Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 4.9.1851 (Marienthal)


F. an Leonhard Woepcke in Annaburg v. 4.9.1851 (Marienthal)
(Brieforiginal nicht überliefert, ed. Jänicke 1880, 243-244. - In der Edition gesperrte Passagen werden hier unterstrichen wiedergegeben [so wohl im Original].)

Marienthal nächst Bad Liebenstein, am 4. Septbr. 1851.


Hochgeschätzter Herr Prediger,
Sehr geehrter Freund!

Sie werden sich vielleicht wundern, endlich einmal wieder einen Mann und ich hoffe, auch Ihren alten lieben Freund, bei Ihnen einsprechen zu sehen, welcher schon seit sehr lange und weit, weit lieber persönlich als schriftlich bei Ihnen eingekehrt und sich in Ihrer friedlichen Häuslichkeit an Geist, Gemüth und Körper erholt hätte, wenn es nur das Drängen und Treiben des Lebens hätte erlauben wollen. Und dennoch ist es wieder dieses dringende Leben, welches meines Wunsches Erfüllung herbei, und mich wenigstens wieder einmal schriftlich bei Ihnen einführt.- Doch durch diese Einführung ist mir aber auch wieder die Zeit sehr kurz zugemessen, deßhalb muß ich sogleich zum Zielpunkte dieses Briefes eilen.
Sie kennen die Verfügung des Königl. Preuß. Ministeriums der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten, und die Grundlage, worauf sie dieselbe (durch Namen-, Personen-, Sach- und Bestrebungs-Verwechselung) gegründet. Durch alles dies bestimmt werde ich von Freunden der Kindheit, wie der Kindergärten und meiner aufgefordert, zur Widerlegung der eben jetzt angedeuteten Beschuldigungen eine zweite Auflage, gleich meiner ersten Anzeigeschrift vom Beginne meiner öffentlichen erziehlichen Wirksamkeit an unter dem Titel: - "Friedrich Fröbels kleine Schrift" zu veranstalten. Nun aber, als ich damit beginnen will und unter meinen Papieren suche, finde ich die meisten dieser Schriftchen nicht mehr, indem ich sie als Erzeugnisse der Zeit betrachtete, sogleich auch wieder, ohne großen Werth auf sie zu legen, dieser Zeit zurück gab, ohne selbst zuletzt auch nur noch ein einziges Exemplar dieser verschiedenen Schriftchen für mich zurück zu behalten.
Irre ich nun aber nicht, so hat Ihre einstige Theilnahme einigen oder mehreren dieser im Vorstehenden angedeuteten kleinen Schriftchen ein freundliches, stilles Asyl bei Ihnen gegeben.
Wollten Sie, hochgeehrter Herr und Freund, nun wohl die im Betreff der Wichtigkeit der Sache, nämlich die Ehrenrettung derselben vor irreligiöser, ja gar atheistischer Grundlage, sich die Mühe nehmen und unter Ihren gesammelten kleinen Druckschriften nachsehen, ob Sie die nachstehend verzeichneten noch unter denselben finden sollten:
1. Warum und zu welchem Zwecke nennen wir uns die allgem. d. Erz. Anst. Oder: Über das allgem. der deutschen Erz. Anstalt zu Keilhau.
2. Zweck, Geist und inneres Leben der Allgem. deutschen Erziehungs-Anstalt.
3. Das Christfest zu Keilhau.
4. Die Grundzüge der Menschenerziehung, gedruckt in Sursee in der Schweiz und herausgegeben in Willisbad. /
[244]
Sollten Sie nun diese 4 kleinen Schriftchen sämmtlich oder auch nur eines derselben finden, so würden Sie mich Ihnen dankbar gar sehr verbinden, wenn Sie mir solche oder solches gütigst leihweise überlassen wollten. Als dankende Gegengabe würde ich Ihnen später gern ein Exemplar des 2. Abdruckes übersenden, zur sichern Gewähr, daß Sie und Ihre Sammlung nicht um den Inhalt der überlassenen Schrift oder Schriftchen verkürzt werden würden.
Nun, ich bin von Ihrer, mir so oft bewiesenen freundschaftlichen Gesinnung der gütigen Erfüllung meiner Bitte gewiß.- Doch zu etwas Anderem. Da es mir nicht möglich ist, zu Ihnen in Ihr friedliches und freundliches Schloß zu kommen, wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meiner gleichfalls freundlich gelegenen, stillen Wohnung zu Marienthal zu besuchen? Ach das wäre schön, doch gar zu schön! Meine liebe zweite Gattin und Hausfrau, welche sich mir seit dem schönen diesjährigen Pfingstfest und an demselben zu gemeinsamer, sorgsamster Pflege meines Lebensgedankens: entwickelnd erziehender Kindheitpflege und Menschenbildung - innig geeint hat, würde sich nicht nur freuen, sondern sich glücklich fühlen, ihn, dem so innig liebenden Pfleger und Freund ihres Mannes, wieder bewirthend und ehrend in unserm Hause zu sehen. Nicht nur die Lage und Einrichtung unserer Wohnung ist freundlich, sondern noch mehr bietet die Umgegend: Altenstein, Liebenstein bis hinauf zu dem nur 2½ Stunde entfernten Inselsberg und bis wieder hinab zu den mannichfach schönen grünen Waldthälern des Lieblichen und Erquicklichen viel, die beiden Höhenpunkte der Schön- und Berühmtheiten des Thüringerwaldes, die Wartburg und Reinhardsbrunnen gar nicht zu erwähnen, wovon Sie das erste auf der Herreise, das zweite auf der Rückreise besuchen könnten. Überlegen Sie es sich, der Herbst bietet bis spät hin schöne Tage. Freilich kann ich es Ihnen auch nicht verdenken, wenn Sie gerade jetzt einen vom Königl. Preuß. Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheit gleichsam Geächteten nicht gern besuchen wollen; nun dann bis zu unbefangeneren Zeiten, vielleicht im künftigen Jahre.
Aber doch noch einmal zu der obschwebenden Angelegenheit zurück. Besteht der Kindergarten in Stadt N. [Annaburg] unter der Leitung einer gewissen Frl. Anna H. [Hesse] fort?- Wäre es denn nicht möglich, daß der Herr Pfarrer S. [Seyler], welcher nun doch so manches liebe Jahr die Kindergärten und ihren Geist kennt; wäre es denn nicht möglich, daß dieser hochgeachtete Ehrenmann die Kindergärten und ihren Gründer gegen die Beschuldigung des Atheismus in einem der preußischen, vielleicht gerade Berliner Blätter, gleichviel ob in der Vossischen oder Haude u. Spener'schen Zeitung, in Schutz nehme?- Findet sich Ihnen vielleicht in diesen Tagen Gelegenheit, demselben diesen Gedanken mitzutheilen?- Darf ich wenigstens bitten, die beiliegende Karte demselben mit hochachtendem Gruß und Bitte um ferneres freundschaftliches Wohlwollen für mich und meine Frau zu übersenden?
Leben Sie recht, recht wohl und schreiben Sie wenigstens bald einige freundliche Zeilen Ihrem
stets in Liebe und Dank gedenkenden
Friedrich Fröbel.