Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 7.4.1851 (Marienthal)


F. an Wilhelm Middendorff in Keilhau v. 7.4.1851 (Marienthal)
(BN 566, Bl 47-48, Brieforiginal/Fragment 1 B 8°4 S.)

[Briefkopf: Lithographie Marienthals mit Bildunterschrift:
"Bildungsanstalt Marienthal.",
die in die Absendeortangabe integriert wird]
  Am 7n April 1851.


 Bildungsanstalt Marienthal.
für allseitige Lebenseinigung.


Lieber Middendorff.

Seit eben so langer Zeit als Du ohne Zweifel Antwort auf
Deinem [sc.: Deinen] lebenswichtigen Brief vom 16en v. M. von mir er-
wartet hast, habe ich ersehnt Dir solche schreiben zu können;
allein so sehr es mich dazu es von meiner persönlichen Seite dräng-
te, so sehr wurde mir dazu von den Forderungen des Allgemei[nen]
die Kraft gefesselt. Es sind dieß Lebensthatsachen deren Ender-
gebnisse noch nicht vorliegen, deßhalb sich auch darüber gar
nicht sprech rechten läßt, sie sind da, wer sie nicht auflösen kann,
bleibe vor ihnen stehen, übersteige sie, oder arbeite sich durch
sie hindurch. Langethals Brief konnte zu einer Besprechung
dieses Gegenstandes d.h. des Verhältnisses des Allgemei-
nen zum Besondern, des Innern und Äußern, des Universellen
zum Individuellen rc. Ver nach allen 4 Weisen Ver-
anlassung genug bieten, jedoch müßte dieß mündlich und
in einer gleichmäßig ruhigen Stimmung geschehen wie
der Geist mit sich spricht, wozu aber leider keine Aussicht, da- /
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rum muß man die Sache, so hochwichtig sie für das Allge-
meine wie für jedes Besondere ist, auf sich beruhen lassen
bis sie sich einst nach ewigen Naturgesetzen von sich selbst
lösen wird; der Entwickelungsgang ist dieser: zuerst muß
nothwendig ein Einzelner die Lösung des in Frage stehenden
Verhältnisses in sich und durch sich finden - durch die da-
durch erhöhte Geisteskraft wird gleiches selbstthätiges <Wirken> Finden
in Andern erregt - dadurch erscheint ein Wirken der Mehrheit
welches den Einzelnen als Zeiterscheinung mit sich fortreißt -
hierdurch wird die Masse erregt, und wohl ihr und der Zeit,
wenn sie nicht bloß als Masse wirkt, sondern gleichfalls auch
durch erregte Geisteskraft welche auch sie durchdrängt; dieß
giebt dann für eine bestimmte Zeit das Maaß der errunge-
nen Bildungskräfte des Menschengeschlechts, dieß ist der Weg
den jede Idee aus dem Geiste des Einzelnen, wenn sie Allge-
meingültigkeit in sich trägt, durchlaufen muß, ehe sie All-
gemeingut wird; trägt sie nun aber diese Allgemeingültig-
keit in sich, so muß der, der sich von ihrem Geiste nicht
erregen läßt, die Idee selbst freithätig in sich und durch sich auch
zu finden, entweder von der Masse doch zu ihrer Anerkennung
und zu ihrem Dienste sich treiben lassen, und will er trotzig auch dieses nicht,
sich von der Gewalt der Masse zermalmen, oder sein Loos vom
Geschick bestimmen lassen.
Prüfe nun, lieber Middendorff, der Dir Geschichte und Leben
vor Dir liegt [sc.: liegen], ob dieß nicht der Entwickelungsgang jeder Idee
von jeher war, und noch ist. Trauriger ist noch das Schicksal
dessen der einmal einer Idee huldigte und Ihr dann untreu wurde
er schwankt zwischen Himmel und Erde:
"Der Himmel spricht: ich kenne Dich nicht;
"die Erde sagt: Du bist nicht mein
"Du hast kein Herz für meine Kinder". (Aug. Mahlman)
Was ich weiter zu sagen hatte liegt klar vor, was bedarf es
des Aussprechens, das schriftliche Aussprechen würde doch nur
einen Raum von Seiten fordern, und würde in dem mir hier /
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zur Betrachtung und Beantwortung vorliegenden Fall den-
noch wenig nützen, denn das Leben lehrt mich täglich
mehr: - der Mensch findet nur so viel wahr, als er in sich
und außer sich gewahrte, erfahren hat, als gleichsam in
und außer ihm baar vor ihm lag. Wie sollte mam [sc.: man] auch von
der Blätter Knospe verlangen daß sie das Blühen der Blüthe verstehe
und von dieser, daß sie das Keimen des Saamens
erfasse.
Durch alles dieß habe ich mir nun den Weg gebahnt meine
Ansicht über Langethals Briefe an Dich und Barop wenn
auch nicht ausführlich darzulegen sondern wenigstens anzu-
deuten. Mein schon früher im Gleichniß über ihn ausgespro-
chenes Urtheil ist noch unverändert dasselbe: er gleicht einem
Bergkrystall den sich jeder so klar und auskrystallisirt
denken kann als er sich immer will, und wenn die klare Na-
turgestalt noch nicht genügt, der mag ihn auch noch wunderschön
façettiren, daß ist für L mich H. Langethal wie er leibt und lebt.
Ihr seht ich denke nicht schlecht, nicht trübt nicht unrein von ihm;
aber ein Egoist ist er wie dieser; lest seinen Brief ist wohl eine
Zeile in welcher er sein klares Ich nicht auf den Präsentirteller
bringt. Es dünkt Euch dieß Urtheil vielleicht hart, vielleicht von
mir kalt nun der Bergkrystall ist auch hart und kalt, jedoch
will ich in diesem Bilde keineswegs etwas Unfreundliches
aber das ist wahr, ich will Euch damit die Wahrheit sagen. Von
Unterordnen unter einer Idee, vom demüthigen Dienen
derselben ist nirgend[s] die Rede; wenn auch viel strahlende
Demuth, so ist nirgends ein Fünkchen von wärmender Demuth[.]
Es ist die Pharisäerdemuth zu Jesu Zeiten in [sc.: im] modernen Kleide[.]
Ich weiß was ich ausspreche; ich weiß, daß wenn er dieß wie-
der hört er, wenn es möglich ist mein noch erbitterter Feind
wird als er es vielleicht schon ist; dennoch weiß ich nicht wa-
rum ich meine Überzeugung zurückhalten soll; ich will ihm
auch keinesweges dadurch schaden, sondern wie das folgende
sogleich zeigen soll, denn ich bin keinesweges dagegen, daß /
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er nach Keilhau zurückkehre und er zugleich mit Barop wer-
ke, ja ich bin sogar in mir fest überzeugt, wenn Jemand
im Stande ist den Langethal zu seinem eigenem Besten, wie zum
Besten seines Wirkens noch zu bessern, so ist es Barop, das
sind ein paar Naturen die zusammen passen, ich glaube sogar
sie können wenn die sich beide auf die von Langethal ange-
deutete Grundlage mit einander vereinbaren sie recht ein-
trächtig zum äußern Auf- und Ausbau recht zusammen
wirken können; ja ich glaube sogar man könnte dieß auf L.
Vereinsgrundlage zum Voraus nachweisen.
Ich habe in einem meinen früheren Briefe ausgesprochen:
"Barop sey auf dem Holzwege." Du hast mir darauf irre ich nicht
sehr in einem der folgenden Briefe geschrieben, daß mir deß-
halb Barop sehr böse sey. Nun Ursache hat er dazu ganz und
gar nicht; wenn es nun einmal meine Überzeugung ist, so
muß er mir im Gegentheil dankbar seyn, daß ich ehrlich und
offen es gegen ihn ausspreche; ich wollte ihm dadurch weder etwas
n Nachtheiliges, noch Beleidigendes sagen, sondern nur als Mann
dem Manne gegenüber was ich als Überzeugung in mir
trage. Ich würde mich für einen Feigen halten wenn ich es nicht
thäte, ich würde mich im Grabe umdrehen, wie man zu sagen
pflegt, wenn ich im Grabe erinnerte was ich hätte thun sollen
und nicht gethan hatte, denn es handelt sich in der jetzigen Zeit
weder um einen Fröbel, noch um einen Barop, noch um einen
Langethal rc, sondern darum daß das Wahre und Rechte geschehe
und der Mensch für das Wahre, Rechte und Gute, Leben, Gut und
Blut einsetze. Und so spreche ich heut noch in diesem Sinne aus:
Barop und Keilhau ist auf dem Holzwege. Wiederhole ich
dieß etwa aus Trotz oder Eigendünkel oder geheimen Groll?-
Behüte Gott keines von allem diesen, weil jetzt Barop und
Keilhau, durch Langethal vermittelt den Holzweg verlas-
sen und den rechten Weg wieder betreten kann, d.h. daß
beide den Weg der Selbstheit verlassen und den der Idee betreten
wozu und wohin die Macht der Idee den Langethal gegen sein [Text bricht ab]