Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Karl Wild in Jena v. 20.11.1851 (Marienthal)


F. an Karl Wild in Jena v. 20.11.1851 (Marienthal)
(BN 694, Bl 3-4, Brieforiginal 1 B 8° 4 S.)

Marienthal nächst Bad Liebenstein am 20 Nov. 1851.


Mein lieber Karl Wild.

Seit längerer Zeit schon wollte ich mir die Freude ma-
chen Dir zu schreiben und bei Dir anfragen ob eine Ver-
muthung in mir gegründet ist, nemlich die: daß ich Dir,
oder vielmehr die Sache und Angelegenheit der Kinder-
gärten Dir, wegen ihrer öffentlichen Vertretung, zum
Danke verpflichtet ist, verpflichtet bin?- Vor wenigen
Wochen kaum habe ich nemlich in der allgemeinen
(Darmstädter) Schulzeitung einen Aufsatz gelesen, wel-
cher die Kindergärten besonders gegen das pr[eußische] Verbot
vom 7 August in Schutz nimmt und K. W. unterzeichnet
ist; habe ich nun recht, und teuscht sich mein Gemüth beson-
ders nicht, wenn es diesen Aufsatz nicht blos durch die Na-
mensschiffern, sondern durch das Gemüth und Geist wel-
welcher sich in demselben ausspricht geleitet, als aus Deiner Lie-
be und Treue hervorgegangen erkennt?- Wenn dieß
nun wirklich der Fall, so danke ich Dir in meinem, mei-
ner Frau und besonders im Namen der Kindergärten recht
herzlich für denselben; und ein ganz besonderer Dank mö-
ge Dir dafür die Freude seyn, welche Du mir und allen denen
welche denselben zugleich mit mir gelesen haben dadurch berei-
tet hast.
Allein freuen muß es auch Dich, daß Deine Liebe, Deine Treue
Dein einfach wahrer und rechtlicher Sinn, sich einer sehr acht-
baren Genossenschaft erfreut. In gleicher und sehr umfang-
reicher Weise wie Du in der Drmst: Schlztg [sc.: Darmstädter Schulzeitung] hat sich weiter die
(Hannoversche) Zeitung für Norddeutschland - die Kieler Univer[-]
sitäts- und Schulzeitung - das Sonntagsblatt zur freien Presse -
die Gothaische Zeitung - die illustrirte Zeitung - die <Urwähler->
zeitung - die Bromberger Zeitung - die (Berl) Norddtsche Ztg /
[3R]
dann noch in der Europa von Dr G. Kühne; die vielen an-
deren kleineren Aufsätze, zum Theil auch recht wirksam
z.B. in der Dorfzeitung gar nicht gerechnet.
Nimm als freundliche Gegengabe dafür von mir den
ersten und Oktbr Heft unserer neuen "Zeitschrift", welcher
Dir zugleich ausführlichere Kunde von unserem Erzieher-
tag in Liebenstein giebt. Wenn ich aber daran sogleich zwei
Wünsche und Bitten anknüpfe, so wirst Du es hoffentllich
nicht ungütig aufnehmen; zuerst in der Frage: Willst Du
nicht so freundlich seyn und entweder regelmäßiger oder
zeitweiliger Mitarbeiter an unserer Zeitschrift werden?-
zugleich den Wunsch und die Bitte zu lesen, daß Du es wer-
den mögest. Ihr Zweck und Ziel ist, wie ich mir sage, das
allgemein durchgreifend menschliche: die freie, entwickelnd
erziehende Menschenbildung für allseitige Lebenseinigung
zu begründen, zu fordern [sc.: fördern]
; in dieser Formel finde ich nemlich
alle Strebungen, Förderungen u. Bedürfnisse der Zeit und der
jetzigen Culturstufe der Menschheit beschlossen. Die zweite
Bitte ist: Kannst Du nicht durch Deinen Freund Billich wie
durch Deine eigene Verbindungen dem Blatte in Jena
Theilnahme und Verbreitung verschaffen; es würde mich
ungemein freuen, wenn es endlich möglich würde durch die
Bestrebungen nicht so wohl meiner Freunde, sondern der
Freunde der Kindergärten, nämlich ein Organ für zeitge-
mäße und menschenwürdige Erziehung zu begründen.
Wir haben jetzt alles mögliche gethan und [sc.: um] durch Format,
Preis u.s.w den uns zugekommenen Wünschen zu ent-
sprechen. Unsere und die Freunde der Sachen sollten wirk-
lich auch ein kleines Opfer nicht scheuen um durch ihre Theil-
nahme das Unternehmen zu begründen, zu fordern [sc.: fördern]; lei-
[der] sind mir und der Anstalt weitere Opfer nicht möglich.
- Nun noch eine Bitte an Dich, vielleicht auch mit an Deine /
[4]
hochgeehrte Mutter. Es hat sich nemlich ein junges Mäd-
chen aus Jena, eine gewisse Luise Härtel zum nächsten
und zwar jetzt schon begonnenen Bildungscursus für Kin-
dergärtnerinnen gemeldet. Sie wurde mir von einem
jungen Manne, Herrn Jänicke, Privatlehrer in einem
z drei Stunden von hier entfernten Dorfe als dessen Verlobte
vorgestellt mit dem Hinzufügen, daß er den Plan habe im
künftigen Jahr in dem gedachten Dorfe Tiefenort [sc.: Tiefenrot] auf eigene
Rechnung eine Privat Lehranstalt, begünstigt von den Wünschen
mehreren Eltern, auszuführen, und die gedachte Luise H
als Hausfrau in dieselbe einzuführen. Die Schwierigkeit
einer solchen Stellung wie die Wichtigkeit des Berufes in
welchem sie, sey es auch noch so entfernt mitwirken soll
erkennend, kam ich dem Wunsche des jungen Mannes gern
entgegen und dieß um so mehr als mir das Mädchen selbst
noch im hohen Grade Bildungs-bedürftig erschien. Leider
kommen mir und meiner Frau aber über dieses Mädchen
jetzt Gerüchte zu Gehör die das, was mir als Bildungsbe-
dürftigkeit erschien als wirkliche innere Verbildung und
zwar nach der Seite hin zeigen, daß ich den Kreis meiner sittigen
und, wie ich die Überzeugungen in mir trage - sittlich reinen
Schülerinnen nicht zu Muthen darf sie zu einer engeren Lebens-
genossen sey es auch nur für mehrere Monate unter sich auf
zunehmen. Auf der andern Seite ist es doch immer wieder
unstatthaft einem solchen Mädchen auf Gerüchte hin einen
Bildungsweg zu verschließen, welche am Ende als aus der
Luft gegriffen erscheinen. Ich und meine Frau, bitten daher
Dich und Deine liebe Mutter gar sehr uns über dieß Mädchen
und seinen Lebenslauf seit einigen Jahren klaren Wein
einzuschenken, wenn es Euch möglich ist solche sichere Kunde
deßhalb einzuziehen. Sie hat hier selbst durch die Äußerung
daß sie noch unter Vormundschaft hinsichtlich ihres Vermö-
gens stehe und doch über die Jahre der Vormundschaft hinaus /
[4R]
erscheint und durch anderes Mißtrauen gegen ihre
Wahrheitsliebe erregt. Sieh also ob es Dir möglich ist
namentlich auch in letzter Beziehung Erkundigung über
sie einzuziehen und ihren Vormund namhaft zu machen.
Ihre Mutter soll zwar an sich eine brave Frau, und
eine Art Hausmeisterin in der Wucherei seyn; doch soll
auch sie hier ein zweideutiger Schein getroffen haben.
- Zwar werde ich - wenn nicht eine ganz entschiedene
Purification von Dir d.h. durch Dich und Deine liebe Mut-
ter erfolgt, wegen der umlaufenden Gerüchte schwer-
lich unmittelbar in meinen Kreis aufnehmen können;
allein ich möchte doch nicht ohne entschiedene Gründe ab-
weisend handeln, da ich mir denken kann wie ein solcher
Schritt auf ein solches Mädchen unter solchen Umständen
wirken muß, wenn es noch nicht ganz verdorben ist,
und überhaupt das Ganze nur - Flausen sind.
Deine und Deiner lieben Mutter Achtung meines
Wirkens und Kreises, welchen der strengste gute Ruf seiner
Glieder das höchste Kleinod seyn muß, wird meine Bitte
an Dich und Euch rechtfertigen.
Ich höre mein Großneffe Müller, ich glaube Gustav
heißt er, aus Döllstädt bei Gotha wohnt bei Euch, ich
bitte denselben von mir zu grüßen. Auch Deinen Fr[eun]d
Billich wie auch die beiden jungen Seminaristen, nun
wohleifrige Studiosen welche mir jüngst Grüße von
Dir brachten.
Mit den herzlichsten Grüßen an Dich und Deine liebe
Mutter von mir und meiner Frau
DFrdFrFr

Du erfreust mich wohl mit bal-
diger Antwort.- Ich habe das
Packet an Deine l[iebe] Mutter
adderessirt im Fall Du etwa
abwesend wärest.-