Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 24.10.1851 (Marienthal)


F. an Jan Daniel Georgens in Baden-Baden v. 24.10.1851 (Marienthal)
(BN 451, Bl 10-11, Reinschriftfragment 1 B 8° 3½ S.; Abschrift in BlM F 1058/67, S.718-721 4 S.)

Marienthal nächst BadLiebenstein b Eisenach am 24/X. 1851.


Mein hochgeschätzter, lieber Freund.

Endlich habe ich, wirklich nach Monaten einen Geistes- und Ge-
müthsfreien vom Lebensgedränge unverwirrten Tag genomm[e]n[.]
Derselbe sey nun auch einer recht ruhigen gemüthlich ernsten Be-
sprechung des Lebens gewidmet, nach welcher ich mich schon
seit Langem von Grund meines Herzens gesehnt habe; denn
nur bei einer solchen Beachtung und Behandlung des Lebens
kann dasselbe gedeihen und zu dem Ziele geführt werden, wel-
ches wir alle erstreben, dem Ziele wahren innern und äußern
Lebensverständnisses und daraus hervorgehenden innern u.
äußeren Lebenseinigung, welche unser Gemüth ersehnt und
das innerste Bedürfniß unserer Seele, des Wesens unser Aller
ist. Besonders habe ich mich nach einer solchen Lebensbesprechung
und wirklichen Lebensbeachtung mit Ihnen mein lieber ge-
schätzter Freund gesehnt; denn soll ächtes Lebensverständniß
eintreten, soll daraus innere und zweckeinige auch äußerlich
zusammenwirkende Thätigkeit hervorgehen - ohne welche
eigentliche und schöne Verkörperung jene innere geistige
Einigung wirklich nur ein Phantom ist und bleibt - so kann
und muß dieß Lebensverständniß, dieses zweckeinige auch
sachliche Zusammenwirken zunächst nur, (:gleichsam zur Ge-
währ und Bürgschaft für die anderen, zwar gleiche Lebens-
einigung Erstrebenden, allein in sich und um sich noch nicht
zu voller LebensKlarheit Hindurchgedrungenen:) - nur
von Wenigen, von der geringsten Anzahl ausgehen,
welche in sich beherrschend und klar über dem Leben und
äußerlich ruhig, selbstthätig und selbstständig im Leben
stehen; das Größte und Lebenswichtigste, wie uns dieß
das Christentum in so collosaler Weise und Anders, bis
zu unserer Zeit herab augenfällig beweist geht immer
aus dem Kleinsten und Unscheinbarsten, aus den [sc.: dem] Ver-
ständniß und der Einigung der geringsten Anzahl von
in sich selbst klaren und lebenseinigen aus zwei solchen
Menschen hervor. Was nun aber, nach meiner Überzeu-
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gung bisher überwiegend die Wirkung blos naturgesetziger,
gleichsam instinktiver und so selbst im Menschenleben
überwiegend gemüthlicher, Gefühlsentwickelung war,
das soll jetzt das Ergebniß der klaren menschlichen und
männlichen Einsicht und Selbstbestimmung, soll Wirkung
und That der sich klar bewußten gewonnenen Geistesausbildung werden.
Dieß hier Angedeutete soll nun, nach meiner tiefsten Über-
zeugung, auch in Beziehung auf das Höchste und Größte
was die Zeit erstrebt, geschehen: in Beziehung auf die
Volks- und Völker- überhaupt auf die Menschheits- und
allseitige Lebenseinigung, in Beziehung auf dieß größte
alle jetzigen und künftigen Entwickelungen umfassende
Streben der Gegenwart; auch dieß soll und muß seinen
Que Lebens-, Quell- und Ausgangspunkt in der frei- und
selbstthätigen innern, wie nach Außen productiven Lebens[-]
einigung zweier in gewonnenem Selbstbewußtseyn
über dem Leben, wie zugleich auch wieder so wirksam im
Leben stehender Männer und Lebenskreise geschehen.
Lassen Sie sich aber ja nicht bei diesem Blicke auf das große,
erhabene, ja wenn Sie wollen unendliche Lebensganze,
ja nicht das scheinbar unbedeutende Kleine aus dem Auge
rücken, und verlieren Sie bei dem Blicke auf das un-
scheinbar Kleine ja den Muth nicht durch Jahr und
Menschenalter, durch Jahrhunderte und Jahrtausende
hindurch auch das Große daraus zu entwickeln. Sehen
Sie die unscheinbare Lindenblüthe wie die Einigung der
Zweiheit der kleinen Lindennuß schafft aus welcher die
collossale Linde hervorwuchs welche nach Jahrhunderten
neue Menschengeschlechter mit ihrem Duft erquickt.
Sehen Sie sogar die duftlose Eiche, wie zwei unscheinbare
und weit getrennte Erscheinungen an ihr, die getrennten
Blüthen gleichsam in Gemüths- und Geisteseinigung die
ebenso einfache und gestaltlose, eiförmige Eichel
hervorrufen, welche wieder nicht nur das ganze Wesen der
tausendjährigen Eiche in sich faßt, sondern auch
wieder durch Jahrtausende hindurch in Vollständigkeit bis
ins Kleinste hin aus sich entwickelt, und nun sogar so das
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Sinn- und Lebens- das zur Ausdauer ermuthigende Vor-
bild eines durch Jahrtausende hindurch sein innerstes, gött-
liches Wesen in reiner Menschheit äußerlich darzuleben
strebenden Urvolkes - unseres Volkes - des deutschen wird.
So spricht die ewige Urliebe durch die stumme, stille Na-
tur zu uns, entwickelt, belehrt, kräftigt und ermuthigt
uns durch dieselbe, auf unserer scheinbar geringen, schwa-
chen, in der Vereinzelung zwar noch schwachen, aber in
geistig geeinter Thätigkeit starken Kraft zu vertrauen
zunächst in uns und so um uns das hervorzufördern, her-
vorzurufen, darzustellen, was nicht länger zu verkennen-
de Lebensforderung nicht länger an die Seite zu stellende
sondern muthig zu lösende Lebensaufgabe ist: einfach ver-
nünftige, thatsächliche förderliche Lebenseinigung; sich
wie mein und unser Leben von dem gewöhnlichen prak-
tischen überhaupt nur wesentlich dadurch unterscheidend
daß ich und wir mir alles erst nach und mit geistiger
bewußter Selbstbestimmung thun.
Seitdem mir nun das Streben der Menschheit besonders
der abendländischen und namentlich unseres Volkes,
wie auch das meine mir nach Zweck und Ziel, Mittel, Weg
und Weise und so die Übereinstimmung zwischen beiden
ganz klar ist, seit dieser Zeit und nun zunächst seit Jah-
ren suche ich einen Mann mit welchen ich mich zuför-
derst, wie man es nennt literarisch d.h. die gemein-
same Lebensaufgabe gemeinsam fördernd durch Wort
und Schrift bleibend einigen könnte. Viel prüfte ich Perso-
nen und Verhältnisse; freiere Verhältnisse noch von den Sor-
gen und Pflichten des Familienlebens nicht gebunden und
freies geistiges Streben schienen mir darzureichen was ich
suchte; doch das noch ungebundene freiere äußere Dastehen
im Leben verbürgte noch nicht ein und innere eige-
ne und geistige Freiseyn und das erst sich noch selbst su-
chende Streben des Geistes zeigte mir noch nicht, das fest
auf einen bestimmten Punkt gerichtete Streben des
sich schon selbst gefundenen lebensklaren, lebenserfahre-
nen, so über dem Leben stehenden Mannesgeistes und so
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lösten sich seit einigen Jahren mehr oder minder schnell
von mir in [sc.: im] oben bezeichneten Geiste angeknüpfte
Lebensverbindungen.
Unsere Pädagogenversammlung brachte auch unser
innerstes wie äußeres Leben wieder einander näher.
Ich gestehe offen und es wird Ihnen auch wohl noch im Gedächt-
niß seyn, ich brachte viel, und oft vom Leben darauf ge-
führt von Neuem Ihr geistiges Wirken, geschätzter Fr[eun]d,
mit dem meinen in mir in eine enge, ernste und
bleibende Verknüpfung [Text bricht ab]