Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in <Bad Liebenstein/Berlin> v. <?>11.1851 (Marienthal)


F. an Bertha von Marenholtz-Bülow in <Bad Liebenstein/Berlin> v. <?>11.1851 (Marienthal)
(BlM, Abschriften / Kasten 2 / F 1058/70 / Bl 727-730, Abschr. 2 B fol. 8 S. mit nachträglicher Datierung, sowie Eingangs- und Nachbemerkungen MBs, dazu Zettel Bl 726 v. Nov. 1872, handschr. MB; ed. Hoffmann 1951/ I, 134-145.)

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[Zettel] Doublette der Abschrift eines von Fröbel an mich gerichteten Briefes (1851) und auf Wunsch für Carl Schmidt in Gotha 1861 angefertigt. Das Original ist mir auf meiner Reise in Italien 1871-72 mit einer Brieftasche entwendet, dessen Inhalt jedoch wiederholt einigen Fröbelschen Anhängern (z.B. Frl. Henr. Breymann verehlichte Schrader) von mir (nebst m. Commentar dazu) mitgetheilt worden und kann dessen treue Wiedergabe von denselben bezeugt werden. Eine Veröffentlichung der darin enthaltenen Abhandlung hielt ich bis jetzt nicht für rathsam. - Die für C. Schmidt gefertigte Abschrift befand sich in dessen Nachlaß in einer Mappe, die den Titel „Kindergartensachen“ trug. - BvMarenholtzBülow Dresden Nov. 1872

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Für Carl Schmidt abgeschrieben 1861. Abschrift der Einlage in einem Briefe Fröbels an mich.
Marienthal Sept. Novbr. 1851
Das Wesen eines Kindergartens ist sehr einfach, das Sinnbildliche seines Namens spricht dasselbe klar
und bestimmt aus. Wie in einem Garten die verschiedenen Gewächse - durch eine, wie ihrem „erkannten“ Wesen
so ihrem „erlauschten“ Naturzusammenhange angemessene besonnene und verständige, Ursache und Wirkung, Grund
und Folge klarbewußte Pflege des Gärtners, - sich jedes wie zur Vollkommenheit in seiner Art und so tüchtig zu
den verschiedenartigsten, seinem Wesen entsprechenden Anwendungen im Leben entwickelt - so soll in gleicher Wei-
se der Mensch wenigstens als Kind (: weil die Einwirkungen, welchen das Kind in seiner frischen und frühesten
Jugend ausgesetzt ist, für das ganze künftige Leben desselben, von unausbleiblichen Folgen sind, -:) treu seinem
innersten, ursprünglichen Wesen und ungestört in seinem gleich ursprünglichen allseitigen Natur- und Lebenszusam-
menhange mit Einsicht, Vernunft und Besonnenheit zu der Lebenstüchtigkeit und Wirksamkeit entwickelnd erzo-
gen und gebildet werden, wozu es noch in der Eigenthümlichkeit seiner Sonderheit - Individualität - die beson-
dern Fähigkeiten und Anlagen in sich trägt und schon als Kind zeigt; - durch welche, wie, [sc.: die] vom Geiste aus klar
„erkannte“ so der Natur „abgelauschte“ entwickelnd-erziehende Bildungsweise, in dem Maaße als sie allgemein
wird - also das gesammte Leben oder die ganze menschliche Gesellschaft für alle Beschäftigungen des Lebens, für
alle Richtungen, Ziele und Zwecke ihrer Thätigkeit, für all ihre Bedürfnisse und Forderungen so anlagsvolle
als durchgebildete, sowohl dadurch in sich zufriedene, wie nach Außen hin befriedigende also in Frieden, Ein-
tracht und Einigung in sich, wie mit der Umwelt lebende, wie darum der ganzen Menschheit würdige, ihre
Bestimmung als „schaffende Wesen“ erfüllende Menschen erhalten würde.
Es spricht sich hiedurch klar aus, daß hier weder von einer Partheierziehung, noch von einer Erziehung zu
einem bestimmten, noch weniger äußeren Zwecke die Rede sein kann, sondern zuvörderst zur [sc.: nur von einer] Erziehung des
Menschen zum Menschen Doch was ist der Mensch? -
Sie erlauben mir meine Überzeugung, die Beantwortung dieser Frage mit ihren Folgerungen in kurzen
Sätzen aussprechen und ohne weitere Beweise auf einander folgen lassen zu dürfen, ja, Sie wünschen es. So
sei es denn im nachstehenden versucht.
1. Das erste, als was sich der Mensch in seinem Erscheinen kund giebt ist das „Leben“. „Leben“ ist die er-
ste Äußerung seines „Erscheinens“.
2. Eine „Äußerung“ setzt einen innern Grund, ein „Äußeres“ setzt ein Inneres voraus; die „Erscheinung“ be-
dingt ein „Seyn“. -
3. Das Innerste eines Dinges, das Seyn desselben nennen wir sein Wesen; das „Wesen“ des Menschen ist
„Leben“.
4. Das Innerste aber ist nothwendig als solches ein Unsichtbares, ein Einiges; das Leben, das Wesen des
Menschen ist darum gleich nothwendig wie ein unsichtbares, so ein einiges.
5. Jedes aber fordert um erkannt zu werden seinen Gegensatz, wie oben schon (Nro 2) das Innere
das Äußere, so bedingt das Unsichtbare das Sichtbare, das Einige bedingt ebenso das Mannigfaltige, das
Seyn das Dasein, oder umgekehrt was gleich ist. Das Daseyn wird bedingt durch das Seyn, das Mannigfaltige
wird bedingt von dem Einigen und das Sichtbare, von dem Unsichtbaren -
6. Wo vollkommene Einigung ist, ist innige Durchdringung; das Leben, in seiner höchsten Einigung, ist innige
Durchdringung des Lebens selbst; das „Leben“ aber in seiner Selbstdurchdringung, ist „Liebe“, ist „Lebensliebe“,
ist darum Durchdringung des „Wesens“, des „Lebens“ - ist Wissen vom Leben.
7. Die höchste Lebenseinigung, die innigste höchste Durchdringung, Selbstdurchdringung des Lebens, ist das
Lebensbewußtseyn. /
[727R]
8. Wie Leben nun nicht ohne Inneres, ohne Einiges in sich, nicht ohne Seyn, nicht ohne Lebensliebe, ohne
Liebe in sich, und nicht ohne Wissen, Wahrnehmen vom Leben gedacht und erkannt werden kann, so kann
auch das Leben in seiner Vollendung zugleich auch nur als „Bewußtseyn“ gedacht werden. Leben, Liebe
und Bewußtseyn (: Licht, inneres Licht :) sind in ihrer höchsten Vollendung gedacht: sich gegenseitig bedingen-
de Auffassungen Eines und ebendesselben Urwesens, sollen auch darum nie getrennt, sondern in und
mit dem einen zugleich die beiden übrigen gedacht werden; wie denn auch Inneres - Einiges - Seyn -
Unsichtbares - Wesen - Ewiges - nur verschiedene Anschauungs- und Auffassungsstufen des so in sich
selbst „Guten“ ist. Alles Leben ist ein Einiges.
9. Da aber Jedes nur durch und an seinem reinen Gegensatz erkannt werden kann und so, mit irgend
Einem als erkannt, zugleich dessen reiner Gegensatz nothwendig gegeben ist, so ist zugleich mit so eben
Genannten das Äußere, - das Getrennte, Mannigfaltige, - das Daseyn, - das Sichtbare – der
Körper - das Zeitliche - Vergängliche gegeben. Selbst in der äußern Trennung der Dinge ist ihr inneres Leben; durch den Urgrund ihres Seyns ein Einiges - Jedes Gewächs, jeder Baum giebt dazu die Anschauung.-
10. Weil wir nun in unserer bisherigen Lebens- und Weltansicht und Weltanschauung, der für das
Menschenleben schon so richtig erkannten Wahrheit: - „Was der Schöpfer, der an und in sich „Gute“ -
Gott in seiner Schöpfung geeint hat, das soll der Mensch nicht trennen“! - nicht die allgemein gültige An-
wendung gegeben haben, welche doch das kleinste uns umgebende Pflänzchen und Gewächs lehrt – also
nicht einmal dem gefolgt haben was Gott uns selbst unmittelbar in seiner That[-] und Sachoffenbarung uns
lehrt - was uns unser eigenes Wesen: als fühlende, denkende, handelnde, als lebende, liebende, forschende
etc - hätte sagen und lehren können, weil wir, so wie uns, so der Natur, wie Gott untreu geworden
sind, darum - darum ist unser eigenes Leben ein zerstückeltes, zerbrochenes, ver- und abgewelktes, siech-
und krankhaftes.
11. Deßhalb müssen wir zurückkehren zu uns selbst, zur Natur, zu Gott; durch die Natur müssen wir
uns zunächst, und unsere Kinder zu uns selbst und wieder zu Gott führen, (: dann weiter durch all
die Bildungsmittel hindurch, deren wir uns als Menschen, als Christen, erfreuen :) dies ist ein Haupt-
streben des Kindergartens, der entwickelnd-erziehenden Menschenbildung, deshalb führt sie ihr Kind,
das Kind wieder in die Natur, zur Natur, in den Garten und durch den Garten, damit es früh erkenne:
Was Gott einte, soll der Mensch nicht trennen.
12. Das Gesetz des beziehungsweisen oder entgegengesetzten Gleichen, das Gesetz des beziehungsweisen Gegensatzes, ist ein Grundgesetz des Lebens und der Natur, des Alls; ist ein durchgreifendes Weltgesetz.
(Nro 8 und 9)
13. Die größten Gegensätze sind Innerstes und Äußerstes, Unsichtbares und Sichtbares, Seyn und Da-
seyn, Bewußtsein und Unbewußtsein u.s.w.; sie bedingen wieder das Vermittelnde, das Erscheinende,
das Bewußtwerden Das Gesetz des Gegensatzes bedingt auch das Gesetz der Vermittelung. Das
Vermittelungsgesetz ist zugleich mit dem Gesetz des Gegensatzes; das Gesetz der Vermittelung ist zu-
gleich mit dem Gesetz des Gegensatzes ein durchgreifendes Lebens- und Weltgesetz; es spricht sich in
den kleinsten wie in den größten und wichtigsten Lebenserscheinungen, wie auf die verschiedenar-
tigste Weise aus, z. B. als das Gesetz der Einheit, Einzelheit und Allheit; als sichtbar, unsichtbar und /
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unsichtbarsichtbar (als Erscheinung); als Fühlen, Denken und Handeln. Durch die Anwendung dieses Gesetzes
wird einzig alles Erkennen; Belehren; alles Erziehen; Entwickeln; Bilden; alles Schaffen und Handeln möglich.
Dieses Gesetz, in seiner vielartigen, vielgestaltigen Anwendung ist das wichtigste, ist das Grundgesetz des Alls
und Lebens. Seine durchgreifende Anwendung führt uns zur Erreichung des höchsten Lebenszieles, der Le-
benserkenntniß, des Lebensverständnisses, der Lebenseinigung, führt uns zur Erfüllung der höchsten Lebens-
verheißungen. Die ganze christliche Welt- und Lebensansicht ruht in diesem allumfassenden Weltallsgesetz
und ist nach einer Richtung hin Anwendung und Ausbildung dieses Gesetzes; deshalb findet die christliche
Welt- und Lebensanschauung hierin ihre Klärung, ihr wesenhaftes Verständniß, Rechtfertigung und Bestä-
tigung, wie ihre richtige Stellung in der gesammten Weltalls- Natur- Menschheit[s]- und überhaupt Lebens-
Entwickelung; wie überhaupt diese von Menschen aus ihrem übersichtlichen Entwickelungsgang nach Grund und
Folge, Ursach und Wirkung.
14. Der größte Gegensatz und zugleich der allumfassende ist: Die Einheit und das All: Gott und die Natur,
zwischen beiden steht der Mensch selbst ein Einzelner „vermittelnd“ als Vermittler.
15. Gott und Natur, Natur und Gott zu vermitteln, versuchte der Mensch seiner Bestimmung, als Ver-
mittler zwischen beiden, gemäß in der Urzeit des Menschengeschlechtes auf zahllose Weise; die ächte genügende
Vermittelung zwischen Natur (All Welt) und Gott, Gott und Natur konnte nur dadurch gefunden werden,
daß das Gute, Gott als Urgrund aller Dinge erkannt wurde, weßhalb sich auch alles als „gut“ bewährte
was aus seinem Wesen hervorging.
16. Nachdem durch den schöpferischen Schöpfungsgedanken, welcher dem Menschen zugleich selbst Geschöpf und
als solchem gegeben und mitgegeben war - Natur, (All, Welt) und Gott vermittelt geeint waren, dachte
der Mensch auch seiner Bestimmung, sich selbst, sein Wesen mit Gott durch Vermittelung zu einen. Der Mensch
griff recht und griff zugleich miß; er griff recht, er wollte sich als Geschöpf mit Gott dem Schöpfer durch
die Natur, durch die Schöpfung vermitteln; allein er griff zugleich miß, indem er vergaß, daß er sich erst
selbst in seinem Wesen kennen müsse, daß sein Geschäft Selbsterkenntniß vor allem sey. In Jesu vollendete
die Menschheit ihre Aufgabe indem sie das Hervorgegangenseyn des Menschenwesens aus Gotteswesen
u.s.w. erkannte. Jesus wurde so der seit Jahrtausenden der Menschheit verheißene Vermittler zwischen
Gott und Menschen und Menschen und Gott.
17. Die Menschheit begann nun sogleich ihre dritte Aufgabe zu lösen; die Menschheit mit der Natur zu
vermitteln; wie der Satz aber den Gegensatz bedingt und fordert, so ging das Streben nach Naturvermit-
telung und Natureinigung durch die höchste Naturtrennung hindurch, -so- daß die Natur selbst als
eine Vernichterin, Verderberin des Menschen und der Menschheit angesehen wurde; jetzt, auf dieser
höchsten Stufe der Lebenstäuschung angelangt, wendet sich der Mensch auch nach unausweichlichem Ge-
setze des Gegensatzes, zur Einigung, zur Vermittelung mit der Natur. Dieß ist die jetzt zu lösende
Aufgabe der Menschheit. Jedes Glied der Menschheit, jeder Mensch, in allen Lebens- und Berufs- wie
Altersverhältnissen, er ist zur Lösung dieser Zeitaufgabe berufen und arbeitet auch in allen Graden
des Bewußtseyns, direct oder indirect, positiv oder negativ, indem er ein Beförderer oder Geg-
ner derselben ist, dennoch immer für dieselbe; weil die Negation stets die Position hervorruft.
Ich meinerseits, arbeite auch an der Lösung dieser Aufgabe und zwar auf mehrfache Weise, be- /
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sonders aber durch die „Kindergärten“.
Ist auch diese dritte Aufgabe von der Menschheit, d. h. in einem lebenden Menschengeschlechte gelöst
(: das jetzt lebende Menschengeschlecht hat die ganz specielle Aufgabe, den ganz besonderen Beruf, diese
Aufgabe zu lösen; denn von dem Geschlechte von welchem eine Aufgabe und deren Lösung erkannt
ist, muß sie notwendiger und unerläßlicher Weise auch ausgeführt werden, sonst ladet es die Verur-
theilung der Nachwelt in allen Graden auf sich :), - mit der Lösung dieser dritten Menschheitsaufgabe
ist aber Friede, Zufriedenheit und Befriedigung somit wahre und allseitige Lebenseinigung gewonnen.
18. Sie wissen, ich liebe das „Sinnbild“ möge das Nachstehende klären, was Vorstehendes andeutet.

[Zeichnung]
19. In dem einzelnen Menschen findet diese allseitige Lebenseinigung, als Einigung des Fühlens, Denkens,
und Handelns statt; und auch diese innere Lebenseinigung früh im Kinde anzubahnen bezweckt der
Kindergarten.
20. Die Erweiterungen von Nro. 14 an bis hierher schaltete ich blos ein um die Wichtigkeit des Vermit-
telungsgesetzes sogleich in seiner großartigsten und durchgreifend allgemeinen Anwendung zu zeigen, dessen
Anwendung und Daseyn man bisher blos in der Vermittelung zwischen Gott und Menschheit durch Jesum erkannte.
Doch fahre ich nun ungestört in der Vorführung der einzelnen Anschauungssätze fort.
21. Aus dem Gesetze des Gegensatzes in seiner ununterbrochenen Anwendung folgt das Gesetz der Stetig-
keit. Auch das Gesetz der Stetigkeit ist ein allgemeines Weltgesetz. Die Anwendung auf die entwickeln-
de Erziehung des Menschen ist besonders wichtig.
22. Aus dem Gesetze der Stetigkeit entspringt das Gesetz der Beschleunigung. In gleicher Weise hat auch
dies Gesetz in der bisherigen Erziehung keine entsprechende Anwendung gefunden; wenn auch Beschleunigung
gefordert, so wird sie doch innerlich nicht begründet.
23. Dadurch, daß ein Jedes seinen Gegensatz, oder das Entgegengesetzte Gleiche bedingt, ist das Doppel-
gesetz gegeben, daß in und mit jedem Vorhergehenden das Folgende gegeben ist und daß das Folgende, das
Vorhergehende und Frühere in sich schließt. Dieser Satz ist wieder in seiner Anwendung auf Menschener-
ziehung ganz besonders wichtig, so kann /
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24 ich heut nicht entwickeln wozu ich gestern nicht die Bedingungen erfüllte.
25, Damit sich der Mensch selbst und freithätig entwickeln [kann] zugleich aber auch als Glied des großen
Menschheitsganzen wird derselbe als Kind hilflos geboren; damit
26, der Mensch als Kind sich seines Erwachens bewußt werde, wird er schwach geboren; damit
27, der Mensch sich und früh als Kind allseitig und bestimmt ausbilde, wird es ohne irgend eine bestimmte
Richtung seiner Körper[-] und Gliederthätigkeit geboren.
Alle diese Sätze, - so einfach, vielleicht bedeutungslos sie erscheinen, sind merkwürdiger Weise in ihrer
stetigen Anwendung auf die Kindererziehung dennoch so höchst wichtig. So zeigt der Mensch vielseitig an
sich das Gesetz der Gegensätze und der Vermittelung.
28, Dies Gesetz, welches schon oben (Nro 13) in der Vielartigkeit seiner Erscheinung angedeutet wurde,
findet besonders als das Gesetz des stets Dreigeeinten, als das Gesetz des Dreieinigen auch seine
allseitig durchgreifende Anwendung, und es scheint, es ist nichts, es ist kein Verhältniß im Leben, keine
Thätigkeit u.s.w. auf welche es nicht seine klärende Anwendung finde, wohin es nicht seine belebende
Wirksamkeit erstrecke.
29, Das Gesetz des Dreieinigen, das Trinitatisgesetz ist ganz besonders das Klärende und Bestätigen-
de unseres Fühlens, der Prüfstein unseres Denkens und Erkennens, wie der Ordner unseres Handelns.
30. Es ist höchst merkwürdig, daß die drei einfachen Gesetze welche zugleich die allerersten Grundan-
schauungen und ersten Erfahrungen des Lebens enthalten, welche für das ganze Leben in ihrer allseiti-
gen Anwendung so höchst wichtig sind, ja daß der Mensch ohne die Anwendung derselben weder
dasein noch bestehen würde.
Das Gesetz des Gegensatzes - der Vermittelung - des {Dreieinigen/Dreigeeinten}.
Daß diese Gesetze nicht allein so spät vom Menschengeschlecht erkannt, dann nur einseitig aufgefaßt, end-
lich gar mißverstanden, ja verworfen wurden.
Diese drei Gesetze sind eigentlich die drei Grund- und Ecksteine des ganzen Welt- Lebens- und Geistes-
baues, und man kann recht eigentlich von ihnen sagen:-die Steine, welche die Bauleute verworfen
haben sind zu Ecksteinen worden.
31, Das erste Gesetz, das des Gegensatzes, ist die Formel für die erste große Weltthatsache – für
die Schöpfung.
Das zweite Gesetz, das der Vermittelung, ist die Formel für die zweite große Weltthatsache – für
die Erlösung.
Das dritte Gesetz, das des Dreieinigen, ist die Formel für die dritte große Weltthatsache - für die
Einigung.
Jedes folgende Gesetz ist eine Erweiterung des vorhergehenden und schließt dasselbe in sich.
Ehe nun das, was in dem eben Ausgesprochenen angedeutet liegt, von den Lebensführern und Lehrern
nicht [nur] allgemein erkannt, sondern auch angewandt wird, ehe wird von den Menschen weder Befriedigung -
noch weniger Zufriedenheit - aber am allerwenigsten Frieden errungen werden. Weil aber die
Gewalthaber höherer geistiger Wahrheiten in ihrer Allseitigkeit am wenigsten zugänglich sind; eben so die
Wissenden und Lehrenden - und gleichfalls die Wirkenden, Schaffenden, so hat noch keiner die-
ser Stände und noch kein Einzelner in ihnen sich von seiner Einzelnheit, zur Allheit, und so zur /
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Einheit erhoben; d. h. Von sich aus zum Natur- und Lebensganzen zum Urgrund alles Seyns und Lebens
dem an und in sich Guten. Er hat noch nicht in sich die Forderung des dreieinigen Gesetzes erfüllt.
32, Dem Menschenfreund, besonders dem Erzieher, dem diese Erscheinung mit der tiefsten schmerzlichsten Trauer
erfüllen konnte, weil er gleichsam seine Bemühungen in den verwehenden Sand gräbt, in das zerfließende
Wasser schreibt, wie in die verhallende Luft spricht, tröstet aber eben dieses Gesetz, indem es ihm zeigt,
daß das, was er als ächter gott- und natureiniger Erzieher will, ganz gewiß und unfehlbar zu seiner Zeit und
am rechten Orte in tüchtiger Weise sich verwirklichen wird, indem die Erziehung:
ein Gottes- ein Natur- und Menschenwerk ist.
Eines von den ersten beiden aber schon stärker ist als alle Einseitigen und Gewalthaber zusammen genom-
men. Die Menschheit ist aber als aus Gott geboren zur ächten, wahren Gottes- und Geistes-Freiheit erschaffen,
daher ist ihr innerhalb ihrer selbst - aber recht verstanden nur innerhalb ihrer selbst, ja nur innerhalb eines Menschengeschlechtes - die Willkühr in allen Graden erlaubt, doch die Zeit verwehet auch die Geschlechter.
33, Auch die so oft getäuschten Freunde und Ersehner eines möglichst vollkommenen Staates muß das dreieinige Gesetz wegen der fast vernichtenden Mißgriffe der Staatemacher trösten, denn auch der ächte Staat ist
ein Gottes- -- Natur- -- Menschenwerk,
d. h. wie er aus der Einheit, der Allheit und Einzelnheit hervorgeht, so muß er auch nicht nur der Einzelnheit
sondern auch der Allheit und Einheit genügen.
34, Wie nun der Satz: die Erziehung ist ein Gottes- Natur- und Menschenwerk der oberste und erste Satz
und Ausgang des allgemeinen Erziehungs-Buches ist.
Wie ebenso der Satz: der Staat ist ein Gottes-, Natur- und Menschenwerk der erste § des Staats-
grundgesetzes ist, so ist gleichfalls der Satz: die Familie ist ein Gott- Natur[-] und Menschenwerk, die
Überschrift des ersten Kapitels des Buches von der Lebenskunst.
35, Sie werden verehrte Freundin nun klar sehen welche Bewand[t]niß es mit der entwickelnd-erziehenden
Menschenbildung hat; Sie werden nun sehen, auf welcher Grundlage die Kindergärten ruhen:- die Kinder-
gärten sind die Erben des gesammten Reichthums der innern und äußern Erfahrungen und Kenntnisse
des Menschengeschlechtes aller Zeiten in ihrem Gesammtergebniß; sie führen, den Menschen als Kind mit Be-
wußtseyn, nach Mittel, Weg, Zweck und Ziel, in die Urverhältnisse zur Familie, zur Natur, und zu
sich zurück, und durch die gesammte Entwickelungsstufe mit Ein- und Übersicht hindurch, um so das Leben
in sich wie außer und um sich mit bewußter Wahrnehmung zu leben.
36, Machen Sie von diesen Sätzen und Mittheilungen mit großer Sorgsamkeit Gebrauch, damit man
nicht zugleich mit mir auch Sie verketzere. Zuerst wird man Ihnen antworten: Der närrische Fröbel
meint wohl damit etwas Neues zu sagen, - das alles, was er sagt, ist schon von vielen Denkern aller
Zeiten und viel bestimmter ausgesprochen worden. „Eben darin liegt das Wahre und tief Bedeutungs-
volle, daß es jetzt von Einem Denken, in Einer Zeit als die Frucht Eines Menschlebens und als das Ergebniß
Einer durchgreifenden und allerfassenden Weltanschauung unzerstückt durch Ein ganzes denkendes und
handelndes Menschenleben ausgesprochen wird.[“] - Das Leben, als ein Ganzes, ist dadurch schon, auf der Stufe
der Einsicht und Erkenntniß, der Willkühr, der Unbestimmtheit entzogen. Doch dieß ist noch wenig, das
bei Weitem Wichtigere ist, daß zugleich mit der Erkenntniß die Mittel gegeben, die Wege gezeigt
und die Weisen gelehrt werden, wie der Erkenntniß und Einsicht getreu auch im Leben wirklich gehan-
delt werden könne; und ferner dieses Handeln sogleich in der Einwirkung auf das Kind und in der /
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Rückwirkung desselben seinen Prüfstein findet.
37, Der Mensch, und schon als Kind, hält und erkennt das nur als wahr, was er direct oder indirect
selbst erfahren hat; soll er nun das Leben als ein Ganzes in seinen drei großen Entwickelungs-Epochen
erkennen und sich als Lebensganzes wahren, so muß man ihm selbst das Leben in seinen großen Entwickelungs-
stufen, als Glied der Menschheit (doch in seiner Selbstigkeit) wieder leben lassen. Dieß giebt aber dem Kinde
der Kindergarten durch sein Zurückführen in die Urverhältnisse zur Familie und Natur.-
38, Andere werden sagen: das sind leere Formeln, mit welchen man keinen Hund aus dem Ofen lockt.
Formeln sind es wohl; allein keine leeren; wer dieß sagt, weiß nicht, - daß die Erkenntniß unseres
ganzen Weltalls, daß all unser positives mathematisches Wissen in allen Verzweigungen seiner
Anwendung, zuletzt auf Formeln beruhet; daß ihr Wesen nur aus klar erkannter, in höchster Allgemein-
heit aufgefaßter Gesetzmäßigkeit besteht. Und jeder Kundige weiß, was in der Weltallkunde von einer
größeren oder geringeren Einfachheit einer Formel abhängt.
39, Alles Handeln hängt beim Menschen und selbst bei dem kleinsten Kinde schon von dessen Willen ab; der
Wille aber wird vom Geiste bestimmt; der Geist aber ist das Denkende, und das Denken entwickelt sich nur
nach Gesetzen; der Geist wirkt nach Denkgesetzen; und Denkgesetze bestimmen das Handeln des Menschen.
Das Handeln des Menschen in seiner Aus- und Durchgebildetheit hängt also nicht von der Willkühr, sondern
von so sichern Gesetzen ab, und, wie das Weltall zunächst vom Gravitationsgesetz, so [hängt] das Leben der
Menschheit vom Gesetze der Lebenseinigung ab. Wie aber die Bewegung im Weltall vom Gravitationsge-
setz
in seinen Entwickelungen und Forderungen abhängt, so hängen die Bewegungen im MenschheitsLeben
vom Gesetze der Bedingungen und Forderungen der Lebenseinigung ab.
40, Wie nun die Gesetze der Frucht gesteigerte, d. h. fortentwickelte Gesetze der Blüthe, und die Gesetze
der Blüthe, gesteigerte und fortentwickelte Gesetze der Knospe sind, und die Gesetze der Frucht eigentlich die
Gesetze des ganzen Baumes oder Gewächses in sich einen; so sind die Gesetze der Lebenseinigung die ge-
steigerten und fortentwickelten der Sonnen und Weltsysteme, des Weltalls, sonst könnte der Mensch diesel-
ben nicht erkennen; und so sind darum die Gesetze der Lebensentwickelung in ebenso bestimmter Weise
aufzulassen, darzustellen und nachzuweisen, wie darauf fortzubauen - wie die Gesetze der Weltgestaltung[.]
41, Dies sogleich durch die Anwendung wie durch den Erfolg zu zeigen - gleichsam die astronomischen, -
die Weltallsgesetze der Menschen-Erziehung nachzuweisen, ist vor allem zunächst das Bestreben und die
Aufgabe der Kindergärten, als eine Stufe der entwickelnd-erziehenden Menschenbildung[.]
42, 1[te] Stufe = Kinderstube, Familienstube, Familienleben.
2[te] Stufe = Kindergarten.
3[te] Stufe = Vor- oder Vermittelungsschule.
4[te] Stufe = Vollschule.
5[te] Stufe = Berufsschule.
6[te] Stufe = Einigungs-, Klärungs-, Einsichtsschule.
7[te] Stufe = Übungs- Ausführungsschule mit Bewußtsein. (Lebensschule, Schule der Lebens.)
Soll ich das Hauptergebniß des Ganzen noch einmal wiederholend zusammenfassen? -
1, Die Menschheit, für unsere Erkenntnißstufe, [(] als das in der Erscheinung vielfach gegliederte und doch
in sich einige, wie unbewußt-bewußte -) daher durch Bewußtwerden zum Bewußtsein bestimmte, wesen-
hafte Ganze, ist die Blüthe und Frucht der Schöpfung. /
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2, Die Menschheit, ihrem im Vorigen angedeuteten Wesen nach, hat drei große Aufgaben zu lösen:
a) die Natur mit Gott zu vermitteln, was von verschiedenen Standpunkten aus in sehr verschiedener
Weise ausgesprochen werden kann z.B. die Allheit in der Einheit nachzuweisen. Die Menschheit löste
diese Aufgabe dadurch, daß sie die Welt (die Schöpfung) aus Gott (als ihrem Schöpfer) hervorgehen ließ.
Schöpfungsgeschichte.
b) die Menschheit, den Menschen mit Gott zu vermitteln (z. B. die Einheit in der Einzelnheit nachzu-
weisen, und umgekehrt). Diese Aufgabe löste die Menschheit dadurch, daß sie das Göttliche im
Menschen, in einem Menschensohn erscheinen ließ, d. h. erkannte; Erlösungsgeschichte.
c) die Menschheit, den Menschen mit der Natur zu vermitteln; z. B. die Einzelheit in der Allheit,
die Allheit (das All) im Einzelnen nachzuweisen. Einigungsgeschichte.
An der Lösung der dritten Aufgabe arbeitet jetzt die Menschheit. Wir auch arbeiten von
Seite der Erziehung daran. Wir sind in uns überzeugt, der alleinigende Weg, geht durch die
Durchführung der entwickelnd-erziehenden Menschenbildung, in ihrem Ausgangspunkte, durch
Kinder-(FamiIien) Stube und Kindergarten wie durch eine Bildungsanstalt für allseitige
Lebenseinigung
. Denn, da der Mensch nur das für wahr hält, als wahr erkennt, was er
selbst gewahrte, was er selbst erfahren, so muß der einzelne Mensch, um das, von der Mensch-
heit gefundene Wahre als wahr zu erkennen, die drei großen Menschheitsaufgaben in sich
selbst lösen. Jeder einzelne Mensch muß, als in die Menschheit in sich verstehender, die Menschheit
in sich vollendeter Mensch, die drei großen Entwickelungsstufen der Menschheit gleichsam microme-
trisch, oder symbolisch durchlaufen. Dieß geschieht in freier Bethätigung, spielender Beschäftigung, ge-
schieht im Spiel. Dem Kindergarten ist die Lösung dieser Aufgabe Zweck, sein Ziel ist - all-
seitige Lebenseinigung.-
Das Kindergartenleben ist seinem Ideal nach, das micrometrische Menschheitsleben in Vergangen-
heit
, Gegenwart und Zukunft. Alle Edle, welchen Einzelbestrebungen, Sonderansichten, wie man zu
sagen pflegt, welcher Farbe und Partheien sie immer angehören, sollten alles, alles aufbieten,
damit zunächst wenigstens ein, seinem Ideal möglichst nahe kommender Kindergarten in der
Wirklichkeit erscheine: da es ein
Gott- Natur- und Menschenwerk ist.
Daß ich zunächst ein solches Ideal in mir zu tragen glaube, so sollte wenigstens versuchsweise
mir
es möglich gemacht werden ein solches Kindergarten-Ideal darzustellen. Man würde
dann klar erkennen können: ob‘s Werk aus Gott, d. h. welcher gesunden thatkräftigen, allsei-
tigen, tiefgreifenden Entwickelung der Mensch als Geschöpf (geschöpft) aus Gott, als
schaffendes Wesen“ fähig wäre.
Da aber der Mensch nicht erkennt, am allerwenigsten befördert, überhaupt es gar nicht wagt, sich
dabei zu betheiligen, was er nicht in gewisser Beziehung direct oder indirect, mittelbar oder unmittelbar
selbst erlebt hat; - so bleibt mir zunächst blos übrig, es zu versuchen micrometrisch einen solchen Idealen-
oder auch Normalen- oder Musterkindergarten etc. darzustellen, was nun zunächst in Liebenstein-
Marienthal versucht werden soll.
[Ab hier handschr. MB]
gezeichnet: Ihr dankbarer Friedrich Fröbel.

NB In der Nacht geschrieben.

[Randnotiz MB] Am Ende des Briefes schreibt Fröbel: „Nehmen Sie diese Darlegung als ein Zeichen meiner Freundschaft und Dankbarkeit freundlich auf.“