Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 21.7.1851 (Marienthal)


F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 21.7.1851 (Marienthal)
(Brieforiginal priv., ed. Zimmermann 1970, 45-49; Seitenzahlen nach der Edition)

Marienthal bei Liebenstein nächst Eisenach, den 21. Juli 1851.
Ich gehe, wie ich in meinem letzten Briefe versprochen, zu der Möglich-
keit
der Ausführung des Ganzen in dem einen Geiste und Sinne zurück.
Dieser Eine Geist und Eine Sinn kann nun notwendig keineswegs weder ein
gemachter und erdachter, überhaupt kein willkürlich persönlicher. Sondern
es kann und muß nur der sein, welcher als Ergebnis der ganzen Entwicklungs-
stufe der abendländisch-europäischen, und besonders der deutschen Mensch-
heit
mit unumgehbarer Notwendigkeit gefordert wird. Dieser Geist und Sinn,
ob er gleich nur ein einiger ist, kann doch von verschiedenen Seiten, von
verschiedenen Zwecken und auf verschiedene Arten und Weisen aufgefaßt und
angeschaut und somit auch auf die verschiedensten Arten und Weisen durch
die Sprache, und ganz besonders durch die so vieldeutige und sinnreiche
deutsche Sprache bezeichnet werden.
Ich will mir nun erlauben, oder versuchen, diesen einen Geist. dieses eine
Streben, gleichsam dieses eine Sinnen, diesen einen Sinn der Zeit zu bezeich-
nen, wie ich ihn benenne als den Geist, der das Streben nach Lebenseinigung
nach allseitiger Lebenseinigung, als die Zeit des erstrebten Gemeinsinnes,
als den Geist und das Streben der klaren Erkenntnis und scharfen Hinstellung
der Gegensätze und ihrer Vermittlung; somit als die Zeit des Friedens, der
Freude und der Freiheit, somit als die Zeit des klar erkannten dreieinigen
Lebens, d. h. als die Zeit der klaren Erkenntnis der gegenseitigen Wechsel-
bedingung und des unzertrennlichen, in sich einigen Zusammengehörens der
Einheit
, der Allheit und der Einzelheit oder des Einigen, des Allgemeinen
und des Besonderen – oder in Beziehung auf die Mittel, Wege und Weisen
der Darstellung, der Verwirklichung dieser allseitigen Lebenseinigung als
ein Gottes-, Natur- und Menschenwerk, als die Zeit der entwickelnd-erzie-
henden Menschenbildung; alle diese verschiedenen Ausdrücke bezeichnen und
bedingen zu ihrer Verwirklichung und Ausführung im Leben ein- und dieselben
Mittel, Wege und Weisen, welche jedoch von den verschiedenen Standpunkten
aus wieder verschieden benannt und benamset werden können. Ich werde hier
nach dieser Darlegung den Geist der Zeit, wie er nun wirklich und tatsächlich
ist, so verschieden er auch Verschiedenen erscheinen und von diesen wieder
verschieden benannt werden mag, den Geist der allseitigen Lebenseinigung
oder kurzweg den Geist der Lebenseinigung benennen.
Dieser Geist muß nun sowohl in der Familie, wie im ganzen Hause, im
Kindergarten, wie in der Vermittlungsschule und in der Lehr- und Übungs-
schule, überhaupt im Ganzen wie im Einzelnen, im Allgemeinen, so im
Besonderen walten.
Es fragt sich nun, wie dieses zu erreichen und darzustellen ist. Ich denke
mir dies, nach den vor mir liegenden Erfahrungen so: /
[46]
1. Da die Ausführungen eines so umfassenden und durchgreifenden Erzie-
hungs-, Bildungs- und Lebensplanes notwendig schon eine Mehrheit sich
darüber im allgemeinen Verständigten voraussetzt, so muß von der Mehrheit
einem unter ihr der Auftrag werden: den vorstehend skizzierten Plan nach
seiner unerläßlichen innern und äußern Bedingung, als notwendige Zeitforde-
rung, nach Ziel und Zweck, nach Weg, Mittel, Art und Weise schriftlich
möglichst klar zu begründen.
2. Diese schriftliche Darlegung des Planes muß allen bei der Ausführung
desselben Beteiligten d. h. dafür Geeinten und jedem Einzelnen zur Prüfung
vorgelegt, weiter gemeinsam besprochen, das so klar als Grundlage und
Ausgangs- wie Zielpunkt Erkannte unter der sich von selbst verstehenden
Bedingung der Fortentwicklung.
3. zum Grundsatz des Ganzen zu erheben, und daraus die übrigen Bedingungen,
Forderungen und Einrichtungen des ganzen Familienhauses in möglichster
Folgerichtigkeit abgeleitet und bestimmt werden. (abzuleiten und zu bestim-
men !!?)
4. Dieses Grundgesetz mit seinen folgerichtigen Entwickelungen und Bestim-
mungen wird erstlich allen bei Ausführung des Ganzen mit Freiheit, Selbst-
bestimmung und Einsicht Beteiligten nach Maßgabe ihrer Entwicklungsstufe
vor und bei Eröffnung des Ganzen, ja selbst vor ihrem helfenden und mitwir-
kenden Eintritt in das Ganze mündlich und gesprächsweise mitgeteilt, dann
aber wird es auch
5. für alle und jedes zur steten Vergegenwärtigung durch den Druck als
Grundbestimmungen festgehalten. Da aber diese Einsicht für die zuerst als
mitwirkend Zusammentretenden nur eine noch (un)vollständige sein kann,
so ist wöchentlich, vielleicht Sonntags oder Montags eine persönliche Zu-
sammenkunft wenigstens der freitätigsten Glieder des Ganzen, wo dieser
Geist des Ganzen immer mehr dargelegt, gleichsam anschaulich gemacht und
in seiner Darlegung selbst ins Einzelne hin nachgewiesen und sich gegensei-
tig darüber mitgeteilt, auch in seinen verschiedenen Entwicklungsstufen und
Erscheinungen aufgefaßt und dargelegt wird.
6. Eine solche größere Zusammenkunft kann dann wiederholt, vielleicht in
Form einer größeren Öffentlichkeit und somit freierem Zutritt alle Halbjahr,
oder auch in letzterer Form nur alle Jahre wiederholt werden.
7. Bei den wöchentlichen Mitteilungen und den Besprechungen können dann
auch einzelne Gegenstände der Erziehung und Bildung, ja nur einzelne Teile
gewisser Fächer des Unterrichts in dem oben angedeuteten Geiste des Ganzen
ausgearbeitet und vorgeführt werden. Wie nun solche Vorführungen das
Siegel des erfaßten Geistes des Ganzen an der Stirn tragen, sich gleichsam
aufprägen, können sie
8. als Leitfaden für die betreffenden Gegenstände ebenfalls jedoch wieder
unter Vorbehalt der Fortentwicklung und Verbesserung durch den Druck fest-
gehalten werden.
9. Alle Jahre, vielleicht am besten zur Herbstzeit, d. h. am Schlusse des
Sommers, ist eine große allgemeine öffentliche Prüfung, deren Zweck und
Ziel die anschauliche, tatsächlich sprechende Darlegung der errungenen all-
seitigen Lebenseinigung im Einzelnen und im Ganzen ist. Über diese Prüfung
muß nun ein öffentlich unbefangenes Urteil freistehen.
So hoffe ich, soll der wahre Geist der Zeit erkannt, erfaßt und seinen For-
derungen entsprechend, die bezweckte Bildung des Familienhauses für
Beamtenwaisen für Gemüt, Geist und Tatkraft, hinsichtlich auf Fühlen, /
[47]
Denken und Handeln, genug in vollendeter rein menschlicher Weise, den ge-
samten und einzelnen, persönlichen, menschlichen Zwecken und Bedürfnissen
wie Forderungen entsprechend, erreicht werden.
Möge nun diese hingeworfene unvollständige Skizze des Ganzen Ihnen vor-
läufig als von mir erwartete Antwort genügen. Mögen Sie darauf nun Ihre
weiteren bestimmteren Anforderungen an mich gründen.
10. Überblicke ich das Ganze nochmals, so ist vielleicht noch uu bemerken,
daß insbesondere für die Lehrschule die eigentlichen Lehr- und Unterrichts-
gegenstände sowohl in ihrer Begründung in dem Wesen des Menschen und Kin-
des, wie in ihrem notwendigen inneren Zusammenhange und wechselseitigen
Bedingungen gefordert sind und so in ihrem zugleich entwickelnd, erziehen-
den Wesen erkannt, behandelt und angewandt werden müssen, wie z. B. das
Zeichnen, der Gesang, gleich der Sprache, und Naturkunde usw. ..
Sie werden mich nicht mißverstehen, wenn ich die von Ihnen an mich er-
gangene Bitte um baldigste weitere Mitteilung an Sie in Beziehung auf diesen
Gegenstand zurückgehen lasse, denn die Zeit verfließt gar zu schnell. – Was
Sie mir über Dr. Friedländer in Frankfurt schreiben, freut mich gar sehr;
Sie sehen aus dem beiliegenden Einladungsschreiben, daß er auch zur Teil-
nahme an unserem Erziehertag, wie man solche Zusammenkünfte jetzt nennt,
aufgefordert ist. - Daß Sie, mein hochgeschätzter lieber Freund, nicht nur
für die Dauer unserer förmlichen Zusammenkunft, sondern solang' es Ihnen
gefällt, unser freundlichst willkommener Gast sind, versteht sich von selbst.
Wollen Sie noch irgend einem andern, der bei der Ausführung des Familien-
hauses oder auch nur bei der Begründung desselben wesentlich mitwirken
kann, veranlassen, an der Versammlung Anteil zu nehmen, so könnte dies
vielleicht von großem Nutzen sein. Überhaupt, dünkt mich, müßte bei dieser
Zusammenkunft, um die nord- und mitteldeutsche Sonne auch der zeitgemäßen
Kinderpflege wärmend, entwickelnd scheinen zu machen, die Süddeutsche,
die Badensche Sonne womöglich recht entschieden entwickelnd und pflegend
für die Sache der Kindheit auftreten, wenn auch wirkliche Punkte in dersel-
ben einer noch klareren Darlegung bedürfen; der Gegenstand ist so tiefgrei-
fend, so umfassend, so alles durchdringend und neu belebend, daß es noch
gar nicht möglich ist, alles klar durchleuchtet hinzustellen.
Wollen Sie vielleicht auch eine Einladung an den Basler Banquier Christ
und an irgend einen deutschsprechenden Straßburger, dessen Interesse an der
Sache Sie gewiß sind, ergehen lassen, oder sollen wir es von hier aus in
Rückbeziehung auf Ihre Aufforderung tun? Da, wie Sie mir schrieben, die
Einweihungsfeier Ihres Kindergartens in Hinsicht des in Baden-Baden abzu-
haltenden Winterkursus, "ein bestimmtes Resultat" geben wird, - so wird es
mich sehr freuen, wenn Sie mich bald, recht bald damit bekannt machen;
denn kommt er nicht zu Stande, so muß ich die Teilnahme an meinem hiesigen
Winterkursus ernstlich betreiben, wenigstens der sich jetzt schon zeigenden
Teilnahme eine größere Pflege zuwenden; der eigentliche Abschluß des
Ganzen
mag sich immer noch 6 - 8 Wochen hinziehen. - Meine Wirksamkeit
hier
bleibt auch für den nächsten Winter ganz unverkürzt, wenn auch der
Kursus in Baden gar nicht zu Stande kommt, ich bitte also, ihn nicht zu stark
zu betreiben, um so vielleicht der Sache mehr zu schaden, als zu nützen.
Die Sache selbst wird sich schon Bahn brechen. Ich erwarte viel von Ihren
Aufsätzen im Konversationsblatte, lhrer sonstigen flug- und zeitschriftlichen /
[48]
Tätigkeit, wie ganz besonders auch von Ihrer Broschüre über Ihr Einwei-
hungsfest; beschleunigen Sie dieselbe nur soviel als möglich und lassen Sie
bis zu deren Vollendung jede weitere Arbeit für die Sache ruhen; lassen Sie
dann die Sache schnell durch den Buchhandel versenden und mir, darf ich
bitten, auch baldigst ein paar Exemplare per Post zukommen. Die Zeit, die
Zeit ist jetzt auch ein Moment der Weltbewegung, d. h. ihre Benutzung. Daß
mir Ihr wackerer Mitarbeiter, Herr Waldeck, einen Brief zugedacht hat,
freut mich gar, ich habe wie durch Sie, so durch Herrn Rektor (so nannte er
sich hier, Sie schreiben Direktor) Köhler aus Corbach, seinem Landsmanne,
so viel Achtbares von demselben gehört, daß es mir sehr lieb sein wird, von
demselben einen Brief zu erhalten. Nicht minder angenehm ist mir, was Sie
über Herrn Köhler selbst schreiben, es ist höchst erfreulich zu hören, daß
eine sich hier äußernde Begeisterung auch noch über Marienthal und Lieben-
stein hinaus ihre Dauer beweist, was ebenselbst bei Erziehern und Lehrern
selten der Fall ist.
Ihr Gedanke: daß alle Vertreter unserer Strebungen einen festen (d. h.
innern, geistigen) Bund schlössen, um in Gemeinsamkeit für dieselben zu
wirken - ist ganz auch der meine; er kann aber nur verwirklicht werden
durch eine wesenhafte Kenntnis der Sache, vielleicht daß diese durch eine
Versammlung, wie die beabsichtigte, zu erreichen ist; als diese Kenntnis
schon in einer bestimmten Weise errungen habend, möchten im ersten Gliede
stehen: Dr. Georgens, Dr. Marquart, Rektor Köhler, Heinrich Hoffmann;
im zweiten: Aug. Härter, H. Pösche, Diesterweg, Middendorf[f], Thaulow.
Ich glaube jedoch, viel, sehr viel ist schon gewonnen, wenn nur zunächst wir
vier, Sie, Dr. Köhler, Dr. Marquart und ich an der Sache festhalten, beson-
ders auch Köhler, welcher unter allen am freiesten steht, wie er sagt, ganz
der Sache leben kannl.
Beurteilen Sie, lieber Herr Dr., den Gegenstand und bringen Sie denselben
bei einem Erziehertage zur Sprache. Nur müssen wir alles vermeiden, was
als Bündelerei gedeutet werden kann, es muß ein freies, geistiges Zusammen-
wirken sein. Mein teurer Freund, die große Anzahl der Geeinten macht es
nicht, sondern die Klarheit und Innigkeit, des sich gegenseitigen Verstehens.
Von einem solchen Kerne aus kann sich dann die Wirksamkeit weiter ver-
breiten. Auch von Prof. Thaulow in Kiel erwarte ich viel. Auch das ist wich-
tig, daß Ihnen so wertvolle Blätter als das Konversationsblatt, die Karls-
ruher Zeitung und Kühnes Europa zur Aufnahme und Verbreitung der Sache
so geneigt sind. In Norddeutschland wirken auch zwei solcher Blätter: die
Kieler Zeitung (oder Wochenblatt) und ein Hamburger Blatt. In Mitteldeutsch-
land wirken die Sächsische Schulzeitung und Diesterwegs Rheinische Blätter,
letzteres auch für das westIiche Deutschland, die Rheinprovinzen und
Westfalen.
Die Ihnen bekannten Glieder meines Hauses grüßen Sie; die Ihnen noch un-
bekannten freuen sich auf Ihre Bekanntschaft. Von Diesterweg kann ich Sie
nicht grüßen, der ist schnell abgereist. - Auch ein stiller und heftiger Geg-
ner meiner Bestrebungen war jetzt hier, der Schul- und Regierungs-Rat
Bormann
aus Berlin. Er schien durch die wiederkehrende Anschauung umge-
wandelt, er soll sich auch sonst nur beifällig geäußert haben, ob es aber von
Bestand ist, wer kann es wissen; die Folgezeit muß es zeigen. Frau
von Mahrenholtz
wird bis nach der Versammlung hier bleiben. /
[49]
Von mir und meiner Frau an Sie und die lieben Ihrigen meine ganz beson-
ders herzlichen Grüße.
In wahrer Lebenseinigung
Ihr
      Friedrich Fröbel