Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Wilhelm Emil Bormann in Berlin v. 15.9./17.9.1851 (Marienthal)


F. an Karl Wilhelm Emil Bormann in Berlin v. 15.9./17.9.1851 (Marienthal)
(BN 390, Bl 2-4, hier: Bl 2-4V, dat. Entwurf 1 B + ½ Bl fol. 5 S.; BN 390, Bl 5-8 Reinschrift/Abschrift F.s 2 B 8° 5 S.)

a) Entwurf

Sr Wohlgeboren dem HE Provinzial-Schulrath Bormann in Berlin.
Marienthal b Liebenstein 15 Sept 1851


Hochgeehrtester HErr Schulrath!

Zwar weiß ich nicht, ob Ihnen, geehrtester Herr, mein
persönlicher Besuch bey Ihnen angenehm u lieb seyn wird,
nachdem Ihnen Ihr freundl[icher] u wohlgemeinter Besuch
bey mir, oder vielmehr die offene u einfache Mittheilung
seines Eindruckes und seiner Wirkung auf Ihren theil-
nehmenden, doch ruhigen kritischen Geist, und die
Redlichkeit u Aufrichtigkeit dieser offenen Mittheilung
wegen Ihrer ihr von manchen Seiten her wohl gewordenen
unbegründete u unberechtigte Auffassung,
manche trübe Stunde u verdrießlichen Augenblick wohl

die von manchen Seiten als eine unbegründete u unberechtigte
Auffassung angesehen worden,
Ihnen gebracht haben mag; aber eben dieses ist es,
was es mir zur unerläßlichen, nicht zu versäumenden
Pflicht macht, Sie, hochgeehrtester HErr Schulrath, eben
so offen u unbefangen, im reinsten Interesse der
Personen, der Sachen u Verhältnisse für mich um einen Gegen-
besuch bey Ihnen zu bitten, als auch Sie unbefangen,
wenn auch streng kritischen Geistes, in die Stätte meines
Wirkens eintraten. Denn es schmerzt mich tief,
daß eine so mannhaft ehrenwerthe That, wie die
gedachte, dem Vollbringer derselben so bittere
Früchte bringen soll, als sie nur immer eine ganz falsche
u unbegründete Auffassung einer Sache erzeugen kann.
Daher komme ich mit festen Vorsatze u ernstem Willen
zu Ihnen, mir alle diese bittern Früchte hervorge-
gangen aus Ihrer offenen Ihnen tief begründeten
Anerkennung der frühen Erziehung der Kindheit, ihrer
Mittel u Wege, deren Vertreter ich bin, mir von Ihnen
für mich zu erbitten; nicht, um an dem Genuß dieser bittern
Früchten u deren Gen[uß] meinen Magen zu verderben u
mir Üblichkeiten [sc.: Übelkeiten] zu verschaffen, sondern um an den-
selben meine uralte u wieder ganz junge Kinder-
gartenkunst zu üben, u mir das Bittere in Süß zu
verwandeln, wie mich dies selbst meine eigenen Mutter-
u Koselieder im Schmeckliedchen lehren.
Sie werden mir nun wohl, geehrtester Herr,
darauf antworten, das ist von Ihnen, gutmüthiger
Friedrich Fröbel, zwar recht gut gemeint, aber
die Folgen können Sie mir doch nicht mehr abnehmen;
was mich getroffen, das hat hat [2x] mich getroffen. /
[2R]
Das thut mir nun freilich herzlich leid, und doch kann
ich [es] leider nicht ändern; ich aber, an Ihrer Stelle,
würde nun unmitte[lbar] augenblicklich diese unangenehme
Wirkung meines von mir als tiefberechtigten Urtheils
sogleich auf den Grund u Ausgangspunkt desselben:
auf den, welcher mein Urtheil bestimmte, zurückgeleitet
haben, d.h. auf mich, demn Schreiber dieses, oder vielmehr
auf die Ihnen von mir vorgeführten unwidersprech-
lichen Thatsachen: um im Bilde zu reden, daß schwarz
eben schwarz u nicht weiß, krumm eben krumm u
nicht grad ist, oder umgekehrt.
Ich meine es mit dem so eben Ausgesprochenen
im höchsten Grade ernst, d.h. ich meine, wenn man,
wie Ihnen meinem aus tiefster Überzeugung hervor-
gegangenen von mir so männl[ich} als einfach u
klar ausgesprochnen Worte nicht hätte glauben
wollen, so würde ich eben so männl[ich] als einfach
u bestimmt erklärt haben: - "Nun so sende man
einen, zwey, drey u meinethalben so viel
Männer als man will, welche aber vorerst
allseitige Lebenserfahrungen haben, d.h. das Leben
kennen wie es ist, wie es geworden u was
es ferner fordert; die das Herz auf dem rechten
Fleck, wie Klarheit des Geistes u Unbefangenheit
der Kritik, aber auch den Muth haben, das in un-
gestörter Folgerichtigkeit erkannte Gute, auch ohne
Parteilichkeit zu vertreten; sendet solche Männer
hin zu Friedrich Fröbel u lasset denselben auch von
ihm Alles so vorführen wie mir, und hört - ich
wage viel, sehr viel indem ich dieß ausspreche -
und hört dann deren Urtheil; überführt dann dasselbe
mich, daß ich mich in der Auffassung der Fröbelschen Darstellung
geirrt habe oder mich durch den äußern Schein der-
selben mich habe täuschen u blenden lassen, so werde
ich mich gerne fügen; denn ich bin ein Mensch,
und irren ist eben menschlich; prüfet, lasset so Fröbel
in Wort u That Thun u Wollen prüfen, und hat er
mich durch Außenwerk getäuscht, so treffe ihn nun
das
auf solche dargelegte Thatsachen das Loos, welches
er verdient; das der Selbstverblendung u der Verblendung Anderer.“/
[3]
Bis dahin aber stehe ich als Mann für mein von mir
gesprochenes Urtheil ein.["]
Sie konnten und durften um so mehr so
sprechen, als Sie in gleicher Weise nicht
nur die Urtheile von mehreren der
gebildesten und erfahrendsten Erzieher u
Schulmänner, sondern auch der christlichen re-
ligiösgesittetsten edelsten Frauen für sich
hatten.
Sehen Sie, geehrtester HE Schulrath, so mußten Sie
den Stein des Vorwurfes, der Sie treffen sollte, von
sich ab u mit männl[ichem] Muth auf mich zurück zu wälzen.
Ich aber würde Sie als Mann nicht im Stich gelassen
haben. Ich würde, ich stehe Ihnen dafür, für jeden Satz
u jedes Wort, was Sie über mich u mein Wirken,
mein Streben u Wollen, ausgesprochen haben u für dessen Wahrheit
eingetreten seyn; ich würde nicht als ein Schwächling den
Stein weiter u auf Andere gewälzt, sondern den-
selben, glauben Sie mir, <-> durch die Kraft der Wahrheit
der Niemand widerstehen soll, in fruchtbare Erde
zermalmt u darin Saat für die Ewigkeit gestreut
haben.
Ich weiß es, glauben Sie mir, was es heißt
in der jetzigen Zeit Worte zu sagen, u noch mehr
was es heißt, sie niederzuschreiben, ja sie nur
zu denken; ich weiß, was es heißt, Gedanken
zu haben u Gedanken zu denken, denn ich bin
ein Christ. Denn Ich sage ich Ihnen, weder ein
unb
drey unbegründete vernichtende Worte
eines königl[ichen] Ministeriums noch selbst ein einziges
unberechtigtes königl[iches] Wort werden mich hindern
um ein Haar breit von dem zu weichen, was mich
Leben u Erfahrung, Geschick u Offenbarung,
Fühlen, Denken, u Handeln, Gott, Natur u Menschheit
als Ergebniß einer fast 70jährig prüfenden Lebens-
beachtung lehrten, mir als die Tiefe des Lebens
nicht nur allein als Glauben sondern als daraus
hervorgewachsenes Geistesschauen zeigten: in
Gott leben, weben u sind wir, Lebens[-] u Gott-
einigung ist das Ziel alles Lebens; dieser Einsicht, dieser
Überzeugung, dieser erkannten Wahrheit gemäß u
zu ihr sollen wir uns und die Unsern ent-
wickeln, ihr entgegen sollen wir sie erziehen, -
sie leben machen: entwickelnd erziehende Bildung
ist der Urzweck der Schöpfung.- /
[3R]
Und nun hochgeehrtester Herr Schulrath, lassen Sie nun
von Neuem die Überzeugungen in voller Klarheit
in sich leben, mit welcher Sie das Ergebniß Ihres
Besuchs bey Friedrich Fröbel der Öffentlichkeit
und so selbst den betreffenden Behörden u Ministerien
vorlegten u fordern Sie dieselben zu der Ihnen
oben ausgesprochenen Personalprüfung meines
Wirkens auf. Sie können es, ich habe ja selbst
an diesen Stellen darum gebeten.
Sie gehen, hochgeehrtester Herr Schulrath, jedenfalls
siegreich u würdevoll aus dem Ganzen hervor.
Denn stimmte ja das gegründete Ergebniß
nicht der unbefangenen Prüfung auch Ihrem Urtheile
nicht bey, so kann Sie höchstens der Vorwurf einer
durch Umstände herbey geführten gutgemeinten Über-
eilung treffen. Und wo ist der Mann, den nicht
im Leben einmal ein solcher Vorwurf treffen
könnte. Stimmt das Urtheil der Prüfenden
mit dem Ihrigen, welch ein Triumpf für Sie;
und ich wünsche Ihnen denselben. Stimmt aber,
ich komme nochmals darauf zurück, das Urtheil
der Prüfenden mit dem Ihrigen nicht, ja ist es
ganz demselben entgegen, u im Sinne des Mini-
sterial - Verbots, so haben Sie sich dennoch einen
großen Dank u Anerkennung der Kinder u d Eltern,
der Erzieher u der Lehrer, der Gegenwart u selbst
der Zukunft, wenn auch durch Märtyrerthum
(mit Märtyrerkrone) erworben: denn Sie
haben zur Aufklärung eines Irrthums beygetragen,
welcher in seiner Fortwirkung unsägl[iches] Unheil über
im Einzelnen u Ganzen, vielleicht über unseren
u selbst in unserm Volke hätte stiften können;
und also selbst sogar als apostolischer Christ können
Sie mit mir fordern: Prüfet alles, prüfet
also auch das Thun von Friedrich Fröbel, denn
wer ohne Prüfung verdammt, der ist eben
kein Christ. /
[4]
Daß aber die Prüfung eine der Wichtigkeit d G[e]g[en]st[an]des
wirkl[ich] angemessene sey, deßhalb lassen Sie sich,
u es ist keinesweges zu viel gefordert, als
Mitcommittirter wählen, damit Sie prüfen
können, ob auch ich alles eben so einfach that-
sächl[ich] sprechend, den Committirten vorführe
als ich es früher Ihnen gethan.
So hochgeehrtester HE Schulrath, so glaube ich
als Mann und für Ihr, des Mannes, Wort
wenigstens kämpfen[d] bis zur Besiegung, wie es von
mir Pflicht, deutscher Sinn, deutsche Treue
u deutsche Dankbarkeit erfordert, einzutreten.
Sie können auch diesen Brief Ihrem
Ministerium, wie er hier ist, übersenden;
denn ich habe schon lange die Antwort auf
meine Eingabe u die darin ausgesprochene
Bitte: entweder nach eingesehenem
mir geschehenen Unrecht, um die Rücknahme
des Verbots, oder um die Sendung einer
Personalprüfung vergeblich gehofft.
Ob es mir nun gleich sehr leid gethan hat,
und noch thut, daß <-> Sie
hochgeehrtester HErr Schulrath in einer so hochwichtigen
schon so vielseitig sonst geprüften in ernster Prüfung
anerkannten und als tüchtig im Leben sich bewährten
Sache und mich nicht sogleich mit in die Schranken werfen[den]
Sache die Segel so leicht die Segel streife indem da Sie mich,
sowohl in meinem tief gegründe[te]n christlich religiösen Sinne
und Handeln wie in der männlichen Festhaltung
meiner aus ernster umfassender strenger <-> Prüfung hervorgegangenen
klaren nach des erkannten Wahren Überzeugung kennen nicht sogleich
mit in die Schranken so empfangen Sie und

die schon so vielseitig in ernster Prüfung selbst von Ihnen
anerkannten und als tüchtig im Leben sich schon bewährten Sache gefunden worden
mich nicht sogleich, zur Vertretung derselben, wenn wie es den Anschein hat, Ihnen dieselbe zu mißlich schien war mich in die Schranken riefen, da das die Sache getroffene Unrecht offen zu Tage liegt und Sie mich ja so wohl in meinem tiefbegründeten christlichreligiösen
Sinne u Handeln, wie in der männlichen Festhaltung des gewonnenen Wahren kannten, so will ich doch all des so Verlorenen nicht weiter gedenken. Ich bitte, genehmigen Sie dennoch die Versicherung meiner gefühlten wahrer Hochachtung u meiner wahren Ergebenheit
Ihres aufrichtig Ergebenen
Empfangen und genehmigen Sie hochgeehrter Herr S.R. dagegen
sondern ich bitte ich schließe mit der die Versicherung wahrer Hochachtung und aufrichtiger
Ergebenheit.

b) Reinschrift/Abschrift

[5]
Sr Wohlgeboren dem Herrn Provinzial-Schulrath Bormann in Berlin.
Marienthal unweit Bad Liebenstein 15./17. Sept. 1851.


Hochgeehrtester Herr Schulrath!

Zwar weiß ich nicht, ob Ihnen, geehrtester Herr, mein persönlicher
Besuch bey Ihnen angenehm und lieb seyn wird, nachdem Ihnen
Ihr freundlicher und wohlgemeinter Besuch bey mir, oder viel-
mehr die offene und einfache Mittheilung seines Eindruckes und seiner
Wirkung auf Ihren theilnehmenden, doch ruhigen kritischen Geist und
die Redlichkeit und Aufrichtigkeit dieser offenen Mittheilung, die
von manchen Seiten, als eine unbegründete und unberechtigte Auf-
fassung angesehen worden, Ihnen gebracht haben mag; aber eben
dieses ist es, was es mir zur unerläßlichen, nicht zu versäumenden
Pflicht macht, Sie, hochgeehrtester Herr Schulrath, ebenso offen und un-
befangen, im reinsten Interesse der Personen, der Sachen und Verhältnisse
für mich um einen Gegenbesuch bey Ihnen zu bitten, wie auch Sie un-
befangen, wenn auch streng critischen Geistes, in die Stätte meines
Wirkens eintraten. Denn es schmerzt mich tief, daß eine so mannhaft
ehrenwerte That, wie die gedachte, dem Vollbringer derselben so bittere
Früchte bringen soll, als sie nur immer eine ganz falsche und unbe-
gründete Auffassung einer Sache erzeugen kann. Darum komme ich
mit ernstem Vorsatze und festem Willen zu Ihnen, mir alle diese
bitteren Früchte, hervorgegangen aus Ihrer offenen Ihnen tief begrün-
deten Anerkennung der frühen Erziehung der Kindheit, ihrer Mittel
und Wege, deren Vertreter ich bin, mir von Ihnen für mich zu erbitten;
nicht, um an dem Genuß dieser bittern Früchte meinen Magen zu verderben,
und mir Übelkeiten zu verschaffen, sondern um an denselben meine uralte
und wieder ganz junge Kindergartenkunst zu üben, und mir das Bittere
in Süß zu verwandeln, wie mich dieses selbst meine eigenen Mutter- /
[5R]
und Koselieder im Schmeckliedchen lehren.
Sie werden mir nun wohl, geehrtester Herr, darauf antworten,
das ist von Ihnen, gutmüthiger Friedrich Fröbel, zwar recht gut gemeint;
aber die Folgen können Sie mir doch nicht mehr abnehmen; was mich ge-
troffen, das hat mich getroffen.
Das thut mir nun freilich herzlich leid, und doch kann ich es nicht ändern;
ich aber, an Ihrer Stelle, würde nun augenblicklich diese unangenehme
Wirkung meines von mir als tief berechtigten Urtheils auf den Grund und
Ausgangspunkt desselben: auf den, welcher mein Urtheil bestimmte, -
zurückgeleitet haben, d.h. auf mich, den Schreiber dieses, oder vielmehr auf
die Ihnen von mir vorgeführten unwidersprechlichen Thatsachen, um
im Bilde zu reden, daß schwarz eben schwarz und nicht weiß, krumm eben
krumm und nicht grad ist; oder umgekehrt.
Ich meine es mit dem so eben Ausgesprochenen im höchsten Grade ernst,
d.h. ich meine, wenn man, wie Ihnen, meinem aus tiefster Überzeugung
hervorgegangenen, von mir so männlich als einfach und klar ausgesprochenen
Worte nicht hätte glauben wollen, so würde ich eben so männlich als einfach
und bestimmt erklärt haben: - „Nun, so sende man einen, zwey, drey
und meinethalben soviel Männer als man will, welche aber vorerst all-
seitige Lebenserfahrungen haben, d.h. das Leben kennen, wie es ist, wie es
geworden und was es ferner fordert; die das Herz auf dem rechten Fleck,
wie Klarheit des Geistes und Unbefangenheit der Kritik, aber auch den
Muth haben, das in ungestörter Folgerichtigkeit erkannte Gute auch ohne
Parteylichkeit zu vertreten; sendet solche Männer hin zu Friedrich Fröbel
und lasset denselben auch von ihm Alles so vorführen wie mir, und hört-
ich wage viel, sehr viel, indem ich dieß ausspreche - und hört dann deren Urtheil;
überführt dann dasselbe mich, daß ich mich in der Fröbelschen Darstellung geirrt
habe, oder mich durch den äußern Schein derselben habe täuschen lassen, so werde
ich mich gerne fügen, denn ich bin ein Mensch, und irren ist eben menschlich;
prüfet, lasset, so Fröbel in Wort, Thun u Wollen prüfen, und hat er mich durch
Außenwerk getäuscht, so treffe ihn auf solche dargelegte Thatsachen das Loos,
welches er verdient: für Selbstverblendung und Verblendung Anderer. /
[6]
Bis dahin aber stehe ich als Mann für mein von mir gesprochenes
Urtheil ein.“ Sie konnten und durften um so mehr so sprechen, als Sie in
gleicher Weise nicht nur die Urtheile von mehreren der gebildesten und er-
fahrensten Erzieher und Schulmänner sondern auch der christlichen, gesittetsten und
edelsten Frauen für sich hatten.
Sehen Sie, geehrtester Herr Schulrath, so mußten Sie den Stein des Vor-
wurfes, der Sie treffen sollte, von sich ab und mit männlichem Muthe auf
mich zurückwälzen. Ich aber würde Sie als Mann nicht im Stiche gelassen
haben. Ich würde, ich stehen stehe Ihnen dafür, für jeden Satz und jedes Wort,
was Sie über mich und mein Wirken, mein Streben und Wollen ausgesprochen
haben, für dessen Wahrheit eingetreten seyn; ich würde nicht als ein Schwächling
den Stein weiter und auf Andere gewälzt, sondern denselben, glauben Sie mir,
durch die Kraft der Wahrheit, der Niemand widerstehen soll, in fruchtbare Erde
zermaltet und darin Saat für die Ewigkeit gestreut haben.
Ich weiß es, glauben Sie mir, was es heißt in der jetzigen Zeit, Worte
zu sagen, und noch mehr, was es heißt, sie niederzuschreiben, ja sie nur
zu denken: ich weiß, was es heißt, Gedanken zu haben und Gedanken zu denken,
denn ich bin ein Christ. Ich sage Ihnen, weder drey unbegründete, vernich-
tende Worte eines königlichen Ministeriums, noch selbst ein einziges un-
berechtigtes königliches Wort werden mich hindern um ein Haar breit
von dem zu weichen, was mich Leben und Erfahrung, Geschick und Offenbarung,
Fühlen, Denken und Handeln, Gott, Natur und Menschheit als Ergebniß einer
fast siebenzig jährig prüfenden Lebensbeachtung lehrten, mir als die Tiefe
des Lebens, nicht allein als Glauben, sondern als daraus hervorgewachsenes Geistes-
schauen zeigten: in Gott leben, weben und sind wir, - Lebens[-] und Gott-
einigung ist das Ziel alles Lebens; dieser Einsicht, dieser Überzeugung, dieser
erkannten Wahrheit gemäß sollen wir uns und die Unsern entwickeln, ihr entgegen
sollen wir sie erziehen, sie leben machen: - entwickelnd erziehende Bildung
ist der Urzweck der Schöpfung.-
Und nun, hochgeehrtester Herr Schulrath, lassen Sie von Neuem die Über-
zeugung in voller Klarheit in sich leben; mit welcher Sie das Ergebniß Ihres
Besuchs bey Friedrich Fröbel der Öffentlichkeit und so selbst den betreffenden Behörden /
[6R]
und Ministerien vorlegten, und fordern Sie dieselben zu der Ihnen
oben ausgesprochenen Personalprüfung meines Wirkens p auf. Sie
können es, ich habe ja selbst, an diesen Stellen darum gebeten.
Sie gehen, hochgeehrtester Herr Schulrath, jedenfalls siegreich und wür-
devoll aus dem Ganzen hervor. Denn stimmte ja das gegründete Ergebniß
der unbefangenen Prüfung auch Ihrem Urtheile nicht bey, so kann Sie höchstens
der Vorwurf einer durch Umstände herbeygeführten gutgemeinten Übereilung
treffen. Und wo ist der Mann, den nicht im Leben einmal ein solcher Vor-
wurf treffen könnte. Stimmt das Urtheil der Prüfenden mit dem Ihrigen,
welch ein Triumpf für Sie! und ich wünsche Ihnen denselben. Stimmt aber,
ich komme nochmals darauf zurück, das Urtheil der Prüfenden mit dem
Ihrigen nicht, ja ist es ganz demselben entgegen, und im Sinne des Ministe-
rialverbots, so haben Sie sich dennoch einen großen Dank und Anerkennung
der Kinder und der Eltern, der Erzieher und der Lehrer, der Gegenwart und selbst
der Zukunft, wenn auch durch Märtyrerthum erworben: denn Sie haben zur
Aufklärung eines Irrthums beygetragen, welcher in seiner Fortwirkung
unsägliches Unheil im Einzelnen und Ganzen, und selbst in unserm
Volke hätte stiften können; sogar als apostolischer Christ können Sie mit
mir fordern: Prüfet Alles, prüfet auch das Thun von Friedrich Fröbel;
denn wer ohne Prüfung verdammt, der ist eben kein Christ.
Daß aber die Prüfung eine der Wichtigkeit des Gegenstandes wirklich
angemessene sey, deßhalb lassen Sie sich, und es ist keinesweges zuviel ge-
fordert, als Mitcommittirter wählen, damit Sie prüfen können, ob
auch ich alles, eben so einfach thatsächlich sprechend, den Committirten vor-
führe, als ich es früher Ihnen gethan.
So, hochgeehrtester Herr Schulrath, so glaube ich als Mann und für Ihr,
des Mannes, Wort, wenigstens kämpfend bis zur Besiegung, wie es von mir Pflicht,
deutscher Sinn, deutsche Treue und deutsche Dankbarkeit fordert, einzutreten.
Sie können, auch diesen Brief Ihrem Ministerium, wie er hier ist, über-
senden; denn ich habe schon lange die Antwort auf meine Eingabe und die
darin ausgesprochene Bitte: entweder, nach eingesehenem mir geschehenem Unrecht,
um die die [2x] Rücknahme des Verbots, oder um die Sendung einer Personal- /
[7]
Prüfung vergeblich gehofft.
Ob es mir nun gleich sehr leid gethan hat, und noch thut,
daß Sie, hochgeehrtester Herr Schulrath, in einer so hochwichtigen
Sache, die schon so vielseitig in ernster Prüfung, selbst von Ihnen
anerkannt und als tüchtig im Leben bewährt gefunden worden,
mich nicht sogleich, zur Vertretung derselben, wenn wie es den Anschein
hat, Ihnen dieselbe zu mißlich war, in die Schranken riefen, da Sie
mich ja wohl in meinem tiefbegründeten, christlichreligiösen
Sinne und Handeln, wie in der männlichen Festhaltung des gewonne-
nen Wahren kannten, so will ich doch all des so Verlorenen nicht
weiter gedenken. Empfangen und genehmigen Sie, hochgeehrter
Herr Schulrath dagegen die Versicherung wahrer Hochachtung und
aufrichtiger Ergebenheit
[7R/8]
[leer]
[8R]
[Adresse:]
Abschrift.
Sr Wohlgeboren
Herrn Provinzial-Schulrath Bormann
     in
     Berlin