Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Johanna Hebarth in Nürnberg v. 22.11.1851 (Marienthal)


F. an Johanna Hebarth in Nürnberg v. 22.11.1851 (Marienthal)
(BlM F 604, Mappe XXII, Geschäftstagebuch, Bl 9R-11R, Abschrift 8° 5 S. nicht v. F.s Hand, ed. Pösche 1887, 236-238 mit erheblichen Glättungen bzw. Kürzungen.)

Marienthal, am 22. Novbr. 1851.


Meine liebe Johanna!

Eigentlich wollte ich sogleich dem gestern von mei-
ner Frau an Sie abgegangenen Brief meine,
durch die Zeitumstände hervorgerufene Bitte,
an Sie auch noch hinzufügen, jedoch wollte es mir
die Zeit nicht erlauben, und andererseits wollte ich
Ihnen auch den Empfang des Briefes meiner Frau
nicht verzögern. Sie schreiben es nun bestimmt,
daß auch in Nürnberg die Kindergärten der frei-
en Gemeinden aufgehoben sind. Sie schreiben auch,
daß Ihnen in Beziehung auf Ihr künftiges Wir-
ken zwei Vorschläge gemacht worden sind, ent-
weder Ihre Kindergarten-Wirksamkeit auf Ihre
eigene Rechnung unter dem Namen einer "Be-
wahranstalt" fortführen, oder aber auch unter und
mit dem Namen "Kindergarten", wenn Sie sich
entschließen könnten zu der Mutterkirche zurück
zu kehren. Meine Bitte, mit welcher ich in diesem
Briefe nun zu Ihnen komme ist: schreiben Sie mir
doch ja sobald als nur immer möglich, was Sie nun
zu thun Willens sind, damit wir die Ihnen und der
Sache etwa günstigen Zeit- und Lebensverhältnisse
nicht unbenutzt vorüber gehen lassen, und ich Ihnen
dann, denselben entsprechend, Vorschläge machen
kann. Wollen Sie über die Ihnen in Nürnberg
gemachten Vorschläge meine Ansichten und Über-
zeugung hören, ohne jedoch jetzt hier und heut eine
Begründung und Rechtfertigung von mir zu ver-
langen, wozu heut die Zeit zu kurz ist, so ist diese /
[10]
ganz einfach: - auf das erste: die Namensumtau-
schung würde und könnte ich nicht eingehen, wa-
rum soll sich die Wahrheit scheuen ihren rechten Na-
men zu tragen? denn wenn es gegründet ist,
was wir ja alle im Leben hundert- und tausend-
mal aussprechen, daß uns die Wahrheit frei ma-
chen wird; warum sollte es das Festhalten an
derselben nicht auch hier thun? - Was nun das
zweite, freilich einen sehr zarten und schwieri-
gen Punkt betrifft, so liegt, nach meiner tief-
sten Überzeugung, das Schwierige einzig allein
in dem noch Unvollendeten unsers Denkens,
unsers Erkennens. Würden alle diejenigen,
welche bestimmend und ändernd, umwandelnd
in die jetzigen Lebensverhältnisse eingegriffen
haben in sich klarer und vollendeter in ihrem
Denken und Erkennen gewesen sein, wir würden
alle nicht das Traurige und die Wirren durchle-
ben müssen, wovon uns jetzt nichts erlöst. -
Ist meine Lehre und mein, unser aller hiesiges
Leben noch in Ihrem Gedächtniß, so wissen Sie,
eine Wahrheit, zu der wir von allen Seiten hier
hingedrängt wurden ist die: - alles entwickelt
sich mir, das Kleinste wie das Größte, das In-
nerste wie das Äußerste, das Unbewußte,
wie das zur Vollendung sich Bewußte, in Fest-
haltung
des inneren Zusammenhanges; dieser
innere Zusammenhang kann aber beim Wechsel
unzählig verschiedener äußerer Formen wahr- /
[10R]
haft und innigst festgehalten werden. Dieses
Streben ist der Grundpfeiler, der Grundstein un-
sers hiesigen, meines Lebens, Wirkens und Sie
wissen, wir alle, Sie alle lebten hier von mir und
dem Ganzen aus freudig, friedig, frei und hoch,
und ich möchte sagen meine und unsre jetzigen
Schülerinnen, weil sie sich noch mehr, als wohl
mannichmal die früheren, unter sich verstehen,
leben noch glücklicher, leben wahrhaft kindlich, ju-
gendlich, jungfräulich, glücklich wie vor ein Paar
Tagen eine in kindlicher Weise gesagt: Sie glaube
nicht, daß die Engel im Himmel glücklicher leben
als sie und - bei dieser Freudigkeit, bei diesem
Frieden, bei dieser wahren Geistes-, Seelen- und
Lebensfreiheit, lebe ich ausgeschieden aus meiner
Mutterkirche, oder lebe nicht gerade ich, wie ich
glaube, recht in der Mitte und in Einigung
mit ihr und ist dieß etwa nur Schein und Ver-
stellung, oder ist es Wahrheit? - ruht es auf un-
klaren Gefühlen, auf mystischen Sätzen, oder
auf klarer Natur-, Vernunft- und Lebensan-
schauung und Nachweisungen? - ruht es nicht
auf ewigen Denkgesetzen, die sich, unabhängig
von jeder fremden Einwirkung und Bestim-
mung, selbst in unseren Sprachgesetzen, in den
Gesetzen, der von unserm eigenen Geiste geboren
werdenden Muttersprache kund thun? - Sie ha-
ben also meine theure Johanna nicht blos einen /
[11]
sogenannt theoretischen, d. h. blos Denkbeweis
sondern einen großartigen sich über Viele und
Zeiten ausbreitenden praktischen, d. h. thatsächli-
chen Beweis[:] man kann in wahrhafter auf-
richtiger und treuer innerer Lebenseinigung
sich recht friedig, freudig, froh und frei fortent-
wickeln, ja dieß, wie ich durch meine vorliegen-
de 70jährige Lebenserfahrung glaube innerhalb
derselben mehr und besser als außer derselben.
Diese offene Mittheilung soll nun keineswegs
Propaganda zu machen oder zu überreden
suchen, sondern es soll Ihnen nur eine offene
Antwort geben, wie ich über den zweiten An-
trag oder Vorschlag denke den Kindergarten,
auch als Kindergarten bei Ihrer Rückkehr in
die oder zu der Mutterkirche fortführen zu
dürfen.
Vergessen Sie doch dabei nicht: - die Kinder-
gärten sind ja eben nur aus der protestantisch-
evangelischen Mutterkirche hervorgegangen
und würden, ja könnten gar nicht aus einer
andern Kirche hervorgehen.
Jedoch nochmals, alles dieß soll weiter gar
nichts sein und sagen, als die Antwort auf Ihre
etwaige Frage: was und wie ich über die
Ihnen gemachten Vorschläge denke.
Hauptsache ist es blos, schreiben Sie mir bald, wie
das Ganze steht und was Sie zu machen gedenken./
[11R]
Wollen Sie jedoch von mir jetzt gleich einen Vor-
schlag hören, so will ich Ihnen sagen, daß Fr. Schm:
mit ihrer Tochter Kiel wieder verlassen hat und
sie für den von ihr angebahnten und schon begon-
nenen Kindergarten eine weitere Nachfolgerin
sucht. – Über die weiteren Forderungen und
Bedingungen vielleicht später.
Leider ist mir der Brief unter der Feder viel
größer geworden, als ich beim Beginn desselben
dachte, jedoch hoffe ich nicht zum Nachtheile des Gan-
zen.
Das beiliegende Briefchen bestellen Sie wohl
recht bald und sicher. Luise die stets sinnige
und sinnende wackere Hausfrau grüßt Sie als
treue Freundin und so auch ich als
Ihr väterlicher Freund

Friedrich Fröbel.