Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an G. Dreßler in Bautzen v. 16.11.1851 (Marienthal)


F. an G. Dreßler in Bautzen v. 16.11.1851 (Marienthal)
(BlM F 604, Mappe XXII, Geschäftstagebuch, Bl 2-7, Abschrift 3 B 8° 12 S. nicht von F.s Hand.)

Sonntag d. 16. November.
Brief geschrieben an HEn Seminardirector
Dreßler in Bautzen, worin es unter andern
heißt:
Die Theilnahme des klaren besonnenen,
denkend erfahrenen, besonders ausübend thäti-
gen Mannes ist erhebend, ermuthigend und kräfti-
gend für den gleichstrebenden. Wir Männer, be-
sonders wir, in Wahrheit und am Ende Gleichstre-
benden, wir haben es viel zu sehr versäumt und
versäumen es noch bis in diesen Augenblick
uns eigentlich im Geiste und Gemüth einander innig
vertrauend und gegenseitig förderlich zu einigen,
und nun tragen wir alle die Folgen davon,
vereinzelt stehen wir alle, wir so ruhig als
ernst und ausdauernd Strebenden, um nach
ewigen Gottesgesetzen
, ausgeprägt im Fühlen
und Denken des menschlichen Geistes, wie in der
schaffenden Thätigkeit der Natur und der /
[2R]
innern und äußern Geschichte der Menschheit,
eben diese Menschheit, durch die Erziehung des Ein-
zelnen wie der Mehrheit in Gemeinsamkeit, ihrer
Bestimmung, der Erreichung derselben, der Erfüllung
ihres Berufs entgegen zu führen. Noch wäre es,
mein theurer Freund und Bruder, noch ist es zu
einer solchen Geistes- Gemüths- und Thätigkeits-
einigung Zeit – (denn nur gemeinsames Thun
einigt wahrhaft) -: die Kinder, die Kinderwelt,
die gesammte Kindheit, die in der Kindheit neu-
entstehende Menschheit, sie fördern in ihrer Ge-
sammtheit die Einigung der Geister und des Gei-
stes, der Gemüther und des Gemüthes, der Hand-
lungen und des Handelns und – „ die Kinder-
gärten“ als die Pflegestätten reiner Mensch-
heit und Menschlichkeit in der noch unschulds-
vollen Kindheit geben dazu die allerbeste Ge-
legenheit, bieten dazu die wirksamsten An-
knüpfungspunkte, denn sie, die Kindergärten
stehen recht in der Mitte zwischen Familie,
(Haus), Schule und Leben, ihre wärmenden,
erleuchtenden (klaren) und schaffenden, über-
haupt ihre segnenden Strahlen nach allen Sei-
ten sendend[.]
NB. Im Gemüthe und in der Familie
findet ganz besonders und namentlich
durch die Mutter das gotteinige das reli-
giöse Leben des Kindes seine erste ent-
wickelnde Pflege. Im Handeln und durch dasselbe aber
auch wieder der Geist und das Gemüth, doch mit
überwiegendem Thun.
(: Im Gemüth aber auch wieder den Geist
und das Handeln, aber mit überwie-
gendem Gefühl :)
Im Geiste wieder das Gemüth u
d. Handeln, aber mit überwiegen-
dem Denken und Erkennen.
[Zeichnung: gleichschenkl. Dreieck,
  in der Mitte als Legende „Kindergarten“ mit Achsenstruktur,
  an den drei Ecken: oben „Gemüth Familie“, links „Handeln
  Leben“ und rechts „Geist Schule“ als Legende] /
[3]
Die Kindergärten zeigen und lehren, wie in der Familie
der Schule und im Leben, in jedem Besonderen wie-
der das Ganze d.h. alles Dreies Geist, Gemüth und
Thatkraft und so überall der ganze Mensch im
Kinde erfaßt, gepflegt, entwickelt und erzogen,
kurz allseitig ausgebildet werden. Die Kindergär-
ten erfassen und behandeln das Kind nicht nur
in ächt religiösen, gotteinigen und gotteinigenden
Sinne als ein Geschöpf von Gott, mit allem was da-
raus folgt, sondern auch im reinsten Sinn und
Willen Jesu, also in wahrend christlich religiösem
Sinn. Da die Kindergärten somit und wirk-
lich den Mittel- den wahren Keimpunkt des
Lebens bilden, so sollen sie ganz besonders in
ihrer jetzigen Verkennung überwiegend von
den erfahrenen, denkenden und praktischen Er-
ziehenden in Schutz genommen und überall in
den nächsten Kreisen durch die sich darbietenden
Localblätter, wie dieß auch wohl mehrfach ge-
schieht, in ihrer wahren Bedeutung hingestellt,
in ihrem ächten Lichte gezeigt werden.
Dieß, mein hochgeachteter lieber Bruder
meine ich, sollte nun ein Geschäft aller dafür
gebildeten Freunde der Kindergärten sein.
Die Localblätter, zur ächten Aufklärung des
Bürgerthums benutzt, wirken, wenn auch lang-
sam, doch endlich, nach den vor mir liegenden That-
sachen, durchgreifend. Wenn es uns nicht gelingt,
das Bürgerthum durch Weckung seines Sinnes /
[3R]
für Wahrheit, Recht, Sitte und eine geordnete schaffen-
de Thätigkeit für die Sache zu gewinnen und die
Familien durch Nachweis des Friedens und der
Lebensfreudigkeit, welchen die Kindergärten, in
das Haus bringen für dieselben zu erwärmen,
ja zu begeistern, so wird es schwer möglich sein,
denselben zum Wohle Aller ihnen allgemeinen
Eingang zu verschaffen und durch sie den See-
gen im Leben zu verbreiten, welchen zu
bringen sie bestimmt sind. Kommt dann
noch zu jenem anbahnende [sc.. jener anbahnenden] Wirksamkeit durch
Wort und Schrift noch das geeinte Wirken einer
Dreiheit von Männern: eines erfahrenen und
denkenden Mannes vom Fach, eines einsichtigen
die Commune liebenden Mannes bei der Stadt
und eines erfahrenen wohlwollenden Bürgers
und Familienvaters derselben, - so liegen we-
nigstens einige Beweise vor, daß als dann
die Ausführung von Kindergärten in solchen
Städten zunächst gelingt, eine Verbreitung
auf andere Weise läßt sich dann auch noch hoffen;
denn der Mensch und vor allem der deutsche
liebt ja die Nachahmung. Du siehst hieraus, wo-
rauf einzig noch meine Hoffnung steht: auf
die zwar natürliche und gleichsam ursprüng-
liche, aber nun ins Bewußtsein und in Wirk-
samkeit tretende Einigung von gleichstrebenden /
[4]
Geistern und Männern für Menschen Heil in
allen Lebensbeziehungen, wie ich einen solchen
in Dir mein hochgeachteter Freund erkenne
und liebe, denn außer dieser vertrauenden,
und unmittelbaren Geisteseinigung auf den
praktischen Sinn und die gesunde Kinder-
und Familienliebe der Eltern aus dem Kerne
des Bürgerthums. Diese Bethätigung einer ver-
nünftigen Kinderliebe von Seiten Eltern, muß
besonders vorangehend von einsichtigen Lehrern
und Beamten und namentlich auch deren Frauen
in den Familien und Frauen des Bürgerstandes
geweckt werden. Dieser örtlichen und persönlichen
Wirksamkeit für die Begründung so durchgreifen-
der, als einigender Volksbildung, muß ein umfas-
senderes Wirken und Streben zur Seite gehen, und
dieß kann zu <einen> ein Centralblatt und Organ sein,
welches den Gegenstand nach Grund, Zweck und Ziel,
Weg, Mittel und Weisen, im Allgemeinen behandelt /
[4R]
und so für die einzelne und locale Ausführung und
Anwendung Stoff und Anleitung giebt, wie es wie-
der die einzelnen Bestrebungen zur allgemei-
nen Kunde bringen und sie, durch den sich durch
alle hindurchziehenden einigen und einigenden
Geist wieder zu einem größeren Ganzen ver-
binden sollen.
Wir bezwecken nun ein solches Centralblatt und
Organ in der – „Zeitschrift für Fr. Fröbels Bestre-
bungen“ – wovon Du hier beiliegend das erste
Heft erhältst. – Dieses Heft ist jedoch kein eigent-
liches Probeheft, ob es gleichwohl in einer gewissen
Beziehung eine Grundlegung unseres ganzen
Strebens giebt, indem es die Verhandlungen unserer
jüngsten Versammlung enthält, welche so ziemlich
unsere Bestrebungen in ihren Einzelnheiten, wie
in ihrer Allgemeinheit, in ihrer Einheit und Tiefe,
wie in ihrer Mannichfaltigkeit und Allseitigkeit
ihrer Beziehungen zeigen. Zugleich soll nun diese
Schrift ein Einigungsblatt für alle diejenigen wer-
den und sein, welchen in Beziehung auf eine, der
Natur des Menschen und der Würde seines Wesens
entsprechende entwickelnde Erziehung im Allgemeinen
gleiche Gesinnungen und Überzeugungen hegen, im
Allgemeinen gleiche Bestrebungen pflegen: durch die
gewonnenen und in ihren Wirkungen empfun-
denen Erfahrungen und Einsichten den Willen, /
[5]
die Kraft und den Muth zu schaffender Selbstthätigkeit
in dem Menschen zu wecken und auszubilden. Zu
solcher freithätiger Theilnahme komme ich nun
auch Dich, hochgeschätzter Freund ganz namentlich an
unserm Unternehmen, an unserer Zeitschrift ein-
zuladen durch Mitheilungen von Aufsätzen ge-
schöpft aus dem Reichthum des Denkens und dem
Schatze Deiner Erfahrungen. Wie ich Dich bitte, daß
Deine Aufsätze Deinen Namen tragen, so wird
dieß auch bei den Aufsätzen der andern Mitar-
beiter der Fall sein, und so hoffe ich nach und nach
einen Kranz Gleichgesinnter und Gleichstrebender
zu winden, wie zugleich auch eine gegenseitige
Kenntniß und Anerkenntniß, somit ächte schaf-
fende Lebenseinigung herbeizuführen. Eine solche Ei-
nigung gegenseitiger Erkenntniß und Anerkennt-
niß der Geister gleichgesinnter, gleichdenkender
und gleichstrebender Menschen, nicht blos Männer,
sondern auch Frauen, doch zunächst der ersten in
Wort und Schrift, wie der letzerm [sc.: letztern] durch stilles
Wirken und sinniges Thun und in demselben herbei-
zuführen ist mir längst eine Lebensaufgabe; ich
meine aber keineswegs, daß eine solche Eini-
gung, wie ich sie in Kopf und Herz trage aus
Ver-einen und Ver-einigung hervorgehe, sondern
eben reine Einigung sei, sich gründen [sc.: gründe] auf unmittel-
bares sich Erkennen, auf unmittelbares Sich-Finden,
wie der Magnet sich findet und erkennt, die Natur /
[5R]
sonst auch viele Beispiele zeigt und Anschauungen
dafür giebt.
Alles in der Natur, selbst das, was sich zum Größ-
ten und Dauern[d]sten entwickelt (gedenken wir
dabei nur unserer tausendjährigen deutschen
Eiche) geht aus dem Kleinsten hervor; so laß denn
auch mein hochgeschätzter Freund und lieber Bru-
der, diese unmittelbare Geistes- und Geisterei-
nigung, welche mein Gemüth als möglich ahnet
und mein Geist als in der Wirksamkeit mög-
lich erstrebt, aus unserm freundschaftlichen,
brüderlichen Zusammenfinden hervorgehen;
manche wackere Männer und Geister wer-
den sich wie die niederthauenden Regentrop-
fen zu einem schönen Friedens- für die,
in der Kindheit neuerwachende, [er]stehende
Menschheit zu einem einigenden Freudenbogen
mit uns einigen dem gegenwärtigen Menschen-
geschlechte zu einem erhebenden und sprechenden
Zeichen, daß die Zeit der überfluthenden und
alles vernichtenden Zersplitterung und Trennung
vorüber sei. /
[6]
Du siehst aus diesem, mein geehrter Freund, es knüp-
fen mich noch Hoffnungen an Deutschland und somit an das
Continent aber ich läugne nicht, daß, wenn sich <mir> der
deutsche und der europäische Hoffnungshimmel trübt
und immer trüber wird, daß sich mir dann ganz un-
willkührlich nach Nordamerikas Himmel auf dem freien
Boden der freien Staaten, von neuem das Banner
der Hoffnung aufpflanzt; jedoch weiß ich nicht von
wannen und auf wessen Veranlassung jene bestimmte
Annahme meiner Übersiedelung nach Amerika zu-
erst in das Frankfurter Journal gekommen und von
diesem in andere Zeitungen übergegangen ist;
zunächst denke ich also noch keineswegs an eine bestimm-
te Übersiedelung nach N.A. Zuvörderst will ich
noch sehen, ob es mir nicht gelingen sollte, sinn- und
gemüthvolle, denkend erfahrene, förderlich wir-
kende Männer u Geister zu gegenseitiger Er-
kenntniß, Anerkenntniß und zu unmittelbaren Le-
benseinigung d.h. zu gemeinsamen Wirken für
Darstellung und Ausführung Menschenwürdigen
Lebens zu einen. Scheitert hier mein Glaube,
welchen ich an die einigende Kraft des Menschen-
und des Menschheitsgeistes habe, und habe ich dann
selbst noch Kraft, dann will ich sehen, was mir N. A.
bietet. Bis jetzt gleichen mir die Verein. Staaten einem
großen Meere, worin die einzelnen Staaten den
Inseln gleichen, an deren Küsten ich bis jetzt weder
Ackerboden noch Landungsplätze kenne. Bis jetzt
kenne ich in Amerika noch keinen Staat und noch
keine Stadt und eben sowenig noch keine Colonie /
[6R]
welche mich in Beziehung auf Darlebung reinen
Menschenlebens selbst auch nur in einzelnen Fami-
lien ganz befriedigte am allerwenigsten die
deutschen; heut habe ich von den Yankee’s viel An-
ziehendes namentlich in Beziehung auf Erziehung
für Wissenschaft, Kunst und Gewerbe gelesen. –
Also zunächst mein lieber Freund bleiben wir
mit unserm Wirken noch gemeinsam auf deutschem
Grund und Boden und kannst Du etwas zur
Begründung und Durchführung meines Unterneh-
mens auf demselben thun, so zweifle ich nicht, daß
Du es thun wirst und zwar in einer dreifachen
Beziehung: - einmal daß Du mein literarisches
Unternehmen im Geiste entwickelnder Erzieh-
ung mit den Erfahrungen Deines Lebens und den
Ergebnissen Deines Denkens schmückst; dann, daß
Du, was Dir möglich ist, zur Verbreitung und
Anerkenntniß unserer Zeitschrift thust und end-
lich drittens, daß Du so viel als möglichdas prak-
tische Unternehmen, den Kindergarten unserer
Frankenberg förderst, damit in demselben
und durch denselben etwas hergestellt werde,
was in der That und durch dieselbe für die Sache
spricht. –
Bestellungen auf die Zeitschrift können bei jeder
Buchhandlung gemacht werden, doch können solche
auch unmittelbar zu mir oder an die VerlagsHand-
lung gelangen; die Besorgung wird, sobald sie
wirklich zu letzterer gelangt, von dieser un- /
[7]
gleich schnell geschehen.
Verzeihe mir nun nur meine lange brief-
liche Einkehr bei Dir, jedoch ist der Gegenstand,
den ich in derselben bespreche, wie gesagt, seit
Jahren eine Angelegenheit meines Denkens.
wir müssen nothwendig die geistige Verein-
zelung, in welcher wir stehen, aufheben, sonst
gehen wir vereinzelt nach Jahrzehnten, nach
unserm Tode u vielleicht früher noch spurlos
unter. Nein! Freund und Bruder, man soll
von unserer Zeit doch wahrlich in der Zukunft
nicht sagen: gab es denn in derselben nicht
denkend erfahrene kräftig wirkende Männer
welche für die Erhebung ihres Volkes durch die
Erziehung mindestens im Geiste sich eini-
genden und zuförderst durch Schrift u
Wort dafür thätig waren? – Schande u
Schade wäre es, wenn die deutsche Kraft der
deutsche Muth und der deutsche Wille so
geschwächt wäre, daß die Bl in Beziehung
gerad auf das Wichtigste auf die Erziehung,
jetzt so abgeschwächt wäre, daß die Blätter der
deutschen Geschichte nicht von einer gemein-
samen Großthat der Männer und Geister der
Gegenwart in dieser Beziehung sprechen
sollten! – Auf Freund und Bruder laß
uns eine solche Großthat wenigstens still
anbahnen. Vielleicht findest Du in unsern
Verhandlungen einen oder den andern Dir /
[7R]
verwandten Geist, und andere werden wenn
Du in unserm Kreise erscheinst, auch wieder in
Dir einen solchen erkennen. Scheue Dich nicht,
daß es ein schwaches Stäbchen ist – „ Fr. Fr. Be-
strebungen“ – an welches sich die Einigung gleich
einer herrlichen Crystallisation ansetzen
soll; die Crystallisation, die klare Gestaltung
entwickelnd erziehender Gedanken zu einem
einigen Lebensganzen, das ist das Wichtigste,
der Faden schwindet, doch die schöne Gestalt
ist für immer geboren, und wo gäbe es eine
schönere Gestalt, als die Einigung deutschen Ge-
müths, deutschen Denkens und deutscher That-
kraft zur Darstellung reinen Menschenlebens
in deutscher Liebe, deutscher Treue. Und in
dieser sagt Dir mit seiner Frau herzlichen
Gruß und bittet um baldige Antwort D. Frd.
und Br. Fr Fröbel.