Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emilie Bercht in Annaburg v. 30.4./1.5.1851 (Marienthal)


F. an Emilie Bercht in Annaburg v. 30.4./1.5.1851 (Marienthal)
(Brieforiginal nicht überliefert, ed. KG 47/1906, 243-246. Autograph befand sich laut Edition, S. 243 Anm.* im Besitz v. Frl. E. Deichmann, Berlin. - In Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben, so wohl im Original.)

Marienthal nächst Bad Liebenstein b. Eisenach
am 30. Apr. 51.


Meine liebe Emilie.

Ich habe mich recht gefreut und auch nicht minder Frl. Levin, wieder einmal etwas von Ihnen zu hören, zwar nicht, wie wir gehofft hatten, unmittelbar von Ihnen, doch von /
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Ihrer Freundin der Anna Hesse aus Berlin. Wir hatten aber unmittelbar Nachricht persönlich von Ihnen erwartet, weil Sie in Ihrem jüngsten lieben Briefe schrieben, dass die Wahl zwischen mehreren Ihnen gewordenen Anträgen noch schwankend sey und so hoffe ich von einer Zeit zur andern Nachricht von Ihnen zu erhalten, für welche Stelle das Schicksal entschieden habe, denn, dass Sie einen Ihren Wünschen entsprechenden Wirkungskreis gefunden hätten, glaubten wir bestimmt.
Nun schreibt mir aber Ihre genannte Freundin auf ihrer Durchreise durch Berlin, dass wie sich Ihre Wünsche noch nicht erfüllt hätten, Sie eine Ihnen entsprechende Wirksamkeit ersehnten. In Beziehung darauf komme ich nun mit nachstehender Mitteilung und Anfrage zu Ihnen: - Ein gewisser Herr Eicke, Lehrer in Posen, Grossherzogthum Posen, welcher bisher eine Spielschule von ohnefähr 25-30 Kindern hatte, sieht sich durch die Wünsche der Eltern derselben und durch die Fortschritte der Zeit veranlasst seine "Spielschule" zu einem "Kindergarten" zu erheben und er hat in dieser Beziehung sich an mich gewendet, ihm dazu eine genügende und tüchtige Kindergärtnerin nachzuweisen. Er bietet - da die Unternehmung erst im Entstehen ist, für das erste Jahr Thr. 50 pr. Crt. Gehalt bei ganz freier Station und ein eigenes Stübchen im Hause. Dazu noch, da seine Gattin eine geborene französische Schweizerin und Lehrerin der französischen Sprache in Posen ist, die Gelegenheit zum unentgeltlichen Lernen und Sprechen der französischen Sprache; - ausserdem aber auch noch die Gelegenheit, sich zu einer Lehrerin, wenigstens für die ersten Schul- und Unterrichtsjahre auszubilden, indem er von diesem Monate ab einen Fortbildungskursus für erwachsene Töchter bis zur Ausbildung als Lehrerin giebt.
Auch diesen Unterricht soll die Kindergärtnerin, soweit es deren Freizeit erlaubt unentgeltlich benutzen dürfen. Als Ersatz für die Reisekosten bietet derselbe Thr. 12 pr. Crt.
Diess alles sind nemlich zugleich auch Bestimmungen auf welche schon eine andere Kindergärtnerin eingegangen war, deren Rücktritt aber durch einen unerwarteten Todesfall herbeigeführt wurde.
Es war nun jüngst ein gewisser Herr Kühnert, jetzt Hauslehrer und Erzieher in der Familie des Herrn Bürgermeisters in Posen, bei mir, bei Gelegenheit eines Besuches welchen er seinen Eltern, welche bei Meiningen wohnen, gemacht hatte. Dieser sagte sehr viel Gutes von der Familie des Herrn Eicke aus, besonders, dass Ordnung, Eintracht und Humanität in derselben herrsche. Zwar sagte er, dass auch in Posen die Kindergärten noch ihre Gegner hätten, dass aber viele, namentlich die Eltern, welche ihre Kinder Hr. Eicke sendeten, ihnen gewogen seyen. /
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Entscheiden Sie nun in Einklang mit Ihrer l. Familie was Sie zu thun willens sind. Da Hr. Eicke baldigen Abschluss des Ganzen wünscht, so halte ich für das Gerathenste wenn Sie oder Ihr Herr Vater unmittelbar nach Posen schreiben. Ich habe nemlich soeben einen Brief dahin abgesandt, Sie l. Emilie darin als Kindergärtnerin vorgeschlagen, auch gesagt, dass ich Sie aufgefordert habe sich unmittelbar selbst an Herrn Eicke zu wenden. Jedenfalls bitte ich nach der Einen oder nach der Andern Seite um baldigste Antwort.
Ich wünschte, dass Sie uns für den jetzigen Sommerbildungscursus, wozu sich schon mehrere gemeldet haben, wenigstens noch eine Schülerin - eine tüchtige - zusenden könnten, denn diese werden sehr gesucht und für die sich immer mehr hervorbildenden Kindergärten, sind noch lang nicht Gärtnerinnen genug.- Frl. Levin grüsst Sie, wie auch ich.-
Auch bitte ich Sie die werthen Glieder ihrer Familie achtend zu grüssen von Ihrem treugesinnten
Friedrich Fröbel.
Die Adresse des Herrn Eicke ist
        Posen
Friedrichs-Strasse No. 31.

Nachschrift am 1. May. Wie ich Ihnen liebe Emilie im Vorstehenden schrieb war schon eine andere der Ihnen unbekannten Colleginnen für diese Stelle bestimmt, deren Rücktritt aber ein unerwarteter Todesfall herbeiführte. In Beziehung nun auf diess frühere Verhältniss schreibt mir nun Herr Eicke in seinem jüngsten Briefe vom 15. April.- "Ich wünsche dass es der eintretenden Kindergärtnerin gefallen möge, schon in der ersten Hälfte des Monats May hier einzutreffen, weil diess die günstigste Zeit für neuen Zuwachs ist. Die gestellten (Ihnen obenen genannten) Bedingungen genehmige ich alle recht gern, und bin überzeugt, das Fräulein .... sich bei uns gefallen wird. Eine Kündigungsfrist liegt in beiderseitigem Interesse, und darum bitte ich eine solche von drei Monaten verabreden zu wollen. Jedenfalls wird Fräulein .... mir den Tag ihrer Ankunft anzeigen, ich werde aber schon jetzt dafür sorgen, dass ihre Stube recht freundlich wird. Den Gehalt (50 rtlr. jährl.) zahle ich monatlich, wenn Frl. .... es nicht etwa anders wünscht. Ich hoffe übrigens Frl. .... wird sich hier so gefallen, dass sie Jahre lang bei uns bleiben wird. Zu den Reisekosten verstehe ich mich ebenfalls, ich hatte sie übrigens in meinem späteren Schreiben an Herrn Kühnert bereits genehmigt." Auch auf die von mir als das Zweckmässigste vorgeschlagenen 3 Spiel- und Beschäftigungstunden /
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am Vormittage und 2 am Nachmittage, geht Herr Eicke ein, und hängt die weitere dessfallsige Bestimmung von der Kindergärtnerin ab.
Ich habe meine l. Emilie alles diess so weitläuftig und selbst buchstablich mitgetheilt, damit alle Umstände zur Berathung mit den lieben Ihrigen und zur schnellen Entscheidung vorliegt; welche ich wo möglich gleichzeitig Herrn Eicke und mir, jedoch jedenfalls ersterem zuerst auszusprechen bitte. An Ihrer Stelle würde ich unbedingt die Stelle annehmen. Ein Halbjahr ist ja keine Ewigkeit und Hr. E. wird mir als ein achtungswerter Mann von gedachtem Herrn Kühnert geschildert.
D. O.