Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 18.10.1851 (Marienthal)


F. an >Keilhauer Gemeinschaft< v. 18.10.1851 (Marienthal)
(BN 724, Bl 87, undat. Entwurf 1 Bl 4° 1½ S.; BN 724, Bl 88, Reinschrift 1 Bl fol. 2 S.)

a) Entwurf

An die gesammte Fröbelsche Familie in Keilhau.
Nachdem nun Middendorff in Euern Kreis zurück gekehrt ist werdet Ihr
mit Gewißheit erwarten daß er auch von mir eine Entscheidung meiner entschiedene Ansicht <> der
gesammten Keilhauerverhältnisse Euch von mir mitbringe und so spreche ich
Euch solche hier unumwunden mit offenen klaren unpartheilosen Blick auf das
Ganze und auf jeden Einzelnen hier unumwunden aus: - Nachdem ich Alles in mir
reiflich und immer wieder von neuem und die Ansprüche Rechte und Erwartungen jedes
Einzelnen durchdacht und erwogen sehe und erkenne ich für die Gegenwart keine andere Entscheidung
des Ganzen als das [sc.: daß] Alles und mein im Recht bestehendes Verhältniß zum
Ganzen unverkürzt und ungetrübt wie bisher bestehend bleibe, dadurch hat nämlich
jeder Einzelne unter Euch sein Recht u seine Ansprüche und auch Ihr wenn auch Ihr wollt als ein Ganzes wollt mir gegen über Euer Recht
und <seine> Ansprüche geltend zu machen; jeder von Euch sagt u spricht aus daß er die Idee den
Grund- den Gottesgedanken in welchem Keilhau sein Daseyn verdanke in sich nach Maaßgabe seiner
Individualität in größter Einheit und Reinheit im Ganzen u in jedem Einzeln[en] nicht
nur für in sich uneigennützig ohne Selbstsucht als eine gemeinsam Menschheitliche ihm zur Pflege mit <> übertragene heilige festhalte, sondern so auch darzustellen sich bemühe. Ich bin kein Herzenskündiger so habe ich kein Endwort nur eins
Jeder hat es damit mit dem Vater der Menschheit
abzumachen so aber das ist liegt klar vor: Jeder hat
als solche und als solcher <natürlichen u natürlich>
auch als natürl[iches] Glied des G[an]zen in der ihm so gewordenen Stellung
nach seiner Weise nach seiner Kraft nach seinem besten Wissen
und Gewissen für die d. heißt sich selbst dabey wie es in der Natur der Sache liegt nicht vergessen für das
Ganze wie für jedes Einzelne in demselben gewirkt - das sich dadurch gegebene gewordene sich bewahrte u weiter erworbene
Recht kann keinem aber auch nicht weder von Außen her noch von irgend einem andern Gliede des
Ganzen geschmählert werden, darum bleibt mir nichts übrig als zu sagen wie jener Herrscher im
Nathan zu sagen, beweise jeder von Euch und am besten beweißt es in gegenseitiger in offenkundiger gemeinsamer That nicht nicht in Worten
daß jeder von Euch zwar in eigenthümlicher Weise, wie jede Blumen- u Obstart, jede Rosen- jede Apfel[-] u Birnenart Euch beweisen kann, aber als Ganzes in sich trage; - darüber aber teuscht Euch nicht,
teuscht Euch weder als Ganzes, noch teusche sich irgend unter Euch ein Einzelner - hier nützt Euch
weder als Ganzes noch irgend einem Einzelnen der Schein, die Vorspiegelung, das leere Wort,
nur die Handlung u die That, und hier wieder nicht einmal als Handlung u That, sondern
die Weise, der Ausdruck mit der sie geschieht zeigt den Geist die Gesinnung aus der sie her-
vorgegangen ist und darüber läßt sich weder der Geist der Wahrheit in Gott, noch der Geist der Wahrheit welcher als
göttlicher Geist in der Menschheit, wie dadurch in jedem einzelnen Menschen lebt nicht teuschen.
Dieser Geist der Wahrheit der sich jetzt in Allem u d[urc]h Alles frey zu machen [strebt] prüfend d[urc]h
das Leben u die Handlungen Gedanken u Gesinn[ungen] der Menschheit der Völker, wie der Familie u
d[urc]h das Leben jedes Einzelnen geht wird nicht nur nirgends den Schein der Wahrheit für die Wahrheit gelten
lassen sondern er wird diesen Schein selbst namentlich
d[urc]h den deutschen Geist an[s] Licht bringen, der in seinen Sprüchwörter[n] mir ein
heiliges Buch gleich der Natur u Bibel ist und welcher ausspricht: -/
[87R]
es ist ( im Guten wie im Bösen im Rechten wie im Unrechten im Göttlichen wie im Menschl[ichen])
nichts so klar gesponn'n es kommt doch endl[ich] an die Sonn', - und so auch in und mit unserm
Leben als ein Ganzes und in jedem von u d[urc]h jeden Einzelnen Im Allgem[einen] wie im Besondern
im Ziel u Zweck wie nach Mittel, Weg u Weise. Möget Ihr hierin wieder den
Gründer wie den Grund finden welchen Keilhau als Erziehendes Leben u jeder
einzelne in demselben seine Stellung seine Wirksamkeit u seine Anerkennung verdankt.
So wie Sie liebe Schwägerin Ihren bleibend gleich treugesinnten Schwager ihr andern
[ebenso darin]
Euern bleiben[d] gleich[-] u treugesinn[ten] Oheim
Friedrich (Wilhelm August) Fröbel.

b) Reinschrift

[88]
An die gesammte Fröbelsche Familie in Keilhau.
Nachdem nun Middendorff in Euern Kreis zurück gekehrt ist,
werdet Ihr mit Gewißheit erwarten, daß er auch, als ein Er-
gebniß und Frucht seines Hierseyns Euch von mir eine entschie-
dene Ansicht der gesammten Keilhauer Verhältnisse mit zurück
bringe und so spreche ich Euch solche hier unumwunden mit offenem,
klaren, partheilosen Blick auf das Ganze und auf jeden Einzelnen
wie in einfachen dem Ganzen wie jedem Einzelnen verständlichen Worte
aus.- Nachdem ich Alles in mir reiflich durchdacht und immer
wieder von Neuem die Ansprüche, Rechte und Erwartungen jedes
Einzelnen unter uns erwogen, sehe und erkenne ich für die Gegen-
wart keine andere Entscheidung zum Wohl und Heil des Ganzen
und jedes Einzelnen desselben, als daß Alles wie es, im Geiste und durch
den Geist des Ganzen ursprünglich geworden unverkürzt und
ungetrübt bestehen bleibe; denn dadurch hat jeder Einzelne unter
Euch sein ungeschwächtes Recht seine Ansprüche, jede einzelne Familie
unter Euch das gleich Recht die Ihrigen, auch wenn Ihr als ein Ganzes
wollt mir gegen über Euer ungeschmählertes Recht, nicht nur
Eure Ansprüche, sondern auch selbst Eure Gesinnungen geltend zu machen.
Jeder von Euch sagt und spricht nemlich aus und hält es dem Andern
gegenüber fest, daß er die Idee, den Grund, den Gottesgedanken
welchem Keilhau seyn Daseyn verdanke, in sich nach Maaßgabe
seiner Individualität in größter Einheit und Reinheit im Ganzen
und in jedem Einzelnen nicht nur in sich uneigennützig, ohne Selbst-
sucht als einen gemeinsam menschheitlichen ihm zur Mitpflege und
Mitdarstellung mitübertragenen heilige - festhalte sondern so auch
darzustellen sich bemühe, wie es der Geist und der Zweck des Ganzen
fordere. Ich bin kein Herzenskündiger und so habe ich darüber
kein Endwort, jeder hat es damit in sich mit sich selbst mit seinem
Selbstbewußtseyn oder was mir gleich, nur allgemeiner und
somit unpersönlicher ausgesprochen ist, mit dem Vater der Mensch-
heit abzumachen. Aber das liegt klar vor: Jeder hat als na-
türliches Glied des Ganzen in der ihm sogewordenen Stellung nach
seiner Weise, nach seiner Kraft, nach seinem besten Wissen u Gewissen
d.h. sich selbst dabei, wie es in der Natur der Sache liegt, nicht
vergessen für das Ganze, wie für das Einzelne in demselben ge-
wirkt, das nun dadurch ihm gewordene, sich bewahrte und
weiter erworbene Recht kann keinem aber auch nicht weder
vom Ganzen, weder von Außen her noch aber ebensowenig
von irgend einem anderen Gliede innerhalb des Ganzen ge-
schmählert werden. Darum nun bleibt mir im freien klaren
Blick auf das Ganze und auf die persönliche volle Beachtung je-
des Einzelnen nichts übrig als mit dem Freunde im Nathan
zu sagen: beweise jeder Einzelne von Euch und am Besten be-
weißt es in gegenseitiger offenkundiger gemeinsamen That
daß Jeder und Jede, wie Jedes von Euch zwar in Eigenthümlicher
Weise, (wie jede Blumen- und Obstart, jede Rosen- jede Apfel-
und Birnen Sorte beweisen kann) aber dennoch als das Ga[n]ze [als] Ganzes
in sich trage und bemühet dieß besonders eben
als <ein ein eige[ne]s>, klar bewußtes
jeden in sich anerkan[n]tes <Ga[n]zle[be]n>; und Ihr werdet Anerkennung und Eurer [sc.: Euer] Recht als Ganzes
wie als Einzelnes und jedes Einzelne, so wie freudige, lebensfrohe
wie lebensfrische - kurz gesunde Entwickelung Eures Innern, wie
Darlebung Eures Wesens finden. Aber darüber teuscht Euch
/
[88R]
nicht, teuscht Euch weder als Ganzes, noch teusche sich irgend ein
Einzelnes unter Euch, hier nützt Euch weder als Ganzes noch ir-
gend einem Einzelnen der Schein, die Vorspiegelung, das leere
Wort, nur die Handlung, die That, und hier wieder nicht einmal
als That und Handlung, sondern die Weise, der Ausdruck mit der
sie geschieht, dieß zeigt den Geist die Gesinnung aus der sie hervor-
gegangen ist und darüber läßt sich gerade der Geist der Wahrheit wie er in Gott,
noch der Geist der Wahrheit, welcher als Göttlicher Geist in der
Menschheit, wie dadurch in jedem einzelnen Menschen und selbst schon
im Kinde lebt, sich nicht teuschen. Dieser Geist der Wahrheit der
sich jetzt in Allem und durch alles frey zu machen strebt u. so prüfend
durch das Leben
durch die Handlungen, die Gedan-
ken und Gesin[n]ungen der Menschheit,
der Völker wie der Familien
wie durch das Ganzen se Leben jedes Einzelnen geht, wird
nicht nur nirgends den Schein der Wahrheit für die Wahrheit selbst
gelten lassen, sondern er wird diesen Schein selbst zu seiner
Zeit, namentlich durch den deutschen Geist selbst ans Licht bringen
der in seinen Sprüchewörtern mir ein heiliges Buch gleich der
Natur und der Bibel ist und welcher darin ausspricht: -
es ist (- im Guten wie im Bösen im Rechten wie im Unrechten im
Göttlichen wie im Menschlichen) - nicht so klar gesponn'n es kommt
doch endlich an die Sonn' - und so auch mit unserm Leben als ein
Ganzes und wie in der Mannigfaltigkeit, in jedem Einzelnen derselben; also
im Allgemeinen wie im Besondern im Ziele und Zweck, wie
nach Mittel, Weg und Weise.
Möget Ihr nun in dem hier Ausgesprochenen den Grund
wie den Gründer wiederfinden welchem Keilhau als ein erziehendes Menschenleben
und Ganzes wie jeder Einzelne in demselben, seine Stellung,
seine Wirksamkeit und seine Anerkennung verdankt; wie
es Euch als Ganzem, so wie jedem Einzelnen in demselben nun
auch weiter überlassen bleibt nach seinem eigenen besten
Ermessen zu handeln, wie ich es hier nach dem meinigen
für Pflicht und Recht hielt; so wie Sie darinn finden
mögen liebe Schwägerin Ihren bleibend gleichtreugesinnten
Schwager und Ihr Anderen ebenso darin
Euern bleibend treugesinnten Oheim
Friedrich (Wilhelm August) Fröbel.

      Marienthal
nächst Bad Liebenstein
am Gedächtnißtage der großen
      deutschen Völkerschlacht
      am 18n Oktober 1851.