Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Berlin v. 31.10.1851 (Marienthal)


F. an König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen in Berlin v. 31.10.1851 (Marienthal)
(BN 600, Bl 1-2, undat. Entwurf 1 B fol. 4 S., BlM XXI,70, Bl 376-377, tw. dat. Entwurf / Schlußteil v. Marenholtz-Bülow sowie Reinschriftfragment [Briefanfang] 1 B fol. 4 S.; BlM XXI,70, Bl 379-381, Abschrift Luise F. 1½ B 8° 6 S.; ed. Ev. Kinderpflege 1952, 91-93 ohne Eröffnungs- und Schlussfloskel, Auszug /Schlußteil bei Prüfer 1920, 113.)

a) Entwurf [BN 600, Bl 1-2/BlM XXI, 70, Bl 376-377]


Allerdurchlauchtigster Herr,
Allergnädigster König und Herr.

Im Namen der Kindheit - nicht in meinem
Namen - wende ich mich an Ew. Majestät, als
den Vater der Kindheit Ihres Reiches um Sie
zum Schutz dessen aufzufordern was derem
Heil, wie dem Heile der Kinder im Allge-
meinen gewidmet ist.-
Unter den unheilvollen Bestrebungen dieser Zeit,
deren man sich mit Recht zu erwehren sucht, sind
durch naheliegende Verwechselungen, auch die
meinen, für die erste Erziehung der Kindheit mit
begriffen worden - und so in Preußen verurtheilt,
worden ohne jedoch näher geprüft zu seyn.
Auf das Verbot der Kindergärten d.d. Berlin
den 7 August d. J. des Ministeriums für geistliche,
Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten
Beilage A (: Siehe die Beilage A:) erkannte ich es vielfach war es mir daher
als unerläßliche Pflicht, gegründet auf die in dem
Verbote selbst offenkundig vorliegende Sach- und
Personenverwechselung, in einer ehrerbietigen
Eingabe d.d. Marienthal vom [Lücke] Aug genanntes Ministerium zu bitten um Zu[-]
rücknahme des gegebenen Verbotes, mindestens zu[-]
nächst um gründliche Prüfung des eigentlichen Gegenstandes, nem-
lich meiner frühen Kinderführungs- und Erziehungs[-]
Beilage B weise zu bitten.(: Siehe die Beilage B:) Zu[-]
gleich erkannte ich es aber auch von mir aus,
den hohen Beschützern, den Beförderern und Freunden
wie den Führern der Kindergärten gegenüber
für unausweichlich nothwendig eine öffentliche Erklärung des von mir Geschehenen ab zu geben.
Beilage C. (:Siehe die Beilage C:)
D. d. Berlin vom 22 Septbr empfing ich auch,
zwar nicht, wie ich gehofft hatte, auch vom gen:
Ministerium sondern vom Herrn Minister
persönlich als Erwiederung auf meine oben gedachte
Eingabe die Bestätigung des Verbotes, jedoch
ohne Nachweis der Gründe noch ohne Hoffnung
der erbetenen weiteren gründlichen Prüfung des Sachverhaltes.
Beilage D. (:Siehe die Beilage D:)
Wenn nun aber auch blos die meiner
Eingabe beigelegten Kindergartenschriften;
wie von mir ziemend gebeten wurde, einer wirklichen Prüfung /
[1R]
unterworfen worden wären könnte man nicht
die Anschuldigung desNichtchristlichen im Verbot
vom 7 August auch in dieser Erwiederung des<?>
vom 22 Septbr festgehalten haben, indem da- indem schon die gedachten Schriften klar darlegen wie eben
rin alle meine Bestrebungen im Einzelnsten, wie im
Ganzen einzig dahin gehen erstlich von Seiten
in den Müttern wie in den gesammten Familien
und deren Umgebungen die <dessen> Gesinnung das Streben zu weiten und wie zum Bewußtseyn wie Ausübung zu bringen das Kind gleich von seinem ersten Erscheinen im christlichen
Sinn zu erfassen und demgemäß erziehend zu behandeln; dann aber
auch zweitens das Innere wie das Äußere des
Lebens des Kindes Lebens in dem Sinne Jesu schützend zu
bewahren und zu pflegen um zu unvergäng-
lichen Seegen für das des Kindes ganzes künftige Leben,
später auch Jesu Lehren in sich aufzunehmen, Jesu Forde-
rungen auch im äußern innern Leben zu erfüllen zu können.
Sollte nun aber dieße <zwar auch nicht auf das ? ?> aber Sinn tiefliegende christl Gesinnung so klar es auch für ein einfach
christlich mütterliches Auge, einen einfach christl
erziehenden Sinn darin den <bri?> diesen Schriften schon ausgesprochen liegt, doch,
damit daraus nicht sattsam genug daraus hervorgetreten seyn, um darauf ein vollgültiges RechtsUrtheil zu gründen so würde aber
das Ergebniß der weitere[n] erbetene[n] Prüfung meiner früheren Schriften
so wie meiner erz. Bestrebungen überhaupt gewiß das tiefgegründete Fund christliche Fundament mei-
nes erziehenden Streben[s] unzweideutig nachgewiesen
haben. Indem ich schon im Jahr 1821 und später
in der Schrift:
Durchgreifende, den deutschen Charakter ge-
nügende Erziehung ist das Grund- und Quellbedürf-
niß unseres Volkes

ausgesprochen habe:
”Jede Erziehung, soll sie Frucht bringen, muß sich
auf Religion gründen.”
”Alle Erziehung die sich nichtauf Religion
gründet ist fruchtlos.”
”Die christliche Religion, die Religion Jesu, ge-
nügt dem Wechselverhältniß zwischen Gott
und Menschen ganz u ist dasselbe erschöpfend.”
”Alle Erziehung die sich nicht auf die christ-
liche Religion gründet ist mangelhaft u einseitig”.
u s w.
Wie sich denn dieser fundamentale christliche
Sinn in dieser ganzen Schrift, wie auch in all
meinen spätern Schriften und keinesweges in den Schriften allein, sondern in all meinem erziehenden Thun u Bestrebungen durchweg ausspricht.
und zugleich wie schon offen erklärt auch mit dem Streben gepaart
[2]
das Kind und so den Menschen überhaupt für die
Aufnahme dieser Wahrheiten und ihre Würdigung
zu entwickeln wie zum Nachleben zur Erfüllung derselben
zu kräftigen, auszubilden, und dieß Vorbereiten-
de und Fortbildende für ächt christliches Leben,
ohne welches wir selbst im Thun so wenig christlichen
Sinn finden, wie dieses bleibt als das Einzige übrig was man in meinem Leben als <nicht> christl erkennen konnte; obgleich es auch doch ganz im Sinne und in den
Forderungen Jesu ist.
Wenn nun jene Anschuldigung des Nichtchrist[-]
lichen nicht nur gegen die von Karl Fröbel ausgespro-
chenen Ansichten - (welche ich jedoch mehrfach öffentlich
schon wie auch Beilage C bestimmt sagt als den meinen entgegengesetztstehend erklärt habe)
- gerichtet erscheint sondern wirklich meiner Erzieh[-]
ungsweise ohngeachtet der gegebenen Gegenbeweise ferner noch beharrend zur Last gelegt wird, so kann ich bei der
allerschätrfsten Selbstprüfung nur das schon Oben Ausge-
sprochene als Grund dieses Beharrens finden, daß nämlich mit meinen rein christlichen Sinn
eben auch noch das Streben gepaart ist zwar den Menschen
überhaupt zuförderst aber auf seiner ersten Entwickelungsstufe als das Kind für die Aufnahme
der so hohen als tiefen Lebenswahrheiten Jesu schützend zu beachten und für und daran
wahre Würdigung zu entwickeln, wie zur Darlebung
derselben aus sich zu kräftigen und auszubilden, Entschluß u
Willen zu befestigen; ohne welches alles, wir ja eben
im Thun der Menschen jetzt so wenig ächt christlichen Sinn
finden, wie es ja auch ganz im dem Sinne und in den
Forderungen Jesu ist, damit der treue ächte Jünger u Nach[-]
folger Jesu (jetzt nach dem die Menschheit Christenheit seit dessen
Scheiden nahe 2000 Jahre gearbeitet) nicht
wenn
er gleich seinem Meister als treuer Säemann
jetzt aus Saamen des MenschenHeils ausstreut nicht noch, wie
sein Meister vor verflossenen 2000 Jahren
von seiner noch <rauhen> Zeit und zwar den verbildeten <Genossen>
derselben aussprechen klagen mußte[:]
Etliches viel [sc.: fiel] unter Dornen Etliches zwischen die
Steine und Etliches auf hart u festgetretenen
Weg sondern bei seiner Saat in das kindlich
bewahrte sorgsam entwickelte mit gesunden
Lebenskräuthern genährte u gekräftigte Gemüth
die freudige Überzeugung haben kann: Wenn auch [nicht] Alles
Alles doch das Meiste fiel auf <gutvor[-] und durch>bereitetes Land zu
Heil und sgensreichen Früchten für Mit[-] u Nachwelt
zur Friede bei Gott u den Menschen zum Be-
wußtseyn der sorgsamsten Nachlebung nach den Forderungen
Jesu u dessen Erfüllung.
[Rand*-**] [*] Darin ist nun aber auch die hieraus hervor[-]
gehende Vgrundsätzliche Vermeidung aller
verfrüheten Mittheilung wie überhaupt positiven ganz so be-
sonders aber christlichen Religionswahrheiten und die
Niederlegung Bewahrung derselben blos als Sache des Gedächtnisses gegründet.
Jemehr nun aber dieseVerfrühung positiver u besonders kirchl u christl Religionswahrheiten
grundsätzlich vermieden wird, um so mehr aber
gehen die Bestrebungen meines Kindergartens dahin: die Menschen
u somit schon als Kinder d[urc]h frühe sorgsam beachtend[e] u entwickelnde Erziehung wieder
zu der wahren Gott[-] u Lebenseinigung im Sinne u Geiste Jesu zu führen, die als
Verwirklichung und Thatkraft wir im Leben so viel vermissen. In allen Beschäftigungen u Spielen
der Kinder achten lebt nur ein Geist der: die Seele
des Kindes aufzuschließen für sittl religiöses Gefühl. Die kleinen in meinem
Kindergarten angewandten Morgen-, Eingangs[-] u Schlußlieder, die hinweisen auf Jesus
den Kinderfreund als den Grund unserer besonderen Beachtung, Pflege u Liebe der Kinder
und die sich an die bildl Darstellung seiner segnenden Kinderliebe, welche grundsätzl der Mittel-
punkt des Kindergartens bildet; die Feyer der Christfeste alles dieß [**].
Sehen Ew: Majestät hier nun das was
nach der treuesten Selbstprüfung - und was <gilt> /
[2R]
über die Wahrheit dieser!? - noch alsbald
übrig bleibt, was man zugleich in meinem
erziehenden besonders Kindheit erziehenden
Leben als <Nichtigkeit> erkennen, als <unstetig>
bezeichnen könnte, indem es gerade darin [im] Gegenth[eil] dem reinsten
<aufrechtlichen> christlichen Sinn, dem nach einem wahrhaft christl Leben Streben eben als das
reinste und um- wie erfassende christliche
Streben erscheinen muß.
Jemehr nun aber der von jedem vernünftig denkenden
als für das spätere Leben u des Lei[dens] des Kampfes u der Prüfung nicht nur ungenügende
sondern wirklich als nachtheil erkannte verfrühete Mittheilung positiver Re-
ligionsunterrichtwahrheiten grundsätzl vermieden wird, um so mehr gehen aber die
Bestrebungen meiner Kindergärten dahin die Menschen und
frühe schon als Kinder durch sorgsam beachtende und entwik-
kelnde Erziehung wieder zu der wahren Gott[-], Selbst[-] und Lebens[-]
einigung im reinsten Sinne des Geistes Jesu zu führen, die als Verwirklichung und That wir im Leben so sehr vermissen so schmerzl beklagen müssen. In allem Thun, Beschäftigung u
Spiel der Kinder im meinen Kindergarten lebt daher nur ein
Geist, der: des Kindes Seele, Gemüth u Geist aufzuschließen
für sittliches religiöses Gefühl, dem Kind zugleich durch rein
ein Gotteinges Leben darlebend in Thun u Handeln seiner kleinen kindl Ver-
hältnisse Wünsche u Bestrebungen. All die kleinen in meinem Kinder-
garten angewandten Morgen[-], Eingangs- und Schlußlieder
wie die kleinen Liedchen bei einzelnen Spielen u Beschäftigungen
deuten alle auf die richtige, innere sittlich religiöse Erfassung
des gan der verschiedenen einzelnen Lebensverhältnisse, wie des
ganzen Lebens hin; da nun aber dem gemäß zu handeln zu leben zu thun aber
auch sogl. gefordert wird, so wird Erkennen u Thun im frohen
beglückenden Einigseyn des Kindes Eigenthum für sein ganzes jetziges und kommendes Leben, für sein ganzes jetziges u kommendes Leben [2x].
Ein solches Seelen[-]
frohes glückliches Kinderleben ist nun der die entsprechende Zeit Augen[-]
blick das offene, kleine freudige u so für alles Gute, Hohe
Schöne u Wahre empfängliche Kindesgemüth mit Jesus nicht nur
als liebenden Kinderfreund überhaupt sondern auch noch besonders als den seinen
kennen bekannt zu lernen machen indem ihm womögl. geknüpft an die erhabene bildl. Darstellung seiner segnenden Kinderliebe, welche grundsätzl. der Mittelpunkt unseres bildlichen Kindergarten Leben bilden soll aus liebendem Mund von welchem ausgesprochen wird
daß er die ihm werdende Liebe, die ihm werdende Kinder<freude>
eben jedem segnenden <im freundl Bilde schöneren> Kinderfreunde Jesu verdanke welcher
uns gelehrt, daß die Kind[er] gut seyn und immer besser werden
wollen weßhalb wir sie aber auch lieben, lieben u schätzen sollten
wie er uns zeige u daß wir darum auch sie so schützend pflegen weil wir vertrauen dem Worte u dem <Beyschaft> [sc.: Beispiel] Jesu daß auch sie gut seien, brav bleiben u wie es denn in zwei solcher Kinderliedchen festweisen <???> Kindergarten Liedchen klar beweisen, was wir jedoch nicht an verwehendes prosaisches Wort sondern an zum Herzen der Kinder redende vom Gemüth derselben festgehaltene Melodieweise Liedchen knüpfen. Sehen Ew. Maj. hier ist nun der Augenbl
gekommen u gegeben wo das Kind für sein Ganzes leben [sc.: ganzes Leben]
unablöslich [sc.:unauflöslich] mit Jesu auch seinem höchsten u besten
Lebensfreund u wie es ihn nun auch bald kennen
lernen wird als treuen GottesSohn
wie später
in allen höheren u höchsten Lebensbeziehungen sich verbunden fühlen.
Von nun hat das Seyn u Leben Jesu das höchste praktische [Text bricht ab] [Ziel, der]
[376]
[BlM Entwurf Schlußpartie, handschr. Marenholtz-Bülow]
zerstörenden Selbstsucht u Genußsucht unserer
Zeit entgegen zu wirken. Der Ausgangs-
punkt meiner Bestrebungen ist aber, die
Familie u ihre Pflichten der Kindererziehung
in ihrer Heiligkeit wieder herzustellen,
durch Hinweisungführung des weiblichenGeschlechtes
auf seinen höchsten Beruf als erste Erziehe-
rin der Menschheit.
Wär meine Sache, wessen sie ange-
schuldigt wird, würde man sie hier imLande
nicht schätzen von Seiten seiner Regenten,
u würde sie nicht von so vielen edlen Für-
stinnen anerkannt, u selbst für die Erzieh.
ihrer eigenen Kinder benutzt werden.
Ew Maj., die Sache der Kindheit kann
keiner Parthei angehören, deshalb eben
steht die meine unbeschützt innerhalb des
Partheitreibens. Ausschließen kann ich Nie-
mand, der sie von mir annehmen will,
weil die Kinder in jeder Parthei der rech-
ten Erziehung bedürfen. Wird die Kin-
dergartensache aber von der conservati-
ven Parthei verworfen, ist die Folge,
daß die Gegenparthei sie annimmt, u sie
damit zur Partheisache gestemmpelt wird.
In ihr selbst liegt es nimmermehr! Es ist
natürlich, daß wenn meine Erziehweise als
heilsam angesehen u als die Seele vorbereitend /
[376R]
zur Aufnahme der Wahrheit überhaupt.
Jeder dann meint, daß sie auch für das aufgeschlossen
sein wird, was er als Wahrheit erkannte.
Ew. Maj ein alter Mann, der von Ihnen
persönlich nichts mehr zu erbitten u zu er-
warten hat, der seine Rechnung mit dieser
Welt bald abgeschlossen hat, fleht Sie im
Namen der Kindheit diesen Keim der <?>
<?>
an: Lassen Sie den Keim einer
neuen Menschenbildung, für Sitte, Gesetz u
Religion für die nothwendige Wiedergeburt
der Menschheit
nicht zertreten! Nehmen Sie ihn
unter Ihren mächtigen Schutz, daß er gedeihen,
u dann beitragen könne, eine so nothwendige
Wiedergeburt der Menschheit herbeizuführen.
Lassen Sie die Sache der Kindheit nicht durch
die Partheien hindurch gehend zur Entartung geführt
werden; lassen Sie der Kindheit das ihr
zukommende Glück ungestört im Kindergar-
ten finden, daß sie damit für die schweren
Kämpfe des kommenden Lebens gestärkt werde.
Deshalb bitte ich nochmals: Lassen Sie die
Theorie u Praxis des Kindergartens
daher prüfen
, u Sie werden sich mindestens
von seiner Unschädlichkeit, wenn nicht von
seiner Heilsamkeit überzeugen. Auch das
Kleine wird Ew. Maj. Landesväterlicher
<?> Fürsorge am Herzen liegen. In die-
ser Überzeugung glaube ich mich der Hoffnung /
[377]
hingeben zu dürfen, daß Ew. Maj. meinen
den Schritt den ich gewagt verzeihen
u Alles u von Jedem gut heißen
werden, was beitragen kann einen
Irrtum aufzudecken u Gerechtigkeit
walten zu lassen[.]
Aller Durchlauchtigster Herr,
Aller gnädigster König u Herr
            Ew. Maj.

      allerunterthänigster

            Diener

Marienthal in Meiningen
d. [Lücke] Oct 1851

b) Reinschriftfragment

[377R]
Im Namen der Kindheit - nicht in meinem Namen - wen-
de ich mich an Ew. Majestät, als dem Vater der Kinder Ihres
Reiches, um Sie zum Schutz dessenauf zu fordern was ihrem Heil
wie dem Heil der Kinder im Allgemeinen gewidmet [bricht ab]

c) Abschrift [BlM, handschr. Luise F.]

[379]
Allerdurchlauchtigster H aller u.s.w.
Im Namen der Kindheit nicht in meinem Namen wende ich mich
an Ew. M. als den Vater der Kindheit Ihres Reiches, um Sie
zum Schutz dessen aufzufordern was ihrem Heil wie dem Heil
der Kinder im allgemeinen gewidmet ist.
Unter den unheilvollen Bestrebungen der Zeit, deren man sich mit
Recht zu erwehren sucht, sind durch naheliegende Verwechselung
auch die meinen, für die erste Erziehung der Kindheit mit begriffen
worden und in Pr. verurtheilt, ohne näher geprüft zu sein.
Auf das Verbot der Kindergärten vom 7t. Au d. J. Seitens des
Pr. Unt m war es mir unerläßliche Pflicht die dabei offen
liegende Sach u Pers. verwechselung in einer ehrerb Eingabe gen
Ministerium um Zurücknahme des Verbotes mindestens gründliche
Prüfung des Gegenstandes zu bitten. Als Erwiederung erhielt ich
(laut Anlage) nur die Bestätigung des ausgesprochenen Verbotes
ohne Angabe der Gründe. - Im Vertrauen auf E m hohe
Gerechtigkeit wage ich nun an höchstdieselben die allerunter[-]
thänigste Bitte auszusprechen: an Ort u. Stelle die Lehre und
Mittel meiner entwickelnderziehenden Menschenbildung, so wie
auch mein jetziges u früheres Leben prüfen zu lassen, daß
daraus erhelle, wie weder mein Werk noch meine <?> Person Anlaß
geben zu jenem ausgesprochenen Verdacht gefährlichen Wirkens.
Wenn meine vorgelegten Schriften wirklich geprüft wären, könnte /
[379R]
unmöglich die Anschuldigung des nicht Christlichen gegen meine Erziehungs[-]
grundsätze ausgesprochen sein, indem ich schon 1821 in dem Schriftchen
”Durchgreifende, dem deutschen Charakter erschöpfend genügende Erziehung
ist das Grundbedürfniß des deutschen Volkes” folgende Ueber-
zeugung ausgesprochen habe: - ”Jede Erziehung, soll sie Frucht bringen,
muß sich auf Religion gründen.” - ”Alle Erziehung die sich nicht
auf Religion gründet ist fruchtlos.” -
”Die christliche Religion die Religion Jesus genügt dem Wechsel-
verhältniß zwischen Gott u Menschen ganz, u ist dasselbe erschöpfend.” -
”Alle Erziehung die sich nicht auf die christliche Religion gründet ist
mangelhaft, einseitig [”] u s w.
Wie sich dieser fundamentale christliche Sinn in der ganzen Schrift aus-
spricht, so ist dieß in meinen sämtlichen Schriften u Bestrebungen der Fall,
indem es das Ziel meines ganzen Lebens u Wirkens war u ist: die Menschen
in der ersten Kindheit schon für die tiefen Lebenswahrheiten des Chri-
stenthums vorzubereiten um sie zu wahren Nachfolgern von Jesu in
ihrem ganzen Leben u Thun zu machen, seinen Forderungen vollständig
entsprechen zu können. Dieß wenigstens annähernd zu erreichen ist Zweck u
dieß Aufgabe des Kindergartens wie auch meine Aufgabe Anweisung zur
Verbesserung der Familien-Erziehung.
Derselbe Kindergarten beschäftigt sich
aber nur mit Kindern vom 2ten bis 6ten Jahre u läßt sie sich eben nur
spielend beschäftigen wie es diesem Alter allein angemessen ist. Somit kann
von positivem Religionsunterricht nicht die Rede sein; welches vielleicht jene
Anschuldigungen hervorgerufen haben mag, von Seiten derer welche die
Sache selbst nicht kennen. Aber eben fast alle unsre Beschäftigungen und /
[380]
Spiele sind darauf berechnet die Seele aufzuschließen für sittlich
religiöses Gefühl, vorzubereiten für das Aufnehmen aller Wahrheit -
somit des Christenthums der christlichen. Die kleinen Morgenliedchen christlich religiösen
Inhalts, wie die <passenden> angemessenen Erzählungen vom göttlichen Kinderfreund
bei der sich in jedem Kindergarten vorfindenden bildlichen Darstellung
Jesus die Kinder segnend, dienen zu diesem Zweck. Besonders aber
suchen wir das Kind beim Christfest schon vom 1ten Lebensjahre an in den
Mittelpunkt des christlichen Lebens zu stellen, wie es nurzu sehr u
allgemein jetzt vernachlässigt wird u durch Einführung in die Natur
die erste Hinweisung auf den Schöpfer derselben zu geben.
Es ist hart für mich, Ew. M! gerade da mich vertheidigen zu
müssen, wo ich selbst den Kernpunkt meiner ganzen Erziehungs[-]
weise erkennen muß! Ew. M tiefblickender Geist wird längst
erkannt haben, welche wichtige Stelle die Erziehung in der Gegen-
wart einnimmt. Das vielfache Streben eine bessere zu erzielen
d.h. die Menschen der Gotteinigung wieder näher zu bringen, wird
aber so lange ihren Zweck nicht vollständig erreichen können, bis die
praktischen Mittel gegeben, welche dazu nothwendig sind;
u zwar zuerst für den Anfang. Diese zu finden, um den
ganzen Menschen geistig u körperlich, im Gleichgewicht seiner ganzen
Kräfte - also naturgemäß zu entwickeln, war die Arbeit meines
ganzen 70jährigen Lebens. Ich hoffe der Aufgabe einiger
maßen genügt zu haben, um namentlich auch schon in der
Kindheit der unheilvollen Willkühr entgegen zu wirken, welche die /
[380R]
Menschen jetzt so vielfach außerhalb der göttlichen Gesetze
leben und handeln läßt. Das stete Bewegen des Kindes innerhalb
von Gesetzlichkeit u Ordnung im Kindergarten - dieser Welt
im Kleinen; - die Gemeinsamkeit in welcher es sich als
Glied eines Ganzen u diesem in seinem Gesetz unterworfen
fühlt aber von dem Princip der Liebe durchdrungen u auf sein
Wohlsein berechnet, giebt die beste Gelegenheit alle Menschliche
u Staatsbürgerliche Tugend zu wecken u der zerstörenden Selbstsucht
u Genußsucht unserer Zeit entgegen zu wirken. Der Ausgangspunkt meiner
Bestrebungen ist aber, die Familie u ihre Pflichten der Kindererziehung
in ihrer Heiligkeit wieder herzustellen, durch Hinführung des weiblichen
Geschlechtes auf seinen höchsten Beruf als erste Erzieherin der Menschheit.
Wär meine Sache wessen sie angeschuldigt würde wird, würde man sie hier im
Lande nicht schätzen von Seiten seiner Regenten, u würde sie nicht von so vielen
edlen Fürstinnen anerkannt, u selbst für die Erziehung ihrer eigenen Kinder
benutzt werden.
Kgl M! Die Sache der Kindheit kann keiner
Parthei angehören. Deshalb eben steht meine unbeschützt innerhalb des
Partheitreibens. Ausschließen kann ich Niemand, der sie von mir anneh[-]
men will, weil die Kinder in jeder Parthei der rechten Erziehung bedür[-]
fen. Wird die Kindergartensache aber von der conservativen Parthei
verworfen, ist die Folge, daß die Gegenparthei sie annimmt, u sie
damit zur Partheisache gestemmpelt wird. In ihr selbst liegt es
nimmermehr! Es ist natürlich, daß wenn meine Erziehweise als heilsam
angesehen u als die Seele vorbereitend zur Aufnahme der Wahrheit /
[381]
überhaupt, Jeder dann meint, daß sie dann auch für das aufgeschlossen wird,
was er als Wahrheit erkennt.
Ew M ein alter Mann von siebzig Jahren, der von
Ihnen Ew M persönlich nichts mehr zu erbittet, u zu erwarten hat, indem der seine Rechnung
in sich mit dieser [der] Welt bald abgeschlossen hat, Ew M bittet aber Sie, im Namen der Kindheit
<nun>: Lassen Sie den Keim einer neuen Menschenbildung, für Sitte, Gesetz u
Religion nicht zertreten! nehmen sie [sc.: Sie] ihn unter Ihren mächtigen Schutz,
daß er gedeihen u dann beitragen könne, eine die so nothwendige Wiedergeburt
der Menschheit herbei zu führen. Lassen Sie die Sache der Kindheit nicht
durch die Partheien hindurch gehend zur Entartung geführt werden; Lassen
Sie der Kindheit das ihr zukommende Glück ungestört im Kindergarten finden
daß sie damit für die schweren Kämpfe des kommenden Lebens gestärkt werde.
Deshalb bitte ich nochmals: Lassen Sie die Theorie u Praxis des
Kindergartens prüfen
, u Sie werden sich mindestens von seiner Un-
schädlichkeit, wenn nicht von seiner Heilsamkeit überzeugen. Auch
das Kleine wird Ew M Landesväterlicher Fürsorge am Herzen
liegen. In dieser Überzeugung glaube ich mich der Hoffnung
hingeben zu dürfen, daß E M den Schritt den ich gewagt ver-
zeihen u Alles u von Jedem gutheißen werden, was bei-
tragen kann einen Irrtum aufzudecken u Gerechtigkeit
walten zu lassen[.]
Aller Durchlaucht H
Aller gnädigster König u Herr
allerunterthänigster
Diener [Unterschrift fehlt]
Marienthal am 31 Oktbr
(Reformationsfest) 1851