Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Otto Ule in Halle/S. v. 27.6.1851 (Marienthal)


F. an Otto Ule in Halle/S. v. 27.6.1851 (Marienthal)
(Brieforiginal nicht überliefert, ed. Waldstedt /Rhein. Blätter 1877, 554-555. Waldstedt bezeichnet sich S. 553 als Besitzer des Briefs und weist S. 554 darauf hin, daß seine Wiedergabe "wörtlich" sei.- In Edition gesperrte Wörter [Unterschrift] werden hier unterstrichen wiedergegeben.)

     Marienthal nächst Bad Liebenstein bei Eisenach 27/6 1851.


Hochgeehrter Herr Doctor.

In diesen Tagen las und lese ich mit dem reinsten Vergnügen und mit wahrer Befriedigung Ihre Schrift "Die Natur"; was ich im Leben, im Leben des Menschen, des Kindes erkenne, pflege zu entwickeln, zu erziehen, auszubilden mich bemühe, Grund und Ausgangspunkt, wie Zweck und Ziel meiner ausübenden Strebungen in der Kindheit und aus der Kindheit, in inniger Einigung mit dem großen Lebensganzen, dessen Urgrunde und Quelle die Menschheit, die Menschheit möglichst wieder in ihrem Wesen, in ihrer ursprünglichen Reinheit darzustellen; dies Streben, dem ich schon seit ein paar sogenannten Menschenaltern meine darstellende Thätigkeit und schaffende Kraft widme, dies schaue ich so klar, so rein in Ihrer Auffassung und Darstellung der Strebungen der Wissenschaften, eigentlich des Strebens der Wissenschaft an sich, daß sich [sc.: ich] eine eigenthümlich günstige Gelegenheit nicht unbenützt lassen kann, Ihnen dafür meinen Dank auszusprechen.
Der Herr Buchhändler Garke aus Merseburg, welcher in [einer] Kindergarten-Angelegenheit zu mir kam und zufällig Ihr obengenanntes Werk auf meinem Arbeitstische liegen sah, sagte mir, daß Sie sich nicht nur kennten, sondern daß Sie sogar gegenseitig Freunde seien, und im Fortgange des Gespräches, daß Sie sich demnächstens mündlich sprechen würden.
Diese so unerwartete als schöne Gelegenheit, Ihnen meinen so warmen als wahren Dank für das so treffliche Geschenk, welches Sie in Ihrem Buche der Menschheit, den Pflegern und den Erziehern der Menschheit und selbst den Erziehern, den Entwickelern derselben in der frühesten Kindheit und so auch meinem Kindergarten, Streben mir selbst gegeben haben, auszusprechen, konnte ich nun unmöglich ungenutzt vorüber gehen lassen, und ich bitte Sie nun nur, diesen so einfachen aber tief /
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gegründeten und gefühlten Dank so freundlich als gütig aufzunehmen.
Erlauben Sie mir nun daran noch einen Gedanken, wohl gar Wunsch und Bitte anzuschließen, ohne jedoch dieselben durch Naturanschauungen zu begründen, so leicht dies auch wäre: ich halte es nämlich ganz wesentlich gut und förderlich für unsere beider- und gegenseitige Bestrebung, deren Zweck- und Zielerreichung, wenn wir uns gegenseitig persönlich und mündlich, wenn Sie mein Wirken und Streben, dessen Wesen und Frucht sich bis jetzt noch wenig in Schrift und Druck mittheilen läßt durch die Anschauung nach Weg und Mittel, Ziel und Zweck kennen lernten?- Machen Sie nicht im Laufe dieses Sommers eine kleine Erholungsreise?- Wie leicht, schnell und billig kommt man jetzt nicht von Halle mit der Eisenbahn und der in Eisenach eingreifenden Post (wenn man es nicht vorzieht, den köstlichen Weg von Eisenach aus zu Fuß zu machen) nach Bad Liebenstein. Fährt man, irre ich nicht, früh 4 Uhr von Halle weg, so ist man gegen 10 Uhr in Eisenach. Um 1 Uhr Nachmittags geht von da die Personenpost nach Bad Liebenstein, so daß man, hat man sich in Eisenach auf der Post einschreiben lassen, noch Zeit hat die Wartburg, das Marienthal, das Annathal zu sehen und den schönen Weg von der hohen Sonne bis Wilhelmsthal zu Fuß zu gehen und sich hier auf die Post zu setzen, um den einförmigen Thalweg nach Liebenstein zu fahren, wo man vor 5 Uhr Nachmittags ankommt. Bad Liebenstein mit seiner Burg, seinem Altenstein, seinen Thälern und selbst seinen Felsen ist lieblich, und wohl selbst, wenn Sie es schon gesehen hätten, eines zweiten Besuches werth; auch Marienthal liegt freundlich. Bitte, geehrtester Herr Doctor, leisten Sie einer so herrlichen Natur Einladung folge; die Natur soll uns weiter zur Menschheit, auf den Weg und zu den Mitteln ihrer reinen Darlebung, ihrer pflegenden Entwicklung schon in früher Kindheit und so zur Prüfung meiner Bestrebungen führen. Ihres hochschätzend und bleibend Ihnen Ergebenen
Friedrich Fröbel.