielleicht in No 61 des Fr[an]kf[u]rt[e]r Journ[als] vom 12 März d. J.
den Leitartikel gelesen, wo es, freilich in einer ganz andern Be-
ziehung, aber auch anwendbar auf unser Vorhaben Seite 1, am Ende der
ersten und zu Anfang der zweiten Spalte S 1 heißt:
"wir haben noch nie gehört, daß ein, selbst noch im Gährungsprozeß sich befindender
"noch so edler Most, sich dadurch schneller und erfolgreicher geklart
"und zu trefflichen Wein gewandelt habe, daß man ihm eine
"Menge heterogener Flüssigkeiten gegossen. Diese Experimente
"weisen Erfahrung und Geschichte zurück."-
[Einfügung vom linken Seitenrand, wohl an diese Stelle:]
So z.B wenn man sich durch die vielen Realien, aber ganz vereinzelt dastehend, welche die Schulen jetzt geben sich verleiten
lassen wollte, denselben unsere Kinder anvertrauen zu wollen. Eben das Zerstückte oder künstlich Getrennte ist - unser Todt.
Und so handeln auch Sie und Ihre ganze Gemeinde so Er-
fahrungs- als Geschichts gemäß, (und wer sollte nicht beide
ehren und hören?) - wenn Sie das, durch die Kindergärten
erregte kindlich reine, freie und selbstthätig schaffende, und
sich so weiter entfaltende Leben nicht wieder durch aufprä-
gendes Leben und solche Schuleinwirkungen stören und trüben lassen
wollen. Also nochmals: machen Sie ja die Glieder Ihrer Gemeinde in
dieser Überzeugung und Handlungsweise recht fest, und machen Sie je-
dem derselben einsichtig, daß nur einzig so das Wohl und Heil auch
der Einzelnsten, seine Hoffnungen, und Erwartungen von der Zu-
kunft erfüllt werden können; denn die Rückwirkung der jetzigen Schule
auf das Familienleben, auf das Gemeinde- und Volksleben zeigt sich
ja, jetzt leider in ihren traurigen Folgen klar genug, wir dagegen müssen
nun die gute und erspriesliche Rückwirkung der Schule auf
Familie, Gemeinde, Volk und Menschheit und ja das Leben des
Einzelnsten und Geringsten wieder zu erreichen, herzustellen suchen; das
ist unsere Aufgabe; reichen wir uns alle im Geiste brüderlich
vertrauend und förderlich die Hand, so wird dann selbst die geistige
Auffassung - Menschheit - eine Realanschauung werden. /
[2]
Wie schon erwähnt fordern Sie mich auf über die in Frage stehende
Angelegenheit Ihnen, mir nothwendig erscheinende Mittheilung zu
machen. Ich halte es nun <           > für ernste Pflicht einer
solchen vertrauensvollen Anforderung auch von meiner Seite, frei-
lich eben auch nach meiner Ein- und Lebensansicht nachzukommen. Mögen
Sie nun das Nachstehende gütig und mit billiger Beurtheilung aufnehmen
und in dem, was Ihnen vielleicht zu stark den Ausdruck des Persönlichen
und Individuellen trägt mit Ihrem ruhigen sinnigen und sonnigen Geistes-
Auge das Allgemeine und Universelle finden, es ist ja eben das, alles
befriedigende Weltalls-, Natur- und Lebensges- Doppelgesetz: daß das
Individuellste eben wieder das Allgemeinste, und dieses wieder das
Besonderste und Individuellste in sich trägt.-
Doch zur Sache.
Hier treten mir gleich zwei Gedanken leitend entgegen, und zugleich
zwei Lebenserfahrungen und Thatsachen erstlich: wenn ich einen Saa-
men mit guten Erfolge ausstreuen will, so muß ich wie seine Na-
tur, so die Art und Weise seiner Entstehung wissen, und die Weise kennen, wie [er] sich wieder zur Pflanze entwickelt. <> Zwei-
tens sagt, irre ich nicht sehr <> Kant, diese Welt-, Natur-, Lebens-
Moral-, Vernunft- und in all diesen Beziehungen critische Philosoph[ie]:
"Wenn man eigentlich ein Buch, eine Schrift wahrhaft verstehen wolle
"so müsse man nothwendig dessen innre Entwickelungsgeschichte, ja
"die Geschichte seiner Entstehung kennen.["]
Dieser Sätz[e] können müssen aber auch angewandt werden auf den Menschen
und auf die Gesammtheit seines Wollens und Strebens: - um einen
Menschen und und seinen Bestrebungen seinem Wesen nach zu erkennen verstehen, in all diesen Beziehungen
muß man seinen Entwickelungsgang kennen, durch welchen er das
wurde was er ist.
Denn der Mensch gleicht in diesen beiden Beziehungen ebenso wohl
ein[em] Saamling wie einem Buche.
Um daher den Grund- und gleichsam den Lebensgedanken eines Menschen in
seinem Wesen und in seiner praktischen Bedeutung für das Leben und Anwend[un]g im Leben zu
erkennen, muß man wissen, wie und wodurch sich derselbe in diesem
Menschen entwickelte, so also auch im vorliegenden Fall die Kindergartenidee,
der Gedanke der entwickelnd erziehenden Menschenbildung in mir, ihrem Träger. Dieser
Gedanke und jene Idee
[Einfügung vom Bogeninnern, wohl an diese Stelle:]
Ich halte es daher wirklich um der Sache, d.h. um des richtigen Verständnisses zwischen uns beiden, in Hinsicht auf die Sache und deren Ausfüh[run]g und besonders deren weitern Fortbild[un]g wegen für wichtig, Sie um die Erlaubniß zu bitten Ihnen mindestens andeutend wie sich eigentlich diese K[inder]g[arte]n[-]Idee in mir und mit und fertigebildet hat denn der Gedanke der entw[ickelnd] erz[iehenden] M[enschen]b[i]ld[un]g und die Idee der K[in]d[er]gä]rten
sind, aber wie ich jetzt immer ganz klarer bestimmt einsehe und bis ins Klein-
ste hin nachzuweisen im Stande bin, in mir und mit mir von meiner
frühesten Kindheit an heraufgewachsen, ja ich habe, wie mir jetzt immer
klarer wird, <       an> das Leben des Kindergartens obgleich ganz allein und unbewußt
früh im /
[2R]
doch von meiner ersten Kindheit an früh im väterlichen Hause ge-
und verlebt. Ich bin mir dessen jetzt ganz klar und nachweislich be-
wußt, indem ich
[Einfügung:] viel alls Kind fast allein stehend - dennoch
früh mit gefordertdrängt, ja genöthigt wurde mein Leben
[darüber:] und dieß ist eben die Eigenthümlichkeit meines <Entwickelungsgesetzes gewesen>
denkend und im Zusammenhange wie in Wechselwirkung mit dem
umgebenden Gesamtleben betrachtend und vergleichend zu leben. Und wie ich früher gleichsam genöthigt
aufgefordert wurde das Leben so zu betrachten, so gewöhnte sich mein Geist, mir selbst
ganz unbewußt an diese Lebens Auffass[un]g, deren, und je länger dieselbe Lebensbetrachtung in mir
<ein> Unbewußtes blieb, (und sie blieb es indem ich diese vergleichende Denk- und Lebensweise in mir bis in mein begonnenes Jünglingsal-
ter -
für jeden Menschen so natürlich hielt wie das Einathmen und das Leben
selbst - je tiefer wurzelte sie in mir ein und je mehr wandt ich die
selbe auf alle mich umgebende Dinge an, worin mich auch persönlich in mir nichts störte,
denn ich lebte, obgleich scheinbar im Leben, doch ein vereinsamtes Leben.
Da nun so dieses nun wirklich herauf und herausgelebte <menschheitsartige Kinder und Menschenleben daß [sc.: das] jetzt genannt[e] Kindergartenleben - und das muß
an Gemachten nicht Erdachte ist desselben, das bewirkt nun auch daß darin jedes Kind wieder sein Leben findet, daß es allen
Kindern so zusagt, daß es alle Kinder so fesselt, denn jedes
Kind lebt darin wieder in seiner Sonderweise das allgemeine
Kindheitleben, wie ich in demselbe[n] in meine ganz eigenthümliche Sonder-
Kindheit das beginnend entwickelnd Menschheitleben> verlebte.
Wie nun aber überall wo Leben sich in ungehemmter Natürlichkeit
(:bei mir freilich in verpönter und darum oft bestrafter Entgegensetzung
gegen das machende, auf- wie einprägende Leben:) - entwickelt,
sich ganz nothwendiger Weise sich solches auch in ganz bestimmter
Gesetzmäßigkeit, ich möchte vielleicht richtiger im ersten Kindesge-
gefühl sagen - Rechtmäßigkeit (:wie denn vielleicht das Gesetz sich
im Kinde zu allererst stets als ein Recht:) darstellt - [*Einfügungszeichen*] so hat sich denn auch
in mir ganz frühe, mir natürlich selbst ganz unbewußt der Gedanke oder
die Lebensansicht sich entwickelt, daß sich das Leben nach bestimmten und
zwar allgemeinen Naturgesetzen entfalte. Um [sc.: Und] so aber <beym> auch wie die früheste
und erste mir aus meiner Kindheit aufbewahrte Außerung - eine
Frage der Rechtmäßigkeit, also wie eben angedeutet der Gesetz-
mäßigkeit war - [*Einfügungszeichen*] so machte sich mir in meinem elften Jahr durch
die Eigenthümlichkeit unseres Familienlebens, der Gedanke in
mir frei, daß sich das Leben der Menschen ähnlich den planetarischen
und den Naturgesetzen, namentlich der Pflanzenwelt sich entwik-
kele. [*Einfügungszeichen*] Diese Gedanken pflegte und bearbeitete ich ohne alle Beziehung
[Text bricht ab]