Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 24.7.1851 (Marienthal)


F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 24.7.1851 (Marienthal)
(Autograph priv., ed. Zimmermann 1970, 49-50; Eingangsfloskel fehlt. Seitenangaben nach Zimmermann)

Marienthal bei Liebenstein nächst Eisenach, den 24. Juli 1851.
Sie werden sich wundern, schon wieder einen Brief von mir zu erhalten,
ehe ich eine Rückerinnerung von Ihnen empfing; der Grund davon ist, zwei
Vergessenheiten meines vorigen Briefes nachzuholen; ich wollte dies sogleich
des folgenden Tages nach der Absendung tun; allein es wollte sich mir gar
keine Freizeit dazu zeigen, so sehr drängte mich bis diesen Augenblick die
äußere wie die innere Bearbeitung und Beherrschung des Gegenstandes, der
mir und ich darf ja nun mit Freuden sagen, welcher unsere Lebensaufgabe ist
wieviel liegt doch in diesem Worte uns und unsere ! Wie "und" das Bindewort
in der Sprache, eigentlich das einzig reine und wahre für Gegenstände, Eigen-
schaften und Begriffe usw., so ist "uns" das Bindewort für Lebenseinigung,
und glücklich, wo es sich auf wahre, innere [Treue] bezieht. Durch dies Wort veran-
laßt und eingeleitet, will ich sogleich mit dem beginnen, was eigentlich den
Schluß dieser Mitteilungen machen sollte. Mein voriger Brief enthielt An-
deutungen zur Ausführung eines Familienhauses für Bildung zu allseitiger
Lebenseinigung und zwar in spezieller Anwendung auf Beamtenwaisen Badens.
Ich suchte besonders bei dem verschiedenen Alter usw. der Eintretenden und
dem verschiedenen Bildungsstande der Mitwirkenden die Möglichkeit der Her-
stellung
und Erhaltung des einen und einigenden Geistes des Ganzen wenig-
stens andeutend nachzuweisen. Hier nun habe ich in Beeilung der Absendung
des Briefes namentlich auf die Herstellung und Erhaltung des einen und eini-
genden Geistes des Unterrichtes und der Schule ein Wesentliches mindestens
zu erwähnen vergessen, und das ist dies:
Jeder, der als Bildling, Zögling, Schüler Eintretenden hat ebenso als wie
der Erzieher, Lehrer, Bildner sich neu dem Kreise einverleibt, das Ganze
der entwickelnd erziehenden Menschenbildung unerläßlich zu durchlaufen,
und zwar in dem Maße, daß, je näher der- oder dieselbe dem Kindergarten-
alter steht, dieser obgleich summarischen Durchlaufung des Ganzen eine um
so längere Zeit widmen müsse; dagegen eine um so kürzere Zeit als Schul-
bildung und Lebenserfahrung, überhaupt Geistesentwicklung das Eigentum
der neu Eintretenden ist. Genug, jeder der Mitwirkenden muß den Geist und
die Wirkung dieser entwickelnd erziehenden Bildungsweise tatsächlich, ich
möchte sagen lebenseinig, an sich erfahren haben; und wie der entwickelnd
erziehende und bildende Geist dieses Familienhauses für allseitige Lebens-
einigung unverbrüchlich festgehalten werden muß, so muß auch das eben Aus-
gesprochene als Gesetz in gleicher Weise wahrhaft heilig gehalten werden,
damit jedes Glied des Ganzen wenigstens die feste Überzeugung haben könne:
es wie mir, so jedem andern Gliede des Kreises möglich gemacht, die
Möglichkeit gegeben, sei es auch nur gezeigt worden, sich mit dem einigen-
den und einigen Geiste des Ganzen bekannt zu machen. Diese Bestimmung
muß für das Ganze feststehen. Das auf diese Weise bei den größeren Mitglie-
dern und eigentlichen Mitarbeitern am Ganzen Geweckte wird durch die im
vorigen Briefe erwähnten monatlichen usw. Vorträge geklärt und befestigt. /
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Auch glaube ich, das Familienhaus müsse gleich vom ersten Beginne und
Erscheinen des Unternehmens an, seine Bestimmung, sowie höhere und all-
gemeinere Bedeutung in seinem Namen ausprägen: Familienhaus für Bildung
zu allseitiger Lebenseinigung
, oder bloß Familienhaus zu allseitiger Lebens-
einigung
, oder kurz Familienhaus zu Lebenseinigung. Ich werde, teurer
Freund, zu dieser Mitteilung und Überzeugung besonders durch einen Aufsatz
im 6. Heft des I. Bandes der von E.M.Arndt eingeführten Germania:
-„Deutschland und die innere Mission“ - veranlaßt. Der Aufsatz geht von der
Auflösung aller deutschen Lebensverhältnisse und der allgemeinen geistigen
und leiblichen Not Deutschlands aus, kommt dann auf die innere Mission, als
ein Abhilfemittel derselben, allein als ein ungenügendes zurück, und fordert
in gewisser Beziehung auf, gemeinsam daran zu arbeiten, genügendere auf-
zufinden und aufzustellen. - Mich dünkt, es wäre nun völlig an der Zeit, daß
auch unsere Bestrebungen mit ihrem Ziele und Zwecke, wie mit ihren Mitteln
und Wegen zur Verminderung und beziehungsweise endlichen Vernichtung
„leiblicher und geistiger Not“ und somit als eine genügendere und zeitgemäße
Weise als die sogenannte innere Mission bestimmt und sicher wie mit Sache
und Tat, so mit Wort und Namen hervorträte, denn unser Wirken, und wir
können bis in das Kleinste hin diesen Namen rechtfertigen und die Wahrheit
desselben beweisen, und deshalb glaube ich, ist man auch verpflichtet, den-
selben anzunehmen und zu gebrauchen, um dem bedürftigen und suchenden
Volk zu zeigen, daß wirklich Mittel, Wege und Weisen, von welchen man die
Überzeugung hat, daß sie der allgemeinen leiblichen und geistigen Not, zu-
nächst unseres Volkes abzuhelfen im Stande, - vorhanden sind -allein nicht
bloß vorhanden sind, sondern sich auch in ihrer Wirksamkeit zeigen und ent-
falten dürfen.
Es fragt sich nun nur, ob sich ein solches „Familienhaus“ nicht besser und
wirksamer persönlich unabhängig und frei von bestimmenden Fonds und be-
sonders von regelnden und maßgebenden Regierungsverhältnissen oder äußer-
lich
unterstützt und gefördert von beiden, durchführen läßt.
Ferner fragt es sich, ob es besser ist, ein solches Unternehmen in der
Mitte von Deutschland, an der Grenze von Nord- und Süddeutschland, oder
an der Grenze von Deutschland selbst und zwar an der Südwestgrenze dessel-
ben, nahe der Grenzen von Frankreich (Elsaß) und der Schweiz (Basel) auszu-
führen. In allen diesen Beziehungen bin ich sehr gespannt auf Ihre Mitteilun-
gen; sehe denselben aber möglichst bald entgegen, damit ich hier nicht gegen
meinen Willen zu sehr durch die Verhältnisse gebunden werde...

Am 25. Juli früh 8 Uhr
Soeben habe ich (mich) mit der zweiten neu hinzugetretenen Abteilung
meiner Schüler und Schülerinnen, die erste, einführende Morgenstunde und
Betrachtung beendet und mit ihr zugleich den ersten und Hauptabschnitt
meines Gesamtvortrages über entwickelnd erziehende Menschenbildung oder
wenn man kürzer und lieber will „Kindergartenerziehung“; ob ich nun gleich
diesen Gegenstand schon so oft behandelt und vorgetragen habe, so ist doch
die steigende Einsicht in die Lebens-Einheit und Lebens-Einigung immer von
neuem auf das höchste überraschend, ja wunderbar, ergreifend und erhebend;
die höchsten Ahnungen, die reinsten Strebungen der Menschheit werden da-
durch erfüllt ...
Wie freu' ich mich auf unser Familienhaus! -
Ihr Freund
Friedrich Fröbel