Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 15.7.1851 (Marienthal)


F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 15.7.1851 (Marienthal)
(Autograph priv., ed. Zimmermann 1970, 40-44. Anredefloskel fehlt; am Briefschluß eine „Anmerkung“ von Georgens. Seitenangaben nach Zimmermann)

        Marienthal bei Eisenach, am 15. Juli 1851.
Nachmittags von ½ 3 Uhr an.
Soeben werden Sie wohl Ihre feierliche Einweihung des ersten „süddeutschen
Kindergartens“ und ohne Zweifel das Sprechen Ihrer Begrüßungsworte und die
Darlegung des Planes Ihrer Bildungsanstalt begonnen haben. Ich ergreife in
diesem Augenblick Feder und Papier und beginne meinen Ihnen schuldigen
Brief zu schreiben, um Ihnen zugleich einen sichtbaren Beweis mindestens
meiner vollen geistigen Gegenwart bei Ihrem schönen Feste zu geben, nach-
dem ich mir einen Doppelwunsch abschlagen mußte: -den ersten: persönlich
bei Ihrem Weihefeste gegenwärtig zu sein, und den zweiten: mindestens un-
mittelbar schriftlich durch einen Brief von mir an Ihre achtbare und hochzu-
achtende Zuhörerschaft. Das letztere hatte ich mir besonders recht schön
gedacht und schon war der ganze Brief in mir recht schön zurecht gelegt; da
kam Besuch von Freunden, woran sich andere Abhaltung während mehrerer
Tage schlossen und so mußte leider ! auch das Niederschreiben des Briefes
unterbleiben; und so kann ich zu meinem Bedauern blos nachträglich zu Ihnen
kommen, will aber wenigstens in derselben Stunde durch briefliche Mitteilun-
gen geistig Ihnen nahe sein. Uns verbindet ja von nun an das Gefühl und der
Gedanke der Geeintheit zu gemeinsamen Streben und Wirken, Was aber in dem
Erfolge meines Strebens die Wirkung dieses ist, das bringen Sie in Ihrer
Güte und dankenden Gesinnung nicht auf meine Rechnung. Denn mehr als ich
können und sollen andere und werden andere leisten, welche nicht wie ich,
ihre Kräfte auf Irrwegen abzehren. – Gibt Gott, daß wir beide uns immer
mehr verstehen im Geiste und Leben, im gemeinsamen unmittelbaren Tun
und Ausführen immer mehr vertiefen und einigen, und schenkt uns Gott -d. h,
schafft sich die Wahrheit und Kraft des Gedankens und der Idee in dem zu
Baden-Baden beabsichtigten "Musterwaisenhause" die nötigen Mittel, dann
wollen wir sehen, was wir bis zu meinem 75. Lebensjahre in treuer und lie-
bender Gemeinschaft auszuführen, zu erreichen im Stande sind.
Zunächst möge der Himmel zu alle dem, was Sie mir über die durch hohe
Munifizenz Ihrer Frau Großherzogin Sophie von Baden für die Beamtenwaisen
des Großherzogtums Baden zu gründende Musteranstalt schreiben, seinen
Segen geben, und Ihre heutige Feier wird hierzu gewiß einen wirksamen
Faktor abgeben; aber Eins, Eins, mein hochgeschätzter lieber Freund,
müssen wir bei deren Begründung festha1ten und sei es auf Leben und Tod: -
die freie Entfaltung der Idee. Lieber das Kontinent als diese verlassen; denn
mit jedem neuen Tage führt mich diese einer großen Einfachheit, einer um-
fassenden Allgemeinheit, einer in das Einzelnste gehenden Anwendbarkeit,
ganz besonders aber in Einigung mit unserer deutschen Sprache zu welche da-
rin wirklich in einer wahren Wunderbarkeit erscheint. Wenn nun auch so,
wie Sie schreiben, die äußere Natur ihrer Anlage mit ihr im Einklang steht,
wie ihr innerstes Wesen mit dem großen Natur- und Lebensganzen, so muß
nur Segensreiches für das ganze Menschengeschlecht daraus hervorgehen. /
[41]
Ihren Gedanken, den Sie in dem „Plane“ entwickelt haben, gebe ich meine
volle Beistimmung, sowie daß schon jetzt dafür zu arbeiten begonnen werden
müsse, wenn nämlich in Baden ein „Erziehertag“ zu Stande kommt, und die
Musteranstalt mit dem 1. Mai 1852 eröffnet werden kann. Wenn das ist, so
gebe ich. um die Kräfte nicht zu zersplittern. wohl für diesen Sommer den
Erzieherverein hier auf und siedle dann zu Frühjahr des nächsten Jahres
mit meiner Anstalt „Marienthal“ zu Ihnen nach dem schönen Baden-Baden
über. Doch könnte der diesjährige Erziehertag in Liebenstein auch zu einer
Vorbereitung dienen – genug, wir wollen sehen, wie sich das Ganze entfaltet,
gestaltet.
Und so will ich denn wegen der Verhandlungen des Familienhauses für
Beamtenwaisen des Großherzogtums Baden meine Mitteilungen beginnen, um
solche bei Ausarbeitung eines gesamten Studien- und Erziehungsplanes wel-
cher dem Ministerium vorgelegt werden soll, zu benutzen, im Fall sie sich
anders dazu eignen sollten.
Solche Mitteillungen, mein geschätzter lieber Freund. setzen freilich gar
manche feste Bestimmungen voraus. wenn selbige anders für das Ganze von
Nutzen sein sollen. Ich muß also auch diese nach Maßgabe meiner geringen
Kunde hier voraussetzen.
Erstlich, die Anzahl sämtlicher Beamtenwaisen, welche in dieses
Familienhaus“ (ein schöner Name. welcher unter allen Umständen festzu-
halten ist) aufgenommen werden sollen oder können.
Zweitens die Bestimmung des Eintrittsalters, wie des Alters des Austritts
der Zöglinge.
Drittens die Bestimmung des Alters, bis zu welchem Knaben und Mädchen
zugleich in dem Familienhaus entwickelt, erzogen und behandelt werden
sollen; also wohl bis zum Alter der vollendeten Kindergartenbildung, mich
dünkt bis zum abgeschlossenen 6. Jahre und bis zum zurückgelegten 7. Oder
8. Jahre.
Viertens fragt es sich: sollen die Waisenkinder des Familienhauses inner-
halb desselben ihren eigenen Kindergarten und ihre eigene Vermittlungs-
schule haben; oder sollen sie ihre Beachtung und Pflege in dem Kindergarten
und der Vermittlungsschule Ihrer Anstalt finden?
Nach genügender Vorbildung für den eigentlichen Schulunterricht in der
Vermittlungsschule mit dem vollendeten 7., vielleicht besser 8. Jahre würden
dann Knaben und Mädchen in der eigentlichen Schule ganz getrennt werden,
so vielleicht, daß die Mädchen sämtlichen Unterricht in Ihrer Bildungsanstalt,
die Knaben dagegen in einer noch mit dem Familienhause völlig zu verbinden-
den besonderen Knabenschule Unterricht erhielten und Bildung, d.h. daß das
Familienhaus die eigentlichen Schulanstalten für die Knaben respekt. Jüng-
linge in sich schlösse.
Um über den Plan des Ganzen und über die Verhandlungen wegen eines
„Familienhauses für Beamtenwaisen“ wenigstens vorläufig zu einiger Be-
stimmtheit zu kommen, so dünkt es mich notwendig, - so lange, bis der
wirkliche Sach- und Tatbestand erkannt und dargelegt ist, von einer einst-
weiligen Annahme auszugehen, nach deren, durch die Wirklichkeit bestimm-
ten Abänderung, dann auch das Ganze in seinem inneren wie in seinem äuße-
ren Auf- und Ausbau umgeändert werden würde und könnte.
Nach meiner noch ganz mangelhaften Kenntnis der Sachlage der Beamten-
waisen und nach meiner gänzlichen Unkunde des Wesens der Beamtenwaisen /
[42]
im Großherzogtum Baden glaube ich doch annehmen zu müssen, daß die nicht
nur noch schulpflichtigen, sondern auch noch schul- und unterrichtsfähigen,
ja bedürftigen Waisen der Zahl nach weit über das 3. , ja noch weit über das
6. Jahr alt sein werden. Es läßt sich nun wohl aber auch denken, daß der
Fall, wenn auch selten, eintritt, daß man genötigt sein könnte, Kinder schon
vor dem 3. , ja mit dem 1. Jahre in die Anstalt, in das „Familienhaus“ auf-
zunehmen, wodurch sich ebensowohl dieser schöne Name so rechtfertigen
als bewähren könnte, dadurch und mit demselben, wäre aber zugleich gege-
ben
, ja mit Notwendigkeit bestimmt, festgesetzt und ausgesprochen, daß der
Geist und das Leben der (echten) Familie in dem, und durch das Ganze
herrsche. Dieser (echte) Familiengeist ist aber, wie ich mir das Wort, wenn
auch fremdsprachig, deute, das Leben und der Geist der Eintracht, der Über-
einstimmung
, des Einklanges, der Einigung, der Harmonie (wenn auch ein
Fremdwort, doch in und durch seinen Gebrauch und Tonklang bezeichnend).
Dieses Leben, dieser Geist der Eintracht, des Einklanges, der Einigung,
ja der Einheit, muß aber das Ganze als Familie - als Haus - als Erziehungs-
anstalt
– als Kindergarten - als Schule und überhaupt als Bildungshaus, also
in der Regelung und Betätigung der Pflege (Diät), wie in der Erziehung (Rege-
lung der Beschäftigung und Übungsarbeit) in der Schule und in den freien
Übungen und Lebensdarstellungen - unwandelbar festgehalten werden; dadurch
charakterisiert, bewährt sich das Ganze als Familie und Haus, als innig
einiges „Familienhaus“ eben als ein Haus zur Pflege und Wahrmachung
echten Familienlebens, echten Familiensinnes (was weder durch die Koster-
ziehung noch durch das Pensionat bei öffentlichem Schulbesuch erreicht wer-
den kann) damit Sein und Leben der Familie und Familien von da aus wieder
hinausgehe ins Leben, um dort auch Pflege zu finden und dort auch eine
Wahrheit werde usw. und von hier im Leben sich fortentwickle und fortbilde
als Gemeinde- und Gemeinsinn, als Volks- und Menschheitssinn und Leben.
Das ganze Haus mit diesem einigen Geiste und Sinn würde sich also
gliedern:
Die Familie -den Kindergarten -die Vermittlungsschule, in die eigentliche
und reine Schule (wie sie aus dem Kindergarten herausgewachsen und diesen
konsequent weiterführen und ausgestalten muß) - und die Fortbildungs- (oder
die berufliche Übungs-, Ausbildungs-) Schule.
Für die eintretenden Waisen würde man wohl das Alter des Kindergartens
vom 3. bis 5. Jahre oder das der Vermittlungsschule vom 6. bis 8. Jahre
als das gewöhnliche und mittlere annehmen müssen.
Nehme ich nun an, daß von diesem Alter (1 oder 2 Jahre mehr oder 1 bis
2 Jahre weniger) 15 -20 jährlich eintreten, so würden auch alljährlich wie-
der 15 -20 austreten; nehmen wir nun ferner an, daß die Kinder in der Regel
und im allgemeinen vom 6. bis zum 16. (oder vom 7. -17.) Jahre, also
zehn J ahre in der Anstalt bleiben, so würde dies für das ganze Familienhaus
eine stehende Kinderzahl, im ersten Fall von 150, im zweiten von 260 Kindern.
Nehmen wir nun ferner an, daß die Kinder des Kindergartens aus Kindern
vom 3. bis zum 6. (7.) Jahre bestehen, so würde dies nun jährlich einen
Austritt von 15 für den ersten Fall -und für den zweiten Fall einen Austritt
von 20 jährlich zusichern, im ersten Fall einen Stamm von 45, und im zwei-
ten
Fall einen Stamm von 60 Kindern für den Kindergarten fordern. Hier-
nach würde die gesamte Kinderzahl für das Familienhaus im ersten Fall 195,
im zweiten Fall 260 betragen. /
[43]
Hiervon würden kommenim 1.Fallim 2. Fall
A. als Stamm in den Kinder-
garten (3-6 Jahre)4560 A.
B. in die Vermittlungsschule
(2. Stufe des Kindergartens)100
a) erste Abteilung(für d. Alter
von 6-7 Jahren)1520
zweite Abteilung (für d. AlterB.
von 7-8 Jahren)1520
C. in die eigentliche Lehr-
(theor. Unterrichts- und prkt.
Arbeits-) Schule
I.Abteilung a)1.Klasse f. d.
Alter von 8-9
Jahren1520
    b)2.Klasse f. d.
Alter von 9-10120
Jahren1520
II.Abteilung von 10 bis 12 Jahren
a) 1. Klasse von
10-11 Jahren1520
b) 2. Klasse von
11-12 Jahren1520
    III. Abteilung von 12 bis 14 Jahren
a) 1.Klasse von
2 -13 Jahren1520
b) 2.Klasse von
13-14 Jahren1520
D. die berufliche Übungs- (Lehr-
lings-) Schule von 14-16 (17) Jahren
) 1.Klasse von
14-15 Jahren1520
b) 2.Klasse von40
15-16 Jahren1520
_______________________________________________
Summa wie oben195260
1. NB. Fände man es zweckmäßig, die berufliche Übungs- oder eigentliche
Lehrjahrenschule“ bis zum 17. oder (für Erzieher und Erzieherin-
nen und das Kunstwerk) bis zum 18. Jahr zu erweitern, so könnte
dann noch eine IV. Abteilung mit zwei Klassen eingeführt werden. so
würde dies freilich die Pfleglings-, Zöglings- und Bildungszahl im
ersten Fall um 30)
im zweiten Fall um 40) vermehren.
2. NB. Man kann auch den Namen Abteilung und Klasse umtauschen. +) /
[44]
3. Bemerkung. Nach Maßgabe der vorhandenen Fonds und des sonstigen
Planes kann man entweder die ganze Anstalt durch die im Großherzogtum
Baden (oder auch um allgemein zu sein, in jedem anderen Staate) sich jetzt
vorfindenden Waisen oder auch nur Beamtenwaisen in ihrer ganzen Ausbildung
und Ausdehnung in allen Abteilungen und Klassen auch zugleich ausgeführt
oder nach und nach im Laufe einiger Jahre zu ihrer Vollendung heraufgebil-
det werden, so daß zunächst bloß
A. der Kindergarten
B. die Vermittlungsschule und von
C. der eigentlichen Lehr- und Arbeitsschule bloß die I. und II. Abteilung je
     mit ihren zwei Klassen ausgeführt würden.
Dies sind natürlich alles Bestimmungen, welche von den gegebenen Tat-
sachen und Umständen abhängen werden. Ebenso wird die Sache nicht wesent-
lich geändert, wenn jede Klasse 15 oder 20, 60 oder 80 Zöglinge zählen wür-
de, das Familienhaus im Ganzen also statt 195 oder 260 - 780 oder 1040
Zöglinge umfassen wird, die Kräfte könnten sich in dieser Ausdehnung nur
noch mehr konzentrieren, die Ökonomie vereinfacht und der Kostenaufwand
dadurch für den einzelnen Zögling vermindert werden.
Von der Möglichkeit der Ausführung des Ganzen in dem einen Geiste und
Sinne in meinem nächsten Briefe.
Ihr Freund

        Friedrich Fröbel

+)
Anmerkung [von Georgens]
Mit dieser Stufenreihung konnte ich mich nicht einverstanden erklären,
ebensowenig mit der frühzeitigen Trennung der Geschlechter; es wurde daher
auch später dieselbe dahin modifiziert, daß der Kindergarten das Alter vom
3. Bis 7. Jahre zu umfassen habe und im Familienhause selbst realisiert
werden solle; die sogenannte „Vermittlungsschule“ fielganz aus und es sollte
sich für das Alter vom 7. bis 14. Jahre die eigentliche Volksschule derart
gestalten, daß Knaben und Mädchen vereinigt im Alter von 7 - 9 Jahren die
Elementarschule, vom 9. bis 11. Jahre die Mittelschule und vom 11. Bis
14. Jahre die Oberklasse bilden. Bis zum 9. Jahre sollten Knaben und Mäd-
chen an allen Beschäftigungen und Arbeiten gleichen Anteil nehmen, wogegen
z. B. das "Flechten in Papier" und das „Ausnähen“ von den Mädchen fortge-
setzt, von den Knaben aber durch andere Arbeiten ersetzt würden. Der theo-
retische Unterricht, das Zeichnen, Singen, Modellieren, die Gartenarbeiten
und Wanderungen hätten durchaus für Knaben und Mädchen gemeinsam bleiben
müssen. Für die „Ausbildungsschule“ - für das Alter vom 14. bis 17. Jahre -
wurde die Trennung der Geschlechter als eine notwendige, in der mensch-
lichen Natur dieses Alters begründet, erkannt und sollten die Mädchen dieses
Alters ein Haus für sich bewohnen und darin zu den verschiedenen Berufs -
arbeiten - zu Erzieherinnen, Krankenpflegerinnen, Hauswirtinnen, Buch-
halterinnen und allen anderen Zweigen der weiblichen Berufsarbeit ausgebil-
det werden, um von da aus nach vollendeter Lehrlingsausbildung als selb-
ständige Arbeiterinnen in die Welt zu gehen. Desgleichen die Jünglinge, für
welche neben den verschiedenen Garten- und landwirtschaftlichen Arbeiten
auch bestimmte Handwerkerarbeiten ausreichend vertreten sein sollten. Für
die dem Studium der Technik oder der Kunst sich Widmenden sollte insoweit /
[45]
Sorge getragen werden, daß ein unmittelbarer Übertritt aus der Anstalt zur
Universität, Technik und Kunstakademie möglich gewesen wäre. Auch nach
dem Austritt aus dem Familienhause sollten dieselben mit ihm in einem
stetigen Verkehr bleiben und darin immer eine wirkliche Heimat haben.
G(eorgens)