Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Betty Graue in Altona vom 25.5.1851 (Marienthal)


F. an Betty Graue in Altona vom 25.5.1851 (Marienthal)
(StFSWH, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.+Adresse.)

Marienthal,
Bildungsanstalt für allseitige Lebenseinigung.
Am 25en Mai 1851.


Werthgeschätzte[s] Fräulein Betty Graue.

Nicht nur habe ich oft und viel Ihrer und Ihres Fleißes ge-
dacht mit welchem Sie meinen Unterricht in Hamburg be-
sucht haben, sondern ich habe auch von Zeit zu Zeit so viel Liebes
von Ihnen gehört, daß es schon längst mein Wunsch war ein-
mal mit ein paar Zeilen bei Ihnen einzusprechen um Ihnen da-
rüber meine Freude auszusprechen. Jetzt nun kommt mein
lieber Freund Herr Hoffmann aus Hamburg mit einem aus-
führlichen Briefe zu mir, worin mir derselbe vielfach Anerken-
nendes von Ihnen mittheilt; dieß weckt sogleich meinen früheren
Wunsch schriftlich zu Ihnen zu kommen, und so sehen Sie darum
in und mit diesem Briefchen mich zugleich bei Ihnen eintreten.
Sie haben sich, wie ich höre, nun überwiegend, wie ich dieß auch
früher schon für Sie für das Angemessenste hielt, - für die
Lehrwirksamkeit in einer Übergangs-, Vermittlungs- oder /
[1R]
Vorbildungsschule bestimmt; nach meiner Meinung und Erfah[-]
rung nun haben Sie da nicht minder für sich erfreuend als
nach Außen hin seegensreich wirkend gewählt. Ich wollte
nur, daß man überall wo man schon Kindergärten be-
sitzt das ausgezeichnet Wirksame dieser Übergangsschulen
erkennte und solche einführte; doch selbst da, wo sich bis
jetzt noch keine Kindergärten finden, sind solche Vorbildu[n]gs-
schulen von wirklich nicht zuberechnenden Nutzen, wie sie den
Führern derselben wirklich, wie die Kindergärten selbst, eine
unerschöpfliche Quelle reiner Freuden sind. Freilich müssen
die Kinder - welche ja nun auch schon verständiger sind - wie
deshalb auch die Bethätigungs- und Beschäftigungsgegenstände
nun zugleich auch Lehr- und Unterrichtsmittel auch etwas,
ja in manchen Beziehungen wesentlich anders behandelt werden;
doch dieß ist es ja eben, was dieser Beschäftigung für den
Geist einen ganz eigenen Reiz giebt, weshalb ich selbst gern,
wenn meine Bestimmung es erlaubte, Führer einer
solchen Übergangsanstalt würde. Vielleicht kündige
ich auch in einem der nächsten Winter einen Bildungscur-
sus zur Führung solcher Übergangsanstalten, theils für
solche an welche sich schon zu Kindergärtnerinnen ausgebil-
det haben, theils einen vollständigen Jahrescursus nach ein-
ander machen wollen.
Sein Sie nun so gütig und schreiben Sie mir was, und
wie Sie es treiben was Sie noch vermissen und wünschen
es wird mir dieß alles gar sehr belehrend seyn, wie ich
denn gar sehr wünschte die Kindergärtnerinnen möchten
in dieser Hinsicht wie untereinander bei sich, so auch
bei mir schriftlich einkehren. Heut will ich Ihnen zu Ihrer
Ermuthigung nur schreiben daß in diesem Jahre bis zu
Johannis 10, sage zehn neue Kindergärten eröffnet seyn werden[:]
Nordhausen, Nürnberg, Fürth, Posen, Kiel, 2 Kindergärten
Hamburg (Schwestern Kalisch) Baden[-]Baden - Liebenstein - Berlin.- /
[2]
Nach Kiel können Sie ja nicht weit haben; bedürfen Sie
mehr als einer Stunde, um von Altona nach Kiel zu kommen?
Nun, seien es deren auch 2, so können Sie doch durch die
Eisenbahn in einem Tage hin- und zurück kommen; da
würde ich Ihnen dann gar sehr rathen einmal hinüber[-]
zufahren und dort den Kindergarten der Frau Ottilie
Schmieder
und ihrer [sc.: Ihrer] Tochter, wie der Bürgerkindergar-
ten geführt von Frl. Lisette Schubert aus Schweinfurt,
so wie diese Kindergärtnerinnen selbst zu besuchen.
Ist es Ihnen möglich bei dieser Gelegenheit auch den H[errn]
Prof. Thaulow kennen zu lernen, so versäumen Sie es
ja nicht, Sie werden eine interessante Bekanntschaft
in ihm machen, einen eifrigen und gründlichen Vertreter
derselben in ihm kennen lernen. Sagen Sie ihm meinen achtungs-
vollen Gruß. Herrn Hoffmann sagen Sie gelegentlich - ich ha-
be es ihm zu schreiben vergessen: - Herr Prof Thaulow
in Kiel habe in drei Nrn der Holsteinschen Universitäts-
und Schulzeitung vom 1 Mai No 17, 18, 19, einen trefflichen Aufsatz
über die Kindergärten abdrucken lassen; Herr Hoffm[ann]
möchte sich doch denselben zu verschaffen suchen und dann
auch Ihnen mitteilen;
Auch im Kieler Correspondenz- u. Wochenblatt No 38
vom 28 März d[es] J[ahres] ist der 2e Theil des Aufsatzes mitgetheilt
vielleicht also in No 27 [sc.: 37] der erste Theil.
Entschuldigen Sie ja diese Bitte zu welcher mir der sich
hier noch findende und dort mangelnde freie Raum Ver[-]
anlassung gab.
Leben Sie recht wohl und erfreuen Sie auch bald mit
einigen nachrichtlichen Zeilen.
Ihren
treu Ergebenen

Friedrich Fröbel /
[2R]
Fräulein Betty Graue
Altona
d[urch] Güte